Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-07-31 · Heft 61 (31.7.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 61 (31.7.1936)
Date
1936-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653980--29227-2690746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

1336 3 <:i־ 4. ״׳/; . ׳■ ✓־# Nr. 61 / Jahrgang 41 Preis 25 RpC* JÜDISCHE RUNDSCHAU וו חזו m 11 mm. Sdiriftleitung,Verlag n. Anxcljenverwallang! Berlin W IS, Meintfceitr.lS Ferarnf! SÄromel-Nummer J 1 (Bismarck) ^031. — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 brw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Bvlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgcbühren. — Erschein» jeden Dienstag and Freitag. BERLIN י״ב אב תרצ״ו FREITAG, 31. JULI 1936 GtHtig: Anreigenpreisliste Nr. 5. Die 12 gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet, Gelegenheit*״ Anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck ״Konto׳ Berlin 71618 oder har Montag bis Freitag 9 —!8 Uhr. AnnabmesehluB für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das indische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Juden in hohen Ämtern Zu jüdischen Diskussionen über den Fall Leon Blum ln einer jüdischen Zei tu n g Amerikas lesen wir unter der Uebersclirift ״Defaitismus im Hause Israel“ einen redaktionellen Artikel, der auf Vorgänge anspielt, die allen Juden der Welt zu' denken geben. Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als um die Stellung der Juden (als Ganzes und als Einzelne) innerhalb der Völker und Staaten, und um die damit verbundenen Rechte und Pfliclitcn. Dies alles scheinen uns heute wieder offene Fragen. Die Betrachtung ist angeregt durch ein gewili ungewöhnliches, in dieser Form 11 o c 11 11 i c h t (I a g c w e s c n c s Ereignis: daß ein Jude Leuker und Leiter einer der stärksten Großmächte der Welt geworden ist. Es gibt dafür nur den einen Präzedenzfall Benjamin Disraeli, der aber in mancher Hinsicht anders gelagert ist. Auch lebte Disraeli in einer glücklicheren Epoche. In der letzten Zeit, so wird in dem Artikel ausgeführt, sei in der ganzen Welt der Geist des Defaitismus zu spüren, hervorgerufen durch derartige Ereignisse wie etwa die Hilflosigkeit des Völkerbundes und durch das zunehmende Mißtrauen gegenüber der Möglichkeit idealistischer Motive des Völkerlebens. Der bedeutende Anthropologe Franz Boas, der soeben nach 41jähriger Lehrtätigkeit die Columbia-Universität New York verlassen hat, habe in seiner Abschiedsrede diesem Gefühl Ausdruck gegeben, indem er die Welt als ״krank“ bezeichnet habe. Es ist daher — so schreibt die Zeitung weiter — nicht überraschend, diesen Geist des Defaitis-!uns auch innerhalb der Judcnheit zu finden. Hier habe er die Form der S el b s t v e r n e i n u n g angenommen. ״So zum Beispiel wird berichtet, daß der gegenwärtige Ministerpräsident Frankreichs, Leon Blum, vor der Annähme seines hohen Amtes von führenden Juden Frankreichs bestürmt wurde, das Amt nicht zu übernehmen, damit nicht im Falle eines ganzen oder teilweisen .Mißerfolges dies zum Unglück nicht allein Frankreichs, sondern auch der Juden in Frankreich und in der ganzen Welt werde. In unserer eigenen amerikanischen (iemeüisehaft gibt es Leute, die privat und sogar öffentlich dieselbe Politik des jüdischen Defaitismus befürworten. Man hat jüdischen Männern von Fähigkeit und Charakter, die zu einem hohen Amt berufen wurden, geraten, teilweise sogar sie gedrängt, ihre Aspirationen z.urückztisteilen, damit ihr Erfolg nicht von Verkumdern zum Schaden aller Juden ausgebeutet wird. Soweit wir wissen, sind derartige Versuche gemacht worden, um Gouverneur Herbert Lehman in New York und Gouverneur Harry Horner in Chikago zu überreden, sie mögen nicht weiter in ihrem Amte verbleiben. Glücklicherweisc haben solche Männer wie Blum, Lehman, Hör- 11er — und wir könnten noch andere Namen nennen — diesem (jeist des Pessimismus keinen Einfluß auf ihre Entscheidung eingerünmt. Ihre Annahme hoher Aemter ist eine Antwort an diejenigen, welche jenes Verhalten ernpfehlen, lind eine Herzstärkung für alle, die dazu neigen, dem verheerenden Pessimismus nachzugeben. Niemand leugnet, daß wir in dunklen Zeiten leben, dunkel fiir die ganze Welt und doppelt für die Judcnheit. Aber das ist nicht die erste Periode dieser Art in der jüdischen Geschichte. Und durch alle Zeitalter hindurch, aucfi in den dunkelsten Zeiten, war der Optimismus das Gegengift gegen die Schwierigkeiten des jüdischen Lebens.“ Diese interessanten Bemerkungen scheinen uns das Problem, das sie anfassen, nicht ganz zu erschöpfen. Es ist nicht nur eine Frage von ״Pessimismus“ und ״Optimismus“, um die es sich handelt. Der Optimisraus der Juden beruht auf seinem Glauben an den endgültigen Sieg der Gerechtigkeit und Wahrheit, auch wenn durch Jahrhunderte hindurch diese Ideale verdunkelt sind, und auch wenn die Menschen — einschließlich der Juden selbst — nicht imstande sind, zu ihrer Höhe emporztikliminen. In den dunkelsten Zeiten hat der jüdische Optimismus die Form des Mcssiani smus angenommen: über die Schwere der Zeit hinweg träumte er von der Erlösung in der Eudzeit, und — um ein theologisches Moment hier zu streifen — dies war einer der Gründe, warum die Juden die Ansieht, daß die Erlösung der Welt in der Vergangenheit und nicht in der absoluten Zukunft liege, angesichts der täglichen Erfahrung der Unzulänglichkeit der irdisehen Menschheit nicht akzeptieren konnten. Der Gegenstand aber, auf den der zitierte Artikel anspielt, betrifft ein sehr irdisches Problem. Die Befürchtungen, von denen hier die Rede ist und die sich in den angedeuteten Schritten bei Blum und anderen der jüdischen Gemeinschaft angehörenden Staatsmännern manifestieren, sind ein charakteristisches Zeichen dafür, wie die Erfahrungen des G a 1 u t!11 e b e n s auf die jüdische Psyche eingewirkt haben. Der Widerspruch gegen die Annahme 11011er Aemter kommt aus jüdischen Kreisen, die bei innerjüdischen Auseinandersetzungen stets theoretisch die Meinung vertreten, daß es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Staatsbürgern jiidisehen oder christlichen Glaubens gebe; dennoch sehen sie es ungern, daß aus dieser Theorie die volle Kon- Sequenz gezogen wird, weil sie, im Gegensatz zu ihrer Theorie und in Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit, wissen, daß in den Augen der übrigen Welt der Jude Jude bleibt, und daß man sich dieser seiner Zugehörigkeit zum Judentum besonders d a n n erinnert, wenn er Mißerfolg hat oder aus einem anderen Grunde unbeliebt wird. Und diese Erfahrung ist eine Realität, die mit Optimismus und Pessimismus nichts zu tun hat und vor der niemand die Augen verschließen kann. Hat nun trotz dieser Erfahrung und dieses Bewußtseins der Gefahr — Gefahr nicht nur für die Einzel- Persönlichkeit, sondern für die jüdische Gesamtheit — ein Jude das Recht oder die Möglichkeit, auf die Betätigung im Staate an dem Platze, der ihm durch Ent- Wicklung und Volkswillen zugewiesen wird, zu verzieh• ten? Dies ist eine ernste Frage, die unsere einzigartige L.age beleuchtet. Denn nicht als ״Jude“, sondern als Mensch und Bürger ist er in das politische Lehen des La!!des eingetreten. Die jüdische Ge m ein- Schaft als solche hat mit dieser Berufung nicht das geringste zu tun, und der betreffende Politiker hat auch die jüdische Gemeinschaft nicht um ihre Meinung gefragt. Die immer wieder von judenfeindlicher Seite aufgcstcllte Behauptung, daß die Juden ״die Welt beherrschen“ wollen und Machtpositionen für Die Untersuchtmgs-Kommission London, 29. Juli. Kolonialminister Ormsby-Gore gab heute im Unterhaus die Namen der Mitglieder der Königliehen Untersuchungs-Kommission bekannt, und zwar: Viscount Peel (Vorsitzender); Sir Horace Rumboid (Vize-Vorsitzender); Sir Laurie Hammond; Sir Maurice Carter; Sir Harold Morris, K. C.; Professor Reginald C o u p 1 a n d. Ais Sekretär der Kommission wird J. M. Martin vom Kolonial-Amt fungieren. Die Befugnisse der Kommission sind wie folgt; Fest- Stellung der Grundursachen der im April ausgebrochenen Unruhen; Untersuchung der Art und Weise, in der das Palästina-Mandat durchgeführt wird, sowohl vom Standpunkt der Verpflichtungen des Mandatars gegenüber den Arabern als auch vom Standpunkt seiner Verpflichtungen gegenüber den Juden; Feststellung ob, vom Standpunkte einer richtigen Interpretierung der Vorschriften des Mandats, Araber oder Juden Grund zu berechtigten Beschwerden haben über die Art, in der das Mandat früher durchgeführt wurde oder gegenwärtig durchgeführt wird; und, falls die Kommission die Berechtigung solcher Beschwerden anerkennt, Empfehlungen für deren Beseitigung und die Verhinderung von deren Wiederkehr. Der Zeitpunkt der Abreise der Kommission nach Palästina kann noch nicht angegeben werden; es besteht jedoch nicht die Absicht, sie ihre Arbeit im Lande beginnen zu lassen, bevor die Ordnung wiederhergestellt ist. Was eine Sistierung der jüdischen Ein w and e r u n g für die Dauer der Arbeit der Kommission, von der die Rede gewesen ist, anbetrifft, so könne der Kolonialminister nichts zu seiner Erklärung vom 22. Juli hinzu fügen, und zwar daß die Regierung keine diesbezüglichen Beschlüsse gefaßt habe und sich durch keinerlei Gewaltakte oder Drohungen beeinflussen lassen werde. (Aus der offiziellen Ankündigung geht hervor, daß die vorwöchentliehe — auf eine Indiskretion beruhende — Veröffentlichung des Londoner ״Daily Hera Dl", der die JTA. die Namen entnommen hat (s. ״j. R.“ Nr. 50), nicht genau war. Feldtiiarscliall B i r d w o o d ist nicht Mitglied der Kommission, dafür drei vorher noch nicht genannte Herren. - Red.) Siehe auch Seite 3 das Judentum erstreben, könnte nicht besser widerlegt werden als durch den Hinweis auf die jüdischen Besorgnisse, von denen oben die Rede war. Demi weit entfernt davon, eine Macht für das ״Welljmlentum“ zu erstreben, fürchten sehr viele Juden, daß der Aufstieg einer einzelneai dem Judentum aiigehöremlen Persönlichkeit der judenfeindlichen Propaganda Nahrung geben könnte. (Das zu sagen, ist kein Geheimnis; denn man kann es täglich in allen!.ändern hören und insbesondere Blums Aufstieg hat es zum allgemeinen Gesprächsthema gemacht.) Wie aber soll ein Mann wie Blum sich verhalten? Wenn wir di(* Position eines Menschen überlegen, der ein ganzes Leben in der Politik seines Vaterlandes gearbeitet hat und dann, durch Begabung und Charakter immer höher in der Achtung seiner Mitbürger gestiegen, zu höchster Verantwortung im Dienste für sein Land berufen wird, dann werden wir nicht nur psychologisch verstehen, daß dieser Mann dem schwelen Amte sich nicht entziehen kann, sondern man könnte auch der Meinung sein, daß ein Versagen eines solchen Juden im entscheidenden Moment ein mindestens ebenso starkes Argument gegen die Juden bilden könnte. Denn die Gleichberechtigung, die die Juden in den westlichen Ländern (früher auch in Deutschland) erhalten haben, berechtigt nicht nur, sondern verpflichtet auch. Und es beleuchtet nur die Tragik der jüdischen Position, wenn befürchtet werden muß, daß diese natürliche Konsequenz aus der jüdischen Rechtsstellung in ungünstigen Momenten als ein A ngri f f s p 11 n k t gegen die ganze jüdische Gemeinschaft dienen könnte. Der Fall Leon Blum ist darum ein besonders merkwürdiges geschichtliches Beispiel, weil hier nicht, wie wir cs früher im Zeitalter des Liberalismus öfter erlebt haben, ein Jude als Politiker seines Vaterlandes zugleich seinen Zusammenhang mit dem Judentum verleugnet. Lieber die angesehene Stellung Leon Blums in Frankreich hat die ״Frankfurter Zeitung“ nach seinem Amtsantritt ausführlich berichtet und dabei auch die Rolle, die das Judentum für ihn spielt, behandelt. In dem betreffenden Artikel heißt es 11. <:.!׳ ״Fr entstammt einer groliburgerliclH'ii F'amilio Pari-er Kaufleute und gehört der j 11 11 i .s e h e 1! I l!fe dic-er Stadt an. N i e 11 a t er v e r s 11 c ii t, dies e n Urs n r!1 ti g zu v e r s e h \v e i g e 11. im (iegenUil, er ist heute n->< 11׳ stolz auf ihn mul sieht i n s e i 11 e r?1! g e 11!׳ r 1 .4 - k e i t zum J u!1 1' n t 11 tu e 1 n e (! a r;1 ti j i 1 f u r d t e Leid e!1 s f n 11 1 g kc.it u n tl das (i e r e e I: t 1 g k! 1 t - - g e t 11 11 I, das auch seine schärfsten Ucgiicr ihm niemals abgespruelien!iahen.‘‘ Und über Blums Aufstieg zum höchsten Amt heißt es in dem Artikel: ״Zwölf Jahre lang hat Leon Hin in der Macht widerstanden, zu elf );ihre lang hat er dagegen gekämpft, als F1111 rer der /«citgrößten Parte i tu eine l inksregiming eintreten zu müssen. Dieser Kampf war gewiß mehr als innerpolitisdu׳ Berechnung. I r w a r der riatnr- I i e 11 e W i tl e r w i 11 e eines z 1t g I e 1 c 11 s k e p t i s c 11 e 11 II n d 111 e s s i a ui s e!1 g e s t i m in t e 11 M e n s c h c u geg e n e i n e V e r;1 11 t w o r t u 11 g, tl i e u b er die V e r - a!11 w o r t u n g v o r d t m Gewisse n 11 11 d 11 c tn Geiste h i n a u s g e 111. .Heute gibt es für ihn kein Ausweichen mehr.“ (Sperrungen von uns. — ״J. R.“) Daß der Jude dem Lande, dem er angeliört, auch seine Dienste zur Verfügung stellt, ist selbstverständlieh. Als im Juni die große Palästina-Debatte im Unterhaus stattfand, gedachte Lloyd George, während des Krieges Munitionsininister und dann Primeminister, der Verdienste, die L)r. Weiziti ann in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Chemiker seinem Lande geleistet hat. Lloyd George sagte: ״Ich weiß nicht, ob das Unterhaus begreift, wieviel wir Dr. Weizmaun und seiner bewundernswerten wissenschaftlichen Begabung verdanken. Er hat in einem kritischen Moment, als uns ein besonderer chemischer Stoff, der für unsere Kriegsindustrie lebenswichtig war, fehlte, die britische Armee geradezu gerettet. Mit seinem großen chemische» Genie half er uns, dieses Problem zu lösen.“ Bei diesen Worten wird sich der Leser in Deutschland erinnern, daß auch hier ein großer jüdischer (freilieh getaufter) Chemiker, Gcheimrat Haber, während des Krieges durch die Erfindung lebenswichtiger Ersatzstoffe sich die größten Verdienste erworben hat. Als kürzlich in London in einer Diskussion über die Palästiha-Ffagen von einem englischen Politiker wieder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.