Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1936)
- Date
- 1936-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653990--29425-2690954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JOCHSCHE RUNDSCHAU NR. 71, 4. SEPTEMBER 1936 Judentum im U ebergang!. ״Judaism in transition“ (Judentum!in Ucbcrgang) ist der Titel eines Buches, das einer der geistigen Führer des amerikanischen Judentums, Mordechai M. Kaplan, soeben im Verlage Covici Friede in New York hat erscheinen lassen. Es ist die Fortsetzung des großen Buches Judentum als Zivilisation'1, das vor zwei Jahren erschienen ist und das, trotz des großen Echos, das es in Amerika fand, unter den europäischen Juden nach nicht genügend gewürdigt wurde. Das neue Buch bietet Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen und das geistige System zu würdigen, das Kaplan als neue Grundlage für das Judentum propagiert. Dieses Gedanken- System ist aus vielen Quellen gespeist worden: aus Aehad Haams Lehre von Palästina als dein Zentrum der Judenheit, aus der Erfahrung des lebendigen palästinensischen Judentums von heute, aus der Erkenntnis von dem kritischen Zustande des Judentums in der Diaspora, und vor allem aus der Philosophie John Deweys, dem ״Humanismus“, einer optimistischen, das Leben und die Gegenwart vertrauensvoil bejahenden Diesseitspliilosophie. All dies hat Kaplan in ein eigenartiges System eingebaut. Beim Lesen des Buches macht vor allem dies den stärksten Eindruck: Kaplan ist ein Mensch unserer Zeit, er hat die Realitäten dieser Zeit in allen ihren Formen auf sich wirken lassen und verlangt vom Judentum, daß es sich den Forderungen der heutigen Zeit stelle. Er sieht ein, daß mit dem Fortschritt der Technik, mit den politischen Umwälzungen der Nachkriegszcit etwas in die Menschheit hineingetan worden ist, daß sich die Seele dieser Menschheit verändert hat, und daß nun auch die Juden in dieser Zeit und diese Zeit an den Juden Fragen stellen, denen das Judentum standhalten muß, wenn es sich bewähren will. Das Zweite, was Kaplan bewegt, ist die Erkenntnis, daß keine der herrschenden Schulen diese Funktion zu erfüllen imstande ist. ״Weder die orthodoxe Auffassung des Judentums als einer übernatürlich offenbarten Religion, noch die reformistische Auffassung des Judentums als einer historisch entwickelten Religion kann den Juden heute helfen, ein Programm einer kollektiven Aktion aufzustellen, die das jüdische Leben vor dem Auseinanderfallen bewahren könnte. Ein solches Programm kann nur einer Ansehauung entspringen, welche das Judentum als eine umfassende Zivilisation verstellt, als den sozialen Rahmen einer nationalen Einheit, die in einem besonderen Lande wurzelt, einer kontinuierlichen Geschichte, einer lebendigen Sprache und Literatur, religiöser Bräuche, einer religiösen Ideologie, der Sitte, der Gesetze und der Kunst. Alle diese Elemente konstituieren zusammen eine organische Totalität. Ein einzelnes Element aus dieser Gesamtheit atislassen, bedeutet die Gefährdung aller übrigen Elemente.“ Man sieht schon aus diesen Worten der Einleitung, wo Kaplan hinsteiiert. Er will ein Judentum mit breiter Basis, alle Lebenshezirke umfassend. Dieses soll an Stelle des nur religiösen Judentums treten. Es ist klar, woher diese Auffassung stammt: Kaplan wendet den Zionis m us auf die Diaspora an und macht die paläütinensische Auffassung des Judentums auch zur Grund- Jage , der Oaluth. ln der Tat sieht Kaplan hierin die be-?ondere Bedeutung Palästinas. Denn weder kann nach ihm Palästina die Judenfrage lösen, noch ist es heute ein geistiges Zentrum. In dieser Beziehung hat er einen realistischen Blick, der sich angenehm von der üblichen schablonenhaften Ücberschätzung des geistigen Lebens in Palästina unterscheidet. Die Ucbcrsieillung nach Palästina bedeute noch nicht, daß dort sofort alle unsere guten Fähigkeiten sich zur Entfaltung bringen lassen. Darum genügt ihm Palästina allein nicht, vielmehr muß der Aufbau Palästinas eingestellt werden in einen umfassenden Rahmen der jüdischen Regeneration in allen Ländern. Die wahre Bedeutung Palästinas sieht Kaplan darin, daß dort das jüdische Leben ״für den einzelnen Juden ein Werkzeug seines diesseitigen Heiles wird. Der Zionismus war die erste Anstrengung, die darauf ah/ieite, das jüdische Leben zu einem Mittel diesseitigen Heils für die Voiksangehörigen zu machen. Durch die Wiederbelebung des Hebräischen macht der Zionistnus das jüdische kulturelle Erbe zu einem Mittel, die Bedürfnisse des heutigen Tages zu befriedigen.“ Dies ist das Ziel, welchem wir in der ganzen Diaspora zustreben müssen. Die Durchdringung des gesamten Lebens mit dem Judentum ist wohl eine Maximalforderting, die in ihrer Gänze nur in Palästina verwirklicht werden kann, aber in jedem Lande in dem mit den sonstigen Lebensmnstämlen verträglichen Hüchstmaß verwirklicht werden muß. Der lüde muß jode Phase seines Schöpfertums in den Dienst des jüdischen Lebens steilen. Dieses Programm ist an sich nichts Neues,!n den Auseinandersetzungen zwischen Zionisten und Antizionisten vor dem Kriege, besonders in Rußland, stellten die Gegner des Zionismus für die Diaspora die Forderung der Judaisierung des gesamten Lebens und bekämpften die zionistische Auffassung, weiche die Durchführbarkeit dieser Forderung außerhalb Palästinas verneinte. Auch in Deutsch-!and kämpfte damals Pritz Mordechai Kaufmanns ״Freistatt“ für das ״Alljmletihim“. Kaplan wirft den Zionisten vor, was ihnen die ״Alljudcn“ seinerzeit vorgeworfen haben: ..Obwohl der Zionismus die Notwendigkeit einer breiteren Basierung unseres Lebens als der nur-religiösen anerkennt, so ist er doch nicht imstande, die geistigen Bedürfnisse der jüdischen Gemeinde zu befriedigen. Er ist mit den schweren Problemen des Aufbaus des Nationalheims beschäftigt und kann daher seine Aufmerksamkeit nicht den Problemen des Diaspora-Judentums zuwenden. Die Dringlichkeit der Geld- Sammlungen für Palästina hat die zionistische Organisation Amerikas in eine Sammclagetihtr verwandelt. Selbst die Aufgabe, den Platz. Palästinas im Auibau des jüdischen Lebens verständlich zu machen, mußte der Zionismus an die Synagoge und die Schule abgeben.“ Kaplan verlangt die Eingliederung der zionistischen Arbeit in den umfassenden Rahmen gesamtjüdischer Betätigung. Fr sieht die Schwäche der heutigen jüdischen Organisationen und Institutionen darin, daß sie bloß einen Teilaspekt der alljüdischen Betatiming darstellen, aber so behandelt werden wollen, als stellten sie die Totalität dar. Er verlangt dem- .gegenüber eine umfassende jüdische Gemeinde, welche fünf Arien von Funktionen zu erfüllen haben wird: administrative, ökonomische, kulturelle, soziale, politische. 11. Soweit ist Kaplans Programm mit dem der ,.Alljuden״ lentisch. Was ihn aber diesen gegenüber abgrenzt, ist seine iemühung, diesem Alljudentum eine religiöse Bisis u geben und dementsprechend eine Philosophie der üdischen Religion zu schatten. Hier ist Kaplans igcntümlicher and beachtenswerter, aber — ich furchte — erfehfter Beitrag. Kaplan tat so sehr bezaubert ווסי der urch den Zionismus in Palästina herbeigeführten Sakulan- Neue jüdische Romane ״Ruth* heißt der neueste historische Roman von Saul Saphir. Es ist eine ״biblische idyllische“ Erzählung, 300 Seiten stark, und, wie alle Romane dieses Autors, bei all seiner begeisterten Traditions- und Geschichtstreue ein wenig kolportagchaft, allzu flüssig geschrieben, um Problemen Raum zu geben und eine eindringliche Psychologie zuzulassen. Unsere Großeltern haben dies Genre bei Georg Ebers ebenso begeistert Überstunden, wie ein großes amerikanisches Pubiikum, das jiddisch liest, jetzt mit Saphir initgcht. Aus dieser jiddischen Leserwelt ist Saphir nicht weg/udenken, und man soll trotz allein seinen immerhin auf positivstes Judentum gerichteten Einfluß nicht unterschätzen. Fr arbeitet auch historisch nicht systemlos, dem ״Rutlr-Roman ging ein ״König David“ voraus, von dem jetzt bereits eine zweite Auflage in zwei Pracliibäiulen vorliegt. Und vorher schrieb er und veröffentlichte mit teilweise großem Erfolg 11. a. einen ״Prinz von Aegypten“ (einen zweibändigen Roman um Josef und seine Brüder), ״Vierzig Jahre in der Wüste“, ״Die Tochter der Wüste“, ״Unseres Lehrers Mosciie Nachfolger“, ״Siinson der Held“, ״Zwischen Rom und Jerusalem“ (einen Roman um Rabbi Akiba und die Zerstörung des zweiten Tempels), ״Columbus der Jude“ (einer! Roman aus der spanischen inquisition) und, zürn Maimonidcs-Jubiiäuni, den ״Rambam, historischer Roman aus dem 12. Jahrhundert“. Zur Zeit ist Saphir auf einer Etiropareisc und schreibt über seine Eindrücke von der ״alten Heimat“, Polen, Litauen, Rumänien, Berichte für jiddische Blätter. ״Des Webers Tochter“ heißt der neueste, in Warschau erschienene Roman von S. S e g a 1 0 w i t s c h. Segalowitsch ist einer der beliebtesten jiddischen Romanciers Polens, er schreibt ein gutes, oft ffcines Jiddisch, er ist auf seine Art ein Virtuos der Romantechnik, er versetzt seine Figuren und romantischen Handlungen in ein modernes, mit betontem Realismus geschildertes Milieu, aber die Figuren selbst sind etwas schablonenhaft und die Handlungen haben einen Anstrich von Kolportage. . Die Heldin seines Romans, die Weberstochter, wird von einem reichen Jungen verführt. Fr ist der typische Don Juan der Phantasie, er scheint eigens geboren, um solche Weberstöchter zu betören, und sie bleibt sitzen. Sie ist Fabrikarbeiterin, es ist keine Kleinigkeit für sie, das Kind, das sie trägt, zur Welt zu bringen, aber liier im Roman ist es fast ein Vergnügen, mit solcher Kamerad- Schädlichkeit wird sie von ihren Kollegin neu und Kollegen betreut und umsorgt. Aus Mitleid heiratet sie dann einen Buckligen, eine Seele von Mensch, der sie seit seiner Kindheit vergöttert, der ganz rein und engelhaft selbstlos zu ihr ist. Und sic nimmt dann einen anderen, einen gesunden jungen Kerl, der natürlich bald schlecht zni ihr ist, und am Ende stirbt sie am gebrochenen Herzen oder besser, an einem Blutsturz. ״Das Haus auf dem Berg“ ist eirt Roman des jungen polnisch-jiddischen Dichters Sch. Horontschik. Seine Hauptfigur heißt Daniel Tow, der Familienname Tow kommt von Topf: Der UrurgrofSvater Daniel war Rabbi einer deutsehen Stadt, in deren Synagoge vorzeiten ein Topf mit Blut vor Pcßach hineingeschmuggelt war, die Blutbeschuldigung wurde erhoben, aber ein Wunder geschah, bei der Untersuchung erwies sich das Blut im Topf als rote Rübensuppe, und der Rabbi nannte sich fortan ״Topf“, woraus schließlich סרב Tow, wurde. Daniel ist der letzte Heberlebende einer großen, edlen Familie; krank, in Weltschmerz und Untergangsstimmung will er die Geschichte seiner Familie niederschreiben und beginnt es in dein ״Haus auf dem Berg“, das einem Deutschen l.emke gehört und wo Menschen verschiedener Nationen zusammen leben, in Not, Eiend und Leidenschaften und Lastern. Hier findet ilm die polnische Waise Wanda, überwindet ihr Vorurteil gegen den Juden, entdeckt und liebt den Menschen, zieht zu ihm, wird trotz seinem Widerstreben Jüdin, eine zweite Ruth, aber der Haß der polnischen Umwelt, weil die Polin mit einem Juden, und der jüdischen Umwelt, weil der Jude mit einer Christin zusanimenk'bt, verbittern ihnen das Dasein, Daniel wird arbeitslos, Wanda schwanger, um! tragisch endet ihr Leben. Die Grundstinuiiiing des von schönen lyrischen und moralischen Reflexionen erfüllten Romans ist trotzdem positiv und nicht pessimistisch. Horontschik sucht und findet hinter allem Trennern!«! der Nationalitäten, der rassischen und sozialen wie religiösen Unterschiede das allen gemeinsame Menschliehe in einer hohen, vergeistigenden und vergeistigten Liebe. Trotz dem tragischen Ausgang der Liebe ist doch ihr Beispiel gegeben und in eine Welt des Hasses nicht utopisch, sondern realistisch und gleichwohl symboikräftig hineingestellt. A. Rabois Roman ״Nenn Brüder“ ist in einem New- Yorker jiddischen Arbeiter-Verlag erschienen. Er ist weniger ein Roman als eine Familiengeschichte und weniger die Biographie der neun Bruder als eines von ihnen, der offenbar viele Züge seines Autors trägt. Die Familie kommt etappenweise nach Amerika, der Vater arbeitet sich mit drei Söhnen herauf, einer von den anderen Söhnen, die Hauptfigur, macht einen Streik mit, bekommt keine Arbeit mehr, gellt auf die Agrikiilturseliüle des Baron Hirsch, nmn vertraut ihm den Pferdestall an (in der Darstellung der Irmdlichen Arbeit und besonders der Tiere liegt Rabois Starke), und das finde ist auch hier ein Streik, die Eleven wollen sich nicht drillen lassen. Fs handelt sich um einen fenden/roman, das literariscli Wertvollste daran ist die miniitiioe, ungeniein naturalistische Schilderung der Agrikulturschnle. J. J. Singers Roman ״Die Brüder Aschkcnasi“, der bei seine 111 Vorabdruck in jiddischen Zeitungen Aufsehen erregte, Hegt jetzt «als Buch vor (Verlag fl. Brzaza, Warschau). Singer, der mit seinem, auch dramatisierten und von Morris Schwarz gespielten ״Joselie Kali»“ bekannt geworden ist, schildert hier den Auf.dicg und Niedergang der Industrie- Stadt Lodz, des ״polnischen Manelu-ster״. Lodz war vor etwa hundert Jahren noch ein winziges Nest, es hat seinen Aufstieg deutscher Technik und Organisation und jüdischem Industriegnst zu verdanken, und Singer erzählt das vom ersten Anfang an: in Planwagen kommen die ersten deutschen Weber mit ihren Webstuhlen, 11ml allmählich erst, dann aber in fieberhafter Geschwindigkeit waelot die Stadt empor. Der erste Teil des Romans, der das unheimlich rasche Wachsen des Textil/entrums zum Inliait hat, durfte der gelungenste sein. Der zweite Teil schildert die Kriegs- und ersten Nachkriegszeiten, der dritte die Zeit der konsolidierten polnischen Republik — den Abstieg des östlichen Manehester, und die Gefahr für den Erzähler bestellt hier darin, daß er in einem allzu chronikartigen Stil nachberichtet, was seinen Lesern ohnehin bekannt ist. Aber Lodz ist nur der groß.e Hintergrund des Werkes, und auch über die handelnden Personen ist nicht nur Positives zu sagen, ja Singer selbst, dessen ungemein skeptische, wenn nicht rnisanthrotusche Menschenbetrachtung aus ״Josche Kalb“ bekannt ist, hat seiner Vorliebe für bedenkliche Charaktere hier erst recht Raum gegeben. Unter seinen Hauptfiguren ist manche, deren Gemütsart ebenso kaufmännisch wie räuberisch ist, aber auch ein Kerl, der unter den Lodzer Kapitalisten der Titan und zu Haus bei seiner Frau geradezu erbärmlich ist, ganz schwarze Bösewichter, gerissenste Teufel und herrlich gerade, einfache Leute mit goldenen Herzen. Es ist also Schwarzweißmanicr, wobei allerdings Singers Talent mir in der Schwarzmalerei ganz erstaunlich und hinreißend ist. Vornehmlich aus diesem Grunde wird man seinen Roman nicht für ״die“ dichterische Darstellung von Lodz halten können. " h. siening, Y'erdiesseitigung des Judentums, daß er diese Di«- seitigkeit zum Prinzip einer neuen Entwicklungsphase unserer Religion machen möchte. Zwar wehrt er sich gegen das Miß- Verständnis, daß er das Judentum zu einer weltlichen Kultur herabsetzen möchte. Wohl habe er zu beweisen versucht, daß die gemeinsame Basis aller Juden ihre ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse seien, nicht aber ein besonderer Glaube oder ein System von Riten. Aber dies setze nicht den Wert der Religion herab,!in Gegenteil: sein Bestreben gehe darauf, dem jüdischen Leben jene allumfassende Einheit wiederzugeben, welche der jüdischen Religion so notwendig sei wie der Brennstoff der Flamme. So tritt er fiir eine Erneuerung jüdischer Religiosität ein, und er prägt das schöne Wort, die Religion der Propheten sei nicht Opium, sondern Dynamit. Diesen Charakter möchte er der jüdischen Religiosität wiedergeben. Wir haben im Judentum Deutschlands gesehen, wie der jüdischen Religion ihr Dynamit wiedergegeben werden kann. Rosenzweigs ,,Stern“, Cohens ,.Religion der Vernunft“ (von Lebenden zu schweigen) haben für uns die religiösen Grundbegriffe neu entdeckt. Wenn hier wirklich von Dynamit gesprochen werden kann, so vor allem deswegen, weil hier dem Skeptizismus der Gegenwart zum Trotz die religiösen Grundbegriffe Schöpfung, Offenbarung, Erlösung iß all ihrer Paradoxie he rausgestellt wurden und dadurch der Religion ein eigentümlicher Platz jenseits der Wissenschaft eingeräiimt wurde. Man kann der Religion diesen eigentümlichen Platz streitig machen, wie es Cohen selbst in seiner Jugend getan hat. Aber man muß wissen, daß dann kein Platz für das Judentum als Religion bleibt. Kaplan aber will beides: die Religion und den a 11esumfassenden philosophischen ״Humanismus“. So kommt er zum Begriffe einer Religion, in der mit Absicht all« Jenseitige, also auch Schöpfung, Offenbarung und Erlösung im religiösen Sinne ausgelösclit sind. Der Jenseitscharakter des Judentums ist nach ihm eine zeitgebundene Phase; er zeigt in den Aufsalzen über Maimonides und Mendelssohn, wie unsere Lehrer die Philosophie des Judentums immer wieder neu geschaffen haben, wenn die Zeit es forderte, und nimmt für unsere Zeit dasselbe Recht in Anspruch. Es ist schon gesagt worden, daß dieses Ernstnehmen der eigenen Zeit einer der sympathischen Züge des Buches ist. Aber wenn nun Kaplan meint, die Tat- Sache, daß das Judentum Maimonides zu seinem Klassiker Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, joachimsthafer Straße 4S-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde T«W*a Biimrtk 6506 Zmeodu■{ ■•dh •Uta Sudtuil*0 erhoben hat, beweise, daß das Judentum mehr ist als eine Philosophie des Lebens, nämlich seihst ein Stink Leben, mehr als Religion, nämlich Zivilisation, — so kann an der Richtigkeit dieses Schlusses ebenso gr/weifeit werden wie an der Parallelisierung von Philosophie und Religion, die er beinhaltet. Das Judentum erwies sich als relativ elastisch gegenüber philosophischen Deutungen, weil es eben mehr ist als Philosophie, weil es Glauben ist. Aber diese Elastizität gegenüber philosophischen Dentungen hat ihre Grenzen. Wenn etwa Kaplan die künftige Welt so uindeiitei: ״Sie ist für uns die Tatsache, daß durch menschliche Anstrengungen eine soziale Ordnung erreicht werden kann, weiche sowohl den Rechten des Individuums wie denen der Gesellschaft Gerechtigkeit widerfahren lassen wird“ und verlangt, daß wir entsprechend solchen Auffassungen rum die überlieferten Begriffe revidieren und einen neuen Begriff des Heils schaffen, so ist in dieser humanistischen Religion von Religion nichts mehr übrig geblieben. Kaplan geht von einer höchst zwo ifeihaftcn Auffassung des bisherigen Judentums als Jenseitsreligion aus. Es sei nur als Beispiel angeführt, daß danach angeblich der Mensch in keiner Weise auf das Kommen des Reiches Gottes einen Einfluß habe (S. IS). Als würde in unserem Schrifttum nicht immer und immer wieder betont, daß der Mensch Mit- Urheber der Erlösung sei, Kaplan denkt in Termini von entweder — oder (jenseits oder diesseits, Gott oder Mensch usw.), die in keiner Weise der religiösen Wirklichkeit entsprechen. Die Grundbegriffe des Judentums, wie etwa der der Erlösung, ließen sich so leicht säkularisieren, weil eben jene scharfe Trennungslinie zwischen diesseits und jenseits nicht bestand, wie denn auch andererseits die Heiligung des Alltags durch den Chassidismus, die Btibers Forschlingen in heiles Licht gesetzt haben, bei so scharfem Dualismus nicht möglich gewesen wäre. Wie sehr Kaplan die Grundbegriffe verzerrt sieht, zeigt seine Deutung der Auserwähltheit Israels als ״religiösen Imperialismus“ und seine Forderung, die darauf bezüglichen Stellen aus dem Oebetbuche zu streichen. So begrüßenswert sein Kampf gegen chauvinistische Tendenzen ist, so muß doch gesagt werden, daß Auserwähltheit doch vor allem ein Mehr an Pf liehten bedeutet, von ihm also falsch gedeutet wird. Der Kampf um eine Reinigung des Glaubens ist sicherlich sehr verdienstvoll und muß immer wieder von neuem geführt werden, aber er wird sinnlos, wenn dabei die Grundlage selbst preisgegeben wird. Wir sind so wohl m einer negativen Wertung der Kaplanschen Revision gekommen. Dennoch wäre es verfehlt, das Buch negativ einzuschätzen. Es ist ein mutiges und ein ehrliches Buch. Er hat es gewagt, die Fragen zu stellen, an denen wir nur allzu leicht Vorbeigehen, und hat sie von seinem Standpunkt aus rückhaltlos, kühn und konsequent zu beantworten gesucht. Damit hat er der Sache des religiösen Judentums «Uten großen Dienst erwiesen. Hugo Bergmann, Jerusalem