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Jüdische Rundschau · 1936-07-24 · Heft 59 (24.7.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 59 (24.7.1936)
Date
1936-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 59 24. VII. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Über Mod§d1itzer ״Neginah* (Vgl. ״Singblatt der J. R.“ vom 10. Juli Nr. 55) Von C h c ni j o W i n a w er Reb. Jisroel Modschitzer verdankt seine Popularität in der polnischen Chassiduth vor allem seiner Musikalitat. Modschitz war der Quell chassidischer Neginah, hier entstanden zahllose ״Tänzlach“ und ״Nigunimlach“. Eine solche Fülle von Melodien hatte dort ihren Ursprung, daß• — mag man auch ein gut Teil von ihnen ablehnen -- immer noch genug Wertvolles übrigbleiht. Der Chassidismus in Polen wob einen ganzen Kranz von Legenden um des ״alten Modschitzer“ musikalische Schöpfergäbe. Unter den vielen Geschichten, die von Mund zu Mund gingen, war eine, die davon berichtete, daß die Modschitz.er Nigunim eine so starke Anziehungskraft hatten, daß, sobald sie nur erklangen, sich sogar die nichtjüdischen Kapellmeistcr der russischen Militärkapelle (Modschitz war Festungsstadt zu jener Zeit) um die Fenster des Beth-Hamidrasch scharten, um den Nigunim zu lauschen. Jahr um Jahr mehrte sich die Zahl der vom alten Modschitzer geschaffenen Nigunim, und sie entzückten nicht nur die chassidisclie Welt, auch in den Kreisen der Misnagdim fanden sie große Verbreitung. Ja, bis ins polnische Volk hinein drangen die Melodien dieses musikalischen Chassidim- Rabbi, und ich selbst habe noch einen polnischen Hirten eine Melodie auf seiner Flöte blasen hören, die er ganz ohne Zweifel den Chassidim abgelauscht hatte, wie sie Tag und Nacht auf den Gassen der polnischen Kleinstadt Ljutomirsk zur Hochzeitsfeier des ״jungen Modschitzer“ tanzten und sangen. Im allgemeinen pflegt die cliassidische Legende davon zu berichten, wie wandernde Chassidim-Rabbis, von einer Hirtenmelodie entzückt, diese aufgriffen und später in einen chassidischen Nigun umgewandelt hätten. Dies hier, mit dem Hirten zu Ljutomirsk, mag der einzige Fall gewesen sein, in dem, umgekehrt, ein Hirt den chassidischen Nigun zu seiner Melodie gemacht hat. — Jenen Sohn des alten Modschitzer, Reb Jechiel Alter, habe ich in meiner frühen Jugend schon gut gekannt. (Udingens war er — wie viele andere Judenkinder in Polen — eines von jenen starken Naturtalenten, die bei rechter Ausbildung, eine Welt hätten entzücken können, die jedoch, da sie das Unglück hatten, im verarmten Ost- Judentum geboren zu werden, im Dunkel verkümmern.) Dieser musikalische Sohn seines musikalischen Vaters pflegte mir nun zahllose Nigunim des alten Modschitzer vorzusingen (der, nebenbei bemerkt, von der Notenschrift keine Ahnung hatte), und ich kann mich noch gut darauf besinnen, was er mir zur Antwort gab, als ich ihm nun meinerseits eine Melodie aus einer Mozart-Oper sang. — Natürlich ahnte er nichts von der Herkunft der Melodie, — und als ich ihn fragte, wie sic ihm denn gefiele, sagte er gönnerhaft: ״Sehr schön! — Aber an den Vater reicht das nicht heran..." Als ich diesem jungen Manne um das Jahr 1018 zu Warschau wieder begegnete, hatten sicli die Zeiten sehr gewandelt. Auch Reb Jechiel Alter war nun nicht mehr allein ״des Rebben Sohn“; ■Cr wußte schon um die profanen Dinge ״dieser Welt“ und hatte inzwischen auch verstehen gelernt, daß eine Mozart-Melodie zuweilen wohl gar noch schöner sein könne als des Vaters Nigunim. Um jene Zeit war es, daß er mir wieder Modschitzer Nigunim sang, alte und auch neuere Kompositionen, die ich mir damals aufnotierte (darunter auch den im heutigen Singblatt enthaltenen Nigun). Nachdem ich alles niedergeschrieben, führte er mich in die Stube seines Vaters, — der damals schon ein sclnvacher Greis war, — damit der ״alte Modschitzer“ seine Nigunim selber anhören möge, ob ich sie denn auch ganz richtig aufgeschrieben hätte mit all ihren Finessen. Und so hörte mir denn der bejahrte Rabbi auch prüfend zu und gab sorgsam acht, ob auch nicht ein Hauch von all den ״Seufzern“ und ״Schluchzern“ fehle, die er hineingedichtet hatte. So pedantisch (im künstlerisch höchsten Sinne) ist nur Einer, dem das Künstlerische im Blute liegt, und der darum gar nicht anders kann. Das spürte man vernehmlich in der Gegenwart des ״alten Modschitzer“. Modschitzer Nigun Alle Rechte Vorbehalten jrflrppm Nachdruck verboten C11. Winawer »taamtr Dermp* / .. T 0 *np# t r*>m fy»» htil »3*= Tempo 1' Der ewige Weg Von Ilse Blumenlhal-Weift Wir ziehen fort: es gibt so viele Länder Und gibt so viele Häuser hlngedrfingt. Wir tauschen unser Dasein wie Gewänder, Wie Ware, die man ausiciii und verschenkt. Wir ziehen fort: aus bangem Heut zum Morgen, Dem nodi ein schmaler Schimmer Hoffnung girrt. Wir wandern weil — und sind doch nie geborgen, Und sind nur Immer grenzenlos verwirrt. Wir ziehen fort: kein Gruft, der uns begleitet. Kein Lächeln, darin sich das Herze ruht, Kein Liebesworl, das sanft den Weg bereite(. Und keine Hand, die Gutes für uns tut. Wir ziehen fort: in sietem Abschiednehmen Von Stadt zu Land, von Zelt zu Ewigkeit. Jahrtausendschatten und Jahrtausendschemen Vollenden stumm der Schritte Wandedeid. Wir ziehen fort: mit schweigenden Gebärden, Wir, Brüder, Schwestern allem Gram und Schmerz, Volk ohne Liebe, ohne Raum auf Erden, 50 ziehen wir — weit — — weder — — — gotthelmwärts. ... "המירה העברי" Die vom Tarbuth-Dc/.ernat der ZVfD. unter Redaktion von Dr. S. K .1 1 c k o herausgegebene hebräische Zeitschrift "״הכורה העברי hat starken' Widerhall nicht mir im Kreise der hebräischen Lehrerschaft, sondern darüber hinaus bei allen I lebraiM 11-1 ecenden und -Sprechenden gefunden. Audi außerhalb I)eiit-ehhiiids fand die Zeitschrift volle Anerkennung, insbesondere von seiten unserer nationalen Institutionen in Palästina, sowie von Fachkreisen, wie der Histadruth Hatnorim Beeicz JKrac!, Sel-Awiw, und der 111 :1druth iwrith (Z. Sclia:f-.teiip in New York. Die soeben erschienene dritte Nummer enthalt eine Reihe von wichtigen Aufsätzen, darunter: ״Boden und (ic-ist“ von Bialik; ״Bedeutuog der Feste für die Schule“ von Dr. Zwi Sohar; ״Zur Frage der richtigen hebr,:1i-.eln1!׳ Aussprache“ von Ghontski; ״Der Bibchmterricht im ersten Schuljahr“ von Suta; Fünfjahresplan für Kultur-Arbeit in Palästina" von Dr. F.isenstadt. Außerdem enthalt das Heft eine bibliographische Abteilung, Briefe und Bekanntmachungen. — Das Heft ist zum Preise von 0,25 RM. (zuztigl. 8 Pf. Porto) vom Tarbuth-Dczernat der ZVfD., Berlin W 15, Meinekestr. 10, zu beziehen. Dr. Schimon Bernstein hat zwei neu entdeckte Piu tim des Mosche Ihn E s r a in der Jubilämns-Ausgabe der amerikanischen hebräischen Zeitschrift ״Hadoar“ veröffentlicht. Diese interessante und wichtige Arbeit des Gelehrten, der sieh schon früher durch Fditionen hebräischer Poesie des Mittelalters einen Namen gemacht hat, ist jetzt als Sonderdruck erschienen. Die Arbeit enthält neben einer Einleitung den voll punktierten Text der Gedichte nebst eingehenden Anmerkungen und philologischen Glossen und ist eine wertvolle Bereicherung unserer Kenntnis des Dichters. An die Mitglieder der BZV. In den nächsten Tagen werden ehrenamtliche Mitarbeiter der IS 7, alle diejenigen Zionisten Berlins aufsuchen, die es bisher versäumt haben, ihrer Pflicht für Bizzur Haarez nachzukommen. Der Hauptvorstand der Berliner Zionisiisdien Vereinigung ist überzeugt, daß nach dieser Be- Suchsaktion, die nur kurze 'Zeit dauert, es in Berlin keinen Zionisten gelten wird, der sich an der Festigung unseres Werkes in Erez - Israel nicht beteiligt hat. BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG Der Hauptvorstand Utitcvi Snedmlkal Olfffl® SBKEITf Rifrfuut emcj ^uAett l FortieUong Kai trommelte auf das Fensterbrett. Sein Kopf glühte. Vielleicht war gar nicht Yvonne krank. Vielleicht war er krank. Er sah, wie die Gondeln von der Serenade heimkehrten. Kai saß immer noch am Fenster. Die Nacht hatte die Stimmen, die Lichter, die Boote auf dem Kanäle gelöscht. Das Wasser lag unbeweglich wie ein schwarzes Tuch. Da fiel Kai plötzlich ein Vergleich ein: ein Hund, der zurückgepfiffen wird. Das Bild ließ ihn nicht 108. Ein Hund, der immer wieder zurückgepfiffen wird. Das Bild quälte ihn. Seine Hände waren feucht. Sein Kopf glühte. Er mußte immer denken: ein Hund, ein Ilund... * Die Sirenen der Dampfer weckten ihn am Morgen. Yvonne klagte immer noch über Schmerzen und wollte das Bett nicht verlassen. Im ganz.cn Hotel begriff niemand, was er unter Hafersuppe verstand. Endlich fand sich ein Stubenmädchen aus Tirol. Sie brachte graue, ungenießbare Grütze aufs Zimmer und ließ sich über die Verhältnisse in Südtirol aus. Kai trat auf die Riva hinaus, atmete tief den leichten Wind, der von der Lagune herüberwehte. Die Bilder der vergangenen Nacht lebten in ihm auf. Ein Hund, den man zurüekpfeift? Alles in ihm wehrte sich dagegen. Die Wasser dampften im Lehen des Vormittag; gab es hier nicht Himmel und Paläste und freundliche Menschen und ein freies Da- »ein? Man sollte sehen, wie die Juden leben in dieser Stadt, fiel ihm ein. Ein alter Straßenzug hieß noch Ghetto. Er ging quer durch die Innenstadt, auf das Viertel der Ferrovia zu, fragte inzwischen einen jungen Mann nach dem Weg. Der antwortete in gebrochenem Deutsch und ging sofort ein Stück mit. F.ndlich kam er zum Ponto di Ghetto. Er blieb auf der Brücke stehen und verschnaufte. Plötzlieh sagte neben ihm eine Stimme: ״Schaloml“ Er sah sich um. Ein kleingewachsener, schwarzhaariger Junge hatte ihn begrüßt. Freudig und laut sagte dieser Junge: ״Schalom.“ Wer kannte ihn hier? Kai dachte im ersten Augenblick einen Bekannten aus Berlin vor sich zu haben, obwohl er damit nicht behaupten wollte, man grüße nur in Berlin mit Schalom. ״Atah medaber iwrit?“ fragte er dann. ״Ken“, antwortete der Junge, ״aber ich spreche auch deutsch.“ ״Bist du aus Berlin?“ forschte Kai weiter. Der Junge schüttelte verwundert den Kopf. Dann bat er, ihn führen zu dürfen. Freudig sprang er voraus, lief zu einem Mann, der sich bald als Schamnies des scphardischon Tempels vorstellte, den Kai unbedingt besichtigen müsse. Nachdem sie den Tempel verlassen, stand bereits ein zweiter Mann vor ihnen, der Schammcs des orientalischen Tempels. Dieser Tempel wäre die weitaus größte Synagoge Venedigs und jeder Jude müsse sie gesehen haben. Sein kleiner Führer beruhigte ihn heimlich, daß es nur diese beiden Synagogen gäbe. Dann saßen sie vor einer kleinen Kaffeostube, die ־— wie alles in diesen Straßen — Juden gehörte. Es waren arme Straßen und wenig Fremde kamen her, nur dürftige, graue Häuser gab es zu sehen und keine Palazzi. ״Die reichen Juden wohnen am Markusplatz, die armen sind hiergeblieben“, klärte ihn ein Schammes auf. Trotz mancher Aehnlichkeiten fiel es Kai nicht schwer, zwischen Italienern und diesen sephardischen Juden zu unterscheiden. Ein Unterschied war da im Gang, in der Körperhaitung, in der Art sich zu kleiden. Der Junge begleitete Kai zurück. Vor einem Haus saß eine Gruppe junger Burschen. ״Schalom“, riefen sie Kai zu. Wieder hörte er diesen Gruß. Und da fühlte er plötzlieh, wie ein Strahl von Wärme durch sein Herz schoß, wie es »ich in ihm reckte, wie seine Augen leuchteten. Und laut antwortete er: ״Schalom.“ Ein Wort nur war gefaUen, nichts weiter. Aber aus diesem einen Grußwort klangen die Stimmen der Bibel, die Gespräche des Talmud, das Lachen der Chaluzim, in diesem einen Gruß Ing so viel Gemeinsamkeit: Schicksal und Herkunft, lag so viel Verwandtschaft im Blut und im Geistigen, daß Kai zum ersten Male erschauernd empfand, dieses war ein Wart seines Volkes. Als er sich von dem kleinen Lockenhaarigen verabschiedete, fragte er: ״Woran hast du denn erkannt, daß ich ein Jude bin?1' Der andere antwortete stolz: ״Ich werde doch wissen, wer ein Jude ist!“ Dieser Junge aus dem venezianischen Ghetto wußte cs, und war dessen ganz sicher. Alle diese Menschen hier wußten es und hießen ihn willkommen mit dem jüdischen Friedensgruß. Nur er hatte es nicht gewußt, nicht einmal von sich seihst, und mußte sicli von diesem Jungen beschämen lassen. Man kann nicht heraus aus dem magischen Judenkreis, das ist cs. Man kann in Berlin sein oder in Venedig, man kann von einer fremden Macht erinnert werden oder durch das eigene Volk gemahnt, man kann es innen spüren oder von äußerem Drm k hinoingestoßen werden — immer wieder schließt sich dieser Kreis. Die Judenfrage ist eine nationale Frage. Gewiß. Aber nur für die Völker. Für den Juden nicht. Für den einzelnen Juden ist sie keine Frage, denn man kann sie nicht mit nein beantworten. Man vermag nicht, vor ihr zu fliehen, sie holt einen immer wieder ein. Kai fand es sinnlos, jetzt ins Gabriclli zurückzukehren. Er empfand plötzlich eine starke Sehnsucht nach Sy. Sy — war das nicht mit allem Verworfenen und Herrlichen, mit allen Widersprüchen und allem Lebendigen der ewige Optimismus seines Volkes? Er wußte jetzt, warum Landschaft und Klima den Juden nicht verändern konnten, warum man ihn hatte erkennen können trotz der anderen Sterne, die über dieser Stadt standen. Weil die Juden nicht auf einem Lande, nicht durch ein Land groß geworden waren, sondern immer nur gewachsen waren: einem Lande zu, einer Volkeinheit entgegen. Ein jüdischer Geschichtsforscher hat dieses Gefühl der Heimat, von Aegypten und Kanaan abgeleitet. Niemand hatte Kanaan geschaut, und doch begehrte es das Volk Israel und verkündete es als seine Heimat. Hier war der Begriff Heimat entstanden: nicht aus jahrtausendealter Seßhaftigkeit auf Acker und Scholle, sondern aus einer Idee heraus. Aus dem Glauben heraus, daß nur dieses ferne, unbekannte kleine Land dieses Volk Israel zur Tat erlösen könne, daß aus der Synthese zwischen Israel und Kanaan die Erfüllung des göttlichen Auftrages werde. Dieser Glaube ist nicht untergegangen in den Jahrtausenden. Das Bewußtsein der Trennung bat das Volk nicht leben und nicht sterben lassen, so daß es unter den Völkern umhergegangen ist wie ein lebender I/eichnam. Der Fluch des ewigen Juden ist der ewige Schmerz der Trennung zwischen dem Geliebten und der Geliebten, zwischen Acker und Same, zwischen Nacht und Stern, zwischen Weg und Ziel- (Fortsetzung folgt)

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