Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 67 (21.8.1936)
- Date
- 1936-08-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 67, 21. VIII. 1936 Volks- oder Höhere Schule? Julius Brodnitz’ Nachfolger Neue Leitung de■ ״Jüdischen Centralverein■“ Die ״C.-V.-Zeitung“ teilt mit: Nach Eintragung der neuen Satzung des ״C.-V* in das Vereinsregister ist die Leitung des Vereins vom Hauptvorstand neu gewählt worden. Vorsitzender wurde Rechtsanwalt I)r. 11 e r 1 f e I d (Essen), bisher Stellvertreter des Vorsitzenden. Die Herren Dr. Rudolf C a 11 m a ת n (Köln), Dr. Rudolf Geiger (Frankfurt a. M.), Ernst Wallach (Berlin), Dr. Bruno Weil (Berlin), sind wie bisher Stellvertreter des Vorsitzenden. Mit Zustimmung des Hauptvorstandes hat der Arbeitsausschuß zur Unterstützung der Geschäftsführung einen Beirat gewählt, der aus dem Präsidium und folgenden Herren besteht: Dr. Hans Fritz Abraham (Berlin), Dr. Kurt Alexander (Krefeld), Dr, Friedrich Brodnitz (Berlin), Dr. Franz Eugen Fuchs (Berlin), Dr. Erich Brv (Breslau), Dr. Otto Hirsch (Berlin), Dr. David Krombach (Essen), Karl Löwenstein (Aachen), Ferdinand Samoje (Berlin), Rabbiner Dr. Manfred Swarsenskv (Berlin). Zum Vorsitzenden des Vcrwaltungsaus- Schusses, der in dieser Eigenschaft an allen Präsidial- und Beiratssitzungen teilnimmt, wurde Alfred Panofskv (Berlin) wiedcrgewählt. Die geschäftsführenden Syndici Dr. Alfred Hirschberg mul Dr. Hans R e i c h rn a n n sind in der Eigenschaft als ermächtigte Syndici bestätigt worden. * Der neue Vorsitzende Dr. Herzfeld veröffentlicht einen langen programmatischen Leitartikel über die neue Lage, die sich nach der Namensänderung in ״Jüdischer Centralverein“, die jetzt ins Vereinsregister eingetragen wurde, ergibt. Herzfeld stellt zunächst ^est: ״Die politische Tätigkeit des ״C.-V.“, die vor dem 30. Januar P)'J3 im Vordergründe Kranken •Versicherung Günstigste Tarife / Zuverlässige Beratung Dhilinn bcrlin־w ilmerrdorf W~ 1111B Brandenburgische Str, 22 / J 2 Oliva 7443 Mitgl. d, Jüd. Gern. Günstigste Angebote für Versicherungen aller• Ar stand, ist vollständig eingestellt. Ihre Fortsetzung wäre nichts als eine Doniiuichoterie gewesen." Er erklärt dann, die Haltung des C.-V. zur Umwelt habe sich stark gewandelt, betont die positive jüdische Haltung des C.-V. und beschäftißt sich mit einer Abgrenzung gegen den Zionismus. Der jetzige C.-V. bejahe Palästina und Auswanderung, aber er betrachte sich als ״Vertreter des Diasporagedankens“, Es sei nicht zulässig;, ״alles auf eine Karte zu setzen“, aber es sei auch unrichtig, daß die* Diaspora nichts schöpferisch Jüdisches geleistet hat. Schließlich nimmt der Verfasser zu den Plänen dos Council for German Jewrv und zum Programm der H e i c h s v e r t r e t u n g Stellung Und erklärt, dem C.-V. sei das wichtige Gebiet (der ״rechtlichen, wirtschaftlichen und seelischen Betreuung der in Deutschland lebenden Juden“) ״zugeteilt“ (von wem wird nicht gesagt). Numerus clausus Sür Aerzte in Cypern Jerusalem, August. (jTA.) Die Regierung in Cypern hat ein Gesetz über die Zulassung von A e r z t e n erlassen, das einen Numerus clausus in der Weise vorsieht, daß der Gouverneur jeweils am Ende eines Jahres die Zahl der irt den einzelnen Vierteljahren des folgenden Jahres zuzulassenden Kandidaten festsetzt: wenn die Ztilassungsgesuche diese Höchstziffer übersteigen, kann der Medical Council die Kandidaten einer Prüfung unterziehen und unter ihnen eine Auslese treffen. Damit ist die Regelung der Zulassurig von Aerzten in Cypern analog der in Palästina erfolgt. Auch in Cypern soll der Zustrom ausländischer Aerzte eingedämmt werden, __ Council-Sitzung der Wizo. Vom 25. bis 28. August findet in Zürich die Council-Sitzung der Wizo statt. Es werden Vertreterinnen der Exekutive in Palästina, der Zentralstelle in London und Vertreterinnen fast aller Föderationen der angeefhloswnen 44 Länder anwesend sein. Es werden Referate gehalten 11. a. über die zukünftige Wizo-Arbeit in Palästina, über Propagandamul Kulturarbeit in der Galuth, über die Auswahl der Schülerinnen für die Wizo-Institutioncn in Ercz Israel. (In den midisten Wochen gehen wieder etwa 50 Mädchen aus Deutschland auf Wizo-Zertifikate nach Palästina.) Die Frage der weiteren Entwicklung des jüdischen Schulwesens ist durch den Beschluß der Berliner Jüdischen Oemeinde zur Schaffung einer höheren jüdischen Schule in Berlin erneut Gegenstand der Diskussion geworden. Dia nachstehenden Ausführungen beschäftigen sich mit der grundsätzlichen Haltung in dieser Frage und betonen mit Recht die soziale Seite des Problems, durch die bestimmte Grenzen und Richtlinien gegeben sind. Auf der anderen Seite darf nicht verkannt werden, daß die Gefahr bestellt, daß das höhere jüdische Schulwesen in erheblichem Umfange in private Hände gerät, so daß ein Schultyp vorherrschend wird, der ohne genügende Kontrolle durch die jüdische Oeffentlichheit den Anforderungen an die jüdische Haltung nicht genügt. Wenn daher die Berliner Jüdische Gemeinde nunmehr die Schaffung einer eigenen höheren Schule angekündigt hat, so kann dieser Schritt insofern begrüßt werden, als dadurch eine Schule ins Leben gerufen wird, von der wir hoffen und erwarten, daß sie den berechtigten Forderungen der jüdisehen Fundierung und jüdischem Geist in allen Teilen des Unterrichts gerecht werden wird. Betont muß naturgemäß auch fetzt mit allem Nachdruck werden, daß unter den gegebenen Umständen nur eine kleine Auswahl wirklieh besonders begabter Kinder die höhere Schule besuchen sollte, wenn nicht die Zukunft der Jugend unnötig erschwert werden soll. (Redaktion) Durch die Mitteilung von der bevorstehenden Gründling einer höheren jüdischen Schule seitens der Jüdisehen Gemeinde in Berlin wird eine Frage angeschnitten, deren endgültige Beantwortung noch einer ausführlichen Erörtcrung bedarf. Es ist in der vergangenen Zeit in der ״Jüdischen Rundschau“ mehrfach über die Bildungsaufgabe der jüdisehen Schule in Deutschland gesprochen worden. Nach zionistischcr Auffassung besteht die wesentlichste und dringlichste Aufgabe der jüdischen Schule in der Uebermitlhmg jüdischer Ku I tu rw׳ e rt e. Die jüdische Jugend in Deutschland bringt in ihrer großen Meltrzahl in allen jüdisehen Dingen nichts oder nur äußerst wenig vom Eltemhausc mit. Die Schule hat auf allen Gebieten die Aufgabe, von vorne aufzubaueti und steht daher, abgesehen von allen anderen Schwierigkeiten, vor einer im Rahmen einer achtklassigen Volksschule schon quantitativ kaum zu bewältigenden Aufgabe. Dazu kommt, aaß es nicht unsere Absicht ist, europäische Bildungs werte aus der Erziehung unserer Jugend auszuschalten. Grundsätzliche und praktische Erwägungen fügen daher dem zentralen jüdischen Bildungsstoff eine große Reihe anderer Stoffgebiete allgemein geisteswissenschaftlicher, naturwissenschaftlicher und künstlerischer Art hinzu. Die jüdische Volksschule von harte leidet häufig an einer ungeheuren stofflichen Ueberlastung, wenn wir bestrebt sind, alle Aufgaben auch nur annähernd zu erfüllen. Diese Situation läßt cs als ratsam erscheinen, die auf acht Jahre bemessene Zeit der Volksschule um einige Jahre zu verlängern, wenn wir Anspruch darauf erheben wollen, eine abgerundetere, der jüdischen geistigen Lage entsprechende Bildung zu übermitteln. All 'dem eben Gesagten steht nun eine andere Erkenntnis gegenüber. Die die ganze bisherige Diskussion bewegende Auffassung der Bildimgsaufgaben der jüdischen Schule entstammt einer im Sozialen und ihrer geistigen Kultur nach bürgerlichen jüdischen Welt. Bis heute ist das Bildungsniveau der Juden in Deutschland infolge ihrer anormalen sozialen Lage in der Vergangenheit höher, als cs in einer normal geschichteten Gesellschaft zu sein pflegt. Daher ist es zu erklären, daß wir heute gewöhnlich die allgemeine Bildungsaufgabe der jüdischen Schule in einer geistigen Schicht suchen, die bei anderen Völkern und in anderen Gemeinschäften nur die Bildungsschicht einer engeren Auswahl darstellt. Nun befindet sich das Judentum in Deutschland seit mehreren Jahren in einem im Tempo sieh immer mehr hesehieunigenden Niedergang. Ein großer Teil der Jugend, und nicht nur der, der nach Palästina übersiedelt, ergreift freiwillig oder gezwungen Berufe, die von körperlicher Arbeit bestimmt werden. Wir stehen in einem Umschichtuugsvorgang, der zweifellos das Judentum Deutschlands von der einstigen Höhe seiner bürgerlichen Existenz zu einem wesentlichen Teil in tiefere, um ihre materielle Existenz ringende Schichten zurückführt, gleichgültig ob es sich um die Zukunft der jüdisehen Jugend aus Deutschland in Palästina oder einem anderen Lande handelt. Die Erziehung einer Jugend, die sich auf einen körperliehen Beruf vorbereitet, nicht mehr in bürgerlichen Elternhatisern eine sozial gesicherte Existenz hat und die in der Zukunft ein Leben harter körperlicher Arbeit führen wird, muß anders sein als die Erziehung einer b ü r g e r 1 i c h en Jugend. Ein großer Teil der jüdischen Jugend, vor allem die zionistische und chaluzische, sieht in dieser Entwicklung nicht einen Fluch, sondern sie bcsehrcitet diesen Weg, der ihr heute durch die geschichtliche Entwicklung aufgezwungen wird, in freier Erkenntnis und mit bewußtem Willen. Die Rückkehr zur körperlichen Arbeit, die Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens des jüdischen Volkes sind ihr nicht nur durch die Geschichte aufgezwungene Tatsachen, sondern Ideale, die sie selbst d a zu verwirklichen strebt, wo sich andere, leichtere Znkunftsmöglichkeiten bieten. Diese Jugend kann und will nicht bildungs- und kulturlos sein, aber sie wird darauf verzichten müssen, eine so differenzierte Bildung zu erwerben wie diejenigen, die einen geistigen Beruf erwählen. Sind wir einmal zu der Erkenntnis gelangt, daß der Uebergang zur körperlichen Arbeit das Schicksal und auch gleichzeitig die Aufgabe der jüdischen Jugend bedeutet, so müssen wir mit dieser Erkenntnis Ernst machen. Wir müssen utis davor hüten, aus alter Tradition für unsere Jugend einen Bildungsweg zu erstreben, der keine Berechtigung mehr in der Gegenwart besitzt. Erziehen w׳ir heute in der Schule Menschen, die dieselben geistigen Ansprüche stellen wie eine Generation, die nach dem Ende ihrer Schulzeit vorwiegend Studenten oder Kaufleute wurde, so bereiten wir schwere Konflikte vor, wenn diese jungen Menschen nun ihrer Aufgabe als körperlich arbeitende Menschen gerecht werden sollen. Aus all dem eben Gesagten geht hervor, daß der all• gemeine Typus der jüdischen Schule in Deutschland die Volksschule sein muß. Bei der körperlichen und seelischen Struktur der jüdischen Jugend in Deutschland ist es allerdings zweckmäßig, der achtklassigcn Volksschule noch ein neuntes und zehntes Schuljahr anzugliedem, damit die Jugendlichen nicht zu frühzeitig, körperlich unentwickelt und seelisch ungereift, in das Berufsleben oder die Bcrufsvorbercitung einfreten; aber ein solches 9. und 10. Schuljahr kann nicht die Absicht haben, zur höheren Schule zu führen, sondern muß im Gegenteil bereits bestrebt sein, den Uebergang zur Arbeit in der Schule schon vor zubereiten. Nur in ganz besonderen Fällen darf es heute berechtigt erscheinen, jüdische Kinder höhere Schulen besuchen zu lassen, oder gar ein Abiturium und Studium zu erstreben. Das darf nur der Weg einer wirklichen Auswähl von Begabten sein, an die strenge Maßstäbe der Bewährung gelegt werden müssen. Die höhere Schule muß daher eine Ausnahme sein, und es ist wichtig, daß sie eine Form besitzt, die eine wirkliche Begabtenauslese zuläßt. Das scheint nun ersthaft nur in dem Typus der Aufbausch ule gegeben zu sein, der nach einem gemeinsamen siebenklassigen Unterbau erst im achten Schuljahr die Gabelung von Volksschule und höherer Schule bringt. Hiermit hat das deutsche Schulwesen einen Schultypus geschaffen, der, von uns übernommen, am besten unserer heutigen Situation gerecht wird. Leider entspricht auch auf diesem Gebiet die heutige Wirklichkeit noch keineswegs unserer Forderung. Ein großer Teil der jüdischen Eltern versteht die Lage des Judentums in Deutschland nicht und verschließt sich aller Einsicht. Sie sind, wo immer die geringste wirtschaftliche Möglichkeit bcsteht, bestrebt, ihren Kindern denselben Bildungsweg zu geben, den sie einmal gegangen sind. Gewöhnlich entspricht dieser Wunsch nicht dem wirklichen Streben nach vertiefter Bildung, sondern dem alten jüdischen ״Ideal“, die Kinder etwas ״Besseres“ werden zu lassen. Der Gedanke, daß die Berufsumschichtung und der Uebergang in körperliche Berufe eine Schicksalsfrage unserer Jugend ist, ist einem nicht unerheblichen Teil jüdischer Eltern auch heute noch, zum mindesten, wenn es sich um die eigenen Kinder handelt, fremd. Die Existenz privater höherer jüdischer S c 11 u * len, die sich, unbeeinflußt von der Kontrolle durch die Gemeinschaft, den Eltern anbieten, erleichtert diesen Weg. Diesem Zustand müssen wir ein Ende bereiten. Wir müssen bestrebt sein, die Volksschule auch dort durchzusetz.cn, wo die soziale Tradition beharrlich bestrebt ist, alte Wege zu gehen. Wo wir von diesem Grundsatz alnveichen und die höhere Schule begehen, muß sie eine Auslese der Begabten darstellen, die dort eine vertiefte jüdische und allgemeine Bildung erhält. Nur wenn es uns gelingt, eine solche Planung in unser Schulwesen zu tragen, wird die jüdische Schule in Deutschland dazu beitragen können, die jüdische Jugend zu befähigen, den Weg zu beschreifen, den sie aus Not und Aufgabe gehen muß. Hans Gärtner Eine Jüdin in der Stier-Arena Bertha Singermann, die ״Düse“ Latein - Amerikas Von C. Z. K 1 o e i z c I, Jerusalem Unter den zahlreichen Fremden, die Spanien Infolge des Bürgerkrieges fluchtartig verlassen haben, beiindet sich auch die berühmte jüdische Üiseuse B e r t h a S 1 n g v r m a n n, die gerade ihre führliehe Tournee durch Spanien anlreten wollte. Der Verfasser schildert eine Begegnung mit ihr in Mexiko. ״Wie, Sie haben noch nie einen Öticrkampf gesehen?“ fragte mich mein Tischnachbar in der Pension in Mexiko- City. ״Dann erlauben Sie mir, Sonor, daß ich Sie heute nachmittag dazu einlade. Ls geht nicht an, daß Sie so lange in unserer Stadt leben, ohne das Beste gesehen zu haben, das wir unseren fremden Gästen bieten können.“ Ich wäre aus freien Stücken nie zu einem Stierkampf egangen. Aber die Einladung eines Mexikaners ablehnen, ieß ihn tödlich beleidigen. Also ging ich mit ihm, zum erstenmal in meinem Leben, in die Stier-Arena. Sie war ein mächtiger Raum, der wohl an die 10 000 Menschen faßte, und sie war bis zu den höchsten Reihen gefüllt. Nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen und Kindern; manche Familien hatten sogar ihre Hunde mitgebracht. Und diese Tausende schmolzen zusammen zu einem blutgierigen, tobenden Wesen, svenn dort unten der Stier den alten, blinden Kleppern der Picadores den Bauch aufschlitzte und der Torero die kurze, blitzende Klinge seinem vierbeinigen Gegner in den Nacken stieß. Nach dem zweiten Stier war mir so übel, daß_ ich aus der Arena flüchtete. Mein Gastgeber merkte es in seiner Begeisterung erst, als die Corrida zu Ende war. In seinem Herzen schalt er mich sicherlich einen Feigling. Aber da mir die Sache nun einmal nicht gefallen hatte, befahl ihm seine mexikanische Höflichkeit, mich zu entschädigen. ״Nächsten Sonntag werden wir wieder in die Arena gehen . . .“ ״Nie wieder!“ schrie Ich. ״Doch! Doch! Sie werden gehen? Nächsten Sonntag findet kein Stierkampf statt. Da deklamiert in der Arena die größte Künstlerin spanischer Zunge. Die Eleonore Düse Latein-Amerikas! Und Sie müssen, sie hören! Sie ist göttlieh! Außerdem ist sie Ihrer Nationalität. Bertha Singermann ist Jüdin.“ Es waren nicht 10 000 Menschen in der Arena wie vorige Woche beim Stierkampf, aber immerhin die Hälfte dieser Zahl war gekommen, um die ״Düse Latein-Amerikas“ zu hören. Welch ein seltsames Publikum! In der Diplomatenlöge saßen die Gesandten der südamerikanischen Staaten, soweit in ihnen Spanisch gesprochen wird. Auch der spanische Botschafter war anwesend. Neben Calles, dem damaligen Präsidenten der Republik Mexiko, sah man die Hünengestalt des Malers Diego R i v e r a, Sohn eines Indianers und einer Jüdin unei Schüler des jüdischen Malers Picasso. Fast alle Minister waren da und die Professoren der Universität. Aber diese ״Prominenten“ bildeten nur eine winzige Gruppe in der riesenhaften Menge, die zum größten Teil aus den Arbeitervierteln der Stadt gekommen war. Wieder mit Kind und Kegel, nur die Hunde hatten sie diesmal zu Hause gelassen. Unten in der Arena war ein kleines Podium errichtet, zu dem ein paar Stufen hinaufführten. Plötzlich öffnete sich die Pforte, aus der am vergangenen Sonntag die Stiere hervorgestürzt waren. Sofort wurde es totenstill. Mit einem Ruck erhoben sich alle Männer in dem riesigen Raum, vom Staatspräsidenten bis zum ärmsten Peon, und zogen mit einer großen Geste ihre Hüte. Mit dieser Höflichkeit des ״eaballero“ grüßten sie die zarte Frauengestalt, die aus der Stierpforte trat und die Stufen zum Podium emporschritt. Erst als sie dort oben stand und sich gegen das Publikum verneigt hatte, nahmen die Männer wieder ihre Plätze ein. Bertha Singermann ist eine kleine, zierliche Frau, aber ihre Stimme tönt wie eine gewaltige Glocke. Schon die ersten Worte, die sie sprach, schlugen die Zuhörer völlig in ihren Bann. Ich selbst verstehe Spanisch nicht, aber allein der Ton dieser wundervollen Stimme, ihre Modulation, ihr An- und Abschwellen vermag zu faszinieren. Sie rezitierte stundenlang, und ich wurde ebensowenig müde, sie zu hören, wie einer von den Tausenden um mich, deren Sprache sie redete. Will man ganz die fast religiöse Leidenschaft verstehen, mit der die Menge ihr lauschte, so muß man wissen, mit welchem Stolz una welcher Liebe noch der ärmste, analphabetische mexikanische Arbeiter oder Bauer an seiner Sprache hängt und wie noch in den einfachsten Menschen ein natürliches Oefühl für ihre Würde und Schönheit lebendig ist. Gut Spanisch zu sprechen ist der beste Empfehlung*- brief für einen Fremden in diesem Land. Und wer diese Sprache so bis ins letzte meistert wie Bertha Singermann, sie so zum Klingen zu bringen vermag wie diese kleine, zierliche Jüdin, den liebt das mexikanische Volk mit einer Leidenschaft sondergleichen. Das kam auch bei dieser Gelegenheit in bezeichnender Weise zum Ausdruck. Mitten während der Darbietung begann ein plötzlicher Tropenregen, der alles auf die überdachten Treppen trieb. Er hielt fast eine Stunde an, aber fast niemand verließ die Arena. Als die Singermann wieder aut das Podium steigen konnte, hatte sich die Luft stark abgekühlt. Und nun warfen die Männer ihre Jacken in die Arena und die Frauen ihre Mantillen, lind das Publikum ließ die Künstlerin nicht eher beginnen, als sie sich «licht in eines der Tücher gehüllt hatte , . , * Am nächsten Tage besuchte ich Bertha Singermann in ihrem Hotel. Wir führten unser Gespräch auf — J i d d i s e h. Denn sie ist in einem kleinen jüdischen Städtchen im ehemaligen Russisch-Polen geboren und hat die Sprache ihrer ersten Kinderjahre nicht vergessen. Ihre Eltern wanderten unmittelbar nach dem Kriege nach Argentinien aus, und dort auf der Schule lernte sie Spanisch. Raki verging keine Schulfeier, auf der nicht das kleine Judenmädel in der Sprache ihrer neuen Heimat rezitierte. Heute ist sie die anerkannt größte Sprechkiinstlerin spanischer Zunge. Das ganze Jahr über reist sie von einem Land zum andern. Von Mexiko bis zur Südspitze Chiles füllt ihr Name die Arenen, Theater und Vortragssäle. In Cuba sind wochenlang vor ihrem Auftreten alle Plätze ausverkauft. Und mehr als einmal hat man sie nach Spanien eingeladen, und die stolzesten Hidalgos haben zu Füßen dieser kleinen Jüdin gesessen, die Cervantes und Lopez de Vega schöner zu sprechen weiß als irgendein Mensch iberischer Zunge. Sie ist deshalb keine Latein-Amerikanerin oder Spanierin geworden, sondern ist eine Jüdin geblieben. Auch hat sie keinen Nachkommen der Ritter des Cortez geheiratet, sondern einen einfachen Herrn Singermann. Und wenn sic das ganze Jahr über die Glocke ihrer wundervollen Stimme hat auf Spanisch tönen lassen, geht sie nach New York, und die ganze East Side, Bronx und Brooklyn, füllen den größten Saal der Stadt, Madison Square Garden, bis an die Decke, um Bertha Singermann rezitieren zu hören. Nicht Cervantes und Lopez de Vega, und nicht auf Castellanisch. Sondern Schalom Asch und Perez und Scholem Alejchem. Und in der Sprache, die Bertha Singermann gesprochen hat, ehe sie die ״Düse Latein-Amerikas“ wurde. Auf ״Mimmedoschen",