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Jüdische Rundschau · 1936-10-23 · Heft 85 (23.10.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 85 (23.10.1936)
Date
1936-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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?610.1536 f A Nr. ^5 / Jahrgang 41 Preis 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU idirlf Geltung ,V•־״!•* a. Anctlgcnverwaltongt Berlin W15, lfelnekeitr.10 Fumruf! Semmel - Nnmmer J 1 (Bismarck) 9031* — Be^uysprei* einschließlich Besteilseid je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 h*w. RM5.39* — Postscheck - Konten der Vertriebs .Abteilung- Berlin 71573 (für Groß Berlin), Berlin 17392 {für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon getahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag «ad Fraltag. BERLIN ז׳ חשון תרצ״ז FREITAG, 23. OKTOBER 1936 Gültig; AnictgenpreUllote Nr. 5. Die 12 gespaltene mm Zeile 20 Rpf., für Familien ־ Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistot. Gelegenheit»- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck * Konto Berlin 71618 oder har Montag bi* Freitag 9 —18 Uhr. Annahme Schluß für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen «m Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das indische Volk die Schaffung einer dffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Wohin führt uns die Not? Der neue Bürgermeister Mosche Chelouche In Tel-Awiw gewählt Der Stadtrat von Tel-Awiw hat in seiner am 20. Oktober abgehaltenen Sitzung den Stadtverordneten Mosche Chelouche als Nachfolger Dizengoffs zum Bürgermeister gewählt. Die Wahl erfolgte mit 8 Stimmen der Arbeiterpartet und des Fortschrittlichen Blocks gegen 7 Stimmen des Zenlrumblocks. Die Sitzung verlief ziemlich stürmisch. Nachdem die Vertreter der einzelnen Parteien Erklärungen abgegeben hatten, schloß Vizebürgermeister Israel Rokach auf Verlangen des Zentrumblocks die Sitzung, bevor die Versammlung sich über den Text des Schreibens geeinigt hatte, in dem das Ergebnis der Bürgermeisterwahl dem High Commissioner Sir Arthur Wauchope mitgeteilt werden sollte. Die Vertreter der Arbeiterpartei und des Fortschrittlichen Blocks erhoben Einspruch gegen diese Maßnahme. Det der Arbeiterpartei angehörende Vizebürgermeister Dov Hos eröffnete die Sitzung noch einmal, und es wurde in Abwesenheit der Mitglieder des Zentrumblocks die von den Arbeiterparteilern und Fortschrittlern vorgeschlagene Fassung des Briefes genehmigt. Der neue Bürgermeister, der auch das Amt eines b u 1 - g arischen Konsuls in Tel-Awiw bekleidet, hat sich uni die wirtschaftlichen Interessen von Tel-Awiw und des ganzen jüdischen Palästina sehr verdient gemacht. Zwecks Organisicrung des Absatzes v o n Pa!;i s t i n a p r o d ti k - t en hat er wiederholt mit Erfolg Verhandlungen in verschicdencn südosteuropiiischen Landern geführt. Chelouche kandidierte bei den letzten Wahlen im Dezember 1935 auf der persönlichen Liste der ״Freunde Dizengoffs‘‘ und hat sieh keiner Partei verschrieben. * Es ist bedauerlich, daß die Wahl, wie man leider schon vorher befürchten mußte, zu einer Kampfabstimmung geworden ist. Die Gegenstimmen des sogenannten Zentrums sind vor allein dadurch zu erklären, daß diese Gruppe den bisherigen Vizebürgermeister Rokach, der bereits seit Jahren einen großen Teil der Verwaltung führt, kandidierte, während die Linke sich gegen diesen Kandidaten stellte, weil er Ende vergangener Woche fand in M a i 1 a n d der erste ״Nationale Kongreß zum Studium der Außenpolitik“ unter Vorsitz von Dr. Alberto Pirclli statt. Dieser Kongreß, über dessen Vorbereitung wir vor einiger Zeit berichteten, bekam seine besondere Bedeutung durch die Anwesenheit des italienischen Außenministers Graf Ciauo (der sich dann nach Berlin begeben hat). Im Vordergrund der Beratungen des Kongresses stand die Frage des östlichen Mittelmeeres, die Beziehungen Italiens zur Levante und das englisch-italienische Verhältnis. Wie wir bereits mitteilten, wurden auch Somlerreferate über Palästina erstattet. Der Kongreß hat neuerlich den Anspruch Italiens, als entscheidende Macht in allen Fragen des östlichen Mittelmeerbeckeris beachtet zu werden, angemeklet, und dieses Faktum ist zweifellos von größter Bedeutung für die Palästina- Politik. lieber die Beratungen entnehmen wir einem Bericht der Londoner ״Times“ folgendes: Der erste Punkt der Tages- Ordnung war: ״Die Interessen Italiens im östlichen Mittelmeer“. Berichterstatter zu diesem Gegenstand war Biago Pace, ein Mitglied des italienischen Parlaments und Profcssor der Universität Koni. Er teilte die italienischen Interessen im östlichen Mittelincer in drei Kategorien ein: moralische, ökonomische und politische. Wahrend andere Mächte nur verhältnismäßig geringere Interessen im Mittclmeer haben, sei dieses Meer für Italien lebenswichtig, da 86 "״ aller italienischen Importe auf dein Wege über das Mittelmeer kommen. Der Faschismus habe die italienische Herrschaft über den Dodekanes gefestigt, die ungenauen Grenzen Lybicns festgestellt, ferner sich bemüht, zu einer Zusammenarbeit mit Griechenland und der Türkei zu kommen, sowie herzliehe Beziehungen zu den arabischen Staaten zu erlangen. Die letzte Phase im Levante-Problem ist charaktcvisiert durch die Auseinandersetzung mit Groß- Britannien, ln der Vergangenheit hat sich Italien auf eine gemeinsame Aktion mit Groll-Britannien verlassen und fühlte sich sicher angesichts der Tatsache, daß zwei der Tore zum Mittelmeer in britischen Händen sind. Diese Sicherheit ist jetzt wegen der feindseligen Haltung Groll-Britanniens geschwunden. Was Palästina betrifft, so bedauerte der Referent, daß die britische Regierung am 26. September abgclehnt habe, Informationen über die tragische Situation in diesem Lande •׳!! geben. (Diese Bemerkung bezieht sich offenbar auf die Erklärung Edens im Völkerbundsrat; die Londoner ״Times“ »cinerkt jedoch dazu, der angegebene Tag sei das Datum der Veröffentlichung der Verordnung über eventuelle Verhängung des Kriegszustandes in Palästina. -- A. d. R.) Die Palästinatragen, sagte der Referent, sind nicht einfach eine Angelegenals ausgesprochener Gegner der Arbeiterpartei befrachtet wird und insbesondere in den letzten Wahlkämpfen scharf gegen die Arbeiterpartei hervortrat. Gewiß wäre cs vom rein sachlichen Verwaltungsstamlpunkt das Normale, daß der bisherige, mit den Geschäften vertraute Vizebürgermeister, der auch den kranken Di/.cngoff vertreten hat, zum Nachfolger gewählt wird, und man muß die!7rage aufweifen, oh nicht die Besorgnisse der Arbeiterpartei auf andere Weise hätten beseitigt werden können. Offenbar hat sieh in der politisch überhitzten Atmosphäre dieser Weg nicht geboten. Nun hat die Arbeiterpartei aber keineswegs einen der ihren präsentiert, sondern einen Mann, der dem bürgerlichen Lager angehört und dein verstorbenen Dizengoff persönlich nahe stand. Unter diesen Umständen, da bei der Verteilung der Mandate im Stadtrat — ,,rechts“ und ״links“ halten einander ungefähr die Waage — eine Majorität für Rokach nicht zu erzielen war, wäre es von der ganzen jiidi dien Welt hegrüßt worden, wenn auch die Rokach-Gruppe die Selbst- Überwindung gehabt hätte, im Wege des Kompromisses dem anderen bürgerlichen Kandidaten ihre Stimme zu gehen lind Rokach wie bisher das Amt des Vize-Bürgermeisters zu überlassen. In einem Falle', in dein Gegensätze aufeinanderprallen und das Zahlcnverhälinis eine Entscheidung verhindert, gibt es in einer Sache, in der die Z u s a 111 in e n a r b e i t des (i a n / tu i! b er allen ander e 11 Int e r c s s e 11 st e 11 e n muß, keinen anderen Ausweg als ein annehmbares Kompro miß, bei dem natürlich beide Teile gewisse Opfer bringen 111ii...en. Da die Arbeiterpartei auf die Aufstellung eines ihr angehörigen Kandidaten klugerweise verzichtete, hätte die Gegenseite 11. E. die gleiche Zurückhaltung aufbringen sollen. Jedenfalls glauben wir die Meinung aller sich mit Palästina verbunden fühlenden Juden auszusprcchen, wenn wir sagen, daß die jüdische Welt es nicht verstehen würde, wenn jetzt nach der erfolgten Wahl etwa von der einen Partei eine passive Resistenz, in die Stadtverwaltung hineingetragen würde. Der cin/igc in der Welt existierende jüdische ־Selbstvervvaltungskörper müßte beweisen, daß die Juden die F ä h i g k C i t zu konslrukt i v e r Zus a m in e 1! a r b e i t auch über Partei- und Meinungsdifferen/en hinweg besitzen. (Siehe auch Seite 11) heit der britischen Reichs pol it ik: sie sind eine internationale Angelegenheit, die hauptsächlich den Völkerbund angeht. Italien habe in Palästina sowohl materielle als auch in o r a 1 i s c h e Interessen. Ferner führte der Redner aus, der anglo-ügvptische Vertrag vom 26. August dürfte ein Wiederaufiiehnien der Zusamincnarbeit zwischen Italien und Aegypten erschweren. Niemals aber dürfte irgendeine neue Vereinbarung den Charakter des Suez-Kanals als freier Durchfalirtstralie verändern. Eine juristische Frage bezüglich des Kanals könne nicht aufgeworfen werden, sondern schließlich und endlich sei es eine Frage der Macht. Das politische Problem des östlichen Mittelnieercs führt zu den umfassenderen Problemen der Beziehungen zwischeu England und Italien. Diese können sich in zweifacher Weise entwickeln. Einige glauben, daß die britische Politik im Mittclmeer sich allmählich wieder auf den gegenseitigen Vorteil einer Verständigung mit Italien hesinnen wird; in diesem Falle wäre mit Konzessionen auf politischem, diplomatischem und ökonomischem Felde zu rechnen. Die Mehrheit aber glaubt nicht an eine solche Verständigung, von der auch kein Zeichen zu sehen ist. Vielmehr deutet alles darauf hin, daß England auf seiner Monopolstellung bestellen wird, und in diesem Falle könne die endliche Lösung nur dadurch kommen, daß Italien seine Mittelmeerkncchtschaft durch einen Krieg ahseliüttelt. Es kann entweder ein Krieg sein, in dem Italien England zur Seite sieht, wobei es als Tauschobjekt die Stellung im Mittelmeer erhält, auf die es Anspruch erhebt, oder aber ein siegreicher Krieg gegen England, oder der Krieg einer von Italien geführten Gruppe von Mächten gegen England. In Anbetracht dieser. Möglichkeiten ist Italien besonders interessiert an der Pflege guter Beziehungen zu den arabischen Staaten, Griechenland und der Türkei. Soweit der Bericht. An den Ausführungen des italienischen Referenten ist u. a. interessant, welche Rolle in der Konzeption der künftigen Möglichkeiten der Mittelmeer-Politik den arabischen Staaten cingcräumt wird. Dies gibt eine Andeutung dafür, warum auch England anscheinend seine Wer* hung um die Gunst der arabischen Staaten fortsetzt. In A11betracht dieser Tatsache wäre darauf hinziiweiscn, daß auch die jüdische Position in Palästina und das vitale Interesse der auswanderungsbedürftigen jüdischen Massen an dem Aufbau des Jüdischen Nationalhcims ein politisches Faktum darstellt, das in die Rechnung• eingesetzt zu werden verdient. Aus dein vorliegenden Bericht ist nicht zu ersehen, ob auf dem italienischen Kongreß auch speziell zu dieser Frage Stellung genommen worden ist. In dieser Zeit der Sorgen, die auf dem jüdischen Volk lasten, ist eines mehr denn je notwendig: niemals der Routine und dem Gleichmaß der Arbeit im jiidisehen Bezirk zu erliegen. Bei allen Aktionen, die von uns unternommen werden, muß die Frage gestellt werden: Wie ist dem Volk damit zu helfen? Nur das ist wert, in dieser Zeit getan zu werden, was wirklich für das Volk in seiner Not und Bedrängnis etwas bedeuten kann. Was will der Zionismus? Der Z io!1 i s ni u s ist daraus geboren, daß Menschen die Not des jüdischen Volkes besonders intensiv enipfunden haben. Fs ließ und läßt uns nicht zur Ruhe kommen, wenn wir den tatsächlichen Zustand des jiidisehen Volkes untersuchen, wenn wir ihn mit den großen Hoffnungen vergleichen, die das Volk auf seinem langen Weg durch die (iesdiiehte genährt hat, wenn wir seine Lage mit den Glan/epochcn seiner Vergangenheit konfrontieren. Der Zionist - und nur dann kann er diesen Namen tragen — muß die Not des Volkes wie seine eigene empfinden, sieht er das Bild des materiellcn Verfalles wichtiger (1 nippe 11 des Volkes und hemerkt zugleich, in welchem Tempo der Prozeß der geistigen Aushöhlung, der seelischen Entjudung im Verlauf weniger Generationen vor sich gegangen ist. Warum — so fragen wir - ־ hat der Zionismus seit nunmehr bald zwei (iciicrationell immer wieder seine Stimme vor den Massen des jüdischen Volkes ertönen lassen, warum hat er versucht, als L e lirer und Führer des Volkes aufzutreteu lind ihm eine bestimmte Lehre zu sagen? Wenn wir diese Frage, die uns täglich neu gestellt ward, zu beantworten versuchen, so ergibt sich folgendes: Selbsterkenntnis ist das erste, was wir dem jiidisehen Volke zu bieten, ja sehr oft ihm aiifzuzwingen haben. Demi nur von dieser Basis aus ist es möglich, die Gründe für die Not des eigenen Geschlechtes zu erkennen, nach neuen Wegen zu suchen, die aus dem Tale der Sorgen herausführen. Der Zionismus hat auch den positiven Teil seiner Aufgabe stets als drängend empfunden; er hat dein jüdischen Volk und seiner Jugend neue Ideale gegeben, er hat die Werte u!11 g e w c r t e t, die im Volke bisher gültig waren, und hat ungezählte Tausende zur A r b e i t an sieh selbst hingeleitet. Die Wiedergewinnung der eigenen Kriifte, die Befähigung zu einem Leben in neuen geistigen lind sozialcn Formen war und ist dieses Ideal, das der Zionis- 11111s aus der Erkenntnis unserer eigenen Situation hergeleitet lud. Fr hat nielii zuletzt Zefintaiisemlen, ja liunderttauscnden die Möglichkeit verschafft, den Weg nach Palästina an/utreteu und dort den Boden zu finden, auf dem der Einzelne wieder der werden kann, der er seinem innersten Wesen nach ist. Nicht alle haben dabei standgehalten, und das Bild des heutigen Palästina entspricht gewiß nicht: den Vorstellungen, die viele siel! von einem erneuerten leben des Volkes gemacht haben. Menschliche Schwäche hat manches überwuchert, was einst erreichbar erschien, und es gibt auch auf dem Boden des Tandes noch die große Auseinandersetzung um die Konsequenzen jener Selbsterkenntnis, die am Bcginn des zionistischen Weges steht. Dennoch ist auch das, was bisher erreicht worden ist, ein wichtiger Beitrag zur Erneuerung des Volkslebens und zur Lösung der drängenden materiellen Sorgen, die das jüdische Volk in den Ländern der Golali bedrängen. Zionismus und Auswanderungsfrage Wir wissen wohl, daß diese Sorgen sozial-vvirtschaftlieber Art eng mit der Lösung des Auswanderungs- Problems verbunden sind. Es ist unumstritten, daß die W i e d e r g e w i n n u n g erhebliche r E m i - g r a t i o n s in ö g 1 i c h k e i t e n für die Judenlicit zahlreicher Länder Europas eine Lebensfrage ist. Diese Emigration ist ein Vorgang des nationalen Lebens, ja — so schmerzvoll der ' Prozeß in! einzelnen, auch sein mag — sogar eine der stärksten Ausdrucksformen unserer nationalen Existenz in dieser Zeit. Das gilt nicht nur für die Palästinawanderung, bei der es besonders sichtbar ist, sondern für die Gesamtheit des jüdischen Wanderstromes, wohin immer er sich wenden mag. Jüdische Auswanderung ist keine Angelegenheit der Philanthropie (obwohl sic zwecks Linderung der Nöte der Auswanderer eine Fülle von Aufgaben vorfindet), sondern sie ist ein O b j c k t d er n a t i o n a len PI anung und Regulierung. Darum muß an der Lenkung des Wanderstromcs der Teil des jüdischen Volkes einen entscheidenden Anteil haben, der in vorderster Reihe des nationalen Lebens stellt und für das Volk repräsentativ handelt Der Zionismus kann sich niemals von der Italien im Mittelmeer Der Kongreß zum Studium der Außenpolitik

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