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Jüdische Rundschau · 1936-08-14 · Heft 65 (14.8.1936) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 65 (14.8.1936)
Date
1936-08-14
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Berlin, den 14. VIII. 1936 0י Beilage der ״Jüdischen Rundschau" . - "׳־ןו ןו ־"־---.—— 4. Jahrgang / Nr. 15 — Brara Die Geschichte einer Orange Es wurde Herbst, und der Regen kam. Ich hing mit meinen Schwestern zusammen am Baum, und wir schüttelten die blinkenden Tropfen ab. Nein, die Sonne ist doch viel schöner gewesen! Wir schwatzten miteinander allerlei, doch immer wieder kreisten unsere Gedanken um den einen Punkt: Die große Reise! Wir hatten gehört, daß wir weit, weit tortfahren würden, wußten aber auch, daß nicht alle mitkommen konnten, und eine große Angst war in uns: Wer wird nicht mitfahren? Damals waren unsere Kleider noch dunkelgrün, genau wie die Blätter, aber dann bemerkten wir, daß sie heller und heller wurden. Und eine Schwester, die hoch oben hing, hatte schon einen ganz gelben Schimmer in dem vormals so grünen Röckchen. Ach, beneidete ich sie! Ueberhaupt, ich war gar nicht mit meinem Los zufrieden, ich kam mir so klein und unbescheiden vor gegen viele meiner Schwestern. Mein Kleid war glatt, sie hatten so viel Falten und Fältchen und groß waren manche! Und oft doppelt so dick wie ich! Sie waren natürlich sehr stolz und würdigten uns arme kleine Dinger nicht eines Blickes. Und immer wieder pladderte der Regen auf uns herab, und uns kam es vor, als ob er jedesmal etwas mehr grüne Farbe von uns abwasche; allenthalben schimmerten wir schon golden. Doch eines Tages war es um unsere Ruhe geschehen. Ein großer Trupp lärmender und fröhlicher Menschen kam in den Orangengarten und betrachtete uns kritisch. ״Viel Brara“ hörten wir sagen. Brara? Was war denn das? Es lag so viel Verachtung in dem Ton, daß wir einen tüchtigen Schreck bekamen. Was mochte es heißen? Die Jungen schleppten viele Kisten herbei, mehr und immer mehr, so daß sie sich zu hohen Bergen türmten. Ein Mann, der alle übertönte, Menahel (Aufseher) wurde er genannt, gab den Mädchen Scheren. Dann fingen sie an uns abzuschneiden. Schnell füllten sich Kisten und Kasten. Jetzt kam unser Baum an die Reihe, ich zitterte vor Angst. Die Pflückerin nahm eine meiner schönen großen Schwe- Stern, ach, würde die aber bewundert werden! Aber wieder hörte ich nur voll Verachtung sagen: Ist das aber Brara! Und jetzt ergriff man mich. Au! Das tat weh! Und dann lag ich zusammen mit den andern in der Kiste. Meine Nachbarin weinte leise vor sich hin, ihr Kleidchen zeigte lauter feine Risse, aus denen das Blut tropfte. Da kam der Menahel, er griff einzelne meiner Schwestern heraus und besah sie kritisch, so auch meine Nachbarin. Als er das Blut bemerkte, rief er die Pflückerin zurück und ließ sich ihre Fingernägel zeigen. ״Die sind zu lang“, meinte er, ״das macht Brara, sieh nur hier!“ Damit zeigte er auf mein Schwesterchen, das er noch in der Hand hielt. Brara, immer wieder dieses Wort, das uns mehr und mehr Angst einflößte. Der Menahel paßte dann auch noch auf, daß wir behutsam in den Korb gelegt wurden, und daß die Mädchen uns nicht warfen oder stießen. Ja, sehr gut wurden wir behandelt, dagegen läßt sich nichts sagen. Die Jungen trugen uns dann in unsern Kisten zum Weg, und von dort ging es in lustigem Trab mit Pferd und Wagen zum großen Packhaus. Ein Berg Orangen türmte sich dort schon vor uns auf. Manche waren noch ganz grün, andere wieder glänzten schon golden. Da lagen große und kleine, längliche und runde in buntem Durcheinander. So viele, so viele, ich hätte mir nie in meinem Leben träumen lassen, daß es so etwas gäbe! Die Wände des Packhauses waren mit Sackleinen bespannt, der Fußboden mit Strohmatten ausgelegt und die Ecken mit RoP len aus Holzwolle gepolstert. Vorsichtig wurden wir aus der Kiste genommen und auf den Berg gelegt. Leise flüsterte mein Schwesterlein mir zu: ,,Mich sticht etwas ganz entsetzlich, was soll ich nur machen, ich kann mich doch nicht rühren!“ Ja! da war guter Rat teuer, bei ihrer Nachbarin war der Stiel srHMo« fSCH4k«N Q nicht genügend kurz abgeschnitten worden, jetzt stach er meine unter ihm liegende kleine Schwester, daß sie blutete. Doch Qott sei Dank bemerkte es der Junge, der die Kistert ausleerte, und schnitt ihn ab. Dann nahm er mein Schwesterchen, besah es und meinte bedauernd: ,,Auch Brara!“ Eilt zweiter trat hinzu und fragte: ״Was heißt denn das eigentlich, ,Brara’?“ Der andere lachte: ״Na, du scheinst auch noch nie beim Kalif (Orangenernte) gearbeitet zu haben, sonst müßtest du wissen, daß man ,Brara’ die Früchte nennt, die nicht transportfähig sind.“ Jetzt wußten wir’s! Ach, bedauerte ich mein armes Schwesterchen, daß es die schöne Reise, auf die wir uns von klein auf so gefreut hatten, nicht würde mitmachen können. Und immer mehr Kisten kamen, und der Berg wurde größer und größer. Dann brach ganz plötzlich, wie immer in Erez Israel, die Nacht herein. War das ein Geflüster und Gewisperl Alles war so ungewohnt, wir lagen so eng und gedrückt, daß wir uns nicht rühren konnten. Was würde jetzt kommen? Wir waren schrecklich neugierig, aber auch ein bißchen ängstlich. Kaum graute der Morgen, kam lachend und schwatzend eine große Gruppe Mädchen. Sie zogen die Schuhe aus, damit sie uns nicht mit den harten Sohlen treten konnten, und sich auf den Boden setzen und mit der Arbeit anfangen, war ein9« Sie sortierten uns, das ging mit einer Geschwindigkeit, daß uns Hören und Sehen verging. ״Brara“ wurde auf einen, Haufen in die Ecke geworfen, die andern wurden vorsichtig in Körbe gelegt. Ach, war ich stolz, daß ich auch dahinein kam. Aber schon ging’s weiter, wie am laufenden Band. Ein Mädel hatte einen Stempel, damit bekamen wir Namen. ״Scharon“ hießen wir, darauf bildeten wir uns mächtig viel ein. Dam! wurden wir in hübsches, buntes Seidenpapier eingewickelt. Daß wir noch ein so feines Kleid bekämen, hatten wir gar nicht erwartet. ״Jaffa Orange Scharon“ stand darauf, mit schonen blauen Buchstaben. Dann wurden wir in eine Kiste gepackt, das war allerdings weniger angenehm, denn drin war es düster und eng. Aber schon kamen Nägel in die Kiste und der Hammer klopfte uns zu. Jetzt sahen wir nichts mehr und waren doch so neugierig, was noch alles kommen würde. Doch nur das langweilige ״Klopf-Klopf“ unseres Kerkermeisters drang in unser Gefängnis. wie lange wir so gelegen haben, weiß ich nicht, aber auf einmal wurden wir aufgehoben, getragen, und wieder hingesetzt. Was war das? wir zitterten vor Aufregung. Um uns herum begann alles zu wackeln und zu rattern. Wir waren auf dem Auto und fuhren in die weite, weite Welt Die Reise, unsere große Sehn׳• sucht, begann. *+ Inge Flatauet

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