Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 69 (28.8.1936)
- Date
- 1936-08-28
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653988--29397-2690924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berlin, den 28. VIII. 1936 Jüdischen Rundschau" W Beilage der ״ 0־־)י־; WB ^ןך־־ ־־—fjj - TT 4. Jahrgang / Nr. 16 Maimonides und der Rabbi aus Deutschland Ais Rabbi Mose ben Maimon sein großes dreibändiges Werk ״More nebuchim", d. i. ״Führer der Unschlüssigen", beendet hatte, waren unter den Rabbinen und Schriftgelehrten nur wenige, die dieses großartige Buch verstanden und zu würdigen wußten. Maimuni nämlich war nicht nur in der Thora Gottes und den Schriften der Weisen wohlbewandert, er war auch ein großer Gelehrter in allen weltlichen Wissenschäften. In seinem ״Führer der Unschlüssigen" setzte sich Maimuni nun mit der Weisheit der Völker auseinander, was vielen der Rabbinen, die nur und ausschließlich in der Thora bewandert waren, schon frevelhaft dünkte. Einige aber waren auch darunter, die mißgönnten ihm seine große Berühmtheit, und diese waren es, die vorschlugen, man möge den ״More nebuchim" verbieten und seinen Verfasser mit Al I I IVl '(• * 1,! ין י I ו I . •י.1 Er zog ein Talmudbuch aus seinem Reisesack und lernte einen Abschnitt dem Cherem, dem großen Bann, belegen und ihn so ausstoßen aus der Gemeinschaft Israels. Nun waren sich die Rabbinen Spaniens aber doch nicht ganz eins in dieser schwerwiegenden Frage, und so sandten sie ein Sendschreiben an die Rabbiner in Deutschland, diese möchten zuerst den großen Bann über den Maimonides verhängen, damit es nicht heiße, aus Eifersucht und seiner überragenden Bedeutung wegen haben ihn seine Landsleute gebannt. — Als die Rabbinen im fernen Deutschland das spanische Sendschreiben lasen, waren sie über alles Maß verwundert und erstaunt, hatten sie doch bisher nichts als Lob und Ruhm des Maimonides vernommen, und nun sollten sie einen so weisen und frommen Mann mit dem Cherem belegen. Zuerst wollten sie das Ansinnen der spanischen Rabbinen einfach zurück weisen, dann aber kamen ihnen doch Bedenken, denn — sagten sie — es müssen doch wohl Gründe genug da sein, die die Frommen in Spanien verbittern; wir wollen selbst sehen und prüfen, auf daß uns keine Ungerechtigkeit unterlaufe, weder gegen den Maimuni, noch gegen die Rabbinen. So kamen sie denn dahin überein, einen Kundschafter in das heiße Spanien zu entsenden, und die Wahl fiel auf Rabbi M e i r. Er machte sich also auf, reiste viele Wochen über Land, bis er endlich in C o r d o v a, der Stadt des Maimuni, anlangte. Nahe vor der Stadt stand ein kühler Brunnen. Rabbi Meir wusch sich Gesicht und Füße, die von der langen Reise staubig waren, dann ließ er sich auf dem Rande des Brunnens nieder und verzehrte den Rest seines Reisevorrates: ein paar Datteln und Feigen und ein wenig Brot. Bevor er aber das Tischgebet verrichtete, zog er, nach Art der Frommen, ein Talmudbuch aus seinem Reisesack und lernte einen Abschnitt der mündlichen Ueberlieferung. Sodann machte er sich auf nach dem Hause des Maimonides, das ihm jedermann in Cordova zeigte, und begehrte bei dem Diener Einlaß. Der Diener des Maimonides jedoch wies den Gast ab mit der Begründung, der Rabbi speise eben zu Mittag und könne jetzt keine Besuche empfangen. ״Das weiß ich wohl", entgegnete Rabbi Meir, der auch in die geheimen Wissenschaften, gleich dem Maimuni, eingeführt war, ״ich weiß auch, daß Rabbi Mose eben Eier ißt — geh hin und sag ihm dies." Der Diener war sehr erstaunt über die Fähigkeiten des Fremden und erzählte sofort dem Maimonides den Vorfall. Der aber ließ sich nicht verblüffen. Er sandte den Diener zurück und trug ihm auf, den Fremden für den Abend zu Tische zu laden, und ferner ließ er ihm melden, er möge umkehren zu jenem Brunnen, an dem er gerastet, denn dort habe er sein Talmudbuch liegen lassen. Nun war es an Rabbi Meir zu staunen. Er erkannte, daß Maimuni ihm überlegen war in den geheimen Künsten und ging zurück an den Brunnen, wo sich das vergessene Buch fand. Als es Abend wurde, ging Rabbi Meir wiederum in das Haus des Maimonides. Nun aber eilte ihm dieser freudig entgegen, bot ihm den Friedensgruß und redete ihn sofort mit Namen an. Wieder staunte der Rabbi aus Deutschland über die Fähigkeiten seines Wirtes, denn er hatte seinen Namen in Cordova noch niemandem genannt, da er unerkannt bleiben wollte, um besser das Tun und Treiben des Maimuni und seiner• Feinde beobachten zu können. Als man sich zu Tische gesetzt hatte, wurde eine Speise aufgetragen, die ganz den Anschein hatte, als sei sie aus dem Fleisch eines unreinen Tieres zubereitet. Rabbi Meir gab vor, von der Reise zu ermüdet zu sein, um zu essen, denn er wollte den Maimonides noch nicht beschämen. Maimuni lächelte gütig und entließ den Gast früh zur Ruhe, hieß aber für den nächsten Mittag seinen Diener, ein Kalb zu schlachten, um ein Mahl zu bereiten, das des gelehrten Gastes würdig sei. Rabbi Meir schlich am nächsten Morgen, als man das Kalb aus dem Stalle führte, in den Hof, um zuzusehen, ob das Tier tatsächlich nur geschlachtet würde und nicht nach den besonderen Vorschriften der Ueberlieferung geschachtet. Und siehe: der Diener holte das Kälbchen aus dem Stalle und schlachtete es ohne weitere Umstände nach der Weise der Völker, ohne der göttlichen Gebote zu achten. Da erschrak Rabbi Meir sehr und sprach in seinem Herzen: ״Dieser Maimonides scheint zwar ein ungemein gelehrter Mann zu sein, nicht aber ein frommer. Ein Gelehrter, der sündigt, ist aber schlimmer, als einer, der die Gebote aus Unwissenheit Übertritt." Als man sich nun zum Mittagsmahle setzte, verweigerte Rabbi Meir abermals, Uebelsein vorschützend, jede Nah- * •I ' « '1 , «,I Der Diener des Maimonides jedoch wies den Gast ab