Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 76 (22.9.1936)
- Date
- 1936-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 76 22. IX. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Antisemitismus in USA Die ״Fliisterkamp&gne“ Von unserem New-Yorker Korrespondenten New York, 15. August 1936 Das gegenwärtige Stadium der amerikanisch-jüdischen Oeschichte hat keinen Präzedenzfall hier und muß im Zusam- «Menhang mit den Ereignissen, die sich während der letzten iah re anderwärts innerhalb der jüdischen Welt vollzogen aßen, betrachtet werden. Wenn jemand vor drei oder vier Jahren gesagt hätte, es könnte Pogrome in den Vereinigten Staaten geben, so würde er als ein Narr oder Geisteskranker angesehen worden sein. Vor nur wenigen Tagen veröffentlichte ein bekanntes amerikanisches Wochenblatt mit großer Schlag- Zeile einen Artikel unter dem Titel ״Pogrom im September1“. Dieser Artikel stellte ein Interview mit einem Herrn James True dar, der erklärt haben soll, man bereite sich für den September vor und wenn wir den Pogrom haben werden, so würden die Juden ״begraben״ werden. James True, ein früherer Zeitungsmann, ist der Führer einer antisemitischen Gruppe, deren Macht und Mitglieder- 2ahl in den letzten Jahren erheblich gewachsen ist. Er ist der Leiter einer Korrespondenz, die aas Washington wöchentlich einen Nachrichtendienst verbreitet, der versucht, die industriellen und politischen Entwicklungen in der Haupt- 6tadt zu beschreiben. Diese Korrespondenz wird von vielen prominenten Wirtscliafts- und Indusfriefuhrcrn im ganzen Lande benutzt. Es ist unnötig zu versichern, daß ich nicht einen Augenblick lang glaube, daß Im September du Pogrom stattfinden wird. Ich teile den Vorfall nur mit als Symptom einer Stimmung, die sich jetzt in Amerika entwickelt, und die noch keine Parallele hatte, selbst während der Tage des berüchtigten Ku-Klux-Klan. Zwei Faktoren sind verantwortlich für die Entstehung dessen, was am besten als ״antisemitische Stirnmung“ in Amerika beschrieben werden kann. Einmal ist es der Erfolg des Antisemitismus in manchen europäischen l.änder« in politischer und ökonomischer Beziehung. Zweitens ist es die augenblickliche politische Präsidentschaftskampagne, mit all den Kräften, die gegen Roosevelt arbeiten und seine Freundschaft für die Juden als Hauptargument gegen seine Wiederwahl benutzen. Zweifellos berufen sich die ״tnaßgebenden“ Elemente in den verschiedenen politischen Parteien nicht öffentlich auf den Antisemitismus. Wenn sie dazu aufgefordert werden, lehnen sie sehr heftig ab. Aber es gibt eine unterirdische Kampagne, etwas was man in Amerika ״Flüsterkampagne“ nennt. In der Tat ist sie schon über da3 Stadium des ,,Flüsterns״ hinausgediehen, denn Amerika wird mit Millionen Exemplaren von Broschüren überflutet, die die seltsamsten und phantastischsten Schmähungen über das jüdische Volk und einzelne Juden enthalten. Aber ist es richtig zu behaupten, daß der Antisemitismus in Amerika nur deshalb wächst, weil einige Agitatoren sich bemerkbar machen? Die Antwort darauf ist. daß die Propagierung des Antisemitismus nicht mehr allein die Beschäftigung isolierter Fanatiker ist. Es ist eine Auffassung, die die öffentliche und private Anerkennung von Männern und Frauen erhält, die die Meinung in vielen Teilen des Landes kontrollieren. - Vom 12. bis lf). August fand in Ashevilie die erste Versammiung der ״Nationalkonferenz von Priestern und Laien“ statt. Die ursprüngliche Einladung für die Konferenz hatte als Zweck die Organisierung der Geistlichkeit Amerikas zunl Kampf gegen Kommunismus und Atheismus angegeben. Aber als die Konferenz eröffnet worden war, stellte sich heraus, daß einer der Organisatoren zwei Rabbiner zur Teilnähme m i t e i 11 ge I a d e n hatte. Dies erweckte die Entrüstung der Majorität der Delegierten. In erster Linie bcstanden sie darauf, daß das Wort ״christlich“ in den Namen der Organisation aulgcnoininen werden sollte. Sodann wollten sie keine* Juden in der Organisation. Von 500 Delegierten verließen 350 unter Protest die Organisation. Diese Gruppe beriet eine eigene Konferenz ein, und die Leiter hielten eine Reihe von Reden, in denen sie die Juden mit dein Kommunismus in Verbindung brachten. Es ist kein Zweifel für die, die die schnelle Entwicklung dieser Organisation beobachtet haben, daß sie speziell für die Wahlzeit geschaffen worden ist, um Präsident Roosevelt durch antisemitische Angriffe Schwierigkeiten zu machen. Diese antisemitischen Geistlichen beherrschen die Meinung vieler Genieinden im ganzen Land. Monate hindurch hat der Pater C o u g h 1 i n, der durch seine Radioansprachen und als Gründer der sogenannten j,Nationalen Vereinigung für Soziale Gerechtigkeit“ berühmt ist, Bemerkungen gemacht, die nicht anders als gegen die Juden gerichtet aufgefaßt werden konnten. (Wir haben hierüber bereits in Nr. 70 berichtet. Red.) Sein Prestige nahm beträchtlich im letzten Monat ab, als er öffentlich Präsident Roosevelt einen ״Lügner“ nannte. Die Reaktion im Lande gegen ihn war scharf. Daher war er, als die Nationale Versammlung seiner Vereinigung in Clevcland am 14. August eröffnet wurde, vorsichtig, bösartige Bemerkungen über den Präsidenten zu f bei jedet geeigneten (jelegen heil^ vermeiden. Gleichzeitig nahm er Gelegenheit, seine Stellung zu den Jaden klarzulegen. Er machte eine Bemerkung, die, obgleich naive Leute sie als freundschaftlich auffassen mögen, den Juden mehr schaden wird als all die offene Kritik, die er geäußert haben mag. Zu Beginn seiner Rede sagte Pater Coughlin, der ein Anstoß für viele liberale Katholiken in Amerika gewesen ist, daß seine National Union eine Gruppe sei, die ״Katholiken, Protestanten und Juden“ in dem gemeinsamen Wunsch vereinige, das Los des Landes zu verbessern und es vor Kommunismus und Faschismmus za bewahren. Aber in der Darlegung seines bekannten finanziellen Allheilmittels für die iJebcl Amerikas stellte er das bestehende Bankensystem als ״unchristlich“ dar. Doch lassen wir Pater Coughlin selbst sprechen: ״Das erste Prinzip des Christentums ist: ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘. Aber ich muß leider sagen, daß unsere Vorfahren in Tausenden von Fällen nicht verwirklicht haben, was sie glaubten. Sie verfolgten die Juden und vertrieben sie aus allen Staaten Europas außer dem Kirchenstaat. Warum? Weil sie schlechte Christen waren. Sie zwangen die Juden, das einzige zu erwerben, das ein Jude besitzen konnte, wenn alle 10 oder 15 Jahre Austreibungen in der unciiristlichsten Weise zu befürchten waren. Die Juden besaßen nur, was ihr Instinkt ihnen zu besitzen erlaubte, nämlich Gold, welches sie leicht mitnehmen konnten. Durch diese Verfolgung wurden die natürliehen Gaben der Juden genährt. Man kann von der Verfolgung der fren, Polen, Hugenotten reden; aber es gab niemals eine solche Verfolgung, wie wir Christen sie den Juden zugefügt haben.“ Nun, dies ist eine vornehme Auffassung der Judenfrage. Aber Pater Coughlin blieb dabei nicht stehen. Er beschrieb die Geschichte des Bankwesens und behauptete, daß die Juden das Gold monopolisiert hätten und daß ihnen die mittelalterliche Welt tributpflichtig geworden sei. ״Tadelt nicht die Juden wegen all der Mißstände im gegenwärtigen Bankensystem“, sagte der Priester. Durch diese rhetorische Floskel hatte Pater Coughlin im Bewußtsein der unwissenden Zuhörer den Zusammenhang zwischen der schlechten wirtschaftlichen Lage und den Juden hergestellt. Scheinbar hatte er die Juden verteidigt, aber zuin Schluß erscheinen sie 2u einem großen Teil verantwortlich für ein verrottete* Bankensystem. Die Wahrheit ist, daß die Juden mit den» Finanzsystem Amerikas soviel zu tun haben wie mit den Umrissen des Mars. Aber es gibt noch andere Zusammenhänge in der Kette des Hasses, die sich allmählich um die Juden Amerikas legt. In dieser Woche sandte Leo Wolfson, der Präsident der rumänischen Juden in Amerika, einen formellen Protest an Policarp Morusca, den Bischof der rumänischen ortho* doxen Kirche in Amerika, weil das Organ dieser Kirche ״mit anti jüdischer Propaganda a!!gefüllt sei“. Dieses Organ, so heißt es in dem Prötestsclireiben, ״macht unberechtigte und gehässige Angriffe gegen die rumänischen Juden und versucht so, Gegensätze zwischen den rumänischen Juden und den rumänischen Christen in Amerika hervorzurufen, die bisher in Frieden und Eintracht zusammengelebt habe« und jeweils im Interesse Rumäniens zusammmengearbeitet hatten“. Doch die Sachlage wird auch durch andere Zeugnisse! bestätigt. Reverend Dr. Birkhead, ein liberaler Christlieber Geistlicher aus Kansas City, ein Fmmd von Sinclair Lewis, schreibt jetzt eine Reihe von Aufsätzen für_ amerikanische Zeitungen, in denen er die Ergebnisse einer Inforinationsreise durch zahlreiche größere und kleinere Städte darlegt, ״ln jeder Beziehung — ökonomisch, politisch, sozial und religiös — mobilisieren die Antisemiten ihre Kräfte zur Vernichtung alles dessen, das als das Beste in der amerikanischen Geschichte bisher angesehen wurde; Toleranz, Freiheit, Recht der Minderheiten und Adtr tung vor der menschlichen Persönlichkeit.“ Man muß bemerken, daß der Durchschnittsjude in Ame* rika von diesem Erdbeben unter seinen Hißen nichts merkt. Obgleich er von Zeit zu Zeit persönliche Erfahrungen bözügiieh der Existenz des Antisemitismus macht, fuhrt er doch all diese Ereignisse!1 hinab auf ihre gemeinsame Quelle und auf ihre wirkliche Bedeutung zurück. Ein Jude wird zu einem Airtomubitparkplniz nicht zugelasscn, wenn er auf dem neuen Quitttingsformular, das den Autobesitzer nach seiner Religion befragt, sich als Jude bezeichnet. Ein anderer Jude, ein Richter, wird beleidigt, indem der Angeklagte aufgeregt erklärt, er könne von einem Juden nicht eine gerechte Beurteilung seines Falls erwarten. Vor nur wenigen Wochen wurde in einer New-Yorker Untergrundbahn ein alter bärtiger Jude von zwei jungen Burschen belästigt, die ihm erklärten, daß ihn dasselbe treffen würde, was andere Jude*! in Europa getroffen hat. Als ein anderer an wesender Jude versuchte, die Burschen von ihrer Belästigung des alten Mannes zurückzuhalten, wurde er erstochen. So geschehen in einem Untergrundbahnwagen in der größten jüdischen Stadt der Welt. Es zeigt sich, daß der Antisemitismus wie die okonomi» sehen und industriellen Dinge von den internationalen Geschehnissen abhängig ist, und nicht nur von isolierten Ercignisscn in einem Land. Die Lander sind zu eng miteinander verbunden, als daß nicht antijüdische Politik zur Nachahmung in anderen Ländern reizen würde. Im Zeitraum von ungefähr zehn Jahren konnte man den Wandel in Amerika beobachten. Es gab immer Einzelfäile von Benachteiligung, aber der Jude, der hier sein Leben für sich lebte und keine sozialen Ambitionen hatte, brauchte sich niciit belästigt oder beleidigt zu fühlen. Aber was sich nun vollzieht, ist die Entwicklung eines Zustandes, in dem bald sogar die physische Sicherheit ein Grund der Beunruhigung werden kann. Vielleicht werden andere Amerikaner, die dies# Zeilen lesen und nicht mit diesen Schlußfolgerungen übereinstimmen, darüber lachen. Aber es gab andere Länder, wo auch Gelächter lautzuwerden pflegte, wenn solche Voraussagen gemacht wurden. Vielleicht ist das, was jetzt in Amerika vor sich geht, zeitlich bedingt, ziiruck/ulührcii auf den Zustand politischer Erregung und der wirtschaftlichen Auseinandersetzung zwisehen den Klassen. In gewissem Sinne macht Amerika jetzt auf gesetzlichem Wege eine soziale und ökonomische Revolution durch. Aber diese Revolution, die eine größere Gleichheit der Möglichkeiten für den sozial niedriger Stehenden zum Ziel hat, stößt auf den stärksten Widerstand derjenigen Schichten, die am meiste» zu verlieren haben. Hier in Amerika spielt dann der Jude die traditionelle Rolle des Sündenbocks. Es ist für uns in Amerika nicht länger möglich, die Lage der europäischen Judenheit nur aus der Distanz zu betrachten, interessiert, aber kaum beimruhigt ״Wie kann ich dableiben?" sagte er, während er in den Schafpelz schlüpfte, ״es brennt doch. Ich muß retten.“ Sender kam von der Gasse herein. Er hntte den Pelz über die Hosen gezogen und trug dicke, wollene Strümpfe. Er meinte, das Feuer müßte in der Gegend des Schlachthauses »ein. Wahrscheinlich du» Haus des ״Neuen Millionärs“. ״Beim neuen Millionär!“ rief Pandre. ״Was, den hab ich doch eben von Orsclia nach Haus gebracht! Mein Passagier!“ Und ohne weiter an seine Frau oder seinen Schwieger- Vater zu denken, Schlaf und Müdigkeit und sein Tischgebet vergessend, rannte er hinaus in die dunkle, eisige Gasse. Da» Gewicht der Axt in seiner Hand machte ihn Irischer, beweglicher. Er trug noch die riesigen, klobigen Fuhrmanns- Stiefel, in denen er van der Fahrt gekommen war, aber er rannte leicht wie ein Schuljunge. Er wollte seinen Passagier retten! Der Feuerschein fiel auf sein Gesicht, und hoch über allem »lieg da» schwere Klingen der Kirchenglocke. Nun war er schon nahe. Er bog um die nächste Ecke, Und nun hörte er schon deutlich das Geschrei: ״Es brennt! Es brennt!“ ״Beim neuen Millionär'.“ ZEHNTES KAPITEL / DER NEUE MILLIONÄR Der ״Neue Millionär“ von Schklow stammt« aus einer blutarmen Familie und hatte früher ״Chaim, der Get r e i d e h ä n d 1 e r“ geheißen. Er war selbst fürchterlich arm, aber ein starker, drahtiger Kerl, mit einem dicken Haarschöpf und unruhigen Augen, immer darauf aus, etwas zu verdienen. Er hatte so viele Mäuler zu stopfen — er hatte einen Haufen Kinder mit groben Gesichtern und ungekämmten Haaren. Chaim handolte mit allem, was ihm über den Weg kam, nicht nur mit Getreide, er kaufte und verkaufte Schweineborsten, Pilze, Flachs, Mohnsamen, Gurken. Aber e» brachte nie genug, um ein Weib und eine unglaubliche Anzahl von Kindern satt zu kriegen. Die Kinder liefen in Lumpen zur Schule, verschüchtert ihrer Armut wegen und weil die anderen Buben, die weniger Löcher in den Hosen halten, sie drangsalierten. Und dann war das Wunder geschehen. Gott selber hatte w׳ohl das Elend der Familie nicht mehr anschen können. Der älteste Bruder von Chaims Frau, der einmal von zu Hause W’eggelaufcn war, starb in Amerika und hinterließ seiner einzigen Schwester eine Menge Geld, die Leute sagten eine Million, aber in Wahrheit waren es etwa 30 000 Rubel. Binnen zwei Jahren war aus Chaim, dem Getreidehindler, Chaim, der ״Neue Millionär“ geworden. Au» dem verfaulten, schwarzen Kern »einer baufälligen Bude in der Nähe der Scblachlhöfe wuchs eia großes, weißes Hau# mit zwei weißgetünchten Kaminen mit grünen Fensterläden und einem grüngestrichenen Portal. Es hatte einen fleckenzaun, und im Sommer blühten gelbe und rote Blumen im Vorgarten. Im Winter waren zwischen den großen Doppelfenstern statt der sauren Gurken und Essiggläschen Puppen und Figürehen ausgestellt, Kühe und Hirsche, zwischen bunten Papierrosen auf Moos oder auf wc-ißcr Watte gebettet. Das größte Vergnügen an dieser Menagerie hatten natürlieh die Sehklower Schulkinder. Sic standen stundenlang vor dem Haus, drückten die Gesichferchen zwischen die grünen Zaunbretler, die erfrorenen Näschen rannen und die neugierigen Aeuglcin hafteten unersättlich an den Tieren im Fenster. Aber die Kinder des ״Neuen Millionärs“ hatten nicht vergessen, wie diese Schulkameraden sie früher verlacht hatten, und so vergönnten sie ihren früheren Peinigern nicht das Vergnügen. Ein Spalt zwischen den schönen, weißen Spitzenvorhängen ging verstohlen auf, und hinten den Fenstern schrien sie: ״Macht, daß Ihr weiterkommt, Gesindel!“ und behandelten sie genau so, wie man sie früher behandelt hntte. Sie waren jetzt gekleidet wie die Prinzen, mit Matrosenanzügen aus blauem Tuch, und hatten gutes Essen. Aber das fette Leben bekam ihnen nicht so gut, wie ihre frühere Armut; sie sahen nicht mehr so derb gesund au», und alle Weile hatten sie Bauchweh. Und Chaim fiel der dicke Haarschopf aus, und er wurde kahl. Und w׳ie zur Herausforderung trug er von da ab keinen Hut und stellte auch auf der Straße dem frommen Himmel die nackte Schüssel seines Kopfes zur Schau. Die Juden fanden, er täte das ihnen allen 7.11m Trotz. Warum hatte er einen russischen Knecht im Haus, einen ausgedienten Soldaten? — als ob ein Dienstmädchen nicht genug für ihn gewesen wäre! Prahlerei, da» Ganze. Wozu brauchte er zwei wcißgetünchte Kamine? Durch einen roten rauchte es wohl nicht gut genug? Immer mußte er zeigen, daß er etwas hatte, was sonst keiner bekommen konnte —, nur, um die Leute neidisch zu machen. Wozu trug er sonst mitten in der \\ 'oche einen schwarzen Gehrock und gestreifte Hosen und rauchte fortige Zigaretten mit Mundstück und führte sie vorsichtig, epitzfingcrig zum Mundo? Genau so war das mit Michael, dem ausgedienten Soldaten. Protzerei, weiter nichts. — Da war zum Beispiel die Geschickte mit seiner Kuh. Die Kuh war _das Stadtgespräch von Schklow. Es war eine große, fette Kuh von Tiroler Rasse, braunrot, mit einer weißen Blesse im Gesicht, mit starken Hörnern und einem Doppelkinn wie eine reiche Witwe, and mit schweren, rosigen Eutern. Die Leute starrten so neidisch hinter ihr her, daß Rickel, das Dien-tmtidel, der Kuh immer entgegen ging, wenn sie von der Weide kam, 11r,d ihre Schürze vor die vollen Euter hielt, damit keiner mit dem bösen Blick den Segen der vielen Milch von ihr nähme - ־, zuweilen spuckte sie auch noch auf die Erde, zur Vorsicht. Und diese Kuli war eines Tages nach dem Kalben krank geworden und schien zu verenden. Es war an einem Sams* tag, und die ganze Stadt sprach davon. Die Synagoge der Schlächter summte von Aufregung. Und Simche Tureru faßt* sofort den Entschluß, die Kuli zu kau len. Die Kuh war halb tot, und der Millionär mußte einsehen, daß sie nur noch zum Schlachten gut war. Simclies Ehrgeiz war geweckt. Er ging geradeaus in das Haus des neuen Millionärs. Die arme Kuh lebte noch, und schon wurde ihr Fleisch und Fell verhandelt. Simche Tureru stand mitten in der Küche und bot fünfzehn Rubel — achtzehn Rubel — zwanzig Rubel —, der Preis stieg bis auf fünfundzwanzig. Der neuen Millionärin wurde übel, sie ging aus der Küche in ihr Schlafzimmer, nahm Baldriantropfen auf einem Stück Zucker und legte sich aufs Bett. Sie konnte nicht verschmerzen, daß die Kuh, die so viel Milch gab, dahin sein sollte. Die einzige, die die Kuh noch als lebendes W esen ansah war Rickel, das Dienstmädchen. Sie liebte die Kuh. Sie stand hinter dem Küchenherd, hörte das Schreien — fünfundzwanzig Rubel! — und weinte in ihre Schürze. So eine schöne, so eine herrliche Kuh! Rickel schielte zwischen Schluchzern unter der Schürze voller Ekel nach dem Fleischer und ihrem Herrn mit seinen von Geiz und Gier eingesunkenen Augen. Nein, wenn sie eine reiche Frau gewesen wäre, sie hätte ihre sterbende Kuh nicht verkauft, für ein paar Rubel! Liebe« hätte sie sie im Stall in Frieden sterben lassen. Rickel schlüpfte aus der Küche und rannte über den finsteren Hof in den Stall, am die arme kranke Kuh noch einmal anzusehen und dos arme Kalb, das bald verwaist sein würde. Niemand im Hause wußte, daß Michael, der ausgedient« Soldat, der frühere Bauer, nicht geruht hatte, »eit der Tierarzt fortgegangen war. Er war im Stall geblieben und versuchte nun seine eigenen Mitteln, die er aus seinem Dorfe kannte. Er nahm Kräuter, zerdrückte sie, überbrühte sie mit heißem Wasser und goß eine große Flasche voll der so erhaltenen grünlich-milchigen Flüssigkeit der Kuh in den Hals. Er rieb ihr die schlcimbedeckle Zunge mit Branntwein und knetete alle nach der schweren Geburt wunden Teile mit warmem Talg. Die Kuh ließ sich alles gefallen, als wäre sie aus Gummi. (Fortsetzung folgt.)