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Jüdische Rundschau · 1936-08-07 · Heft 63 (7.8.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 63 (7.8.1936)
Date
1936-08-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 63 ׳׳ Jahrgang 41 Preis 25 Rpfi JÜDISCHE RUNDSCHAU Sdhrlftlcltang,Verlag «.AnzeigenVerwaltung: Berl!nW15t Meinekestr.f9 Fernruf 1 Sammel Nummer J 1 (Bismarck) 903t. — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5^9. — Postscheck ־ Konten der Vertriebs * Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag and Freitag* BERLIN י" ט אב תרצ״ו FREITAG, 7. AUGUST 1936 GfilUg: Anzelgenpreieliste Nr- 5• Die 12 gespaltene mm * Zeile 20 Rpf,, für Familien * Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmte• Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*- an/eigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis freitug 9 18 —׳ Uhr. Annahmeschluß für di© Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag •Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Kür Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jddlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Von allen Enden der Welt Wer einmal erfährt, welche Gefühle der Freude und der inneren Erhebung, ja des Rausches von einem liefen Erleben menschlichen Zusammenhanges, über die unzähligen Unterschiede und Differenzierungen der Menschheit hinweg, hervor׳gerufen werden, wird das tiefe Bedürfnis der Menschen nach solcher brüderlichen Verbundenheit entdecken. Aus solchem Gefühl mag der Gedanke geboren sein, daß die eigentliche Berufung der Menschen und Volker darin bestellt, einander immer naher zu kommen, bis eine Zusammenarbeit und ein friedliches Nebeneinander aller Völker und Rassen auf der Erde verwirklicht ist. Ein hohes und erhabenes Ziel, das zum erstenmal in erschütternder Weise von den jüdischen Propheten verkündet wurde und das gerade in jüdischen Herzen immer stärksten Widerhall fand. Wir wissen alle, wie weit wir I leidigen davon entfernt sind. Die Welt ist erfüllt von Unruhe und Gegensätzen, und die Gefahr der Vernichtung schwellt immer drohend über unserem Zeitalter. Um so schöner und beireiender wird cs empfunden, wenn irgendwo ein freies Zusammenspiel der Kräfte, ein neidloses Miteinander der Nationen, ein von gegenseitiger Achtung getragenes Zusammensein verschiedener Völker und Rassen sich abspielt. Dies ist es, was wohl alle Bewohner Berlins und die zahlreichen Gaste empfinden, wenn sie, sei es innerhalb oder außerhalb des Bereiches der Olympisehen Spiele, mit der (rohen Schar der Menschen zusammenkommen. Zu den Bewohnern Berlins .gehören auch Juden, und aueli sie können sich dem Eindruck dieser Stimmung nicht entziehen. Der Sport ist in unserer Zeit ein Vereinigungshand der Völker aller Erdteile. Wenn das moderne Japan und China, wenn die Neger Amerikas Großes im Sport leisten, so zeigt das schlagend die Wandlungen. Olympia ist ein Gcschenk des alten Hellas an die Welt, und die asiati■ sehen Völker waren anderer Art als die Griechen, obwohl Vorderasien durch Alexander in den hellenistischen Bereich gezogen wurde. Nun hat der Sport auch Asiens Völker erfaßt. Die ,,Semiten“ sind erst allmählich in diesen Bereich gekommen. Heute ist auch bei ihnen die Jugend sportlich stark interessiert. Wir Juden haben eine geistesgeschiclitlieh begründete Sonderstellung- Man hat das häufig so formutiert, daß man als die beiden entscheidenden geistigen Mächte (und zugleich Pole) der Antike, die das Abendland geformt haben, Hellas und Judäa bezeichnete. Viele Auf- Sätze sind der Gegenüberstellung der beiden Prinzipien gewidmet worden. Dabei wurde zuweilen viel zu einfach verfahren. Hellas wurde als Verkörperung der Lebensfreude, Heiterkeit und Welizugewandtheit bezeichnet, während man in Judäa die Verkündigung der ethischen Strenge, des Pathos Spanien 1m Bürgerkrieg Von unserem Berichterstatter Barcelona, 3. August Bleue Judenvertreibung? Bei einem der in Barcelona gefangenen Offiziere des aufständischen Heeres wurde ein Programm gefunden, das von den Aufständischen nach ihrem Siege realisiert werden sollte. Dies chiffrierte Dokument wurde entziffert und von den Zeitungen veröffentlicht. Das Programm enthält Angaben über die Zusammensetzung der neuen Regierung, die sich als Militärdiktatur darstellt, Angaben über Verfassungs- und Ver- Waltungsrcform und als Punkt I ehe lakonische Bestimmung: Ausweisung der Juden aus Spanien. Dieser Programinpunkt ist ein neuer Beweis für die Stärke des bisher oft unterschätzten Antisemitismus in den Kreisen, die den gegenwärtigen Aufstand stützen, also unter den Offizieren, der Geistlichkeit — die Bischöfe von Mallorca und Burgos sind Mitglieder der revolutionären Komitees--,den Studenten, aus denen sich zum großen Teil die bewaffneten Hilfstruppen des Militärs rekrutieren, und breiter Teile des spanischen Mittelstands, die mit der Aufstandsbewegung sympathisieren. Spanisch - Marokko Spanisch-Marokko befindet sich seit Beginn der Rcvolution unter der Herrschaft des aufständischen Generals Franco. Die marokkanischen Juden, die hauptsächlich in den Küstenstädten Ccuta, Melilla, Larache und in Tetuan Wohnen, haben bereits erheblich unter den Folgen der Re- Volution zu leiden gehabt. Melilla beispielsweise wurde durch die spanische Flotte beschossen, so daß viele Einwohner in die internationale Zone von Tanger fluchteten. Mit Ausnähme einer auf niedriger sozialer Stufe stehenden, einen berberisclien Dialekt sprechenden Schicht von ackerhautreibenden Juden ist der Großteil der marokkanischen Juden als Kaufleute tätig. Außer diesen alteingesessenen Juden, die meist Abkömmlinge der im Mittelalter aus Spanien Vertriebenen sind, gibt es einige wenige Familien von Einig ranten aus Deutschland, die meist in Tetuan ansässig sind. Alle diese Juden haben nicht nur unter den seihstverständlichen Einwirkungen eines Bürgerkriegs auf die Wirt- Schaft zu leiden, sondern auch unter der Einstellung des Militärregimcs. Die Banken, die sich zum größten Teil in der spirituaJistisclien Lebensentsagung sah. Selbstverständlich sind das Einseitigkeiten, die in der Wirklichkeit nicht zutreffen; in beiden Völkern gab es schon in ihrer Blütezeit im Altertum auch Strömungen der entgegengesetzten Art. Aber richtig ist, daß das Erbe, das das Abendland von ihnen übernahm, tatsächlich aus diesen Duellen kommt. Und in den zwei Jahrtausenden seiner Verbannung hat das jüdische Volk sich immer mehr vom Körperlichen abgewaudt, sich in eine rein geistige Welt versponnen und den Körper verkümmern lassen. Erst seitdem die moderne Entwicklung auch die Juden ergriffen hat, wurde die Wiederaufrichtuug der Körper zu einem Bestandteil der jüdischen Erneuerungsbewegung. Auch bei den Juden hat sieh das Ideal einer Harmonie zwisciien Körper und Geist durchgeset/t. Es entsteht ein neues Geschlecht, gesund an Körper und Geist, das für sieii und sein Volk auch ein gesundes Lehen aufbauen will. Das gilt überall, wo Juden wohnen, ist aber am deutlichsten sichtbar in Palästina. Wer einmal Schiller palästinensischer Schulen auf Wanderungen o. ä. gesehen hat, weiß, daß hier von jener Verkrüppelung des Ghetto nichts mehr zu merken ist. Und zugleich mit dem Sportgeist ist auch das Gefühl für die hier verwirklichte Gemeinsamkeit aller lebendig. Menschen und Völker sind durch viele Differenzen im Inneren und Aeulieren getrennt. Diese Unterschiede nicht zu bemerken oder ihre Wesentlichkeit zu leugnen, würde zu einer Verkennung der Wirklichkeit und zum Abschweifen in eine Traumwelt führen. Wir Juden bekennen uns stolz zu unserer Art, wir verleugnen sie nicht unter Berufung auf allgemeine Menschheitsidecn. Aber gerade wenn wir uns bejahen, gerade im Bewußtsein der Verschiedenheiten wollen wir nie das Gemeinsame vergessen. Wenn die Vielheit der Sprachen verwirrt, so finden wir im Sport, im Ausdruck der Fähigkeiten des menschlichen Körpers, ein Vereinendes. Es ist eine stumme Welt, einig wie vor dem Turmbau zu Babel. Heute wird schon durch die Technik der Erdkreis umspannt wie nie zuvor. Wenn unter den Erben des griechischen Geistes von Olympia, angetan mit all den edlen Attributen solcher Tradition, unter vielen anderen z, B. auch Neger an hervorragender Stelle glänzen, so ist das ein Zeugnis für das Gemeinsame bei aller Verschiedenheit. Wir Juden, die der Welt die Lehre gegeben haben, daß der Mensch im Ehenbilde Gottes erschaffen ist — ״der Mensch“ schlechthin und nicht ein bestimmter Mensch —, können uns gewiß der eindringlichen Wirkung dieses großen Schauspiels nicht entziehen. Und obwohl wir wissen, daß schwere Sorgen uns alle umlagern, möchten wir in solchem Spiel gern mehr sehen als ein Spiel. jüdischem Besitz befinden, sind gezwungen worden, die Auf- Standsbewegung finanziell zu unterstützen. Vor allem aber sind die einheimische arabische Bevölkerung und die aus früheren Kämpfen bekannten Rifkabylcii von der aufstäiidischeu Führung bewaffnet worden, um sie als HilUtruppe zu verwenden. Was Waffen in den Händen dieses Bevölkerungsteils bedeuten, kann man sich vergegenwärtigen, wenn man an die letzten Ereignisse in Algier und Französisch- Marokko denkt. Denn die Zusammensetzung der Bevölkerung und die Spannungsverhältnisse in Französisch- und in Spaniscli-Marokko sind fast die gleichen. Barcelona und Madrid In den beiden Hauptstädten beginnt das Leben äußerlieh wieder langsam in die gewohnten Bahnen zurürk/tikehren. Der Generalstreik flaut ab. Von der Normalität ist man allerdings immer noch entfernt, da eine große Anzahl von Arbeitern, die Madrider in der Sierra, die Kätalauen bei Saragossa, im Kampfe stehen. Iri die wiederholt!ungebildeten Regierungen sind mehr Sozialisten und Gewerkschaftler eiugctreten. Die Befürchtungen vor einer Verstaatlichung des Wirtschaftslebens nach russisch cm Muster scheinen sich bisher nicht zu bewahrheiten, da die nach dem Generalstreik wieder eröffneten Betriebe mit Ausnahme der Großbetriebe in der gewohnten Form weitergeführt werden. Betriebe, deren Inhaber ohne Zurücklassung eines Stellvertreters ins Ausland geflohen sind, werden allerdings beschlagnahmt. Mittellose Ausländer werden ebenso wie Inländer durch Austeilung von Eßmarken unterstützt. Die Massenabwanderung von Ausländern hält weiter an. W. A. Gegen judenieindliche Ausschreitungen Bukarest, 2. August. (JTA.) In einer Konferenz, an der Ministerpräsident Gheorgho Tatareseu, nlnenminister Ion Inculetz und Justi/minister Valer Pop teilnalunen, wurden energische Maßnahmen zur Verhindern ח g 1 ud e n f e 1 n d I i c h e r Ausschreitungen, wie sie in letzter Zeit insbesondere in der Bukowina wiederholt vorgekommen sind, beschlossen. Gleichzeitig hat das Unterrichtsmiiiisteriiun einen Erlaß herausgegeben, durch den es den Studenten verboten wird, sich politisch zu betätigen. Es bleibt abzuwarten, wie die Maßnahmen der Regierung sich in der Praxis auswirken werden. F eriext-Gespräche Von Her m a 11 n S i 11 s h e i m c r Ich komme von einer Reise zurück, auf der ich mit vielen Zionisten, Nicht/ionisten und auch Gegnern des Zionismus über die Gegenwart und Zukunft des europüischcn Judentums gesprochen habe, und mache Inventur über das, was ich da von insgesamt einem halben Hundert Menschen der verschiedensten Klassen und Berufe gehört habe. In dem Konzert der Stimmen unterscheide ich nun, zurück hörend, solche aus der Mitte, vom Ramie und von jenseits des Randes der judmclien Gefühls- und Gedankenwelt. Alle aber fließen in den einen Um und Sind zusammen, daß heute der Zionisums das Zentndprobleni des jüdischen Volkes geworden ist, was last atisnahm-dos, teils emphatisch und teils konzedierend, damii begründet wurde, daß die Juden des 20. Jahrhunderts ihre innere Zusammengehörigkeit durch nichts anderes als durch die zionistische klee realisieren könnten. Damit ruckt diese aus dein Stand einer Zuflucht in den Rang einer Notwendi g k e 11 r! u f. * Ich habe von einem sehr besonnenen und geistig nichts weniger als unbedeutenden, aber lauen Juden die Meinung gehört: ,,Ich verlasse das Judentum, um nicht Zionist werden zu müssen. Und Zionist kann ich nicht werden, weil mir Asien, das ich genau kenne, innerlich fremd ist.“ Ich habe ihm den Begriff Asien vergeblich nuszureden versucht. Das Mittelmeer mit der palastinensischen Küste und dem dazugehörigen (schmalen) Hinterland ist vom Herzen Europas im Grunde nicht weiter entfernt als von dem Herzen Asiens. Und wie sollte denn die Rückkehr der Juden nach Palästina nicht genau so organisch möglich sein, wie einst die Zerstreuung' der Juden von Palnslina über die europäischen Länder möglich gewesen ist? Man sollte sogar annehmen, daß ,,Reckt £e&e*t, TieiUeil und (jlucJlc" Eine Kundgebung Rooscveits V c w Y o r k, 5. August (Paicor) Präsident Roosevcl t hat im Zusammenhang mit der bevorstehenden Veröffentlichung eines Jahrbuches, in dem die jüdischen Bestrebungen und Leistungen in Palästina angeführt werden sollen, an den United Palestine Appeal ein Schreiben gerichtet, in dem er darauf hinweist, daß jedes Volk ein unerschütterliches Recht auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück hat. Völkerrechtlich sei den Juden das Recht auf Wiederamledlung im Lande zuerkannt worden, in dem ihre Religion entstand und (lern die moderne Kultur viel verdankt. Auch Gouverneur Lehman hat an den United Palestine Appeal ein Schreiben gerichtet, in dem der Entschluß, das Jahrbuch zu veröffentlichen, als sehr lobenswert bezeichnet wird. die Reakkliinatisierung an ,,Asien“ sich leichter und rascher vollziehen mußte als vor Jahrhunderten die Akklimatisierung an Europa. Haben sich denn die Buren nicht auch an Südafrika und die Spanier und Portugiesen nicht an Südamerika akklimatisiert? Solche Einwände wie dieser des Lauen kommen aus einer Ueberschät/ung des Zivilisatorischen, ja sogar aus einer Blieklosigkeit gegenüber den immer enger werdenden Zusammenhängen der Welt. Wahrscheinlich besteht bei dem Mann, der jene Meinung äußerte, sogar eine innere Wechselwirkung zwischen seiner jüdischen Lauheit einerseits und seiner Luropaphilie und Asiaphohie anderseits. Palästina liegt nun einmal für einen überzeugten Juden nicht so sehr zwischen geographisehen als vielmehr zwischen seelischen Breitegraden. Diese dürfen nur nicht geschnitten werden von den Längsgraden der — Vorurteile. * In den Gesprächen, die ich jenseits der deutschen Grenzen führte, bekam ich oft genug zu hören, der ״neudeutsche“ Zionismus sei eine frühreife Frucht, ein Angst- und Zwangsprodukt, der übereilte Versuch einer Verlegenheitsiösung der Judeufrage in Deutschland. Unter denen, die so sprachen, befanden sich sogar Zionisten. Auf diese Kritik und solche Einwände pflegte ich zu erwidern: Es gibt auch eine schöpferische Angst und einen schöpferischen Zwang, richtiger: man kann aus Angst und Zwang einen schöpferischen Entschluß, Willen und Akt machen. Dafür bietet gerade die jüdische Geschichte, vom Auszug aus Aegypten angefangen, illustre Beispiele und überzeugende

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