Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1936)
- Date
- 1936-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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3Ü 7.1S36 </: 7'״ W . / Nr. 60 / Jahrgang 41 Praia 25 Rpf, JÜDISCHE RUNDSCHAU Scluriftldtnnff,Verlag a. Aozelgenverwaltangt Berlin W15, Melnekeotr.10 Fernmf 1 Sammet Nammer J1 (Bismarck) W31. — B«zu^preis einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,*—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung־ RM 1,88 b*w, RM 5,39. — Postschedk - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Croß Berlin), Berlin 17392 (für das übrigr Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht leein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erachelot jeden Dienstag and Freitag« BERLIN תשעה באב תרצ״ו DIENSTAG, 28. JULI 1936 Gttltlgi AnzetgenpreUUete Nr, 5, Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf., für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*« anreigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck; - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9— 18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag lf> Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien * Ameigen am Tag vor F.rsrheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das indische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Wenn die Stunde reif ist Auf der Suche nach einem Ausweg Die letzte Nummer der englischen Zeitschrift ״Ci r e a t B ritain and the East“ enthält nicht weniger als sechs verschiedene Beiträge über die gegenwärtige Lage in Palästina. Die Zeitschrift wendet sich in ihren redaktionellen Bemerkungen gegen die von jüdischer Seite an der P a - lästina-Regierung geübte Kritik. Der Tadel, daß die Palästina-Regierung zu milde vorgegangen sei, werde sich bei späterer Prüfung als unbegründet erweisen. Auf der anderen Seite verstehe man nicht, was die Zionisten gewinnen können, wenn sie dauernd die Palästina-Regierung, von der auch die Zukunft der Juden im Nationalhcim abhängt, herabsetzen. Die Zeitung wirft zum Schluß noch die Frage auf, was wohl die Mitglieder der beiden Häuser des B r i t i - sehen Parlaments heute von ihren eigenen Reden, die sie vor einigen Monaten in der Debatte über den Legisla'tive Council gehalten haben, denken mögen; der High Commissioner hat sich von einer solchen Institution eine beruhigende Wirkung erhofft, und wenn heute jemand Grund zur Beschwerde hat, ist es wohl die Palästina-Regierung. Im Leitartikel derselben Ausgabe äußert sich die Zeitschrift zur Einsetzung der Untersuchungs-Kommission, die nicht abgehen dürfe, bevor nicht Ruhe und Ordnung im Lande hcrgcstellt ist. Die Zeitschrift setzt sich dann mit den Beobachtern auseinander, die meinen, daß nur zwei Arten der Politik hätten angewandt werden dürfen: entweder eine sofor• tige Niederwerfung des Aufstandes mit großer militärischer Uebcrmacht, oder aber diplomatische Verhandlungen mit den Aiabern zur Beendigung des Streiks. Die Palästina-Regierung habe cs für richtig gehalten, Kriegsrecht nicht zu verhängen, weil sie auf lange Sicht arbeitet und weil sie weiß, daß sie nach Beendigung des Aufstandes weiter mit der arabischen Bevölkerung zu leben haben wird. Wann die Untersuchungs-Kommission abgehen wird, wisse man nicht, denn das Ende des Aufstandes ist noch nicht in Sicht. Lange Zeit habe man die palästinensischen Araber als armselige Gesellschaft betrachtet, die zu einer gemeinsamen Aktion gar nicht fähig sind. Der jetzige Aufstand habe diese Meinung geändert. Auch die offiziellen Kreise sind jetzt der Meinung, daß das gesamte pa! ästinengische A r a b e r t u m hinter dem. Aufstand steht, und um sa größere Bedeutung wird jetzt der Untersuchung seitens eitler unparteiischen Körperschaft beigelegt. Eine Tatsiehe müsse dabei ins rechte Licht gerückt «׳erden: jeder wisse, daß, soweit Zahlen in Betracht kommen, das britische Reich ein Moslemreich ist. Jeder wisse auch, daß in keinem Reiche Juden so günstig behandelt worden sind, [las Palästina-Problem ist durch die Behandlung der Juden in maneben nkhtbrifischcn Ländern kompliziert worden, und man wird von der Untersuchungs-Kommission auch eine Ansicht darüber erwarten, weichen Einfluß humanitäre Motive (d. h. Rücksichtnahme auf die auswanderungsbedürftigen Juden anderer Länder) auf die Erfüllung des Palästina-Mandats haben soll. Weiter bringt dieselbe Nummer außer einem ausführliehen Bericht über die im Rahmen der arabischen Propaganda am 13. Juli veranstalteten Londoner Versammlung der Nationalen Liga und einen langen Brief der araberfreundliehen Miss Newcombe noch einen Aufsatz von Archer Gespannte Lage Jerusalem, 26. Juli. (JTA.) Am Sonntag sind größere Gruppen Fellachen, die zum Teil bewaffnet sein sollen, nach Jerusalem gekommen, wo sie sich in den zur Klagemauer führenden engen Gassen der Altstadt gesammelt haben. Dieser Zuzug von Bauern ist das Ergebnis einer seit einiger Zeit von den radikalen arabisch-nationalistischen Kreisen betriebenen planmäßigen Hetze, durch die ein Zusammenstoß der fanatlsierten arabischen Menge mit den Juden herbeigeführt werden soll. Der G r o ß m u f t i von Jerusalem hat einen Aufruf erlassen, in dem die Araber aulgefordert werden, die mohammedanischen heiligen Stätten zu schützen, die anläßlich des traditionellen Besuchs der Juden an der Klagemauer zu Tischa b’Aw gefährdet seien. In Jaffa herrschte am Sonntag eine außerordentlich gespannte Atmosphär e, die an die Zeit beim Ausbruch der Unruhen erinnerte. Diese Stimmung ist auf die wilde Hetze zurückzuführen, die von arabischen Agitatoren im Zusammenhang mit den geplanten Kundgebungen anläßlich des 100. Tages des Streiks getrieben wird. An ,verschiedenen Punkten von Jaffa wurden im Verlaut des Tages Bomben geworfen. Mehrere von den Agitatoren, die sich überall in die Menge mischen und eine fieberhafte Tätigkeit entfalten, wurden verhaftet. Abteilungen von Hilfspolizei wurden nach Bajit Wegan entsandt, um arabische Kundgebungen in dieser Siedlung zu verhüten. Die allgemeine Nervosität wird durch verschicdene Gerüchte noch gesteigert. So wurde das Gerücht verbreitet, daß im Laufe der Nacht größere Massen zum Ufer vorstoßen würden, um einen Angriff gegen den Hafen von Tcl-Awiw zu unternehmen. Von den Behörden wurden die erforderlichen Sichcrhcitsvorkchrungcn getroffen. Alarmierende Gerüchte über angebliche Pliine der Araber, anläßlich der angekündigfen ״J u b i I ä u m s f e i e r“ d e s hundertsten Tages am 27. Juli seit dem Ausbruch der Pa- Jästinaunruhen ״Racheakte“ zu begehen, haben im ganzen Land erhöhte Beunruhigung hervorgerufen. Das Rabbinat hat bekanntgegeben, daß der sonst am Vorabend des Tischa b’Aw übliche Massenzug zur Klagemauer am Montag, dem 27. Juli, nicht stattfinden wird, da die Unsicherheit in den Straßen der Alt- Stadt, die zur Klagemauer führen, dies unmöglich macht. C u s t, einem ehemaligen Beamten der Palästina-Regierung, der bis vor kurzen! 14 Jahre in Palästina tätig war. Die Zeitschrift setzt eine Vorbemerkung hinzu, daß es sich hier lim den ersten Artikel einer Serie v o n drei Ar t ä k c I n handelte; der zweite und dritte werden von jüdischer bzw. arabischer Seile bcigeslcuert werde,!. <I 11 st erklärt, der allgemeine und langdaiienule arabische Aufstand beruhe darauf, daß alle Gruppen und Schichten der Araber in gleicher Weise liherzeugt sind, daß sie angesichts des u n b e h/i n d e r t e ti Anmarsches des Zionismus, der in den letzten vier Jahren nicht weniger als 200 00(1 Juden ins Land gebracht hat, von U e b e r f 111 111 n g b c 11 r o h t sind, und daß angesichts des ״mächtigen und anscheinend unwiderstehlichen Einflusses der Juden in London und Gent'‘ nur Mittel der Verzweiflung für sie zur Verfügung stehen. Diese Meinung könne man begreifen, wenn man hört, was im Parlament und anderwärts über ■die zionistischen Ansprüche gerettet wird. Aut der anderen Seite, so führt Cust weiter aus, kann man den Juden, die in vielen Ländern verfolgt werden, keinen Vorwurf machen, wenn sie gegen die Tore des alten Landes Israel drängen, wo sie beinahe die einzige Hoffn 11 n g f ü r die Zu k u 11 f t ihres V o I k e s selten. Ls müsse daher Aufgabe der Mandatannacht sein, das Gleichgewicht /wischen diesen zwei miteinander zusammenprallenden idealistischen Bewegungen herzustellcn, und /war nicht nur in Worten, sondern auch durch eine konstruktive und entschiedene Tat. Im weiteren V'crlauf des Aufsatzes tritt dann Mr. Cust für den von ihm bereits an mehreren anderen Stellen (worüber die ״Jüdische Rundschau“ s. Zt. berichtet hat) vertretenen Plan der Teilung Palästinas in arabische und jüdische Kantone ein. Weizmann nimmt Erholungsurlaub London, 24. Juli. (JTA.) Der Präsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation Dr. Chaim W e i zmann begibt sich in den nächsten Tagen zu einem dreiwöchigen Kuraufenthalt nach Karlsbad, da er von den Anstrengungen der letzten vier Monate körperlich schwer mitgenommen ist. In allen jüdischen Kreisen, mit denen Weizmann in letzter Zeit in Berührung kam, herrscht der Eindruck, daß er alles Menschenmögliche getan hat, um sämtliche erreichbaren politischen und diplomatischen Kräfte und Einflüsse zugunsten der jüdischen Sache in Palästina zu mobilisieren. Die letzten Erklärungen des Kolonienminislers Ormsby- Gore haben in jüdischen politischen Kreisen erneut Befurcht ungen hervorgerufen. Man meint, daß die Möglichkeit einer vorübergehenden Einstellung der Einwanderung durch seine Bemerkungen nicht vollständig beseit i g t wurde, sondern daß in ihnen eher die Absicht der Regierung zum Ausdruck kam, sich zwar vor Gewalt und Einschüchterung nicht zu beugen, aber ״nach wesentlichen Gesichtspunkten“ vorzugehen. Zum 9. Aw Tag der Zerstörung So furchtbar war noch niemals ein Zerreiben Als dieses, da der Herr das Band durchschniti, Das seine Herrlichkeit auf wunderfausend Weisen Dem Berg verband, den nie ein Eisen Entweihte und auf dem der Knabe litt. Der eine Prüfung war und ein Verheizen Und ausersehn zu ewigem Beriih. So furchtbar war noch nie ein Zornergieben Als dieses, da der Herr sein Haus verbrannt In Lohen, die zum Himmelsherzen stieben Und Wundenmale schulen Engelsfüben Und eine Fackel waren dem verfluchten Land, Das sich Sn Scham wie die Versfobne wand, Heib lechzend nach des BrSutigames Küssen. So furchtbar war noch niemals ein Verbannen Als dieses, da auf Weltzeit ER sich schied Von seinem Land, das Bäche Bluts durchrannen Wie des Propheten schwarzes Trauerlied. Und dennoch, Herr, da dies geschehen war. Gingst DU mit uns, die Deine Hand vertrieben: Und Gott und Volk, der goldnen Ehren bar, Vermochten sich im Strabenstaub zu lieben. Sch. Ben- Chorfrt Vor einigen Jahren noch war der 9. Aw ein Datum, an dem die meisten Juden in Deutschland achtlos und ahnungslos vorübergingen. Wieviele Menschen außerhalb der orthodoxen Gruppe wußten überhaupt, wann er fällt? Der Tag gehört ja nicht zu den hohen Feiertagen, die auch bei den emanzipierten Juden noch gesellschaftsfähig geblichen waren. I r war nicht erhabener ethischer Weihe gewidmet, er erinnerte auch nicht wie die übrigen Feste an Befreiung und Fortschritt, sondern an Ereignisse, die Rückschlag und Untergang bedeuten, und dafür war den Juden des 19. Jahrhunderts der Sinn verloren gegangen, denn sie waren ja fortschrittsgläubig geworden und überzeugt, da 15 wir aus der Zeit der Ruckschlüge im jüdischen Schicksal endgültig heraus sind. Das historische Datum schien belanglos geworden. Und doch ist der 0. Aw mehr als ein historisches Datum. Lr ist das Fanal für die folgenschwere Wendung der jüdischen Existenzform, mul zugleich ist er ein Bewufitwerden der außerordentlichen Belastungsprobe, die der (jeist des Volkes zu bestehen hatte. An einem und demselben Tage gedenken wir fünf Katastrophen unserer Geschichte; immer wieder Vertreibung ins Exil, immer wieder Enttäuschung imienttlammter Hoffnungen. Jerusalem und der Tempel sind zerstört, das Volk vernichtet, alles ist zu Ende. Aber es versucht sich wieder zu sammein; es setzt seine Kraft ein für einen Aufstand, auch dieser wird niedergeschlagen, am 9. Aw fällt Bar Kochbas Festung Betar. Wieder alles zu Ende. Und Jahrhunderte später versucht dieses Volk, das inzwischen in seiner Lehre ein ״portatives Vaterland“, den Ersatz für den realen Boden unter den Füßen, gefunden hat, einen neuen Weg; ein Leben unter den Völkern zu führen, einen Ausgleich der widerstreitenden Kräfte herbeizuführen, sein Bestes in produktiver Symbiose für ein anderes Volk einsetzendT und doch die eigene Würde bewahrend; im spanischen Exil entfaltet das jüdische Volk in enger Gemeinschaft mit seinen nichtjüdischen Mitbürgern eine reiche und segenbringende Kultur, jahrhundertelang lebt es glücklich, aber auch dies ist nicht von Dauer. Am 9, Aw des Jahres 1492 läuft die den Juden von den spanischen Machthabern gesetzte Frist ab, innerhalb deren sie zu entscheiden hatten, ob sie zur katholischen Kirche übertreten oder das Land verlassen wollen. Das Experiment ist gescheitert, an diesem 9. Aw treten Tausende von Juden, die schon neue Seßhaftigkeit erlangt zu haben glaubten, die Wanderschaft an. Wieder alles zu Ende. Wer dies in allem Ernst an seinem Geiste vorbeiziehen läßt, kann es kaum fassen, daß ein Volk solche Schicksalsschläge überwunden haben kann. Bis auf das tiefste׳ gebeugt, in Zerknirschung und Verzweiflung, mit wehem Herzen, dessen Ausdruck die Klagelieder der Bibel sind, ist es doch nicht gebrochen: es geschieht das Unglaubhafte, das Volk ci hebt wieder sein Haupt, die Menschen hoffen wieder, sie glauben an den laugen Weg, der schließlich zur Erlösung führen wird. Es ist ein Brauch von packender Symbolkraft, in den Zeiten des Wohllebens von der Masse kaum mitempfunden und im Bewußtsein verblaßt, heute aber einer immer größeren Zahl von Juden neu verständlich und fast wie eine Offenbarung sie in ihrem eigenen Innersten persönlieh berührend: auf den 9. Aw folgt der ״Schabbat der Tröstung“, auf tiefste Erniedrigung und Zerstörung folgt der Ruf: ״Tröstet, tröstet mein Volk ...“. Und wenn wir den Gang der Geschichte überblicken, so sehen wir zwar, daß das Unglück des Aw noch nicht repariert ist, aber daß der Lebenswille des Volkes immer wieder erwacht ist und neue Wege suchte. Es waren richtige und falsche Wege, schwärmerischer Ueberschwang und kalter Rationalismus, aber es war auch der Glaube an eine endliche Lösung, ein inneres Sichaufrichten an den Worten des Trostes. Die eigentümliche Beziehung zwischen Palästina und dem in der Diaspora lebenden jüdischen Volke beginnt nicht erst am 9. Aw. Die ganze jüdische Geschichte ist seit jenem Tage, da nach der Ueberlieferung Abraham den Auftrag erhält, in jenes Land zu ziehen, ein ständiges Hin und Wider, eine rhythmische Bewegtheit, die um dieses Land kreist. Das Land ist das Kraft- Zentrum, von dem das Volk lebt, auch wenn es außerhalb des Landes ist. Niemand kann den Gang der irdischen Geschichte voraussehen. In der Welt der Kriege und der Gewalt ist keine Ordnung als sicher oder ewig zu bczeichnen. Darum hat die jüdische Spekulation die endgültige Vereinigung des Volkes mit dem Land in die 1 1״ e s s i a n i s c 11 e Zeit verlegt, an das ״Ende der Zei