Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-09-16 · Heft 74-75 (16.9.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 74-75 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653993--29486-2691018
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1H 9.1S36 4 ■■*■*»Me״» ׳ Nr, 74/45 / Jahrgang 41 Preis 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU Sdhrlftlciiunx.Verlag n. Anzelgenvcrwaltung! BerllnWtS, Melnekectr.10 Fcrarnfi Bammel-Nummer J 1 (Bismarck) »031. - B«ujt»preis eimcWieBli* BertrllgrM je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,8» bf.w. RM 5,39. — Poatsdrcck - Konten der Vertrieb« - Abteilung: Berlin 715 73 (für Groß . Berlin), Berlin 17392 (für dns übrige Reich). In Fallen hölierer Gewalt besteht lein Anspruch »ui Nachlitlerung oder Erstattung etwa schon gezahlter Berugsgcbiihrcn — Erscheint jeden Dienstag und Freitag. BERLIN ערב ראיה השנה רזדצ״ז MITTWOCH, 16. SEPTEMBER 1936 Gflltig! AnzetgenprcUIUt« Nr. 5. Di« 12 tfespaltvnv mir» 7 ־-ri!« 20 Rpf., för Familirn ־ Nachrichten 15 Rpf. Für di« Aufnahme von Anzeigern in bestimmtet» Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewahr geleistet. Gelegenheits• anz.eigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck •Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9-— 18 Uhr. Annahmeschluß für di« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, fiir di« F reitag - Aus gab« Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien Anzeigen «m Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt för das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Gib uns innere Kraft! Eine Neufahrsbetrachiung 5697 Oer jüdische Festkalender ist in eigentümlicher Weise in den Rhythmus der Jahreszeiten verwoben. Wenn der Frühling kommt und die Knospen aufhrechen, feiern wir Peßach, das Fest des Aufbruchs und der Volkwerdüng: wenn der Sommer um ist, die Tage kürzer werden und die Nächte länger, wenn wir in der melancholischen Stimmung des Herbstes die dunklen Seiten des Lebens ahnungsvoll an unser Bewußtsein herankommen spüren, feiern wir Juden den Anfang unseres Jahres, Ein neues Jahr, das fordert neue Kraft. Als Jude ־zu leben, bcdeutet immer höchste Kraftanspaiinuiig, aber so sehr wir diese Tage am Eingang des Jahres als jüdische Tage empfinden, in deren Verlauf niemals unsere gemeinschaftliehe Grundlage, unser Volkstum und unser Volksschicksal vergessen wird, so wesentlich ist es doch, daß in ihnen klar das Bewußtsein pulst, daß wir nicht nur als Juden, nicht nur weil wir Juden sind, dieser inneren Kräfte bedürfen, sondern daß jeder Mensch ihrer bedarf, daß die Aufgabe der Bezwingung des 1.ebens und seiner Probleme eine Aufgabe fiir jeden Menschen, und d a h e r auch für jeden Juden, ist. Darum ist der tiefste Kern dieser Feiertage ein religiöser, das Eintauchen in einen Prozeß der m ensc 11 liehen Wied ergehn rt, der nach jüdischer Vorstellung am Neujahrstage beginnt und am Versöhnungstage endet: natürlieh ist das nicht im wörtlichen Sinne zu verstellen, denn es ist ja nur, auf kurze Zeit zusammengedrängt, ein Vorgang, der das ganze Leben durchzieht, und gerade darum wird er symbolhaft arn Anfang des Jahres zum Bewußtsein gebracht. Der Mensch in seiner Not, gestellt vor das Chaos des Lebens, gerüttelt von Anfechtungen, erfüllt von dunklen und leidenschaftlichen Trieben, immer wieder der Gefahr nusgeset/t, den Forderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein, vor ihnen zu verzagen, bedarf wahrlich einer Kraft der inneren Aufrichtung. Manche machen sich einen Panzer aus Konvention und Brauch, der leicht seelenlos wird; eine lebendige Seele hat stets neu zu kämpfen. Was der jüdische Mensch an diesen Festen vollzieht, ist im wesentlichen eine tiefe Form der Selbsterkenntnis und der Selbstbesinnting, die aus der Auseinandersetzung mit seiner menschlichen (und nur sekundär mit seiner ״jüdischen“) Natur erwächst. Aber von dieser menschlichen Natur kündet ja der tiefste Mvthos des Judentums, der ja gerade darum als so gewaltig empfunden wird, weil er A 11 g e 111 e i n g ü! t i g e s anssagt, weil auf ihn die Menschenseele elementar antwortet, und es ist gewill kein Zufall, daß das jüdische Blich, die Bibel, die in ihren entscheidenden Anfangskapiteln nicht vorn ״Juden“, sondern (in jüdischer Weise) vom Menschen schlechthin spricht, ein Menschheitsbuch, das weitestverbreitete Buch der Erde, geworden ist. Was diese Festtage beherrscht, ist im Grunde das Ringen mit dem unendlichen Problem der S ii 11 d e, dieses urinenschlicbe Verhängnis, durch das der Mensch eben zum Menscher! wird, zu einem Wesen mit ״zwei Trieben“, das zu wählen hat und immer wieder sich der Konsequenzen dieser Wald und der damit verbundenen Vorantw ortung bewußt wird. Wir alle leben in dieser Verstrickung, aber in uns brennt die Sehnsucht nach Erlösung, und in diesen ״furchtbaren Tagen“ zu Beginn unseres Jahres flammt diese Sehnsucht auf zu einem verzehrenden Feuer. Nur in Zeiten der Erregung und inneren Erschütterung sind unsere Seelen fähig, diese Flamme zu empfangen, und darum durchleben wir Juden jetzt, in der neuen Epoche unseres geschichtlichen Daseins, die wieder auf 11״Sicherheit und Suchen, auf Hoffinnig und Trostbedürftigkeit gestellt ist, diese Tage gesteigerten jüdischen und menschlichen Innenlebens in ihrer wirklichen aufwühlenden Größe. Wir Juden sind oft in unserer Geschichte von der Umwelt isoliert gewesen. Wir haben gezwungenermaßen, und teilweise auch aus eigener Entscheidung, unser eigenes Leben hinter einem (sichtbaren oder unsichtbaren) ״Zaun“ gelebt. Die Juden wurden, seitdem sie nicht wirkliches Volk sein konnten, zu einer ״Gemeinde“, die sich an bestimmten Tagen versammelt, und die Stunden religiöser Andacht sind die Höhepunkte dieses gemeinsamen Lebens. (Oder sollten es sein, denn wir geben uns keiner Täuschung darüber hin, daß wir von einer reinen Erfüllung dieser Vorstellung in der Wirklichkeit oft sehr weit entfernt sind; wir, die wir eben noch Ausläufer einer Epoche jüdischer Entartung sind.) Aber in allen diesen Stunden jüdischer Erhebung, jüdischen Ringens und jüdischer Erlösungshoffnung, haben wir nie aufgehört, uns eins zu fühlen mit allen Menschen, die ringen und hoffen, weil wir wissen, daß dies der Weg d e s M e n s c 11 e n s c 111 e c 111 h i n ist. Und zugleich mit diesem Gefühl der Verbundenheit wissen wir, daß wir vor allem die Verantwortung für unsere jüdische (jemein schaff fragen. So wie jeder Einzelne mit der Läuterung Roscb Hasclianah bei sich selbst zu beginnen hat, so auch wir als Volk: Lehre und Auftrag, die wir in uns lebendig machen, haben wir unserem Volke zu bringen, die Verlorenen zuriickzuholen, die Schwankenden zu stärken, die Gebeugten aufzurichten, die Verzweifelten mit Hoffnung zu erfüllen, durch Zuspruch von Mensch zu Mensch, durch Mitleben und gemeinsames Handeln. ln dieser Zeit unserer großen Feiertage werden wir in den letzten Jahren — durch ein mehr zufälliges äußeres Zusammentreffen von Ereignissen — mit besonderer Eindringlichkeit an unser J u d e s c i n erinnert. Oft im Verlaufe unserer Jahrtausende alten Geschichte haben wir es erlebt, daß Menschen und Völker um uns sich Vorstellungen vom Judentum machten und jüdisches Weser, zu verstehen und darzustellen meinten, während wir selbst empfanden, daß diese Vorstellungen nicht zutrafen. Wir waren oft in der Lage, nichts erwidern zu können, da ja die Jahrtausende alte Diskussion über das Judentum oft ohne unsere Stimme geführt wurde. Wenn der Sturmwind des Schicksals über uns hinbrauste, haben unsere Väter empfunden, daß ״Gott sein Volk strafen will“, aber sie haben dies verstanden als eine Mahnung, sieh um so enger an das Judentum a n zu s c h 1 i c ß en, und in ganz anderer Weise, als alle Worte zu sagen vermögen, die über Juden geäußert werden, haben sie gefühlt, daß es jetzt für uns darauf ankommt, um so tiefer in das Bad des Geistes zu steigen, um so offener und rückhaltloser uns jenen intieren Welten hinztigeben, die sich am Rosch Hasclianah beim Klange des Seliofar und am Jom Kippur bei der höchsten Erhebung der Seele vor Schluß des Tages uns erschließen wollen. Denn an diesen Tagen sichen wir (und noch mehr: die ganze Welt) im ״Gericht“ und haben Rechenschaft abzulegen. Wenn noch vor wenigen Jahren, in jener anderen Epoche unseres Daseins, die uns schon so weit, weit zurückzuliegen scheint, das Judentum angeklagt wurde, so haben wir unsere Rechtfertigung nach außen gerichtet, wir glaubten durch Bcteuerungen und Versicherungen (deren Inhalt gewiß richtig und ehrlich war), etwas Entscheidendes tun und bessern zu können. Die Gefahr, daß w׳ir uns mit Diskussion und Argumentation nach außen begnügen, war groß; die Frage nach unserer inneren Erstarkung, Vor neuer Kabinettsberafung? London, 15. September. (JTA.) Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wird sich das englische Kabinett neuerlich mit der Palästina-Frage befassen. Die betreffende Kabinettssitzung wird voraussichtlich am Mittwoch, dem 16. September, stattfinden. Die Informationen über eine bevorstehende Pal3stinaberatunr» des englischen Kabinetts werden durch die ״Morn in g Pos t“ bestätigt. Die Zeitung weiß zu berichten, daß dem Kabinett ein Bericht des High Commissioner über die letzten von ihm geführten Verhandlungen voniegen wird. Palästinaverwalfung bereits in militärischen Händen? London, 1-1. September. (JTA.) Einer Meldung des Jerusalemer Korrespondenten des ״Daily Telegraph“ zufolge soll Generalleutnant J. ö. Dill die oberste Leitung der Palästina-Verwaltung übernehmen. Ich erfahre — schreibt der Korrespondent — daß Sir Arthur Wauchope bei einer Unterredung mit dem Obersten Arabischen Komitee gestern darauf aufmerksam gemacht hat, daß er von morgen an nicht mehr in der Lage sein werde, seine Bemühungen tim einen Ausgleich fort/usetzen, da die Zügel der Regierung dann in andere Hände übergehen würden. Dies wirc) als Hinweis daraut aufgefaßt, daß General Dill die Herrschaft im Lande übernehmeil wird, ________ nach der Selbst-Besinnung, schien sekundär. Jetzt sind wir — so wenig wir eine Auseiuanderset/ung mit der Umwelt über die Rolle des Judentums in der Geschichte und über die jüdischen Ansprüche von heute fiir belanglos oder überflüssig halten - - vor allen! auf unsere innere Weit verwiesen und können nur den Weg von innen nach außen gehen. Wem! die Schlaga: \on außen, wenn über uns geäußerte Urteile und feindliche Anschaumige.1 diese Wirkung auf uns haben, dann wird uns dieses Erlebnis zu einem Helfer der Wiedergeburt, und wir werden aus unseren Feiertagen mit einem Gefühl erhöhter jüdischer Wurde hervorgelien. Gesteigerte innere Kraft ist unsere einzige Stütze, wenn wir durch Zeiten äußerer Wirrnis und schweren Mißgeschicks hindurchgehen. Und fürwahr, die Rückschau, die sieh an jedem Xeiijahrstage als natürliches Bedürfnis aufdrängt, wird in den letzten Jahren immer trüber. Dem Leser dieser Zeitung, die sich wohl oft wie eine Unglücksduonik darhieten muß, braucht die Erinnerung an die verschiedenen Formen des jüdischen Leidens in dieser Zeit nicht an f gef risch t zu werden. Unsere jüdische Gemeinschaft steht in dieser Liebergangszeit, die mit vielen Zuckungen und vulkanischen Erschütterungen eine neue gesellschaftliche und geistige Ordnung vor/ubereiten scheint, überall in der Welt unter Druck und Bedrohung und verliert immer mehr von ihrem knappen Lebensraum, von den Grundlagen ihrer physischen Existenz. Wir speziell in Deutschland haben in den letzten vier Jahren die Probleme unseres jüdisehen Lebens gründlich neu durchdenken müssen. Wir haben — neben den tiefgreifenden materiellen Veränderungen .- vieles verloren, was für unsere Väter unentbehrliche seelische Basis war, und wir haben unser Lehen ganz neu ein richten müssen. Viele von uns mußten zum W a n d e r s t a b greifen; vor allem unsere Jugend, die völliger Ungewißheit gegcuühersteht, muß neuen Boden unter ihren Fußen suchen. Lin großer Teil dieser Jugend, und wahrlich nicht der schlechteste, hat verstanden, daß er sein persönliches Schicksal mit einer großen jüdischen Aufgabe verbinden muß, und daß es darauf ankonim!, aus dieser Zeit der großen Not ein W e r k z e 11 g d e s A 11 1' b a!1 e s für die :-ciiüpierische Netigebur{ des Volkes zu machen. Im letzten Jahre aber stand im Vordergrund unserer Sorge gerade das Land des jüdischen Aufbaues, gerade Palästina. Der Aufbau des jüdischen Lebens in Palästina war niemals eine leichte Sache, forderte initiier Einsatz des ganzen Menschen und von Gelen Einzelnen ()nfer und Verzichte persönlicher Art, die nur auf gewogen werden konnten durch das Bewußtsein eines Dienstes für eine Idee, an die man glaubt, in den letzten Jahren, in denen die früher auf einen kleinen Kreis beschränkten jüdischen Diskussionen die ganze Welt überschwemmt.-11 und I’alästina im Gegensatz zu manchen anderen Ländern als eine rettende Insel erschien, mögen manche vergessen haben, daß Palästina der vielleicht schwerste Punkt der jüdischen Front ist. Freilich, erleben wir anderswo Leiden des Niederganges mul der Zerstörung, so stellen wi־׳ in Palästina in den S c 11 m erzen der G e h u r t. So wie — und dessen iime zu werden, ist der Sinn des Neujahrsfestes — im einzelnen Menschenleben es nicht ohne Krisen, Kämpfe, Erschütterungen abgeht und so wie fiir den Einzelnen diese Momente, gemessen an dem Zustand Ungestörten Wohlbehagens, die fruchtbarsten sind, so könnte auch im Völkerlehen durch allzu glattes, materiell befriedigendes Fortschreiten nur Banales ent;'eilen. Konflikte, innere und äußere, müssen aiisgeknmpft werden. Die Verbundenheit mit Palästina, mit Zion, ist ein unzerstörbares Lebenselement des jüdischen Volkes, und an dem Feste, das den Namen ״Tag des Gedenkens“ führt und uns auch an unsere Volksgeschichte bis zurück in die entscheidenden Zeiten unseres geistigen Werdens erinnert, fühlen wir das Schicksal, das uns an dieses Land kettet. Wenn gerade jetzt Palästina hart u tn - kämpft wird, wenn wir mit banger Sorge den nächsten Wochen entgegensehen, so scheint cs uns, daß das jüdische Volk mehr als je sich klar machen muß, daß seine Existenz in einem mehr als materiellen Sinne hier auf dem Spiele steht Dieses Gefühl ist augenscheinlich;!#:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.