Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1936)
- Date
- 1936-07-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 59, 24. JULI 1936 Vermittlungsvorschlag eines Engländers Zum Problem der Verständigung? Von Adolf Böhm ln einer politischen Umschau nimmt a. h. (Adolf Böhm) Im letzten Heft der vorzüglichen Wiener Monatsschrift ״P alästin a" auch zum Problem der Verständigung mit den Arabern Stellung, Wir veröffentlichen diesen Teil als einen Beitrag zur Diskussion. (Red.) Wie unverbürgte Nachrichten besagen, die schon bei Bcginn־ der Unruhen zirkulierten uml die sieh hartnäckig erhalten haben, würden die Araber zu Verhandlungen und Kon- Zessionen bereit sein, docii iniiUten die Juden während des Ganges der Verhandlungen die bin Wanderung freiwillig einstellen. Ein arabisches Blatt wies darauf hin, daß sogar der ״zionistische“ Gouverneur, Samuel, bei den Unruhen 1921 die Einwanderung vorübergehend sperrte; warum sollten das die Juden nicht unverbindlich und freiwillig für eine Zeit lang tun? Es soll hier berichtigt werden, daß nicht Samuel, sondern der Militärgouverneur von Ramleh, der damals noch dem General Allenby unterstand, das Sperre-Dekret erließ, das dann von Samuel bestätigt wurde. (Die Sperre datierte von Anfang Mai bis 3. Juni 1921.) Für die Juden ist es 11 n - möglich, eine solche Bedingung zu akzeptieren. Darüber muß an dieser Stelle kein Wort verloren werden. Weder dieser, noch irgendein anderer Preis kann von den Juden für die Verhandlungsbereitschaft der Araber gezahlt werden und ihre eigene kann sieh erst bei Auf hören der Unruhen cinstcllcn. Es ist müßig, darüber Betrachtungen auzustcUen, ob dann die Konstellation mehr oder we- Jiiger günstig für die zionistische Politik sein wird. Dies nicht nur deshalb, weil die weitere Entwicklung unabsehbar ist und auch heute niemand die zukünftigen Machtfaktoren nach ihrer Art und Stärke abschätzen kann, sondern auch, weil alle Aufmerksamkeit der Tatsache gelten muß, die sich durch die Unruhen in einer Weise manifestiert hat, daß eine Vogel- Strauß-Politik, wie sie lange geübt worden ist, nicht mehr möglich ist. Gemeint ist damit die bisherige zionistische Haitung zur Araberfrage. Leider ist deren Bedeutung bisher nie erkannt worden. Es ging in der Zionistischen Organisation damit so, wie es der Soziologe Robert Michels einmal als allgemeine Erfahrung gekennzeichnet hat: ״Es ist eine der unumstößlichen Lehren, die wir aus dem Studium der Geschichte gewinnen: Politische Parteien, auch wenn sie Träger sittlicher und sozialer Gedanken von großer Tragweite sind, können ihnen unangenehme Tatsachen nur schwer vertragen.“ Es ist erinnerlich, daß die Grundidee des Brith Schalom, daß der Zionismus ohne Ausgleich mit den arabischen Interessen in eine Sackgasse geraten müsse, nicht anerkannt und der Bund als hochverräterisch erklärt wurde aus dem prinzipiel! völlig belanglosen Grund, weil er schwere taktische Fehler begangen hatte. Es ist bekannt, wie das Wort vom |bin.ationalen Palästina, das nichts anderes ausdeüdet,. im Lande immer־ zwei gleichberechtigte Völkefevwftr- «en werden, im Munde von Professor Weizmann quasi als! Beleidigung der Majestät des zionistischen Königsgedankens angesehen worden ist. Schon 1929 hatte ferner ein Führer der Poale Zion, S. K a p I a n s k y, vorausgesagt, daß ohne eine Vereinbarung mit dem anderen Volk die Lage in Erez Israel zu einem ״chronischen Konflikt“ führen wird, ״der nur mit Waffengewalt unterdrückt werden kann“. Auch diese Mahiiung wurde überhört. Wir sind nun so weit; wir haben kostbare Zeit verloren und es tut not, der Frage einer Verständigung mit den Arabern konzentrierte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es gibt hier zwei Momente zu unterscheiden: Die allgemeine Haitung zu diesem Problem und seine konkrete Lösung. Das ״Wie“ der allgemeinen Haltung ist hier schon an- 1gedeutet worden: Sie muß eine positive und aktive sein. Sie muß deutlich nach außen in Erscheinung treten und eine Verständigung darf nicht von vornherein daran seheitern, daß der Wilie auf jüdischer Seite dazu fehlt. Die konkrete Lösung ist schwierig und kann nur allmählich angebahnt werden. Von englischer Seite ist aufs neue die Frage der K a n t o 11 i e r 1111 g in die Debatte geworfen worden (״Times“ vorn IS. Juni), die auch vor nicht allzu langer Zeit im Buche von Lady Erskinc: ״PaJestine of the Arabs“ aufgcrollt wurde. Da die Autorin ihre Informationen von Seiten der arabischen Führer erhalten hat, so ist an/unehmen, daß diese selbst an die Möglichkeit einer solchen Lösung ernsthaft glauben. Sie muß von jüdischer Seite im Interesse des Zionismus, des Friedens mit den Arabern und der Entwicklung des Landes a b g e I c 11 n t werden. Denn die Kantonierung könnte nur die Folge haben, daß die Spannung zwischen beiden Völkern verewigt und verschärft werden würde. Weizmann hat kürzlich darauf hingfwiesen, daß die Araber ja schon ihre Kantone haben, z. B. das Dreieck: Nablus—Dschenin —Tu!! ־״em. Gerade dieser arabische Kanton Ist aber der Sitz der äußersten antijüdischen Hetze. Kantonierung wäre die Schaffung ausgesprochener Jingo-Reservate. Sic würde auch die Einbeziehung der arabischen Gebiete in den ״Der Schlüssel in der Hand der «luden" Die in englischer Sprache erscheinende ״P a I e s t i n e Post“ bringt jetzt fast täglich Briefe von Arabern und auch von Engländern, die sich mit der politischen Lage befassen. Von besonderem Interesse ist der Brief eines englischen Geistlichen, der einen Vermittlungs- Vorschlag enthält. Der Einsender führt aus: ״Was auch immer gegen ein endgültiges Verbot der Einwanderung nach Palästina gesagt werden mag, so vorstehe ich doch nicht, warum eine zeitweilige Aufhebung der Einwanderung bis zur Beendigung der Arbeit der Königliehen Kommission von jüdischer Seite als u n in e 11 s c!1 I i c h u n d u 1! v e r n ü n f t i g empfunden wird. Jedenfalls sind viele von tms, die sich nicht für Unmenschlieh oder unvernünftig halten, gegenteiliger Ueberzcugung. Wir sehen in solcher zeitweise!! Suspendierung der Ein- Wanderung einen gangbaren Weg, aut dem weitere Gewaltakte und weiteres Blutvergießen verhindert werden können. Die Juden halten in der gegenwärtigen Lage die Schlüsselposition. Sie haben sich bisher gegenüber der großen Provokation musterhaft verhalten. Aber jetzt wird noch etwas Größeres von ihnen erwartet, eine Tat, durch die sie auf lange Sicht nichts verlieren werden. Die gegenwärtige Lage ist ausweglos. Die Regierung hat sich daraut festgclegt, daß sie keinerlei Konzessionen machen wird, bevor nicht die Gewalttaten aufgehört haben werden. Die Araber hingegen halten an einer Politik der Gewalttaten fest, bis daß mindestens ein Teil ihrer Forderungen hewilligt sein wird. Nach 90 Tagen Streik nachzugehen, ohne den kleinsten Erfolg aufweisen zu können, das wäre ein untragbarer Zusammenbruch. Ich habe niemals eine ausweglosere Lage gesellen. Gibt es einen Ausweg? Ich sehe nur einen; daß die jüdische Organisation sagen würde: .Wegen des gegenwärtigen Zustands werden keine neuen Anforderungen für Einwanderung c i n g e r c i c 111*), bis der Bericht der Königlichen Kommission vorliegt.‘ Dann hätte die Regierung Handelsfreiheit. Und was würde dann geschehen? 1. Ich glaube die Atmosphäre in Palästina und die Beziehungen zwischen Juden und Arabern würden sich radikal ändern. 2. Araber, Juden und auch Engländer kennten miteinander verhandeln. 3. Das Urteil der Kom¬ *) Anmerkung: im englischer! Original steht: ״no more immigration schedules will he issued“. Wir haben diesen störenden Ausdruck, der auf einem Lapsus oder auf falscher Information über die Prozedur beruht, in der Uebersetzung sinngemäß geändert. wirtschaftlichen Aufschwung des Landes verhindern und brachliegende Gebiete den Zionisten sperren. Es wäre auch ganz sinnlos, wenn durch Gesetze verboten werden sollte, daß in arabischen Kantonen an Juden Land verkauft werden darf, denn dies auf so engem, übersehbarem Raum 4u: verhindern, sinddi« arabischen Nationalistenpr-aktisch in der Lage und wenn *sife das n feilt können, so Wfi'fc' däs"efm Beweis dafür, daß die nationalistische Bewegung ohne jede Kraft ist. Aber es ist jedenfalls ausgeschlossen, in Palästina ein Ansnahmerecht gegen Juden zu schaffen. Schon die Treu!1 u 11 g von J u d en und Arabern dort, wo sie bisher miteinander lebten, als Folge der Ereignisse (wie in Jaffa und einigen Gegenden Haifas) ist heklagenswert genug. Dem! sie zeigt, daß die Symbiose gefährlich für die Juden ist. Aber prinzipiell ist diese Trennung nicht wiinsehenswert und sollte nicht noch gesetzlich gefördert werden. Im Gegenteil: Die Aufgabe ist, einen Modus der Vers t ä n d i g 1!!1 g u 11 d d e s d a 11 e r n d e 11 f r i e d 1 i c h e n Z 11 s a m m cnlebcns zu f i n d e 11. Der erste Schritt dazu kann kein anderer sein, als der in der Richtung der Selbst- Verwaltung, mit paritätischer Anteilnahme von Juden und Arabern. Wenn die ״Times׳‘ kürzlich sagte, daß der Aufrühr der Araber gezeigt hat, daß vorläufig die Selbstverwaltung nicht eingeführt werden kann, so ist das durchaus nicht richtig. Der Vorwand für den Aufruhr ist eben ihr Fehlen, und ihre Einführung würde Verantwortungen und ein Forum für Verhandlungen schaffen. Eine Art Parlament (was nicht heißt eine einheimische Regierung) müßte seine Aufmerksamkeit auch zum größten Teil wirtschaftlichen und sozialen Fragen zuweiiden. Es würde damit ein gesamtpalästinensisches Interesse beider Bevölkerungsteile geschaffen werden, wodurch eine gesunde Kritik an der vielfach unzulängliehen Verwaltung geübt werden würde. Die Juden haben bisher einseitig nur den jüdischen Aufbau im Auge gehabt, obzwar dieser natürlich ungemein stark abhängt von einer Förderung der gesamten Volkswirtschaft. Die arabischen Führer hingegen sind überpol it i si er t, haben kein soziales und wirtschaftliches Programm. Sie winden die Erfahrimg machen, daß ohne konstruktive Arbeit mit einem wirtschaftlich so rückständigen Volk, wie es die palästinensischen Araber sind, keine fortwährenden politischen Erobcrtingen zu machen sind. Dasselbe gilt übrigens für die bestehenden arabischen Staaten, die mit wirtschaftlichen und sozialen Sorgen überhäuft sind und dringend der Ruhe und mission könnte sich auf eine Verständigung unter den Parteien stützen und würde auch allgemein angenommen werden. — Es mag sein, daß ich irre, aber ich hin von der Richtigkeit meines Vorschlags überzeugt. Frieden und Wohlstand können wieder in Palästina cinkchren und der Schlüssel dazu liegt in der Hand der Juden. William Ros s.“ * Die R c d a k t i o n der ,,Palestine Post“ antwortet dem Einsender in einem Leitartikel. Sie wirft ihm vor, daß er, bei aller guten Absicht, sich auf der Linie des sch w ä c h - s t e n Widerstands bewege. Auch für die Juden sei es unmöglich, nach 90 Tagen solcher Erlebnisse nachz u g e b e n, Sie würden damit auch anerkennen, daß die Einwanderung der legitime Grund der Unruhen sei. Auch eine Round-Tahle-Konferenz zwischen Engländern, Arabern und Juden, wie Herr Ross sie in Aussicht stellt, wäre in ihren Resultaten gefährdet, wenn sie vor einem fait nccompli stünde. Man kann der Regierung die Entscheidung nicht ersparen, ob sie das Odium auf sich nehmen will, dem Drucke gewichen zu sein oder nicht. Tue sie es, so würde der Jude wohl;111 der Gerechtigkeit verzweifeln, aber er würde sich selbst nicht Feigheit vorzuwerfen haben. (Uns scheint, daß diese Antwort der ״P. P.“ an dem wes entliehen Gedanken des englischen Einsenders vorübergeht, — Anm. d. ״J, R.“) Eine Erklärung der Exekutive Jerusalem, 22. Juli. (Palcor.) Die Exekutive der J e w i s 11 Agency veröffentlicht ein kategorisches I) e in e n t i der Meldung im T e I - A w i 11־ e r T a g h I a t f ״H alioke r“, derzufolge Dr. Weizmann seine Zustimmung zu einer Einstellung der Immigration während der Tätigkeit der Kgl. Untersuchungskommission gegeben habe; diese ]Meldung hatte Haboker“ einer arabischen Quelle entnommen. Die Exekutive erklärt, daß ihre Ver- Ireter in Jerusalem und London mit Dr. Weizmann an der Spitze der Regierung mündlich und schriftlich ihren entschiedenen Widerstand gegen die Sistierung der Ein- Wanderung in welcher Form immer mitgetcilt nahen. Die durch arabische Agenten in Umlauf gesetzten Gerüchte, die das Gegenteil vorgeben, bezwecken die Vereitelung der Bemühungen der Exekutive, eine Einstellung der Einwanderung zu verhindern, und die Ermunterung derjenigen, die ihr Ziel durch Mord und Aufruhr zu erreichen versuchen. Das jüdische Publikum wird vor falschen Gerüchten gewarnt, die den Gegner zu stärken geeignet sind. weiterer auswärtiger Unterstützung bedürften, um ihre noch sehr primitiven Staatsgebiet.• zu konsolidieren. Die jüdische Siedlung in Palästina ist heute stark genug, um ihr Gewicht in die Wagschale der Politik zu werfen, tim;so mehr hinter ihr die Jgdynschaft der Welt und ihr verbrieftes Recht steht. Sie hat sich in diesen Tagen in ihrer Kohäsion 111 einer Wetse bewährt, daß dadurch dieses Gewicht auch moralisch bedeutend gewachsen ist. Sie hat ein unzerstörbares Selbstvertrauen bewiesen, aber keine Spur mehr einer Hybris gezeigt, wie sie seit jeher eine Gefahr für den Zionismus gewesen ist. In dieser Geschlossenheit und Kraft kann sie ohne Furcht mit dem Partner Verträge eingehen im Bewußtsein, daß die Juden in deren Ausführung .stark und weise genug sein werden, jeden Versuch, ihre Rechte aus dem Mandat zu schmälern, zu vereiteln, welches immer die Formen sein werden, unter denen das Land verwaltet werden wird. Ein Brief von Flinders Petrie Der bekannte greise Archäologe Flinders Petrie richtete ein Schreiben an die Redaktion der ״Palestine Post־‘, das großes Aufsehen erregt hat. Er fuhrt ans, daß die Araber in den 139!) Jahren seit ihrer Besitzergreifung Palästina nichts als Vernichtung gebracht haben. Ihr vererbter Drang nach der Wüste sei es, der die Vernichtung von Bäumen, sowohl auf arabi-ehem wie auf anderem Boden verursach,e. Infolge besserer (iesmulheitspflege sei die Be! ob kerung der Welt 1111 Steigen begriffen. Sollte I .!lglaitd Dalästina seinen Schutz ent/ieheii, so wurde das 1 and von Italienern oder andern ergriffen werden, die den Boden für sich verwenden und die Araber verdr.ingen wurden. I limlers Petrie empfiehlt eleu Arabern, von den Juden zu lernen und mit ihnen z u s a!11 m e 11 / u a r beit e 11, und den so lange vernachlässigten Boden zum Blühen /ti bringen; nur dann werde man sie als Nation und nicht als Horde behandeln. Die Einwanderung 1936 Das Einwanderuiigsdcparf erneut derRegicrung gibt bekannt, daß im Jahre I933 109 821 Reisende (Einwanderer und Tonristeil) nach Palästina gekommen sind. Legal e i!1 g c w a 11 - de r t sind (13 12S Juden. Außerdem sind 3239 Nichtjuden und 491S Juden illegal als Einwanderer nach Palästina gekommen. Daraus geht hervor, daß die Einwanderung im Jahre 1933 fast 70 009 erreicht hat. Ein Panorama der, Altstadt von Jerusalem, gesehen v.on dem Dach der Nissim-Be#• Synagoge, wo Beobachtungsposten der. Polizei postiert sind r«t«! H, OnuU••,.Itraitln■ '״«Az II »I t* MM ״r*3e־j ■••'Tirr' pÄfS -ג Mt»