Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 74-75 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 74/75 16 IX. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 11 Vatikan und Palästina Pariser Brief Von unserem Berichterstatter K. Pari s, im September Die französische Mittelmeerpolitik Kurz nach der Unterzeichnung des neuen französischsyrischen Vertrages hat die französische Regierung das ״Haute Co mit 6 Mcditerrante n“, einen Ausschuß, dem die verantwortlichen Minister sowie die üeneralgouverneure und -residenten der französischen Mittelmeerkolonieu angeboren, zu einer Tagung nach Paris einberufen. Die Tagütig stand unter dem Vorsitz des französischen Minister- Präsidenten Leon B1 u 111, wodurch die große politische Bedeuhing dieser Besprechungen unterstrichen wird. Es sind in der Tat durch die letzten Ereignisse in den Mittelmeerländern Fragen aufgeworfen worden, die für Frankreichs Stellung im Mittelmeer von lebenswichtiger Bedeutung sind. Im Mittelpunkt der Unterhaltungen standen die spanische F rage und di« Auswirkungen, die der Bürgerkrieg und sein eventueller Ausgang auf die Verbindungen zwischen Frankreich und seinen nordafrikanischen Kolonien haben kann. Die spanischen Ereignisse haben auch innerhalb der nordafrikanischen Kolonien Frankreichs erhebliche Wirkungen ausgeübt. Die Eingeborenen befinden sich im Zustand wachsender Unruhe. Seit mehreren Monaten ist die Lage in Nordafrika gespannt, und es kommt zu immer neuen Zusammenstößen zwischen den verschiedenen Gruppen der Bevölkerung, mit den französischen Behörden usw. Diese Agitation wird von Agitatoren genährt, die die Eingeborenen aufhetzen, ln den Rahmen dieser Agitation fällt auch der wachsende Antisemitismus in Nordafrika, der die Sicherheit der dort lebenden Juden bedroht. Das Comite hat weiterhin die Auswirkungen des französisch-syrisehen Vertrages auf die Stellung Frankreichs im Vorderen Orient untersucht. U. a. wurde auch die Frage der Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Frankreich und der neuen syrischen Republik behandelt. Es besteht die, Absicht, einen intensiveren Warenaustausch zwischen Frankreich und Syrien herbeizuführen, insbesondere auch dem syrischen Export vorteilhafte Bedingungen auf dem franz’ösischcn Markt zu sichern. Auf der Tagung wurde schließlieh das Problem der französischen Eingeborenen- Politik im allgemeinen ausführlich besprochen. Die Regierting der Volksfront beabsichtigt bekanntlich, Aenderungcn in der französischen Kolonialverwaltung durchzuführen, die den Eingeborenen einen größeren Anteil an der Verwaltung sichern. Kolonialministcr Montet führte aus, die Verwaltung müsse Verständnis für die Bestrebungen der Eingeborenen zeigen. In diesem Zusammenhang werden wahrscheinlich auch unter dem hohen Personal der französischen Kolonial- Verwaltung Aendenuigen durchgcfülirt werden. Insbesondere steht der Ersatz des französischen Generalresidenten in Marokko, Pey rout oii, zur Diskussion. Das Hochkommissariat in Syrien wird bekanntlich nach dem neuen französischsyrischen Vertrag nicht neu besetzt werden, sondern Frankreich wird in Damaskus durch einen Botschafter vertreten sein. Man nennt als ersten Botschafter Frankreichs in Syrien einen bekannten radikalsozialistischen Abgeordneten, doch dürfte vorläufig eine Entscheidung über die Besetzung dieses Postens noch nicht gefallen sein. Der Kampf gegen den Antisemitismus Wir hatten schon kürzlich (״J. R.“ vom 4. Sept. 1936) auf die Besorgnisse der französischen judenheit über die wachsende antisemitische Bewegung in Frankreich und auf den Mangel einer geeigneten Verteidigung seitens der berufenen jüdischen Vertreter hingewiesen. Dieser Mißstand ist anscheinend auch in den führenden Kreisen der französischen Judenheit empfunden worden, und das französische sowie das Pariser ״Consisfoirc“ haben jetzt eine besondere Stelle geschaffen, die sich mit dem Problem der antisemitischen Bewegung in Frankreich befassen soll. In einem Aufruf an die französische Judenheit wird darauf hingewiesen, daß das ״Consistoire“ mit Besorgnis die Fortschritte der antisemitischen Bewegung erkennt und aus diesem Grunde ein ״Centre de Documentation et de Vigilance“ geschaffen hat. Aufgabe dieses Zentrums wird es sein, alle Fragen, die das Judentum in Frankreich und seinen Kolonien betreffen, zu untersuchen und Lösungen vorzuschlagcn. Der Aufruf, der von allen Mitgliedern der beiden ״Consistoires“ unterzeichnet ist, wendet sich an die französische Judenheit mit der Bitte um Unterstützung dieser Aktion, die den Zusammenschluß aller gesunden Kräfte der französischen Judenheit notwendig mache. ״Die lärmenden Manifestationen von Gruppen und isolierten Individuen, die kein Recht haben, Kr. R o in, 8. September Die ,,Stampa“ brachte dieser Tage eine sensationell aufgeinacrite Information über einen angeblichen Schritt des Vatikans in der Palästina -Fra ge bei der englischen Regierung. Darin hieß es wörtlich״Man versichert, daß der Heilige Stuhl bei der britischen Regierung einen Schritt unternommen hat, um zu erreichen, daß die Lage in Palästina einer neuen und gründlicheren Prüfung unterzogen wird. Inzwischen soll, laut vatikanischem Vorschlag, die jüdische Einwanderung vorübergehend suspendiert werden.“ Diese Meldung fand auch Eingang in die Auslandspresse. Sie ist jedoch, wie man uns an zuständiger vatikanischer Stelle erklärt, falsch. Der Vatikan habe sich in dem ganzen Palästina-Konflikt bisher völlig neutral verhalten. Es ist noch in guter Erinnerung, daß der Papst es seinerzeit ablelinte, eine arabische Delegation zu empfangen, die auf der Durchreise nach London in Rom weilte und um eine Audienz iin Vatikan nach gesucht hatte. Ueberdies ist der Kardiualstaats- Sekretär Pace Hi gegenwärtig im Urlaub. Soweit die offizielle Stellungnahme des Vatikans. In einem auffälligen Kontrast hierzu stellt ein in der Wiener ״Reichspost“ vom 5. September erschienener Artikel über die Unruhen in Palästina, als dessen Autor ein ״vornehmer Kenner des Landes“ bezeichnet wird. Unseren Informationen zufolge ist der Verfasser dieses Artikels der Weihbischof von Jerusalem, Franz Fellinger. Dieser hohe geistliche Würdenträger, der vor einigen Wochen eigens nach Rom berufen wurde, um dem Vatikan einen offiziellen Bericht über die jüngsten Vorgänge in Palästina zu erstatten, und der auch in längerer Audienz vom Papst empfangen wurde, sagt 11. a. folgendes: ,;Man kann cs dem Araber nicht verdenken, daß er im Angesicht der jäh wachsenden jüdischen Einvvanclerung in Furcht gerät, sein Hehnatrecht zu verlieren, und sich dagegen zur Wehr setzt. Daß die sich rapid häufenden Ein- Wanderer durch rücksichtslose Geschäftspraktiken die Vordrängung arabischen Grundbesitzes und nicht selten aninaßliches Auftreten die Araber geradezu hcrausgefordert haben, ist zweifellos. Zudem schleppt die zionistische Emigration allerhand das französische Judentum zu vertreten, können der jüdischen Sache nur schaden.“ Diese letzte Bemerkung wendet sieb wohl in erster Linie gegen die Tätigkeit der ״Ligue contre l'Antisemitisine“. Man wird die ersten Schritte des neuen Zentrums abwarten müssen, ehe man ein Urteil über die Nützlichkeit des vom ״Consistoire“ unternommenen Abwehr• kamples in Frankreich abgebeti kann. Englisch - jüdische Abwehr - Kundgebung London, 11. September. (JTA.) Das Coordination Defense Committee veranstaltete am 10. September in der Sliorcditch Town Hall eine Kundgebung unter dem Vorsitz des Präsidenten des Board of Deputics, Neville Laski. In der Eröffnungsansprache betonte Laski, daß die Juden als englische Bürger jeder politischen Partei angehören können. Antisemitismus aber habe mit Parteiwesen nichts zu tun. Hier handele es sich um einen Angriff gegen die Juden als solche. Er sei bereit, die Herausforderung anzunchmen. Der Redner ermahnte die Zuhörer, gegenüber judenfeindlichen Provokationen Zurückhaltung zu bewahren und sich das Beispiel ihrer Brüder und Schwestern in Palästina vor Augen zu halten, deren Selbstbeherrschung in einer unvergleichlich schwierigeren Lage der ganzen Weit Bewunderung abgenötigt habe. Das Koordinationskomitee umfasse alle Gruppen des Board of Deputics, die in Achtung vor der Ansicht des anderen zusamniengeschlossen seien. Seine Aufgäbe sei es, die über Juden verbreiteten Unwahrheiten als solche aiitzudecken und wahre Kenntnis des jüdischen Wesens und der Leistungen zu verbreiten, die Juden im Dienste der Menschheit vollbracht haben und vollbringen. Nach weiteren Ansprachen von Morris Myer und Gordon Liverman wurde die außerordentlich stark besuchte Kundgebung mit dem Absingen der englischen Nationalhymne geschlossen. moralisch ramponiertes Strandgut ins Land, entwurzelte Ex!- stenzen, Leute, die mit ihrem religiösen Bekenntnis längst: gebrochen haben, und bolschewikisch verseuchte Elemente. Es fällt besonders die einwaiiderrtde weibliche Jugend durch ihre radikal-bolschewikische Gesinnung auf.“ — Im Verlauf seiner Ausführungen kommt er zu folgendem Resume: ״Vielleicht sähe es die Mandatsmacht nicht ungern, daß die Araber ihr die Mühe abnehmm, die hochgespannten Forderungen der Juden etwas eiiizudämmen. Tatsächlich werde die jüdische Bevölkerung durch die großen Verluste an Gut und Blut eingeschüclitert und vielleicht auch nachgiebiger.“ Die oben zitierten Aeußerungen amtlicher vatikanischer Stellen wird mau gern zur Kenntnis nehmen. Aber man wird nicht umhin können, seiner Verwunderung darüber Ausdruck zu geben, daß ein so angesehenes und repräsentatives katholisches Blatt wie die ״Reichspost“ einen solchen Artikel veröffentlichen kann, wie den des ״vornehmen Kenners“ der Verhältnisse in Palästina. Italiens Interesse an Palästina Auf Anordnung von Mussolini findet vorn 15. bis 17. Oktoher in Mailand im ״Institut für das Studium der äußeren Politik“ die erste nationale Zusammenkunft statt. Die Konferenz, wird vom Minister des Aeußeren, Graf Ciano, eröffnet werden und wird sich während dieser drei Tage mit fünf Gegenständen zu befassen haben. An erster Stelle stehen die ln te-ressen Italiens im östlichen Mittelmeer. (Die anderen I*linkte der Tagesordnung sind: 11 ie Probleme des Donaubeckens, der Völkerbund, seine Funktion und Reform, die Beziehungen Italiens zu Lntcm-Amei ika und das Problem der Verteilung der Rohstoffe.) Wie der ״Oorriere ilella Sera“ hierzu tuittcilt, werden (>0 Referate erstattet werden, von denen der größte Teil den Problemen des östlichen Mittelmeer es und denen des Völkerbundes gewidmet sein wird, lieber die Probleme Palästinas werden größtenteils Mitglieder des Fran/Pkniier-Ordens referieren, die im Lande zahlreiche Institute unterhalten. -MAGISTER KIRSCH- Der gute Likör Magister-Likör fabrltc, München VII Unterführer Mosleys verhaftet London, 13. September. (JTA.) Der 3öjäl1rige AlexandeT Raven Thomson, ebner der Unterführer aus der nachsten Umgebung Oswald Mosleys, ist am Freitag-Abend nach Zusammenstößen zwischen Faschisten und Antifaschisten aut dem Victoria Park Square verhaftet worden. Er hatte in einer faschistischen Versammlung den Vorsitz geführt. Am Sonnabend wurde er von dem Polizeigericht der Old Street wegen Beschimpfung der Juden und aufreizenden Verhaltens verwarnt und zur Hinterlegung einer Kaution von zehn Pfund verurteilt. Thomson hatte erklärt, er sei nicht schuldig, und sofortige Einstellung des Verfahrens beantragt. Im Namen des Polizeipräsidenten sprach sich Kommissar Horace Fcnton gegen diesen Antrag aus und erklärte, daß die Bemerkungen Thomsons im allgemeinen als judenfeindlicher Angriff zu qualifizieren seien. König Eduard Gast der Wiener Rothschilds König Eduard VIII. von England hat den österreichischen Bundeskanzler Dr. Schuschnigg in Audienz empfangen und sich sodann auf das Gut des Barons Eugen Rothschild i!1 Fnzemeld begeben. In Wien konsultierte der englische König wiederholt den berühmten jüdischen Ohren- Spezialisten Prof. N e!1111 a n n, bei dem er schon als Krönprinz in Behandlung stand. Alle« also ging herrlich. Außer einem Unfall mit Pandres neuem wollenem Talles. Am Schabbat nach seiner Hochzeit, al* Pandre aufgerufen wurde, wurde er sehr aufgeregt und riß an seinem Gebetsschal. Nur ein bißchen halte er gezerrt, meinte Pandre; aber es genügte, einen Riß in den neuen YVoJl schal zu machen. Als er zum Essen heiinkam, schämte sich Pandre, Merl ins Gesicht zu sehen. Was würde sie dazu sagen, daß er ein so plumper Kerl war, sich nicht einmal selber ordentlich einsehirren konnte in seinen Talles? Aber als Meri den Riß in dom schwarzgestreiften Wollstoff sah, lächelte sie nur. Sie kannte Pandres ungestüme Kraft. Sie wußte schon, daß man ihn immer ermahnen mußte, mit den Sachen sachte umzugehen, daß andere Leute nicht so stark wären wie er, und die meisten Dinge nicht dazu geschaffen, von solchen Riesen, wie er einer war, gehandhabt zu werden. Nach Schahbatende fädelte sie eine feine Nadel ein und Setzte sich unter die Lampe, um den Riß zu stopfen. Ihr langer, goldenbrauner Zopf und die Falten des schwarzweiß- «streiften Schals fielen in ihren Schoß und über die weiße chürze bis auf den Boden. Ihr langer Hals, ihr kleiner Kopf waren über die Arbeit gebeugt. Die Nadel blitzte in ihren schlanken Fingern, und der Riß wurde kleiner und kleiner, bis er ganz geschlossen war. Und wenn man zwei Paar Augen gehabt hätte, man hätte nicht sehen können, wo der Riß gewesen war. Als Pandre den gestreiften Schal ln ihrem Schoß liegen sah und zuschaute, wie geschickt sie den Schaden gulmacnte, den seine Ungeschicklichkeit verschuldet hatte, wurde ihm das Herz voll vor Verlangen. Er legt* seine beiden müchtigen Hände um ihren Kopf und hielt sie so wie ein Löwe ein flaumiges Küken. Er hätte sie aufessen mögen, und seine gltthende Verliebtheit fand Ausdruck in den Worten: ״Geliebtes kleines Vehikel! Der Teufel hol mich, and Gott segne dich Über und übort“ Das war der Gipfel von Pandres verliebter Ekstase. Wenn sie den höchsten Grad erreicht hatte, gebraucht» er Fremdwörter; je merkwürdiger und unverständlicher sie klangen und je weniger Sinn sie hatten, desto lieber. Er mischte alle, die er je gehört hatte, durcheinander and erfand neue dazu und spielt« darauf wie nach Noten seine Lieblingslieder. ״Süßer Eskadron! Geliebtes Phaeton! Schönes Artüleiriechen!“ Zuerst hatte Meri ein beleidigtes Gesicht gemacht und Ihren Zopf in den Nacken geschleudert, w׳ie ein Fuchs seine Rute zurückscldiigt. Dann fing sie an, mit einem halben Ohr zuz.ithören. Und ihr weiblicher Sinn erriet, was hinter diesen verrückten Worten lag, nur für sie und Noah verstündlich. In jedem dieser Fremdwörter steckte ein Stück ungehobelter Kraft, und Meri nahm es auf, sie sog es ein in ihren schlanken Leib und in ihr blasses Gesicht und ihr« keusche Art, wie lechzender Boden warmen Regen trinkt. Sie fing an, sich zu strecken und zu blühen. Durch geheime Verbindungen rann Pandres reiches Blut in ihre bläulichen Adern. Ihre Schultern rundeten sich. Ihre braunen llaaro bekamen einen rötlichen Schimmer. Ihr Blick wurde sicherer. Sie hatte keine Schatten mehr unter den Augen wie in der ersten Zeit. Und wenn sie am Sehabbes ihr weißes, mit rotblauen Blumen besticktes Kleid anzog und den türkisch gemusterten Wollschal der Mutter um die Schultern schlang, dann wurden die jungen Fuhrleute, Pandres Kameraden, ganz verrückt vor Bewunderung. Aber sie hätten es nie zu zeigen gewagt. Pandre hätte sie erschlagen! Aber wenn man nichts hat, wird man nicht satt —, und von Luft und Liebe kann man nicht leben! Pandre macht© es sich auch zur Aufgabe, daß Meri ordentlich aß, wie sich für seine Frau gehörte. Wenn cs gebratene!,eher zum Nachtmahl gab, dann mußt« es ein ganzer Berg sein, und die Milchgrützo durfte nicht in flachen Tellern auf den Tisch gegeben werden, sondern in gewaltigen Schüsseln. Und reichlich Quark aufs Schwarzbrot und auf große Scheiben, und ordentlieh viel Gurke zum Zuheißen. Er lehrte Meri, wie man richtig ißt. Essen ist keine Schande. Und sie folgte ihm, und es schlug gut an. Er brachte ihr auch, wenn er mit dem Wagen unterwegs ewesen war, Mengen von Eßwaren mit nach Hause. Da ölte »r eine frische Kalbsleber heraus, die ihm Simcho Türen! billig verkauft hatte, dann einen weißen Korb voll roter Preißclbecren oder ein paar fette Schleie, eben gefischt, oder Pilze, Und dann Eier und dicke Bohnen. Und wenn sie tut, als wollte sie böse werden, weil er so viel Geld für» Essen ausgab, so erklärte er ihr in der Metzgerspräche; ״Schau, mein Artilleriechen, wenn du dl« Därme ordentlieh stopfst, dann platzen sie nicht beim Brühen!“ Oder im Fuhrmannsdialekt: ״Wer schmiert, der fährtl“ Der Sommer ging, der Winter kam. Pandre kam oft sehr spät nachts von der Orschaer Station heim. Ehe er oll© Passagiere ohgesetzt., alle Pakete abgeladen, die Pferde ausgeselürrt und ihnen ihren Hafer gegeben hatte, zeigte die hart tickende Uhr meist nach zwölf. Diesmal war er noch später gekommen, wegen der Kälte. Man kann bei Frost die Pferde nicht füttern, ehe sie ebgekiihlt sind. Also fiel Pandre in* Haus, abgeraekert, ausgeiroren, verhungert. Meri war schwanger und ging deshalb früh zu Bett. Sender und seine Fra« schüefes auch längst in der anderen Stube. Pandre versuchte, in seinen schweren Schaftstiefeln auf den Spitzen zu gehen, um Meri nicht, zu wecken. Aber er machte trotzdem einen Lärm, wie ein schwcrbcschlagenet Karrengaul auf 1 Kit-■korjuInster. Als er merkte, daß Meri nicht schlief, beugte er sich über ihr Bett und sagte; ״Na?* ״Na?“ sagte Meri verschlafen und geheimnisvoll, ״Hör zu, Veliikelelicn“, sagte Pandre. ״Ich muß was z« essen haben. Hast du vielleicht Milchbrei? Kalten Milchbrei?“ Meri hob ihren kleinen Kopf mit dom dicken Zopf von dem großen Kissen und fragte Verwundert: ״Wieso Milchbrei?“ Also erklärte ihr Pandre, warum er Milchbrei wollte, ״Hör zu! Kuschke Brand, der Fresser, steht heut aa dar Station in Orscha und frißt Grütze mit Müch aus einem Topf. Frißt mit eiw'm langen Löffel, und schmatzt. So sage ich ihm: Gib mir was ab, Kuschke, ich helf dir aufessen. Ich hab einen hölzernen Löffel! — Bellt er midi dod! an, wie ein Hund, der über einem Knochen steht: Geh zum Deibel mit deinem Löffel, Pandre! Ich hab selber nicht genug! Sag deiner Frau zu Hause, sie soll dir welchen machen. Di« ist selber ein feiner Milchbrei — da kriegst du ihn heiß! — Und die Kutscher ringsherum gickeln und wiehern wie ein« Pferdeherde. — Da habe ich zu ihm gesagt: Hör zu, Kuschke! Friß dir die Pest an den Hals mit deinem Milohbrei! Aber meine Frau laß mir in Ruhe! Oder ich mach dich setber zu Brei. Ich geb dir was zum Andenken! Beinahe hätte es ein« Prügelei gegeben, aber die anderen Kutscher haben uns aus« oinandcrgehracht. — Und nun hab ich den ganzen Tag den Milchbrei nicht mehr aus dem Kopf gekriegt!“ Meri war jetzt hellwach. Seine Geschichte, wie M siclf fast mit Kuschke Brand geprügelt hätte, hatte sie erschreckt. Sie setzte sich also im Bett auf und sagte: ״So, also du hast nichts Gescheiteres zu tan, als dich wegen Milchbrei zu prügeln? Man wird denken, du kriegst zu Ilause nichts zu essen!“ Als Pandre Meri so im Bett sitzen sah, ihre Schultern schimmernd im Lampenschein, vergaß er »einen Hunger und allen Milchreis der Welt. Er packte sie an den Annen. Hu, hast du kalt« Hände!“ krümmte sieh Meri. Pandre Wärmte sie mit Kosenamen: ״Ach du Trompeterl! Süßer Schwadron, Vehikclchen! Gott segne deine zwei kleinen Füße, und alles andere ist mir wurscht!“ Meri versteckte lachend den Kopf unter der Decke. ״Geh wegl Ich hat! gemeint, du willst was zu essen? In der Röhre sind Bohnen mit Fleisch, geh und iß!“ (Fortsetzung folgt.)