Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 83 (16.10.1936)
- Date
- 1936-10-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 83, 16, X. 1936 JODISCHP RUNDSCHAU Seife 7 Juden in Holland / Eine Artikelserie Mit dieser Veröffentlichung setzen wir die in Nr. 67, 76 und 78179 der Jüdischen Rundschau begonnene Serie fort Die zionistische Bewegung Die zionistische Bewegung fand von Anfang an Widerhall unter den holländischen Juden. Der Haager Bankier Jacobtis K a n n gehörte zu den Mitarbeitern Her/ls. Er hatte besondere Verdienste um die Gründung der Jüdischen Kolojiialbank, des Jcwish Colonial Trust, und wurde bereits 1905 auf dem VII. Kongreß in das Engere Aktions-Cornit6 gewählt, und zwar als Vertreter des politischen Zionismus. Im Haag hatte im Jahre 1007 der VIII. Kongreß stattgelunden. Das Hauptbüro des Keren Kajemcth wurde im Kriege nach dem Haag verlegt und der Leitung N e h e m i a de Lieinc’s unterstellt. De Lieine, ein scharfer Kopf mit großem ökonomischen Wissen, der, sich nie gescheut hat, scharfe Kritik an der Kolonisationspalifik der Zionistischen Organisation zu üben, hat seitdem der zionistischen Bcwegung in Holland die Richtung gewiesen. Bis zum Jahre 1954 hatte I ritz Bernstein, ein Mann mit organisatorischem Taient und Verdiensten um die ideologische Durchleuchtung der Judenfrage, die Leitung des Niederländischen Zionistenbunaes. Jetzt ist dessen Vorsitzender der Amsterdamer Anwalt Abel J. Ilerzherg, der sich als Schriftsteller bereits einen Namen gemacht hat. In einer Unterhaltung gab Herr Herzberg folgende Charakterisierung des holländischen Zionismus: ״Die Zionistische Organisation Hollands ist eine straff disziplinierte Lnndesorgamsation. Sie ist stark national eingestellt. Wir sind nicht vom jüdischen Menschen, sondern von der Juden frage ausgegangen und wollen nicht eine Föderation, sondern eine organische Einheit. Die Zionistischc Organisation soll der Rahmen sein, innerhalb dessen sich der Kampf um den Inhalt der zionistischen Ideologie und den Weg ihrer Verwirklichung ahspielt. Kadi außen aber soll die Organisation als geschlossene Einheit auftreten. Die Landesorganisation ist nicht nur dazu ein, um eine formelle Einheit herzustellen, sondern um festzustcllen, was Zionismus ist und was nicht. Dadurch soll die Freiheit der Parteien nicht verringert werden. Im Bundesvorstand sind alle Parteien vertreten. Man diskutiert dort die zionistischen Fragen und sucht zu einer Einheit zu kommen, was manchmal große Schwierigkeiten macht. Aber es ist bisher immer gelungen, eine einheitliche Stellungnahme zu erreichen. Es ist sogar gelungen, in der Frage der 1 laclischarah die Gruppen zusammenzubringen, ohne daß sie etwas aufgegeben haben. Man hat uns manchmal den Vorwurf einer revisionistischen Einstellung gemacht. Wir sind aber sehr weit entfernt davon. Bei einem normalen Volk bildet der Staat die natürliche Einheit. Bei uns gibt es das nicht, und so muß sic ersetzt werden durch eine starke Organisation. Daher haben wir auch nie die Schekelaktion geduldet. Denn wir sind der Ansicht, daß die Organisation auf Mitgliedschaft beruhen soll, nicht aber auf der bloßen Bereiterklärung, die zionistische Sache mit einem Gulden zu stützen. Das ist von größter Wichtigkeit für die Wahlen zum Kongreß. Demi es geht nicht an, daß sich in der jüdischen Straße ein Kampf abspielt angeblich im Rahmen des Zionismus, der aber in Wirklichkeit ein Kampf um Ideologien ist, die mit der Juden (rage nichts zu tun haben. Wir lehnen auch jede Gahitharbeit ab und führen nur prinzipielle zionistischc Propaga n d a. Das bedeutet jedoch nicht, daß der einzelne Zionist keine Gahitharbeit leisten darf. Wir haben unsere Gedanken über die Notwendigkeit der cinheitliehen I.andcsorgaiiisation auch in der Weltorganisation stets vertu reu und können gerade in letzter Zeit wahrnchmen, wie diese Prinzipien dort immer mehr Eingang finden. Wir hesit/c־n auch eine starke und lebensfreudige 'Jugendbeweg 1! ״ g- Die Wertschätzung, die die Zionisten aus Holland in Palästina auf Grund ihrer Leistungen finden und die Hingabe, mit der sich holländische Juden aus allen Kreisen der zionistischen Arbeit im Rahmen des Niederländischen Zionistenbundes widmen, zeigt uns, daß wir auf dem richtigen Wege sind.“ Die Zahl der dein Niederländischen Zionistenbund angeschlossenen Juden ist im Verhältnis zur Gesamtziffer der holländischen Judenheit nicht sehr groß. Waren es Mitte 1932 noch wenig mehr als 2009, so stieg die Zahl im foigenden Jahr um mehr als 1000, um dann später — von geringfügigen Schwankungen abgesehen — im wesentlichen konstant zu bleiben. Die stärksten Ortsgruppen weisen naturgemäß Amsterdam, Den Haag und Rotterdam auf. Außerdem gibt es aber noch 2S Ortsgruppen in der Provinz. Es werden regelmäßig Vortragsabende veranstaltet, auf denen führende Zionisten und Kenner jüdischer Spezialmaterien sprechen. Auch ausländische Redner sind darunter zu finden. Ein wesentlicher Teil der zionistischen Tätigkeit ist auch hier dem Keren Kajemeth (Joodsch Nationaal Fonds) gewidmet. Abgesehen von den bei verschiedenen Gelegenheiten durchgeführten Aktionen erfreuen sich die regelmäßig veranstalteten Honig- und Mandel-Aktionen sowie der Blumentag besonderer Beliebtheit. Zahlreiche Helfer, nicht nur aus der Jugendorganisation, stellen sich hierfür zur Verfügung. Die Mittel, die dem Jüdischen Nationalfouds hier zufließen, sind denn auch — verglichen mit *1er Zahl der angeschlossenen Zionisten — recht beträchtlich. Im Jahre 5091 erreichte man einen Höhepunkt mit 38 500 Gulden. Der holländische Keren H a j essod (Nedcrlandsch Palestina Opbouwfunds Keren Hajessod), dessen Vorsitzender m ALLIGATOR d a s s 1 nd gut e Le derwü re n AtiiüarO.« UNSERE V E R K A U F S G E S C il A FT E : Berlin, TaueniziemtraQc!6 H A m b u r jf, JuntjtrrnMicjj 4!) Köln a, Rh., Hohe Strafte 115 Essen, LimheekerstrsBe 10 Essen, Am HauptbahnhoflO Hoch um, Kortumstraße 6ל Fr ה n k t u rt - M., Roßmarkt 15 Zentrale: Oflenbsch «. M, W u p pe rt «1 - E1 be r f e I d, Herzo^stmße 36 der Vizepräsident des Hohen Rats der Niederlande, Mr. L. E. V i s s e r, ist, entfaltet ebenfalls eine rege Tätigkeit. Sein monatlich erscheinendes Organ ״Palcstina. t fet Beloofde Fand“ enthält lebendige Beiträge und viel gutes aktuelles Photomaterial aus Palästina und gelangt in weiteste Kreise. Die Hausbesuch-Aktionen sind gut organisiert und werden von einer größeren Zahl bewährter Mitarbeiter durcligefiihrt. Vortragsanende, meist ausländischer Redner, und die Vorführung der Palästina-Filme ergänzen die Arbeit. Im vergangenen Jahre wurden Zeichnungen von mehr als 50 DO) Gulden erzielt. Eine besondere Bedeutung kommt der Erziehung dus Nachwuchses zu. Die Jugendorganisation (Joodsche Jeugdfederatie) umfaßt Jungen und Mädchen im Alter von 15 bis 20 Jahren. Es gehören ihr etwa 1500 Mitglieder an. Das Leben spielt sicii auf Heimabenden und :11 Ferienlagern ab. Es wird viel Hebräisch gelernt und ausschließlich hebräisch gesungen. Aber auch zionistische Ideologie und Geschichte, Palästinakunde und jüdische Geschichte gehört in den Rahmen der Jugendarbeit, ln Examina wird geprüft, ob bei den Mitgliedern, die die Jugendorganisation verlassen, das nötige Mall an Kenntnissen vorhanden ist. Für die Zionisten in Deutschland wird es von Interesse sein 711 wissen, daß in der holl,indischen Jugendorganisation keineswegs ausschließlich im Hinblick auf ein Lehen in Palästina erzogen wird, sondern man betont hier auch die Notwendigkeit einer aktiven und starken zionistischen Bewegung in der üalutli. Viel Sorgfalt wird auf die H a c 11 s e 11:1 r;111 verwandt. Es besteht hier eine ״Vereinigung zur Berufsausbildung von Palästina-Pionieren in Holland” (Veicenigäig tot Vakopleiding van Palestina-Pioniers in Ncderlaml), nach dem Sitz der Leitung ״Deventer-Vercinigung•‘ genannt, die sehr viel für die gute Ausbildung in Landwirtschaft und Handwerk tut. Sie legt besonderen Wert darauf, daß nur wirklich gut ausgebildete Chaluzim nach Palästina gehen. , In den Wintermonaten wird für die Tarhuth-Arbeil gesorgt. Die Chaluzim sind, soweit sie aus Deutschland kommen -- und es gibt deren eine ganze Anzahl — im Heclialuz zusaniinengeschlossen, während die Chaluzim, die der holländischen Jugemlorganisation entstammen, der Chevvrath Olim oder der misrachtstischen Chaluzorganisation Dath W'aarez angeboren. Unter den Frauen und Mädchen wird gute Arbeit geleistet durch die ״Jüdische P raucnvcrcin igung für praktische P a I ä s t in a - A r b c i t“ (Joodsche Vromvenvereeniging voor Practisrh Palestina-Werk), den holländischen Zweig der Wizo. Die I'inlcitnngsrede, die die Vorsitzende, Frau Vromen-Snapper, auf der letzten Council-Tagung der Wizo in Zürich hielt, hat allgemeine Beachtung gefunden. Holland — Palästina Die Verbindungen zwischen Palästina und Holland sind mannigfaltiger Art. Wie man weiß, stellen 1 lolländer a11 hervorragenden Posten in Palästina. S. II o o f i c tt i-t Direktor der Anglo Palestine Bank und holländischer Konsul in Tcl-Awiw und Jaffa. S. A. van Vricsland ist Direktor der Palestine Potash Company und holländischer Generalkonsul in Jerusalem. In allen Zweigen des palästinensischen Wirtschaftslebens, in Landwirtschaft, industrie und Handel, findet man Juden aus Holland, die sich großer Wertschätzung erfreuen, weil sie meist über ein Können auf ihrem Gebiet verfugen, das den Durchschnitt übersteigt. 111 gewissen Kolonien, wie’ zum Beispiel in Rainathajim, sind viele holländische Juden angesiedelt. Industriebetriebe wie die Palestine Frufarom Ftd., die durch die bauliche Zweckluäftigkeit und Formscliönheit ihrer Fabrik in der Haifa-Bucht dem Besucher auffällt, oder die Palestine Window Glass Works Ltd. bei Haifa wurden von Juden aus Holland ins Lehen gerufen. Die Hollaiifi-Bank-Uiiion berichtet gerade jetzt, daß ihre Zweigstelle in Haifa auch im abgriaulenen Buchjahr 1935-193(1 ihr Arbeitsfeld weiter mit Erfolg audirfiten konnte. Es versteht sich von selbst, daß die Herstellung von Molkereiprodukfen vielfach in ll.mden von Hollundern ist. Auch der H a n d e I r, \v i s c 11 e ti Holl .1 n rl 11 n d Palä stina hat eine ständige AiNdchnung erfahren, und zwar nicht mir der Export von h״!l:indi .־׳hcn Warm nach Palästina, sondern auch die Einfuhr pa!;i>ti11en־.i■ riicr Zitnisfruchte. Diese Entwicklung zeigt die nachstehende Uebersiclit: 1111 1114!׳>:« ■I,Hs!h).1116 Ausfuhr ״«eh Plliilini 711 fl 107:11X10 ft 1 IV (WO fl 711000 fl Einfuhr «u» P.lMlin« ■WOOn II MV,<W> II 11X70110 fl Unter den aus Holland an;geführten Waren stehen natürlich an erster Stelle landwirtschaftliche Produkte wie Käse, Butter, Milch, ferner Vieh, aber auch Bier, Kun-tdungcr sowie E'lascheu, Radioapparate, Kupfirdraht, elektri-wlie Maschinen und andere liulu st rieprod 11 kte. Fine wichtige Rolle als Verkehrsmittel spielt die hoiländische Luftlinie K. E. M. (Koninkli)ke I uchtvaart- Maatsehappii), die durch ihre zweini.11 111 der Woche verkehrenden Flugzeug(‘ eine lirliehte Verbindung auch für Post- Sendungen nach Europa Holet. So zeigt sich, daß das verhältnismäßig kleine 1 lolland mit seiner verhältnismäßig kleinen Judenheit in der Arbeit für Palästina und in Palästina einen recht beachtlichen Platz einnimnit, und man kann lii'obaelnen, daß das Interesse für die Beziehungen /wischen beiden Landern nicht mir unter den |11den, sondern auch außerhalb der jüdischen Kreise in den letzten Jahren ständig im Wachsen begriffen ist, so daß auch für die Zukunft ein weiterer Ausbau dieser Beziehungen zu erwarten ist. Dr. Rudolf Levy, Den Haag Feldmar schall A ver esc« gegen fudenfeindliche Propaganda Bukarest, 14. Oktober. (JTA.) Die Rumänische Volksnarlei veranstaltete in Kischinew, der Hauptstadt Bcssarahie ns, eine Massenkundgebung, in der Feldmarschall Avere sc 11, der Führer der rumänischen Armee iin Weltkrieg, in schärfster Weise die judenfeind liehe P r o p a - ganda der rechtsextremistischen Gruppen verurteilte. Insbesondere wandte sich der greise Heerführer, dem die Masse des rumänischen Volkes ohne Unterschied der!,artet- Zugehörigkeit tiefe Verehrung enfgegenbringt, unter Elinweis aut die Leistungen der rumänischen Juden im Weltkrieg und die hingebungsvolle Stilist! eue der erdrückenden Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Krieg und Frieden, gegen die von den Propagandisten der judenfi indlkhm Parteien seit einiger Zeit angewandte Taktik, die Bestrebungen zur Bekämpfung des Kommunismus mit judenfrindliclien Tendenzen zu verknüpfen. Avcrescu erklärte, er und seine Partei seien entschlossen, die Rechte, die die Juden in Rumänien als allen übrigen gleichgestellte Burger genießen, unbedingt zu respektieren. SAjkMAN SCHNEUR Autorisiert« Uebcrsclzung von Grete Fischer tt־ F0H«rt2״nc Niichdruck verboten Sender Pardon sagt« kein Wort, *a0 da und schaute in sein Gehelsliiichcl, die Messingbrille auf der Nase, und murweit« still die Gebetsworte. Seit Pandre verhaftet worden war, las er die Psalmen regelmäßig jeden Morgen vor dein Frühstück, und danach noch einmal. Kr sagte die Gebete jeden Tag, nlscr cs kam keine Rettung. Eis gab genug Zeugen, die den halbbcsoffencn Stadthauptmann hatten stolpern sehen, und daß er wohl im Hinfüllcn seinen Knopf verloren halte. Aber der Stadl hauptmann und seine beiden Polizisten hielten fest daran, Pnndrc hätte den Stadthauptmann am Arm gepackt und absichtlich die Knöpfe abgerissen! Und es wuchs daraus ein Kriminalprozeß in Mohilew, und die Verhandlung verschleppte sich von Monat zu Monat. Sender Pardon begnügte sich nicht damit, die Psalmen zu lesen. Er brachte die ganze Synagoge auf die Beine. Wie konnten die Menschen das dulden, daß sein Schwiegersohn Pnndre im Gefängnis verfaulte, für nichts und wieder nichts! M eil er sein Leben gewagt hatte, um dem Millionär seine Kuh zu retten, und den Studlhauptmann ahgehnllen, ihn ins Gesicht zu schlugen. — Wie konnten sie sich eine solche Ungerechtigkeit gefallen lassen! Die Honoratioren fingen an, Geld zusammenzubringen, um einen Anwalt zu nehmen, den besten in Mohilew. Sie zogen herum mit einem roten Taschentuch, und jeder Jude legte da hinein, soviel er entbehren konnte. Aber als sie *um neuen Millionär kamen, dem zuliebe Pandre ins Unglück gekommen war, kam die sauerblickende Millionärin *>'» dem Schlafzimmer und reichte ihnen einen papierenen Dreiruhelsehein, und sagte, ihr Mann lüge, krank im Bett Und könnte sie nicht empfangen. Sie weigerten sich, die drei Rubel anzunehmen, tmd sagten, sie wollten ein andermal kommen. Sie mußten dreiutal wiederkommen, ehe sie den Hausherrn endlich «mtrafen. Er spielte gerade Karlen mit dem Apotheker, dem Kreisarzt und dem Kreisrabbiner. Alle vier waren barhäuptig und ihre Glatzen glänzten von Schweiß. ״Pandre sitzt, im Gefängnis“, erklärten die Abgesandten, ״und wir sammeln für einen Advokaten für ihn.“ Der neue Millionär reichte ihnen mit trockener Miene die gleiche Drciruheinote, die sic vorher abgelehnt hatten. ״Aber C'haiin'“ riefen sie — ״deinetwegen ist er eingesperrt! Für dich hat er sich eingesetzt!“ ״Wer hat es ihm geheißen?“ sagte der neue Millionär, zuckte die Achseln und tat wie ein beschäftigter Mensch. ״Chaim“, drang der Sammelnde in ihn. ״Pandre hat deine Kuh aus dein Feuer geredet, sie ist mindestens fünfzig Rubel wert, ich will gar nicht davon reden, daß er dein« Ehre beschützt hat!“ Der neue Millionär schnitt ein Gesicht, nahm eine zweite Dreirubelnote von dem Stoß, den er vor sich hatte und reichte sie hin. ״Da habt ihr noch einen Dreiruhelsehein! Das macht sechs. Das ist genug. — Und jetzt laßt mich in Ruhe, ich habe keine Zeit.“ Und um zu zeigen, wie er zu tun hatte, sagte er zu seinen Partnern: ״Wie stehen wir?“ Es kam Geld zusammen, al>er je mehr der Advokat in Mohilew bekam, desto mehr verlangte er. Er verstünde vollkommen, sagte er. Pandre wäre ein armer Mann. Er wüßte das. Aber was sollte er machen? Telegramme, Wagen, Kosten aller Art — sollteer das alles aus eigener Tasche, bezahlen? Sender seinerseits wollte fünfzig Rubel geben. Er glaubte, daß er soviel bekommen würde, wenn er Bjirka verkaufte. Aber er verschob den Verkauf von Tag zu Tag. Er wartete bis 7,ur letzten Minute, obgleich er deutlich sah, daß alles in Grund und Boden verkam, daß ein oder zwei Pferde immer müßig im Stall stunden und umsonst fraßen. Kuschkc Lirnnd, sein und!’andres Konkurrent, nahm ihm alle I’assagiere weg. Man muß nicht darüber reden, aber was wahr ist, ist wahr! Sender konnte sich nicht mehr so um seine Kundschaft kümmern wie früher, als er noch jünger war. Seit Pandre sein Schwiegersohn war, hatte er sich die schwere Arbeit abgewöhnt. Es fiel ihm schwer, die Pferde allein einzuspannen, und die Pferde spürten sehr bald, daß eine schwächere Hand sie zu zügeln versuchte, und fingen an zu mucken. Schmendrik trieb Unsinn mit seinem Aermel, und Sehmarvvoz wollte sich das Kummet nicht, auf legen lassen. Und Djirka machte sich jünger, 111s sie war, tat neckisch und stand nicht still. Dazu kam, daß Sender durch Gram und harte Arbeit sein altes Leiden wieder spürte. Wenn et das Kummet hob! um es Schmagwoz übet den Kopf zu werfen, bekam er schneidende Schmerzen in den Eingeweidcn. Sender wäre gern zürn Rnbbi gegangen, vor ihm auf die Knie gefallen und in Weinen ausgebroeben: ״Rabbi, rette uns! Der Pfeiler meines Hauses ist ■weggenommen, und jeden Tag brich! ein neues Stück weg und fällt über meinem ulten Kopf zusammen!" Aber auch das Iler/ zu erleichtern war Sender nicht vergönnt. Seit der Rabbi in Mohilew operiert worden war, hatte er keine Kraft mehr. Nicht mehr durften seine Leute jeden Schabbes zu ihm k!mimen und ihn (las Gesetz erlautern hören. Er schrieb nicht mehr an seinem großen Buch, auf dem bläulichen, mit Knlbsdlirraen z.usain inengehefteten Papier. Trocken lag die Gänsefeder in einer Fcke auf dem Fensterbrett. Und seit vier \\ oehen war er nicht mehr zum Gottesdienst in die Sxnagage gekommen. Nur Israel, der Vorstand, durfte ihn besuchen, sonst kein Mensch! Wenn Israel von seinem Besuch bei dem!Rabbi in den Tempel kam, biß er an der Unterlipne, und ־wenn ihn die Leute von allen Seiten umringten und fragten, •wie es dem Rnbbi ginge, rieb er die lli-iiule aneinander, wiegte den Kopf und sagte: Opfer und Gelrete, Opfer und Gebete! Da wußten sie, daß es nicht gut stand uni den Rnbbi, und die Chassidim wendeten sich seufzend ab und begannen traurig zu beten. Sender hätte von sich aus nicht gewagt, sieh dem Rabbi aufzudrängen. Es gab Besser« unter den Frommen, die nicht zu ihm durften — wie hfitte er sich da in die Krankenstube zwängen sollen, mit seinen groben Fuhrmannsstiefeln und seiner Peitsche! Aber es war ein sehr bitterer Brief von Pandre aus dem Gefängnis gekommen, Pandre hatte anscheinend den Mut verloren, und er flehte Sender an, zum Rabbi zu gehen und seinen Segen zu erliiItem, ehe der Prozeß in Mohilew begann. Der Rabbi halte ihn ja schon einmal gerettet, schrieb Pandre, und es würde ihm wieder helfen! Also zog Sender den Sclnibbesrock an und ging, Pandres Brief in der Hand, zum kranken Rabbi. Er wollte den Brief vorzeigen, dann würde man ihn sicher hineinlassen! Aber sobald er an die Tür des Hauses gekommen war, kam Israel, der Vorstand, heraus und sagte: ״S8st! Der Doktor hat verboten, daß er Besuch hat!“ Und dann kam die Frau des Rabbi und winkte mit beiden Händen; ״Ssssst!“ sagte sie. ״Der Doktor ...“ Und dann kam der Gehil fe des Rabbi heraus und sagte: ״Sssati“ glatt in die Welt hinein — nur noch: ״Ssssst!“ (Fortsetzung folgt)