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Jüdische Rundschau · 1936-09-01 · Heft 70 (1.9.1936) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 70 (1.9.1936)
Date
1936-09-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 70, 1. SEPTEMBER 1936 1 i - ■׳■,•*Kr Wieder jüdische Todesopfer Terror und ausländische Vermittlung Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, 23. August Die Verschärfung des Terrors, die vor mehr als einer Woche einsetzte, hält unverändert an, und die Opfer häufen sich. Wenn eine Aendcrung zu bemerken ist, dann höchstens in den vervollkommnetcn Methoden der Terr o r i s t e n, die jetzt so geschickte Hinterhalte legen wie noch nie vorher, und dementsprechend genügende Opfer finden, die manchmal — wie bei der Ermordung des Orientaiisten der Hebräischen Universität, Dr. Billig — geradezu wie eine Ironie des Schicksal anmuten. Braucht es ein tragischeres Zusammentreffen als die Erschießung dieses unter den arabischen Wissenschaftlern bekannten Orientalisten mitten in seiner Bearbeitung alter arabischer Manuskripte? In allen jüdischen Kreisen steigert sich die Empfindung, daß die Lage völlig unerträglich geworden ist, mit jeder Stunde. Auch die besonnensten Elemente, die sich immer wieder bemüht haben, die objektiven Schwierigkeiten, die einer Liquidation der Unruhen im Wege stehen, richtig einzuschätzen und auf die Richtung der englischen Regierungspolitik einzugelicn, stehen den neuesten Proben der englischen Geduld, die verzweifelt Proben der Schwäche ähneln, fassungslos gegenüber. Nach der Ermordung der jüdischen Krankenschwestern in Jaffa, die die Regierung veranlaßte, die Straßen der Stadt bis auf drei Stunden am Tag zu sperren, schien cs, als ob diese sprichwörtlich gew׳ordcne Geduld des Oberkommissariats nun zu Ende sei und man sich irn vollen Sinne des Wortes entschlossen hätte, Gewalt gegen Gewalt zu stellen. Aber nach zwei Tagen kehrte Jaffa wieder zu dem Zustand zurück, der vor dem Schwesternmord dort geherrscht hatte, andere Morde an verschiedenen Stellen des Landes fanden statt, und es blieb im Grunde alles beim alten. Wenn auch in den Scharmiitzeln zwischen Militär und Rebellenbanden die Verlustzahlen der Araber in den letzten Tagen angeschwollen sind (45 in zwei Tagen getötet), so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß diese großen Verluste an der Terrorbewegung als solcher nicht viel ändern. Dezimierte Gruppen werden anscheinend immer wieder aufgefüllt, und es ist auch nicht das geringste Zeichen dafür vorhanden, als ob *die Waffen Vorräte im Lande geringer werden, obwohl Polizei und Militär dauernd Durchsuchungen veranstalten, Die Frage, die jetzt dauernd gestellt wird und in den letzten Tagen mit größerer Schärfe als je erscheint, lautet: Welche Mittel muß die Regierung zur Unterdrückung des Terrors anwenden, ohne sich wie bisher in Verordnungen zu erschöpfen, die dennoch keine wirklich wirksamen Aenderungen mit sich bringet?? Es werden in diesem Zusarhmenhang zwei Antworten gegeben, die eng miteinander Zusammenhängen: eine tatsächliche Anwendung der existierenden juristischen Gewalt und die Verhaugung des Kriegszustandes. Zum ersten Punkt ist zu bemerken, daß bisher so gut wie alle Verbrechen, die im Laufe der letzten vier Monate begangen worden sind, nicht entsprechend bestraft wurden. Es sind massenhaft Vcrhaftungen vorgenommen worden, in der Tat so viele, daß man sich manchmal fragt, wo denn diese Menschenmassen alle untergebracht werden. Es werden auch dauernd Leute zu fünf und sechs und sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, sowohl für illegalen Waffenbesitz als auch für Ueberfällc, Körperverletzung usv. Eine Bestrafung der Kapitalverbrechen jedoch, sei es durch lebenslängliches Zuchthaus oder Tod, ist bisher nur in einem einzigen Falle erfolgt. Entweder werden die Mörder überhaupt nicht gefaßt oder die Richter fällen milde Urteile, zum Teil so milde, daß sie ohne ״politische Motive‘‘ nur schwer zu begreifen sind. (Daß Juden, die illegal mit Waffen betroffen werden, ohne daß sie sich efwas zuschulden kommen ließen, auch fünf Und sechs Jahre bekommen, ist nicht gerade geeignet, die Gemüter zu beruhigen.) Es läßt sich kaum leugnen, daß der Ablauf der meisten Prozesse auffallend mit der Oesamthaltung der englischen Riditerschaft im Lande übercinstimmt, die sich bisher geradezu ein Vergnügen daraus gemacht hat, die Regierung vor der Bevölkerung bloßzustellen und ihre Unabhängigkeit dadurch zu dokumentieren, daß sie ihr Schwierigkeiten bereitete. (Man denke an die sensationellen Urteile des obersten Gerichts in der Frage der Zerstörung der Jaffaer Häuser und der KolleMivstrafe in Gaza.) Es gibt Ansichten im Lande, die für eine Unterdrückung Der 19jährige David Nishri, der sich vor zwei Tagen erst zum Ghaffir gemeldet hatte, wurde nachts bei Mot za schwer verwundet, als auf ihn und einen zweiten Ghaffir Schösse abgegeben wurden: sein Begleiter wurde leicht verletzt. Beide wurden ins Hadassah-Spital in Jerusalem eingeliefert, wo Nisliri seinen Verletzungen erlag. Nishri war gebürtiger Palästinenser, der Sohn eines Gymnastiklchrers aus Tel-Awiw, und studierte an der Hebräischen Universität. Vor dem Hadassah-Spital sammelte sich daraufhin eine jüdische Menschenmenge an. Zwei Araber schossen auf die Menge, jedoch ohne jemanden zu verletzen; einer der Täter konnte fcstgenommen werden. Wenige Minuten vorher wurde vor dem Edison-Kino eine Bombe auf einen jfidischcn Autobus geschleudert Im Zusammenhang damit wurden zwei Araber fcstgenommen. Zu diesen Vorfällen teilt das amtliche Communiqufi mit, daß auch eine Bombe auf eine Gruppe von Arabern geschleudert wurde; außerdem wurde auf zwei am Hadassah-Spital vorübergehende Ar;1her geschossen; einer wurde verletzt. Der Täter wurde als Jude bezeichnet Ein durch das Sharon-Tal fahrender Autobus war bei S a r 0 n a einem heftigen Kugelregen von beiden Seiten der Chaussee ausgesetzt Der Chauffeur Joseph Avner wurde durch eine Kugel sofort getötet während ein Mann und eine Frau durch eine zweite Kugel leicht verletzt wurden. Weitere Tote Nach einer Meldung im amtlichen Communique schoß eine Araberbande in der Nähe von ß e i s a n auf eine Eisenbahn-Patrouille, die das Feuer erwiderte, wobei ein Araber getötet wurde; außerdem wurden zwei Eisenbahn wacht er, die in die Nähe des Kampfplatzes gerieten, tödlich getroffen. Von den Soldaten wurde niemand verletzt. Sechs Araber wurden wegen unbefugten Waffenbesitzes verhaftet. Auf das Mcssegelände in Tel-Awiw wurden nachts Schüsse abgegeben, die von Polizei und Wächtern sofort erwidert wurden. Man fand dort einen toten Araber mit einem englischen Gewehr. In einer Hütte in Jaffa wurde ein Araber tot aufgefunden. des Terrors durch entsprechende Anwendung der bestehenden Prozcßvollmachten plädieren. Ihnen halten andere entgegen, daß dafür wenig Aussicht sei, da man die Schuldigen in der Regel nicht fange und selbst wenn man sie habe, auf keine wirklich scharfen Strafen rechnen könne, wie die Praxis gezeigt hat. Und deshalb, so wird weiter argumentiert, bleibe nichts anderes übrig als die Verhängung des Kriegszu- Standes. Das würde eine Beschleunigung der Prozesse oder auch den Uebergang der richterlichen Gewalt in andere Hände mit sich bringen, und die Terroristen würden einsehen, daß ihnen bei Weiterführung ihrer Aktionen ein bitteres Schicksal bereitet sei. Die Verfechter dieser Argumentation halten die Nachteile des Kriegszustandes für geringer als die der jetzigen, anscheinend nicht zu meisternden Situation, und stützen sich in ihren Beweisen auch auf die Ausführungen der großen englischen Presse, die ja nach den letzten Terrorakten auch gründlich die Geduld verloren hat. Wenn die Palästinaregierung die Absicht hat, das gegenwärtige Regime zu ändern und wirklich den Kriegszustand einzuführen, so läßt sie jedenfalls davon nichts merken. Im Gegenteil weist alles darauf hin, daß sie mit einer neuen Phase der Vcrhajidlungstaktik beschäftigt ist. Und diesmal führt sie stärkere Kanonen ins Treffen als je vorher. Zuerst hatte sie es mit den Führern der arabischen Parteien im Lande versucht: ohne Erfolg. Dann mit anderen lokalen Nota bc In: ohne Resultat. Dann mit einer groß angelegten Intervention des Emir Abdullah: mit dem Erfolg, daß wir eine bisher noch nicht dagewesene Terrorwelle im Lande durchlebt haben und durchleben. Jetzt werden die Häupter der umliegenden arabischen Länder in die Verhandlungen eingespannt. Im Schloß des High Commissioners in Jerusalem, im King David Hotel in der Hauptstadt, in den Büros und Residenzen der arabischen Führer gibt es seit einigen Tagen Konferenzen zur Beilegung der arabischen Sache. Der Außenminister von Irak ist in Jerusalem, man spricht von der Ankunft des Sohnes von 1 b n Saud oder an seiner Stelle eines M i - Im Jcbeliya-Viertcl in Jaffa fanden nachts schwere Schießereien statt; auch Bomben wmrden geschleudert. Es kam schließlich zu einem Gefecht mit Truppen, die, wie gemeldet wird, vier Araber getötet und zehn verwundet haben sollen. Ein auf der Grenze von Tel-Awiw verwundeter Araber ist seinen Verletzungen erlegen. In der Gegend von Jerusalem kam es zu einem Gefecht zwischen Truppen und einer bewaffneten Araberbande, von denen einer getötet und einer schwer verwundet wurde. In Jaffa explodierten fünf Bomben, eine davon in der Nähe des Gefängnisses; ein arabischer Strafling wurde getötet und zwei arabische Polizisten verwundet. Die übrigen Bomben, von denen eine auf das Bezirksamt geschleudert wurde, verursachten keinerlei Schaden. Beim Berge Tabor schoß eine Araberbande auf eine Militär-Patrouille. In dem darauf folgenden Gefecht wurden zwei Soldaten und 1׳ i 11 A r;1 her getötet und drei Soldaten verwundet. Iin Zusammenhang damit wurden später in dem Dorf F.ndor zwei Araber verhaftet. In der Jaffa-Straße iti j e r 11 s a I c m wurde ein Araber von einem Araber angesclioweu und schwer verwundet; er starb später im Krankenhaus. Der Täter konnte nicht gefaßt werden. Von der Polizei Nach einer Meldung im amtlichen Communique entdeckte man bei einer 1 )uichsuchimg einer arabischen Plantage bei Anja (Siidbez.irk) zwei Mills-Bomben. Sechs Araber wurden verhafte t. In dem arabischen Dorf Solan im Norden wurden sieben Araber wegen unbefugten Waffenbesitzes verhaftet. Au n i Bey Abdul 11a di, der Führer der Radikalen, wurde aus dein Konzentrationslngcr in Sarafend entlassen, und zwar, wie amtlich erklärt wird, aus Gesund 11 cits* r ü c k s i c h t c 11. Die Zeitung ״Hayarden“ ist auf einen Monat verboten worden. nisters des Königs von Arabien. Mail spricht davon, daß auch der Imam von Jemen sich tun die palästinensische Sache bemühe, kurz, die umliegenden arabischen Staaten bcginnen aktiv zu werden, um einen Ausweg aus der palästinensisthen Sackgasse zu suchen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Engländer diese Vermittlung protegieren, wenn nicht direkt veranlaßt haben und daß auch die arabischen Notabein diesem reuen Versuch, an dem sich auch wieder Transjordanien beteiligt, günstig gegenüberstehen. Welche Vorschläge in den Verhandlungen vorliegen, ist offiziell unbekannt. Es ist möglich, daß die Entlassung von 25 lnsassen des Konzentrationslagers in Sarafend, die gestern durch das Regierungsradio gemeldet wurde, mit diesen Verhandlungen im Zusammenhang steht. Es ist auch möglich, daß es sich einfach um Personen handelt, deren Zeit im Lager abgelaufen ist. Pie Regierung hat sich begnügt, dem Publikum die Tatsache in dürren Worten mitzuteilen, ohne Angabe von Gründen. Und das Publikum macht sich natürlich die Kommentare seihst. Für die Juden, die Tag für Tag die Opfer des Terrors begraben, liegt in dieser Entlassung aus Sarafend eine rechte Ironie, denn sie setzen sie naturgemäß mit diesen Opfern in Verbindung und fragen sich in abgründiger Bitterkeit, ob es ein gutes Mittel der Araber wäre, weitere Dutzende von Juden zu erschießen, um wieder 25 Führer fra/ubekoin men. Und die Araber kommentieren vermutlich!11 ähnlicher Weise, nur mit einem umgekehrten Vorzeichen. So wie sich die Dinge iin Lande entwickelt haben, wird man die Haltung und die Mnllnahmen der Regierung mir noch rein nach ihrem Fr folg und nicht nach ihren Absichten beurteilen!missen. Wir sind heute so tief im Wirbel des Kampfes verstrickt, daß wir weder Zeit noch Möglichkeiten haben, die Absichten der Regierung mit der nötigen Kühle und Objektivität ah/uscliät/cii. An den Resultaten gemessen aber hat diese R c gi e r u n g s p o I i t i k versagt. Bei den Flüchtlingen aus Hebron Ein großer Teil der zu Beginn der Unruhen am Hebron geflüchteten Juden ist in Jerusalem in einer Turnhalle untcrgcbrachl. Das Bild links zeigt einen Blick in die Halle; je 3*qm stehen jeder' Familie als Wohnraum zur Verfügung. Aus den Sprungmatten sind Lagerstätten her gerichtet worden. Das Bild in der Mille zeigt die Flüchtlingsküchc, das Bild rechts einige der Flüchtlingskinder. fot».: B.n G.vrioi, I

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