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Jüdische Rundschau · 1936-07-31 · Heft 61 (31.7.1936) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 61 (31.7.1936)
Date
1936-07-31
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 2 K1NDER-RUNDSCHAU Nr. 1# Dreimal ״Seekrank“ Aus meinem Tagebuch Gestern abend fing es an. Wir hatten eben Brindisi passiert, waren ins offene Mittelmeer hinausgekommen, da — war es 60 weit. Beim Abendbrot gab es den ersten Schaukelstoß. ״Sie entschuldigen mich...sagte Herr Brinitzer zu seiner Tischnachbarin und verschwand eilig. Und ward am selbigen Abend nicht mehr gesehen .... Dieses war der erste Streich, doch der zweite und der dritte, sie alle folgten in lustiger Folge, so daß bald der bpeisesaal nur noch halbvoll war. Ich weiß nicht, wie leer der Speisesaal noch geworden ist. Ich verschwand nämlich, was sonst gerade gegen meine Gewohnheit ist, vor dem Nachtisch. Ich ging nicht freiwillig. Ich ging gewissermaßen aus ״innerem Zwang“. Man 8011 sich hinlegen, wenn das Schiff schaukelt, hatte ich mir sagen lassen. Ich kann nicht behaupten, daß mir dann sehr wohl war. Aber es war mir um 75 °/0 wohl er, als allen den lieben Mitmenschen, die mittlerweile oben, vorne an der Reeling — ach, reden wir nicht davon! Ich brauchte nicht nach oben. Einen ganzen Tag schwankte das Schiff lustig im Winde. Jetzt hat es ein wenig nachgelassen, und ich habe Energie genug, Tagebuch zu führen. Das Stöhnen ringsherum hat aufgehört. Draußen auf dem Flur höre ich Herrn Brinitzer frühlieh lachen 1 Dann will ich auch mal an Deck gehen. Ich habe nicht viel zu leiden gehabt. Aber immerhin genug, um zu verstehen, daß manche Menschen, die bei Windstärke 11 nach Palästina fahren, auf der Fahrt ihren ganzen Zionismus bedauern.... * Man kann auch im Auto seekrank werden. Dann nennt man es autokrank. Das kommt aber auf dasselbe hinaus. Die Gefühle sind die gleichen. Wir fuhren um 5 Uhr morgens von Giwath-Brenner ab. Und kamen abends um 6 Uhr in Haifa an. 150 km in dreizehn Stunden. Nicht immer fahren die Autos so langsam. Aber wir bfldeten eine ganze Karawane. Und durch Tulkerem durften wir nicht hindurch, weil die Araber dort besonders aufsässig sind. So mußten wir einen riesigen Umweg machen, auf ungepflegten Feldwegen, das war ein Gehopse und Geschuckel! Das wurde noch schlimmer, als die Strecke begann, auf der die Araber von Zeit zu Zeit Steinbarrikaden gelebt hatten. Dann sprangen wir heraus und rollten die Blöcke beiseite. Oft aber, wenn die Barrikaden nicht sehr hoch waren, fuhren wir einfach darüber hinweg. Dann flogen wir oft mit den Köpfen bis an die Decke. Auch durch das Emek mußten wir auf Nebenstraßen fahren. Der Wagen fiel in Schlaglöcher und sprang wieder heraus. Von Zeit zu Zeit mußten wir halten und auf einen Wagen warten, der zu unserer Karawane gehörte und Panne hatte. So kamen wir abends um 6 Uhr in Haifa an. 150 km in 13 Stunden. Um 4 Uhr war ich in Giwath-Brenner auf• estanden. Vier Stunden waren wir durch ״gefährliches Ge* iet“ gefahren, das bedeutet Nervenanspannung, auch wenn man kein Angsthase ist. Dazu herrschte Chamsin, heißer Wüstenwind. Was wollt ihr mehr? In Haifa konnte ich kaum meinen Koffer schleppen, so ״gerädert“ war ich. Die Straße drehte sich vor meinen Augen, Ja, ja, man kann auch auf der Landstraße seekrank werden.... ״So •In Kamel!“ Aus einem Brief an den Bund Giwath-Brenner, den 22. Mai 1936 .... Gestern abend hatte ich ein herrliches Erlebnis. Es war stockfinster. Die Chawerim saßen zum Teil im Chadar- Ochel und. hörten Musik, zum andern Teil waren sie in ihren Wohnungen. Ich lief mit dem dicken Pin von der Jugendalijah auf dem Hof herum, als plötzlich im Dunkeln Araber mit Kamelen auftauchen. Mitten in der Kwuzah! Ich konnte mir das gar nicht erklären. Da klärte mich Pin, mein Freund, auf: ״Die Araber sind judenfreundliche Leute, die heute wie früher ,Siw-Siw', d. i. Meeressand in die Kwuzah liefern.“ Nun mußten sie heute in der Nacht kommen, und zwar einen weiten Umweg durch die Gegend machen, um nicht von Arabern gesehen zu werden. A s i b, so hieß der Araber, lud seinen ״Siw-Siw“ ab, und stellt euch vor, Jubel um Jubel, er erlaubte, daß ich auf einem Kamel ritt! — Pin nahm das Leitkamel der Karawane am Halfter, das Tier lag am Boden, und ich setzte mich auf seinen Höcker. Beide Hände fest am Sattel. ״Halt dich fest!“ sagt Pin, ״es geht los!“ — Furchtbar komisch, wie so ein Kamel aufsteht. Wirklich, wie’n Kamel! Zuerst hebt es mit einem Ruck das Hinterteil hoch, und du denkst, du liegst schon auf der Nase. Du hältst dien aber eben und eben noch fest, verschnaufst gerade, dann erhebt es sich auf seine Vorderbeine, d. h. es geht vorne hoch, aber 90, daß du denkst, du gelist hinten runter! Na, ich blieb sitzen und saß. Hoch Ist so ein Kamel! Man schwebt zwischen Himmel und Erde. Und nun kam das Schönste, die Karawane bewegte sich. Ich natürlich notgedrun• en mit. Ich hatte es ja so gewollt Zuerst kam ich aus dem achen nicht heraus, dann wurde ich langsam seekrank, Scherz beiseite, man wird wirklich seekrank — beim Kamel• Reiten. Ein Kamel hat Paßgang, d. h. es hebt beide linket! Beine zur gleichen Zeit und beide rechten. Das hat zur Folge, daß der Reiter, in diesem Falle leider ich, furchtbar durchgeschüttelt wird. Die Araber haben da einen Kniff. Sie wiegen sich im selben Rhythmus wie die Bewegung des Kamels und heben so die Stöße auf. Dabei singen ste jämmerliche Melodien. Stundenlang. Na, ich ritt nicht stundenlang, sang auch keine Melodien, aber leider gelang es mir auch nicht, die Stöße auszugleichen, ich wiegte mich hin und wiegte mich her, — es wurde nur schlimmer. Zudem war es finster, und Asib, der Araber, schrie in einem fort, angesichts meiner großen Reit׳־ kunst: ״Chalass! Chalass!“ (Genug! Genug!) Aber der gute Pin reizte das Kamel zu immer neuen Taten und versetzte es in gelinden Trab. Ich hing zwischen dem Himmel Palästinas und dem Erdboden Giwath-Örenners auf dem Höcker des Kamels und war froh, daß ich am Leben blieb und das Abendbrot bei mir behielt. Endlich machte das Kamel halt. Ging vorne in die Knie, worauf ich beinahe nach vorne auf die Nase —, ging hinten in die Hucke, worauf ich beinahe nach hinten gefallen wäre. Dann hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen.

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