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Jüdische Rundschau · 1936-07-31 · Heft 61 (31.7.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 61 (31.7.1936)
Date
1936-07-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 61. 31. VII. 1936 jüdische Rundschau Seife 7 Bernard Shaws jüdische Beziehungen Zu seinem 80. Geburtstag Bernard Shaw ist gelegentlich für einen Juden gehalten worden. Die Schärfe seines Witzes, sein scheinbares Ausgehen auf Paradoxa und Pointen, sein harter und herber Realismus, sein ökonomisch 90 glänzend fundiertes Denken und sein sozialer Ernst, überdies noch allerlei Acußerliehkeiten haben manchen oberflächlichen Betrachter auch auf jüdischer Seite dazu verführt, ihn zu uns zu rechnen, während er in Wirklichkeit das denkbar krasseste Oe ge nt eil kt, bis in die letzte Nuance u n j u d i s c 11 nämlich und vielleicht nur darum von einer faszinierenden Vorurteilslosigkeit gegen oder besser für Juden und Judentum. Es waren tatsächlich Aeußerlichkeitcn, die ihn als jüdisch erscheinen lassen konnten und an denen er selbst nicht die mindeste Schuld trug. Selbst daß er einen (einst roten) Vollbart־ trägt und sich gern photographieren läßt und daß er ein 'verblüffend nüchterner Rechner, ein Kaufmann ist und kein Bohemien, spielte dabei eine Rolle. Ueberdies sind seine meisten Ueb ersetze r, vor allem sein deutscher Interpret Siegfried Trebitsch, Juden. Unter seinen besten Freunden sind die bekanntesten Juden der Zeit. Seine Dramen sind, vornehmlieh in Amerika und Deutschland, zuerst und viele Jahre lang ausschließlich von Juden aufgeführt worden. Die einzige große Monographie über Shaw in deutscher Sprache ist das zweibändige Werk von Julius Bah. Shaws deutscher Verleger war von Anfang an S. Fischer. ״Mein Erfolg in Deutschland wurde von jüdischen Unternehmungen und jüdischer Kunstbegeisterung geschaffen“, schrieb er 1033 (als er für die Völkerbunds- Politik des nationalsozialistischen Reiches eintrat), um seine Objektivität darzutun. Shaws Acußcrungen über einzelne Juden sind Legion. Aber eben weil es Meinungen über verschiedenartige Individualitäten sind und nicht über ״den“ Juden oder über die Juden überhaupt, über die Shaw immer eine eigene und eingehende Meinung hatte, wäre es unangebracht, sie in unserem Zusammenhang zu zitieren. Seihst seine sehr radikale und nicht etwa private Auseinandersetzung mit Max Nordau ist nur sein letztes Wort über diesen Einzelfall oder Typ, nicht über den Juden Nordau. Shaws Aufsatz erschien 18Q5 in Benjamin Tuckers Ncw-Yorker Zeitschrift ״Liberty“ unter dein Titel ״A Degenerate’s View of Nordau“ in Form eines Briefes an den Herausgeber, und es ist ein fast Shaws würdiges Paradox, daß er, der hier gegen Nordau u. a. für Wagner eintrat, eben wegen seiner Wagner-Verehrung als Jude verdächtigt wurde. 1903 kam Shaw noch einmal auf die Vorgeschichte dieses aufsehenerregenden offenen Briefes zurück und schrieb (in einem kürzlich versteigerten Privatbrief): ״In 1895, at Fasler, I got a letter from Benjamin Tucker, editor of Liberty, saving that... he knew I was the only man in the world capablc of fackling Nordau on his various fields of music, litcrauire, painting etc.“ Shaw war wirklich Nordau gewachsen wie sonst niemand, und doch war es ein seltsames Duell; Nordau wurde im Handumdrehen ״erledigt“ und •mit ihm die brillantesten Vorurteile des 19. Jahrhunderts. Mit Marx hatte Shaw schwerere, weil lediglich fachliche, rein ökonomische Auseinandersetzungen. Shaw hat aber nie von seiner Meinungsverschiedenheit mit jüdischen Gegnern auf das Judentum überhaupt abgezielt. Anderseits versuchte er auch Judenfeindschaft zu erklären, wenn er sie nicht teilte: mit dein Altersunterschied zwischen den europäischen, jungen ״ungebärdigen“ Völkern und dem so viel älteren Judenvolk. Für sich selbst allerdings und für seine Forderungen nahm er immer die Achtung ״der Heiligkeit des Lebens“ ohne Rücksicht aut irgendwelche Unterschiede in Anspruch. Die vermeintlichen Berührungspunkte sind aus der Tatsache zu erklären, daß Shaw Ire und Erbe der Puritaner ist. Die vermeintlichen —, denn schließlich zeigen sich eben hier die tiefen Unterschiede. Das Alte Tertament ist außer den Juden sicherlich den Puritanern am ehesten gemein, die Askese und Abstinenz, von allein Bildhaften und Bunten ist nur puritanisch, und eben die Schroffheit darin findet man bei Stiaw ins Moderne und scheinbar Absurde gewandelt, besser: ganz auf die Realität gestellt. Das puritanische Empfinden gegen irdische Güter und Würden, sagt Chesterton, ״ist sicherlieh — wie das jüdische — größtenteils ein mystisches, wie das Empfinden über den siebenten Tag. Wie der Sabbat wird es mit soziologischen Begründungen verteidigt; aber diese Gründe können einfach und scharf erprobt werden“, und bei Shaw bleibt nur die Schärfe des Erprobbaren; beim Juden fallen die Schärfe, die Probe, die Begründungen letzten Endes fort, und nur das ״mystische“ Empfinden bleibt im Vordergrund. ״Gott schuf uns Iren wie die Juden“, sagt Shaw, ״wir sind nicht dazu da, einen Acker zu bauen; er gab uns unser Gehirn und hieß es uns bewirtschaften.“ Ueberflüssig festzustellen, daß wir allerdings wie Shaws Iren aus der Not eine Tugend machen mußten, daß aber aus der jüdischen ,.Tugend“ immer wieder die jüdische Not wird, die uns außer dem Ackerbau kaum eine lebensfähige Rettung läßt, und daß der Zweck, zu dem uns Gott schuf, immer erst nachträglich feststellbar zu sein scheint. Die jüdischen Figuren In seinen Stücken zeigen ein erstaunliches Einfühlungsvermögen, eine außergewohnlich tiefe Beobachtungsgabe. Der komische, auf den Bühnen meist zu simpel karikierte Räuberhauptmann in ״Mensch und Uebermensch“ ist ein J u d e. Er heißt nicht zufällig Mendora, er stammt von dem ersten berühmten jüdischen Boxer Mendoza ah, der um 1800 auftrat, und man weiß aus dem ״Cashel Byron“, wie Shaw Boxer sehen kann. Aber Mendoza ist Jude und darum ein Schulbeispiel jüdischer Sentimentalität. Er macht zunächst den Eindruck eines Uebermenschen, er hält in der Sierra Nevada John Tenncrs Auto an und stellt sich kurz und sachlich vor: ״Ich bin ein Räuber, ich lebe von der Beraubung der Reichen“. Worauf John Tcnner, der neuzeitliche Don Juan Tenorio, antwortet: ״Ich "bin ein Gentleman, ich lebe von der Beraubung der —MAGISTER KIRSCH- Der nute llkAr Magister-Likörfabrik, Manchen VII Armen. Reichen wir uns die Hand.“ Nun könnte man meinen, dab Shaw es eigentlich umgekehrt hätte machen müssen, der Räuberhauptmannsberuf paßt zum Vorurteil über die Juden ganz und gar nicht. Oder wollte Shaw durch solchen Kontrast nur einen komischen Effekt erzielen? Im Gegenteil, er zeigt gerade so seine psychologische Weisheit. Mendoza war früher Kellner im Savoy-Hotel. Tenners englische Reisegesellschaft erkennt ihn wieder und behandelt ihn dann genau so hochnäsig, wie man eben gewisse armselige Judentypen behandelt. Sein jüdischer Verstand, sein Herz wird einfach ignoriert, was hilft ihm sein Räubertum? ״Einem einzigen Menschen bin ich auf meiner Reise begegnet, der zu einer vernünftigen Unterhaltung fähig gewesen ist“, sagt wütend John Tcnner über ihn, ״und ihr beleidigt ihn alle!!“ Das Leben dieses jüdischen Räuberhauptmanns ist eine typisch jüdische Tragikomödie. Der Kellner wurde aus Liebeskummer Räuber. Er ist ein armer Tropf, kein Karl Moor. Sein Mädehen, das ihn nicht heiraten wollte, ist Engländerin, und war Köchin in einer jüdischen Familie, daher ihr Verdacht, der Jude ״finde in seinem Herzen die Gewohnheiten der Englinder unrein“. Er geht verzweifelt in die wilde Sierra Nevada, aber er macht sich über sich nichts vor: ״Ich wurde Führer der Bande, da der Jude infolge seines Verstandes und seiner Einbildungskraft immer führen und voranschreiten wird. Aber trotz meines Rassenstolzes würde ich alles, was ich besitze, darum geben, Engländer zu sein!“ Ein offeneres Selbstbekenntnis gibt es nicht. Dieser Mendoza gehört in die Reihe der Schlchmile wie Hirsch Hyazinth, Lasik Roitschwantz. usw. Und er hat von Shaw etwas auf den Weg mitbekommen, was der größte Ironiker selbst nicht hat: Selbstironie. Er ist dadurch viel mehr als eine tragikomische Marionette, er ist ein Mensch: ״Es gibt zwei tragische Schicksale im Leben. Das eine besteht darin, daß man seinen Herzenswunsch niemals erfüllt sicht. Das andere besteht in der Erfüllung.“ Das konnte nur der Jude sagen. ln ״The Doctor's Dilemma“ (Der Arzt am Scheidewege) ist der jüdische Arzt Loony Schutzmacher der einzige, den der Maler Dubedat nicht anpiunperi kann. Dubedat versucht es, indem er sich anbiedert, er gehöre doch als Künstler auch zum auserwählten Volk, und als Schutzmacher nicht darauf hereinfällt, wird der Maler antisemitisch. Später erklärt der Jude den Kollegen, warum er Geldsachen ernst nehme, und dabei, ganz nebenbei, erwähnt er auch Shylock. Wenn ein Engländer Geld leihe, denke er nur, daß er es eben brauche, und nicht, daß er seine Verpflichtung, zumal wenn sie ungünstig wäre, auch enthalten müsse. ״Und wenn man verlangt, er solle sie einhalten, hält er einen für einen Lumpen. Genau so wie den Kaufmann von Venedig. Wenn aber ein Jude eine Verpflichtung übernimmt, so beabsichtigt er, sie einzuhalien, und erwartet von dem andern das gleiche. Wenn er für eine gewisse Zeit Geld braucht, leiht er es sich aus und weiß, daß er es zurückzahlen muß, sobald die Frist verstrichen ist. Wenn er weiß, daß er es nicht wird bezahlen können, erbittet er es sich von vorne herein als Geschenk.“ Diese Apologie des jüdischen Geldgebarens reizt einen Arzt, Schutzmacher zu fragen, ob Juden denn niemals Spitzbuben und Diebe wären, warauf Shaw den Juden in nonchalanter Bissigkeit lachend antworten läßt: ״Ich habe ja nicht von Verbrechern esprochen. Ich habe nur ehrenhafte Engländer mit ehrenhaften uden verglichen!“ L. H. Nodi einmal Theodore Dreiser ״Der Jude und die Welt“ heißt ein Aufsatz von Benjamin Stolberg, der vor einigen Wochen in der New-Vorker Wochenschrift ״Nation“ erschien und Aufsehen erregte, weil Stolberg zu dem Schluß kam, unter den gegenwärtigen wirdschädlichen Verhältnissen sei an eine Lösung des Judenproblems nicht zu denken. Der Aufsatz ist eine Aeußcrung im Rahmen einer Diskussion dieses Themas zwischen ״Nation“ und ״Fortune“; in der ״Fortune“ hatte im vorigen Jahr auch Theodore Dreiser zur Judenfrage das Wort genoinmen und durch seine judenfeindlichen Wendungen überrascht. Nun äußert sich Dreiser von neuem, und es ist nicht zu leugnen, daß er seine frühere Stellungnahme in einigen [,unkten modifiziert. Seine Antwort an Stolberg ist ״Me a culpa!“ überschrieben und lautet: ״Viele Leute übersehen in der Hitze des Sturms, Kampfes, Druckes und der Argumente, die heutzutage die Judentrage hervorruff, daß es biologische und psychologische Faktoren und Gründe gibt, die eine weit größere und unbewußte Wirkling auf die Frage aus üben, wie man dies Problem lösen könnte. Diese fundainentak״׳ Aktivitäten stützen und bcstimmen letzten Endes die Rassenfiagc. Ls ist wohl bekannt, daß ich erklärt habe, ich halte die Juden nicht für Amerikaner, Deutsche oder Franzosen, sondern für jüdische Amenkaner, jüdische Deutsche, jüdische Franzosen, und infolgedessen handeln sic nicht völlig als Amerikaner, Deutsche, Franzosen, sondern als judisdie Amerikaner usw. Ich habe niemals erklärt, daß ich die Juden ais Ganzes, die gesamte Rasse, nicht mag und daß ich an die Juden nicht glaube. Ich habe eine große Anzahl von Juden geloht und tue cs auch jetzt noch, Stolberg iniiinbegriffen. Ich gebe 711, daß meine Beziehung teilweise gcfühlsbestimmt ist. Ich habe erklärt, daß ich gewisse Frfaliriingcii mit Juden gemacht habe, bcsonders Erfahrungen praktischer Art und von einer Sicherheit, die sich nicht gewandelt hat. Ich gebe zu, daß ich eben daraufhin an andere ähnliche [ alle zu glauben geneigt bin, wenn ich sie von anderen höre. Wahrscheinlich neige ich außerdem dazu, noch einige Dinge hinzuzufügen, die unmittelbar mit der Art zu tun haben, wie manche von ihnen (den Juden) leben, mit einem Teil ihrer Kultur usw., Dinge, die mir nicht gefallen, die >11 nur eine Häufung von Gefühlen wie Ablehnung, Zorn usw. schaffen. Zweifellos sehe ich in den Juden heutzutage nur, was mir au ihnen mißfallt; und was mir an ihnen mißfallt, sind Dinge, die ich unter normalen Umständen nicht bemerkt und hei andern hätte durchgehen lassen. Mea culpa. In einer Zeit wie der jetzigen, da soziale Unruhe, Nationalismus usw. so augenseheinlieh sind, kann eine Beziehung wie die meine bei gewissen Gruppen zu einem Pogrom, gesellschaftlicher Verfolgung grausamster lind bitterster Art führen. Doch ist das sicherlich nicht das, was ich will. Anstatt dessen habe ich immer eine Lösung gesucht.“ Ausstellung seltener jüdischer Bücher. Anläßlich des 200jährigen Todestages von David Oppenheimer findet in London eine Ausstellung hebräischer und jiddischer Bücher und Manuskripte der sogenannten Sammlung Oppenheimer in der Bodlciana statt. Oppenheimer gehörte zu einer jüdischen Familie, die ihren Namen von dem Städtchen Oppenheim am Rhein zwischen Mainz und Worms herleitet, und hat von früher Jugend an seinen Reichtum zur Sammlung jüdischer Bücher verwendet. So entstand die wertvollste indische Bibliothek, die nach Oppenheimers Lode (17 iö) mehrmals die Besitzer wechselte, bis sie 1829 von der Bodlciana für den lächerlich billigen Preis von £ 1351! gekauft wurde. Sie enthält 4^21 Bände, darunter 7S0 1 landsrhriften, ferner viele seltene alte Ausgaben. Außerdem wurden noch später von der Rodleiana mehrere Werke, die zur Oppenheimer-Sammlung gehört hatten, erworben. Ueifrevi Snedmikal *זז»ונ3צ Rtfnuut eines Juden (Schluß) Sy! Die Bahnhofshalle ist lärmend und hastig wie ein« Fabrik, drängende Menschen sehielrcn die beiden auseinander, Pfiffe der Maschinen, Rufe der Gepäckträger verschlingen ihre Worte. Sie flüchten in eine Ecke und»können so einen Augenblick stehen. Sy, da ist also wieder Sy, sprunghaft und! verwohnt, aber einfach und zuverlässig, wenn es ernst ist: einfach und zuverlässig. Was lag zwischen ihnen — ein paar tausend Kilometer, ein paar Wochen Getrenntseins, ein Kreis von Unsicherheit, nichts lag zwischen ihnen. Kai fürchtete, Sy würde diesem Augenblick ein spöttisches Licht aufsetzen, er hatte diese Zeit nicht immer zu ihr gestanden, zugegeben. Aber sie sagte nichts. Um das Pathos dieses .Schweigens nicht zu laut werden zu lassen, scherzte er: ״Der verlorene Sohn kehrt wieder“. Sie lachten beide, vielleicht aus Verlegenheit. Als sie zum Ausgang wollten, war der benachbarte Bahnsteig gedrängt voll Menschen, Polizei hielt mühsam einen Gang offen, immer neue Massen strömten herauf, junge Menschen, Juden. Ein Alijah-Transport. Zweihundert Männer und Frauen, zweihundert Jungen und Mädel auf dein Wege nach Palästina. Die beiden ließen sieh mit der Menge auf den Bahnsteig schieben. Zweihundert junge jüdische Menschen nach Palästina. Tausend gaben ihnen das Geleit bis zur Buhn, Mütter, Väter, Geschwister, Freunde. Zwölfhundert Menschen. Rufen und Suchen steigerte die nervöse Abschiedsstimmung, ein Brausen füllte die Luft wie von einei gewaltigen Manifestation. Und es war eine gewaltige Manifestation. Es war eine Manifestation vom Untergang der jüdischen Familie. Eben noch hat man Freitagabend um die Leuchter des Tisches gesessen, man kam zusammen in guten und schweren Stunden, man trug zusammen Krankheit und Enttäuschung, man feierte zusammen die stillen Fest«, wie sie nur das jüdische Haus kennt. Man hatte sich in einer Stadt gefunden, um einander nah zu sein im!.eben und im Tode. Nun standen an vielen Bahnhöfen kleine, stumme Gruppen, die Züge fuhren ab, pünktlich auf die Minute, irgendwo kndete man dann nach Wochen, in Brasilien, in Kapstadt, am Schwarzen Meer — auseinandergesprengt wie ein Haus nach einer furchtbaren Explosion. Die Gewalt dieser Explosion hatte die freundlichen Kerzen des Schabbat im Elternhaus ausgeblasen. Immer ist Bleiben schwerer als Gehen. Auch hier sah man Tränen nur in den Augen der Alten, die sich trennen mußten von den Kindern, Tränen in den Augen der Jungen, die bleiben mußten, weil sie nicht fahren konnten wie jene. Seitdem unzählige Fäden der Familie, der Läebe, der Verbundenheit zwischen diesem Lande und Palästina laufen, ist Palästina nahegerückt. Nur in Augenblicken des Abschied« erkennt man, daß alle Grade der Verbundenheit nichts an der geographischen Lage zu ändern vermochten. Gewiß, die Erde ist kleiner geworden, die Schiffe fahren schneller und fordern weniger Geld, aber sie fahren immer noch Tage und Nächte, und in dem Maße der Verbilli- Rung der Lieberfahrt schwinden die Mittel derer, die hinüberfahren wollen. Inzwischen können Krankheiten kommen, hier und drüben, inzwischen kommen schnelle, unsichtbare Griffe des Schicksals, und die Menschen, die man ruft, sind jenseits de« Meeres. Nun steht eine alte Mutter hier, vielleicht wird sie morgen, vielleicht in einem Jahr ahgerufen, und dort sieht sie ihren Sohn und sie weiß, sie wird ihn nicht mehr Wiedersehen. Wenn sie ihn ruft in ihrer letzten Stunde, er wird sie nicht hören. In den Bergen, des Galil, in den Ebenen des Scharon, auf den Feldern de» Emek werden sie stehen, wir werden spüren, daß «io da sind, da sind auch für un», e» wird uns das Sterben leichter machen, wenn wir wissen, daß sie leben. Wir kommen nach, denken die anderen, lesciianah hahaah hijruachalajim, kommendes Jahr in Jerusalem, junge Menschen wie diese, die hier fahren, und warten, daß sich die Tore Palästinas auch für sie öffnen, Väter und Mütter, die ihren Kindern folgen wollen. Kai sah die Gesichter der Menschen, die im Zuge sfnnden, Studenten, Kaufleute, Gymnasiasten, Mädchen aus den Büro» und Haushalten und Läden, und wieder und wieder werden diese Transport« abgehen, und wieder werden die Zurückbleibenden winken, und immer kleiner wird ihre Zahl werden, Kai hatte die groteske Vision, allein auf dem Bahnsteig zu stehen, der letzte Jude in Deutschland, und zu winken, zu winken, zu winken ... Sys Stimme rief ihn in die Wirklichkeit zurück. ״Du, ich möchte auch dort oben sein am Wagenfenster!“ Das erregte Hin und Her auf dem Bahnsteig erreichte jetzt seinen Höhepunkt, In wenigen Minuten fuhr den- Zug ab. Schnell wurden noch die letzten Plätze besetzt, die letzten Grüße getauscht! die letzten Versprechen gegeoen. Dann rief der Zugführer ״Einslcigcn“. Das Wort riß Familien auseinander, riß Kinder von Müttern, Hund aus Hand, Lippe von Lippe. Bitte Einstcigen. Die Türen fielen zu. Nun kamen Beamte und hielten die Menschenn1as.se vorn (־leise alt. Jede Sekunde konnte der Zug nbfahren, die!unteren Reihen drängten nach vorn, die Gefahr w-ar da, daß Menschen in den Zug gestoßen wurden. Plötzlich wurde es ganz still. W as eben noch summte und brodelt« und sprach - auf einmal lag eine unheimliche Buhe über der Halle. Jetzt, gal־ cs kein Wort mehr, das man hätte umgeben können, keinen Gruß, der nicht schon ük-rßracht war, die Sekunde des Ahschied« stand bevor, und weil man noch einmal zwanzig Jahre, dreißig Jahre lu'ifie Zusammenleben müssen, um sich alles zu geben und alles z.11 sagen, und mir eine einzige Sekünde blieb -- schwieg mau. Die Gewalt des Augenblicks war körperhaft fühlbar. Immer noch waren die Gesichter der Abfahrenden stolz und freudig und getragen von einer Kraft, die all denen, die unten standen, Vertrauen gaben. In dieser Sekunde fühlte auch Kai: diese hier werden'« schaffen! Malaria und Sümpfe und eine, mörderische Sonne und harter Boden und schwere, schwere Arbeit — diese hier werden’* schaffen! Sic werden sich durchsetzen, eine neue Generation, ein neue» Land, ein neues Volk. Der Zug ruckte an, langsam setzte er sich in Bewegung, tausend Hände griffen noch ein letztes Mal an die Fenster. Ein alter Mann war plötzlich da, der über die Hände hinweg ein kleine» weißverpnckles Paketchen einem jungn Menschen reichte. Was mag darin gewesen «ein, Keks, Brote, Schokolade, Obst, nun war der junge Mensch schon seinen Augen entschwunden, bald werden sie drinnen im Zuge ein f.ied ansiimmen, ״Techesakna", sie werden singen, wenn die Wagen über den Brenner rollen und wenn in Triest da» Meer sie grüßt, in dessen Osten sie fortan loben werden. Techesakna! Und diese» kleine, sorgsam verschnürt« Paket, das letzte, was ein Vater geben konnte, nachdem er alles gab, die Erziehung und das Gymnasium und die Universität, und alles vergeblich gab, ein hilflos kleines Paket, so hilflos klein, und wenn es zehnmal größer gewesen wäre, klein, wenn man drei Tage und drei Nächte auf dem Meere gen Osten fährt, wenn man zwei Grenzen überschreitet, bevor man diese» Meer erreicht, ein weißes, feinverschnürtes Paket über zwei Kontinente hinweg — irgendwo wird es aufblättern, der Inhalt wird schmelzen und die Hülle im Winde flattern aus dem D-Z.ug nach Triest oder auf der Wasserstraße nach Haifa, ein letztes!sichtbares Mal. Und da waren auch schon die Schlußlichter dos Zuges im Dunkel hinter einer Kurve verschwunden, Ende

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