Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 74-75 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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KINDERR Nr. 17 Beilage der ״Jüdischen Rundschau" ff Berlin, den 16. IX. 1936?הוי־ Mein Vater, der Baal Tokea Kindheitserinnerung von Ben Hakohen 5׳$ ־T T s >. י1.ד W ^י־ו as / 7, ״tu :4־. Mit dem Beginn des Monats EluI wurde ich nicht bloß frommer, sondern auch stolzer als sonst. Im Cheder wurde ich sehr geachtet, weil mein Vater der beste Baal schacharit (Vorbeter beim ersten Morgengebet) und Baal tokea (Schofar־ bläser) war und seiner Aemter in der alten Synagoge waltete, wo an den hohen Feiertagen das ganze ״Klei kodesch“ (die Kultusbeamten) betete. Respektierte ich ohnehin den Vater das ganze Jahr hindurch wegen seines unermüdlichen Thora- Studiums, so steigerte sich mit dem Beginn der Slichoth-Zeit meine Ehrfurcht und Liebe zu ihm ins Unermeßliche. Obwohl er von Zeit zu Zeit auch zu Hause das Schofarblasen übte, bereitete es mir ein besonderes Vergnügen, ihm im Bethause, nach dem dritten Minjan, zuzuhören. Nicht selten kam ich darum mit Verspätung ins Cheder, ohne besondere Strafen zu erhalten. .. * Je näher die Ja mim noraim (hohe Feiertage) heranrückten, desto enger hielt ich mich an den Vater; ich wurde sein Adjutant. Ohne geweckt zu werden, stand ich jeden Morgen um 5 Uhr auf und folgte ihm in die kochendheiße oder eiskalte Mikweh (Tauchbad). Nicht selten vergaß er sein Käppchen abzulegen, das bei dem Untertauchen fortschwamm. Mit Lust fischte ich es aus dem Wasser. Wehe aber, wenn ich es wagte, seinen triefendnassen Bart zu trocknen. (Die Chassidim dürfen sich nach dem Tauchbad nicht abtrocknen.) Einige Tage vor Rosch Haschanah legte der Vater den auserwählten und ausprobierten Schofar m den Sefarim- (Bücher)-Schrank lind nahm mit mir die ״einschlägige Literatur“ durch. Von mm an existierte für uns die Außenwelt nicht mehr. Ich ging in einer herrlichen Welt auf. Den Tag verbrachte ich im Glieder, wo es lebhaft zuging, den Abend beim Chasan, wo die Machsorim bei wunderbaren Gesängen durchgenommen wurden, und die Nacht beim Vater, der mir die Feiertags-Verordnungen und -Vorschriften ־— besonders für Kohanim — beibrachte. Am Rosch Haschanah herrschte in unserem Hause der ״Ruach hakodesch“ (heilige Stimmung). Keiner wagte es, ein jiddisches Wort zu sprechen. Die Haltung des Vaters weckte in uns eine unbeschreibliche, fast ängstliche Ehrfurcht. In der Synagoge war ein lebendiger weißer Wald. Durch die heilige Stille drangen die Worte des Vaters: ״Adon olam ascher malach beterem kol jezir riiwra“ (Herr der Welt, der regierte, ehe noch ein Geschöpf geschaffen wurde), die in mir ein ungeheures Mitleid weckten; denn ich empfand seine große Verantwortung. In der großen Pause vor dem Schofarblasen ging der Vater noch einmal in die kalte Mikweh. Zu Hause erwarteten ihn der Schames und zwei andere angesehene Gemeindcmitglieder, die uns nach der Synagoge begleiteten. Dieser Gang in die Synagoge zum Schofarblasen! Kein Prinz beim Besteigen eines Thrones war je so stolz wie ich. Der Vater machte den Eindruck eines Bräutigams, der zu der Chuppa geführt wird. Aus allen Gäßchen und Hütten strömten Frauen und Mädchen, die die kostbarsten türkischen und andere orientalische Tu־ eher und schimmernde Schmuckstücke trugen. In der Synagoge bildeten die Juden eine Gasse, als der Vater nach der Empore schritt. Wie im Walde die Baumwipfel bei leisem Winde rauschten die Kaftane der festlich Gekleideten. Ein angsteinjagendes Gemurmel und Weinen drang von der Frauengalerie in die große, gewölbte Synagoge. Feierlich legte der Vater den Schofar auf den Schulchan (Tisch) und zog־ Kitte! und Talllt au. Die Gemeinde neigte sich über die Machsorim. Sch’tika jafa bisch’at hatekia!“ (Ruhe während des Schofarblasens) rief der Schames, dreimal auf das alte Pergamentbuch schlagend. Der Vater begann sich hastig zu schaukeln. Dann riß sich die vor Entzückung heiser gewordene Stimme aus seiner Brust: ״Lamnazcach liwne korach mismor!“ (Psalm der Söhne Korachs). Der Gemeinde-Chor setzte ein; das Geräusch ebbte langsam ab, bis wieder eine heilige Stille eintrat. Wieder begann sich der Vater schnell zu schaukein; es war der ״Anlauf“ zum nächsten Vorsagen. Das ״Min hamezar karati jah“ (ln meiner Not rief ich Gott an) sagte der Vater so herzzerreißend und mit einer mir so fremdklingenden Stimme, daß sie mir Sterbensangst einjagte und ich zu weinen begann. Endlich kam der spannendste Augenblick. Das ״Schadaj kra satan“ (zusaminengesetzt aus den Anfangsbuchstaben der im Gebet vorkommenden Worte) sagte ich besonders inbrünstig. Nach der Bracha und Schehechejanu trat eine solche Stille ein, als wäre kein Mensch in der Synagoge. Der Vater strich den Schnurrbart zur Seite und setzte den Schofar in den rechten Mundwinkel. Unbeweglich wie eine Skulptur stand er jetzt, ehrfurchtsvoll die Zeichen des Raw abwartend« ״Tekia!“ kam es, ein klarer Ton tönte durch den Raum. Ich dankte Gott für das Gelingen. Ohne den mindesten ״P’gaoi“ (Fehler) schmetterte der Vater die Tekiot, Schewarim und Teruot. Und wie der Applaus der Menge nach einem nervenzerrenden Kunststück setzte das ״Hajom harat olam“ (heute ist Geburts• tag der Welt) nach der glänzenden Tekia-Gedola ein. Um halb drei Uhr war man endlich' mit dem Morgengebet fertig. Obwohl der Vater noch nichts im Magen hatte, ging er noch vor Kiddusch zu einigen Kranken, bei denen er mit nicht weniger Feierlichkeit seinen Schofar zu Gehör brachte«