Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 78/79,30. SEPTEMBER 1936 $ % Tel-Awiw betrauert seinen Bürgermeister Links oben: Der Sarg wird von Visebürgermeislvr Rokach, Vizebürgermeister floß und Usshschkin getragen. — Mitte: Letzte Aufnahme Dizengojfs. — Rechts ohm: Aufbahrung im Tel-Awiwcr Museum. — Links unten: Im Trauerzuge vorn die Rabbiner, dahinter die Vertreter der Regierung, der lewish Agcnep und das Konsular-Korps. — Rechts unten: Anschlagtafel mit Nachrufen zahlreicher Vereine und Institutionen. Foi״״. 1 .-•״ m,7 ,(2)״״״.. ki5״.t(1), 11. w,,1> ™״,,״״), w. z.j.i (1). tvi-A״;״- mm I ihr! $$ ■.־/»***ר <ד^ף י* י״יב .׳ *wffi יי״ mm",4' IfiP-’TB w1־w י■״* / ' ׳. *, ' >* י ' :׳v: Der Träumer und der Erbauer Versuch einer Würdigung Von Werner Bloch, Tel-Awiw Eine Stadt trauert um ihren ersten Bürger. Tel-Awiw hat < den Vater verloren und ihm in einer gewaltigen Manifestation das letzte Geleit gegeben. Es ist schwer, den Juden in Deutschland einen Begriff Von der Bedeutung Dizengoffs zu gehen. Dizengoff spielte keine bedeutende Rolle in der jüdischen und zionistischen Politik der Ualutli, er war ein Stück Tel-Awiw, wie Tel-Awiw ein Stück von ihm war. Daher war sein Wirken nur zu verstellen und zu würdigen, wenn man ihn in seiner Stadt sah. Für״die Juden aus Deutschland, die jetzt in Tel-Awiw• leben, — und es sind mehr als 10 000 —, war Dizengoff leider in den. letzten Jahren fast mir ein Name. Sie strömten erst hierher, als er 1934 von einer schweren Krankheit erfaßt wurde, von der er sich nicht mehr ganz erholen konnte. Sie kannten ihn nicht mehr, wie er auf seinem stattlichen Schimmel durch die Stadt ritt, offenen Blickes acht gebend, daß ״Ordnung“ in der Stadt herrsche, sahen ihn nicht mehr,; die Institutionen der Stadt inspizieren (am liebsten die Schir- I len mit den von ihm so besonders geliebtem Kindern), reitend % den Purimzug anführend, oder strahlend die Levant Fair .eröffnend. Und doch hat er noch versucht, wertvolle Kräfte der Alijah aus Deutschland für Tel-Awiw zu gewinnen, bc-!! deutende Aerztc, Professor H. Löwe für die Stadtbibliothek || und Dr. Schwarz für das Tet-Awiwer Museum. Wer Tel-Awiw II nicht als etwas Fertiges nahm, als eine Zufluchtsstätte für \ Auswanderer, sondern die D y n a tu i k dieser Stadt verspürte, S Tel-Awiw immer i m Werden empfand, wer gestaltende II Ideen für weiteres Wachstum dieser Stadt initbrachte, der fand immer sein Ohr. Bei der Feier der Stadtverwaltung zu Dizengoffs 75. Cie- II burtstag sprach er seihst zum Schluß, dankte für alle Glück- 1 wünsche und Reden und sagte in einfachen Worten, daß er sich in seiner Lebensarbeit auf ein Ziel beschränkt habe: י Dienst an der Stadt Tel-Awiw. Er gäbe den Jüngeren in ff diesem Saale den Rat, ■wenn einer von ihnen eine Arbeit ausführe, von der er fest durchdrungen ist, dali diese Arbeit «einer giitcn Sache diene, so solle er alle Fasern seines Wollens Und seines Könnens nur darauf konzentrieren und nicht der 1 Versuchung erliegen, mal hier und mal dort Arbeiten zu be- ן ginnen. — Wahrscheinlich steckt wirklich in dieser Wahrheit || das Geheimnis seiner Leistung. Unbeirrt, in einem gewissen Sinne ungehemmt von zweifelnden Ueberlegungen, von zu vielem Durchdenken aller Probleme stand dieser Mann in seiner Welt. Kein Zergliederer und Mahner wie Achad Haarn, kein Volkstrihun wie Slunaryali Lewin, kein Dichter, Saimuler und wissenschaftlicher Arbeiter wie Bialik, sondern ein realistischer Phantast, ein Träumer, der der grausamen Wirk- Einigung in letzter Stunde? Erneute Vermittlung arabischer Fürsten Jerusalem, 27. September. (Palcor.) Der politische Korrespondent der ״P a I e s t i n e Post“ sehreibt heute, daß arabische Kreise optimistisch gestimmt sind, da allgemein angenommen wird, daß die arabischen Herrscher in einem gemeinsamen Appell die palästinensischen Araber zum Abbruch des Streiks und zur Liquidierung der Unruhen auffordern werden, und zwar auf Veranlassung des Mufti, der bestrebt ist, sich zu rehabilitieren und einen Ausweg aus dem Dilemma, in dem er sich befindet, sucht, da die I lamiclsorganisationen. insbesondere die Orangen- Züchter, auf Abbruch des Streiks drängen, während die Terroristen den Führern drohen, den Streik nicht ab/ublasen, bevor!luten Konzessionen zugesagt worden sind. Der ,Mufti isi bemüht, König G 11 a z i, Körnig Ihn Saud, Emir A b d 11 1 1 a 11 und den I m a tu v o 11 Y e ni e!1 zu einem Eiugrufen zu bewegen. Das Oberste Arabische Komitee hat eine Deputation nach Amman entsandt; außerdem herrscht ein lebhafter T elcjjram niwetlise! zwischen den arabischen Hauptstädten und Jerusalem. In arabischen Kreisen glaubt man, daß all diese Schritte mit dem Wissen und Einverständnis der britischen Regierung unternommen werden und daß Verhandlungen in London und Genf scltwebcn. Infolgedessen glauben die Araber, daß trotz der Lr- Klärung der Regierung vom 7. September noch Verhaiidlungsmöglichkciten mit der englischen Regierung bestehen. Zn dieser Aktion der arabischen fairsten berichtet die ״Times“ aus Jerusalem noch, das Arabische Komitee befürchte, daß die britische Regierung gegen die Vermittlungsaktion der fairsten Einwendungen erheben werde. Diese Befiirchtiing gründet sieh auf die Erfahrungen, die bei dein Vermittlungsversuch N u r i Paschas gemacht wm - den. Damals habe die britische Regierung — irrtümlicherweise ~~ geglaubt, daß die Araber weiter an den Bedingungen (Einstellung der jüdischen Einwanderung) festhielten. Im Falle eines Appells der arabischen Fürsten an die arabische Bevölkerung Palästinas sei infolgedessen, zu erwarten, daß er in völlig eindeutiger Weise zur bedingvngslosen Einstellung des Streiks auffordern werde. ___ lichkeit die Realisierung seiner Träume abrang, ein Mann der Tat mit dem gestaltenden Willen und seltener Energie, von strotzender Gesund heit bis in sein 71. Lebensjahr. In niemals ermüdendem Arbeitseifer hat er tagtäglich für diese Stadt gearbeitet als leuchtendes Beispiel für die Einwohner Tel-Awiws. Und hei alt dieser Arbeit welch ein herrliches Temperament, welch ein echter Mensch, beseelt von einem bezaubernden Charme. Besonders dieser Charme gewann ihm und seiner Stadt zahllose Freunde in aller Welt bei Juden und Nichtjuden. Ich habe mit vielen Touristen, die nach Tel-Awiw kamen, Dizengoff besucht. Ich war mit englischen Parlamentsmitgliedern, mit einem italienischen Grafen, mit vielen Juden bei ilnn; ich habe ihn Rothschild empfangen sehen und war an seinem Tisch, als er die Leitung der ersten Makkabiali dort versammelte, ich war das let/tcmal gemeinsam mit Richard Beer Hofmann bei ihm. Noch niemals habe ich einen Repräsentanten einer Institution, einer Stadt oder einer Siedlung gesehen, der Menschen so ge-‘ winnen konnte, der die Kunst der Mcnschenbehandhing in einem kurzen Gespräch so meisterhaft verstand, wie Dizen» goff. Ich werde ihn immer vor mir sehen auf dem flach der Jrijah, auf Tel-Awiw׳ weisend, eine Geschichte erzählend und Perspektiven für die Zukunft ausmalend. Der Träumer und der Erbauer in einer Person. Dort stand er und plauderte —־ wie wunderschön, besonders in französischer Sprache -—, und jeder, der von dannen ging, war ein Freund von ihm, ein Freund von Tel-Awiw. In prophetischer Phantasie hat er die Entwicklung von' Tel-Awiw geschaut, und durch seinen unerschütterlichen Glauben an die gestaltende Kraft der Juden ist durch ihn und durch sie aus seinen Träumen soviel Wirklichkeit ge■ worden. Vor 14 Jahren hat er den Kampf mit der englischen Regierung begonnen, um die Konzession zu erhalten, in Tel-Awiw einen Hafen zu hauen. Vor wenigen Monaten wurde dieses Ziel erreicht. Als der Landungssteg nur •wenige Meter in das Meer hinaus gebaut war, war Dizengoff zur Stelle, betrat die Bohlen, und seine Hand zum Meer ausstreckend sagte er zu seinen Begleitern: ״Hier wird ein großer Hafen entstehen.“ Ais die Ladung des ersten Schiffes in dem Hafen von Tel-Awiw an Land gebracht worden war und eine kleine Feier stattfand, sprach Dizengoff von de* Notwendigkeit eines — Flughafens für Tel-Awiw. Wir können nur wünschen und hoffen, daß wir das Erbe von Dizengoff so verwalten werden, daß unsere und die kommende Generation trotz aller Hindernisse aus vielen Phantasien jüdische Wirklichkeit werden lassen.