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Jüdische Rundschau · 1936-09-25 · Heft 77 (25.9.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 77 (25.9.1936)
Date
1936-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ulr. 77 / Jahrgang' 4t Preis 25 Rpfj JÜDISCHE RONDSCHAD 8djriftlelian^,Verlag u. Anzeigenverwaltung: Berlin W15, Meinekeatr.lO Fernraft Samm«! ״Nemmer J1 (Bismarck) 9031. — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—־, je Vierteljahr RM 5,75, hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriehis •Abteilung; Berlin 71573 {für Groß-Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), in Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag and Freitag• BERLIN ט׳ ת ערי תרצ״ז FREITAG, 25. SEPTEMBER 1936 Gttltlg: AnzeXgenprelslIate Nr. 5. Die 12 gespaltene mm Zeile 20 RPf״ für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimrntefl Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit«- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Annabrncscbluß für di« Dienstag ־ Ausgabe Montag 10 Uhr, für di«; Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt för das indische Volk die Schaffung einer ««entlieh - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) | Meir Dizengoff | Der Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizengoff, ist am Mittwoch, dem 23. September, 4.20 Uhr morgens, verschieden. Er hat ein Alter von iast 76 Jahren erreicht. Die Beisetzung Dizengofls fand Donnerstag in Tel-Awiw statt. Ein Mann der Tat In einem kleinen bessarabischen Dorfe wird vor 75 Jahren ein Judenjiiiigc geboren. Sein Lehrer Rabbi Raphael unterweist ihn in Thora und Talmud und pflanzt ihm die unlösliche Liebe zum Judentum und zur Weisheit der Väter ins Herz. Der Jüngling tritt ins Leben hinaus, studiert später in Paris, verbindet sich dann in Rußland mit der aufstrebenden zionistischen Bewegütig, wird ein Führer der Chowcwe Zion, geht 1892 nach Palästina und wird nun ein unermüdlicher Arbeiter voll praktischer, konkreter Initiative. 1006 ist er unter den Gründern der ersten jüdischen Stadt Tel - Awiw, deren Aufbau von da an seine Lebensaufgabe wird. Er stirbt als der allgemein verehrte Bürgermeister einer Stadt von schätzungsweise 150 000 Einwohnern, die zum großen Teil sein Werk ist. Ist dieser Mann der Tat, der kein ״geistiger“ Führer und Lehrer, aber ein rechtschaffener und entschlossener Gestalter des wirklichen Lebens war, und uns allen eine große Leistung hinterlielS, nicht ein neuer jüdischer Typus? Wer die Geschichte der jüdischen Siedlung in Palästina überblickt, wird fcststellcn, daß entscheidend für diese Schöpfung eine kleine Gruppe von Menschen ist, die vor 50 Jahren jung waren, als in das russische Ghetto der Geist Europas einbrach und das russische Judentum (1882) furchtbare äußere Erschütterungen erlebte, die den Anlaß zu einer tiefen inneren Neugestaltung gaben. Damals war eine jüdische Jugend in Rußland erwacht, die weit davon entfernt war zu resignieren, sondern die Kraft zu einem neuen Anfang beglückend in sich spürte. Dizengoff schreibt einmal in einer atitobiographischen Skizze: ״Wenn wir leidenschaftliche Kämpfer für die jüdische Wiedergeburt wurden, so schulden wir das der G euer a t i o n vor 11 n s, die uns Lehrer und Erzieher gegeben hat wie Rabbi Raphael, Menschen von tiefer religiöser Inbrunst, höchster Sittlichkeit und Glauben an das Judentum.“ In der Tat, als das russische Judentum von der heveinbrechcsdcn Krise überrascht wurde, da hatte es dank seinen Vätern einen unerschöpflichen Schatz, seelischer Kraft, und es wurden aus den Menschen des Umbruchs Persönlichkeiten, die auch i!n äußeren Leben allen Schwierigkeiten und Gefahren zum Trotz ihren Weg zu gehen vermochten. Wer das heutige Tel-Awiw kennt, wer den Namen Tel-Awiw wie eine Selbstverständlichkeit in Zeitungen und Berichten aller Art liest, der kann kaum mehr ermessen, was es bedeutet hat, im Jahre 1006 auf der weiten, leeren Sandfläche am Meere, durch die sich der einsinkende Fuß kaum vorwärts arbeiten konnte, in einem armen und verwahrlosten Land, unter türkischer Herr- Schaft, eine ״jüdische Stadt“ gründen zu wollen. Welch romantische Pläne! Dizengoff war einer dieser Romantiker, er war eine zentrale Figur dieser Gruppe, in der neben ihm noch einige führende Chowcwe Zion aus Rußland standen. Dank seiner Tatkraft und Unabhängigkeit erlangte er immer größeren Einfluß, und während des Krieges, in den schweren Zeiten des Militärregimes Dschenial Paschas, wurde Dizengoff zürn Führer der Stadt. Als ein Teil der palästinensischen Juden von der türkischen Heeresleitung nach Damaskus verbannt wurde, war Dizengoff das natürliche Haupt dieser Gemeinde. Man nannte ihn den ״Resch Geluta“, den jüdischen Exilarcheu. Furchtlos und aufrecht vertrat er die Interessen der Juden vor den türkischen Behörden, so wie er bis in seine letzten Tage furchtlos und offen seine Meinung ausgesprochen hat. Nach dem Kriege wurde Dizengoff zu einer der markantesten Figuren des Jischuw. Er war wenig verbunden mit dem politischen Getriebe, nur seiner praktischen Arbeit liingegcbeii, unablässig an der Verwaltung, Vergrößerung und Verbesserung Tcl-Awiws arbeitend. Auf Kongressen 11. ä. trat er nicht hervor. Er füllte seinen Platz aus. Viele fremde Besucher der Stadt kamen mit ihm zusammen und waren beeindruckt von diesem Manne. Aus dem kleinen Talmudbocher von einst war ein erfahrener Weltmann geworden, der viele Sprachen sprach, der auf seinem Pferd — er ist bis in sein hohes Alter gern geritten — eine allbekannte Figur in Tel-Awiw war. In der großen Flut der Reiseliteratur aller Sprachen, die besonders in den ersten Jahren nach dem Kriege über Palästina geschrieben wurde, ist oft der Persöiilichkeit von Dizengoff schmeichelhaft gedacht. Die 1.iebe der Stadt zu ihrem Bürgermeister manifestierte sich in großartiger und rührender Weise, als Dizengoff im vorigen Jahr schwer erkrankte. Schon damals wurde an seinem Aufkommen gezweifelt, und seine Genesung erschien fast wie ein Wunder; um so freudiger wurde dann im März d. J. sein 75. Geburtstag gefeiert. Dizengoff war das Haupt des einzigen fimktionicrenden autonomen jüdischen Gebildes, das i!1 Palästina bisher existiert. An dem grüßten jüdischen Selbstverwaltungskörper haben die Juden ihre Regierungsfähigkeit zu erweisen. Das ist keine kleine Verantwortung, sie bedeutet mehr, als sonst einem Bürgermeister auferlegt ist. Dizengoff war aber nicht nur Verwalter und Repräsentant seiner Stadt, er war auch eine moralische Autorität, die oft zur rechten Zeit ein ermahnendes und erziehliches Wort an die Bürgerschaft der Stadt zu sprechen wußte, und wenn es galt, die Sache der Juden vor Regierung und vor der Welt zu vertreten, dann wurde Dizengoffs Stimme gehört. Erst vor kurzem ist er mit einem aufrüttelnden offenen Schreiben an die Adresse der englischen Regierung hervorgetreten, klageführend über den Zustand, der seit fünf Monaten im Lande eingerissen ist. In dem von Parteikampf und Entzweiung bedrohten jungen Gemeinwesen war Dizengoff ein Symbol der Einigkeit. Besonders in den letzten Jahren wurde er A 111 st er d a m, 22. September Im großen Saal des Conccrtgehouw in Amsterdam, das bis auf (len letzten Platz besetzt war, waren etwa 2000 Juden aus Amsterdam und anderen Städten 1 lollands zusaniniengekoninieii, um I)r. Weiz 111 a n 11, den Präsidenten der Exekutive der Jewish Agency, zu hören. S. van den Bergh, Mitglied der Ersten Holländischen Kammer und der Jewish Agency, führte dm Vorsitz in der eindrucksvollen Versammlung. Er wies einleitend auf die Lage in Palästina hin. Im Namen des Niederländischen Zionisteiitmiides sprach Abel J. I I e r z 1) e r g, der ausführte, daß das jüdische Volk, wenn es leben wolle, dies nur durch eigene Kraft könne. Der Redner begrüßte Dr. Wci/mnnn lind versicherte ihm, daß die /ionistisclie Bewegung und (las ganze jüdische Volk bereit seien, ihm zu folgen im Kampf für die /ionistisehen Ideale. I>r. B. A. Kahn, der namens des Keren Hajessod sprach, wiirdigte es, daß Dr. V'ei/maun in Amsterdam zuerst Rechenschaft ablege über die Lage nach den Verhandlungen mit der britischen Regierung. Dann sprach Weizmann mit langdaueriiden Ovationen empfangen, über die Lage in Palästina 'und das Jüdische Nationalheint. Er führte'u. a. folgendes aus: ״Die Zeit ist noch nicht gekommen, um ein Fazit zu ziehen aus all den schwierigen Tatsadieu, die wir heute erleben. Aber es ist, glaube ich, an der Zeit, eine Betrachtung der politischen G rund lagen, auf denen unsere Arbeit aufgebaut ist, vorzuitehmen.;י'«?'‘■• Foto: A.rclü* mußten, als eine Art überparteilicher Figur anerkannt. Sein Hinscheiden läßt daher die Stadt Tel-Awiw doppelt verwaist. 111 einer Zeit, die von Krisen bedroht ist und in der auch die Stadtverwaltung schwierige Aufgaben zu lösen haben wird, fehlt nun die Gestalt Dizengoffs, und dieser Mangel wird vielleicht weniger bei praktischen Einzelheiten empfunden werden als jn der mornlisohen Atmosphäre, ohne die eine nationale Aufgabe, wie sie uns gestellt ist, nicht zu bewältigen ist. Heute stehen die Stadt Tel-Awiw und der ganze Jischuw trauernd an seinem Grabe, lind das jüdische Volk überall in der Welt weiß, daß es einen Mann von eigenartigen Gaben verloren hat, dem eine Leistung besonderer Art innerhalb der neuen jüdischen Entwichlung zu danken ist, eine Leistung, die weithin sichtbar auch in Zukunft für ihn zeugen wird. (Siehe auch Seite .1) Die Motive der Balfour-Deklaration Ls ist in letzter Zeit in i iigl.md und außerhalb Eng- Lands über die Juden trage und die Motive der Balfmir- Deklaration lind der gan/en Palästina pulilik der englischen Nation mul kcgierim;.: .soviel geschrieben worden, daß es mir gestattet sein muß, auch ein Wort dar über zu sagen. Ls waren nach meiner Deherzeiiguiig zwei Grund- Ursachen, die zu dieser Politik im Jahre 1917 geführt haben: Die eine war (las Bewußtsein bei den englischen Staatsmännern und dein englischen Volke, daß ein tiefer Zusammeiiliang /.wischen dem Schicksal d e s j ü d i s c 11 e n Volk e s u 11 d z w i s c 11 c 11 1' a I ä s t i n a besteht. Ob sie cs Ute Juden, haben Palästina nicht vergessen foto; Wim Loopuit, AmiUrdtat auch von denen, die ihn früher parteimäßig bekämpfen Weizmanns Große Rede in Amsterdam zur Lage (V o 11 11 nscr e m 110 11 ä ndis c 11 ci! K o 1 r e s p o 11 d e n t e n)

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