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Jüdische Rundschau · 1936-07-21 · Heft 58 (21.7.1936) · page 9

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Nr. 58. 21. VII. 1936 JO DI SG HE RUNDSCHAU Seite 9 Wie bestalle ich den Seliabbal? Für Schabbat, 25. Juli Wochenabschnltt: ״Dewarlm“ (Kap. 1, 1—3, 22) I. Unser Wochenabsdinitt leitet das 5. Buch ein und enthält die erste der drei großen Reden Mosches. Als ausgezeichneten Kommentar für das gesamte Buch empfehlen wir: D. Hoffmann, ״Das Buch Deuteronomium“. Er enthält die erste der drei großen Reden Mosches, schöne und gründliche Analyse der Rede Mosches, die wir vorzulesen empfehlen. II. Unser Oneg Schabbat wird vor allem durch die Tat* Sache des ״Schabbat Chason" seinen Charakter erhalten. Zur Lektüre verweisen wir auf das Kapitel ״Leiden“, in Zunz, ״Die synagogale Poesie des Mittelalters“. Man lese eine der ״Kinot“, vielleicht das bekannte ״Zion, halo tischali“ von Jehuda Halevi. ln den 92״ Hymnen des Jehuda Halevi“ von Franz Rosenzweig ist eine besonders interessante Ueber- Setzung diese ״Kina , da alle Eigentümlichkeiten des hebräischen Reimes in der Uebersetzung zum Ausdruck kommen. Man beachte weiterhin die Anmerkungen Rosenzweigs zum Inhaltlichen. III. Fortgeschrittenere Gruppen werden am besten im Talmud-Traktat Oittin 53b ff. die zahlreichen Aggadof lernen, die zumeist am ״Schabbat Chason“ gelernt werden. Sollte die Durchnahme im Urtext zu schwierig sein, so verlohnt es sich doch, diese Partien in der Talmua-Uebersetzung von Gold- Schmidt vorzuiesen. Als Haflarah wird das erste Kapitel Jeschaja gelesen. Unser Schabbat hat seinen Namen nach dem ersten wort der Haftarah erhalten. I. E. Der neunte Aw Der 9. Aw fällt diesmal auf den 28. Juli. Es ist der Tag der Trauer um die Zerstörung des 1. und 2. Tempels. Ueber die Zerstörung des 1. Tempels (im Jahre 586 v. Chr.) enthält die Bibel allerdings zwei einander widersprechende Angaben (Jeremia 52,12 und ü Köti. 25,8). Die Tradition hat sich jedoch für den 10. Aw entschieden. Auch die Zerstörung des 2. Tempels ist nach Ansicht der Geschichtsforschung eher aut den 10. Aw anzusetze«; die Talmud-Gelehrten nahmen jedoch den 9. Aw als Trauertag, weil an ihm der Brand des Tempels begonnen hatte. In der Tradition gilt der 9. Aw überhaupt als ein unhcilvoller Tag. An einem 9. Aw sollen die Kundschafter nach Kanaan geschickt worden sein, von wo sie ihren ungünstigen Bericht zurückbrachten; an ihm wurde damals über das Volk die Strafe verhängt, nicht in Kanaan einzuzichen, sondern eine vierzigjährige Wüstenwanderung durchzumachen, in der ein Geschlecht zugrunde gehen mußte. — Zahlreiche andere Ereignisse haben sich nach der Mischna am 9. Aw begeben: die Bestrafung der aus Aegypten ansgezogenen Israeliten, die Eroberung der Stadt Betar und die Umwandlung Jerusalems durch die Römer in einen Ackerboden. Auch die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 ist später in diese Ungiiickschronik hineingenommen worden. Die Verwandlung Jerusalems in einen Pflugacker, die die Mischna ebenfalls mit dem 9. Aw verbindet, ist nach der Ansicht mancher Forscher vor der Eroberung Betars geschehen, nach der Ansicht anderer, z. B. Graetz׳ nach dem Falle Betars. jedenfalls bedeutete die Zerstörung des Tempels eines der stärksten und schmerzlichsten Erlebnisse im Dasein des jüdischen Volkes. Ursprünglich waren die Trauerbestim■ mungen sehr streng. Die Trauer sollte nach dem Talmud bercits am 1. Aw beginnen, uin am 9. Aw ihren Höhepunkt zu erreichen. Im Mittelalter wurden die Bestimmungen noch verschärft. Die gegenwärtig erhaltenen Brauche beziehen sich vornehmlich auf synagogale Riten. Das Bild der in der schmucklosen, nur von ganz wenigen Lichtern erhellten Synagoge auf niedrigen Stühlen sitzenden Juden, die die Klagelieder singen, ist eines der eindrucksvollsten unter den Bildern des jüdischen Jahres. Literatur: Die Schilderung bei Flavius Josephus, ferner die Darstellung bei Dubnovv; an Darstellungen der letzten Zeit empfehlen wir Leo Hirschs ״Praktische Judentumskunde“ und Moritz Zobel ״Das Jahr des Juden“. Fremdenrecht In der Schweiz Längere Karenzzeit für ״Ostjuden“ Der Züricher Stadtrat hat soeben eine Denkschrift herausgegeben, in der er sielt mit der Frage der Einbürgerung Fremder beschäftigt. Darin wird aut die bekannten wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die in der Schweiz für die Erteilung von Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis maßebend sind, hingewiesen, es ist aber auch die Rede von er ״״efühlsmnßigcn“ Abneigung gegen den Fremden, wobei besonders auf die ״schwer assimilierbaren Elemente“ angespielt wird. Der Züricher Korrespondent der ״Frankfurter Zeitung“ stellt hierzu fest, daß aus diesen und anderen Gründen ״sowohl in der Frage der Neuzuwanderung als auch bei den Bürgerrechtsgesuchen besonders das jüdische Eiement seit einiger Zeit einer schärferen Prüfung unterzogen wird". ln der erwähnten Denkschrift werden die Karenzzeiten für Ausländer, die sich uni Naturalisierung bewerben, festgesetzt. Als Richtlinie gilt im allgemeinen, daß der Bewerber in den letzten 12 Jahren timintcrbrochcu in der Schweiz und während der letzten 6 Jahre in Zürich gewohnt hat. Für die ״leicht assimilierbaren“ Bewerber kann die Wohnfrist in Zürich auf 5 Jahre herabgesetzt werden. Dagegen wird für die sogenannten ״Ostjuden“ zur Bedingung gestellt, daß sic, auch wenn im übrigen alle Voraussetzungen wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Art vorlianden seien, mindestens 18 Jahre tatsächlich in Zürich gewohnt haben müssen. Dk Frage der ״Ostjuden“ spielt in dem ganzen Problem eine so wesentliche Rolle, daß der Stadtrat zur Erläuterung seiner Haltung nochmals ein Gutachten veröffentlicht, das er kurz nach dem Kriege zur Juden frage ausgearbeitet hatte. Obgleich sich die Verhältnisse inzwischen wenigstens in der Schweiz gegenüber den Kriegserscheinungen deutlich verändert haben, nimmt der Stadtrat die damaligen Argumente wieder auf, um den Unterschied in der Assimilierbarkeit zwischen den aus osteuropäischen und westeuropäischen Ländern stammenden Juden darzutun. Die grollte Zahl der ,,Ostjude״“ sei aus tiefem Kulturstande in die Schweiz gekommen und habe sich, nicht wettbewerbsfähig «1it dem höheren Wirtschafts- und Bildungsstande des Gastlandes, vorwiegend auf den Hausierhandel geworfen. Infolge ihrer armseligen Lebenshaltung und durch das starre Festhalten an einer orthodoxen Rcligionsausiibung seien sie schließlich zu einem ausgesprochenen Fremdtuin in der Bevölkerung geworden. Der Stadtrat sei zwar für die Leiden der .jüdischen Bevölker t! n g nicht unempfindlich, doch könne die Schweiz sich nicht zum Zufluchtsland der einem sozialen Druck ausweichenden Ausländer machen. Dabei weist der Stadtrat für sich die Anschauung zurück, wonach der J ude ein in inderwerti ge s, der curop ä i s c h e!1 Kultur fremdbleib«t!des Element sei. Das Verhalten der Juden in der Schweiz, in!Deutschland, Frankreich, England, Italien *and besonders in Amerika zeige vielmehr, daß zwar nicht alle, aber doch viele, in einzelnen Ländern die große Mehrheit der Juden im Volkstum ihrer Wohnstaaten aufgehe. Es fehle daher der Anlaß, auch die Einbürgerung der in westeuropäischen Gebieten beheimateten Juden einschränkenden Bedingungen zu unterwarfen. Die Denkschrift scheint uns insofern fehlzugehen, als sie in einer längst überholten Weise die Forderung der A ss i m i I at i o n in den Mittelpunkt stellt. In Wahrheit müßte u. E. die Eignung des Kandidaten zu produktiver Mitarbeit und sein Gelöbnis, dem Staate die Treue zu wahren, für die Einbürgerung maßgebend sein. Die Treue zur eigenen jüdischen Art kann dein nicht im Wege stehen. Auch viele von den in der Denkschrift günstiger beurteilten ״Wcstjuden“ sind noch vor einer oder zwei Generationen ״Ostjuden“ gewesen. Die Palästina-Treuhand-Stelle zur Beratung deutscher Juden GmbH., Berlin SW 68, Friedrichstr. 218, teilt folendes mit: Infolge vordringlicher Arbeiten müssen die prechstunden der Einzahlungsabteilung in der laufenden Woche am Mittwoch, dem 22., und Donnerstag, dem 23. Juli, ausfallen. Am Dienstag, dem 21״ und Freitag, dem 24. Juli, sind Besuche in wirklich dringenden Angelegenheiten־ in der Zeit von 11—12 Uhr vormittags nach vorheriger Anmeldung möglich. Von Montag, den 27. Juli, ab werden die Sprechstunden wieder, wie üblich, täglich, außer Sonnabends, von 10—1 Uhr vormittags abgchaWen. Dr. Stephen Wise in Polen Warschau, 17. Juli. (JTA.) Der Präsident des Komitees für den Jüdischen Weltkongreß, Dr. Stephen S. Wise, trat am 15. Juli in Begleitung des New-Yorker Anwalts E)r. Posner auf dem Warschauer Hauptbahnhof ein, wo er von einer mehrhundertköpfigen Menschenmenge begrüßt wurde. Dr. Wise hielt Besprechungen niit Führern verschiedener jüdischer Gruppen ab. In einer Pressekonferenz sprach er über die Lage!111 Zionismus, die er als sehr ernst bezeichneie. Zum bevorstehenden Jüdischen Weltkongreß bemerkte Dr. Wise, die Kongreßdelegierten würden keinesfalls mit Vertretern der amerikanisch-jüdischen Kommunisten (die von der Wahlkonferenz ausgeschlossen wurden und jetzt auf eigene Faust nach Genf kommen wollen) zusammensifzen. ״Lieber wollen wir“, erklärte er, ״gar keinen Kongreß haben, als die Leute zuzulassen, die den Araberterror in Palästina gutgeheißen haben.“ Ueber die Leiden der Juden in Polen sprach l)r. Wise mit tiefer Trauer und erinnerte! daran, daß er seinerzeit gemeinsam mit Padercwski für die Unabhängigkeit Polens kämpfte. Gegen Einwanderer in Südafrika Die ״Rheinisch-Westfälische Zeitung“ (Essen) zitiert aus. der in Südafrika erscheinender! Zeitung ״Der Deutschafrikaner“ einen Bericht über die Abneigung gegen die jüdischen Emigranten aus Deutschland. Es heißt darin, daß zwar Deutschland zu den Ländern gehört, aus denen Einwanderer bevorzugt werden, aber mit Rücksicht auf den hohen Prozentsatz von Einwanderern jüdischen Blutes werde von nationalistischer Seite eine sinngemäße Abänderung des Einwanderer;׳( /■.:> zu Ungunsten der Juden verlangt. ANTWORTEN DER REDAKTION Dr. Elfriede Battziger u. Gen., Hindenburg. Auch wir hoffen so wie Sic. daß die von dem genialen Dirigenten Steinberg in der ״J. R.“ dargelegten Pläne des Palästina- Orchesters zur festgesetzten Zeit zur Durchführung kommen werden. Gerade weil wir uns von diesem Ereignis große künstlerische und moralische Resonanz versprechen, haben wir den künftigen künstlerischen Leiter um eine Darlegung der Pläne gebeten. Wenn wir trotzdem in einer Nachbemerkung darauf aufmerksam machen, daß unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen, deren Entwicklung in den nächsten Wochen man nicht voraussehen kann, nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, ob sich der geplante Termin einh;alten läßt, so kamen wir damit nur einem naheliegender! Einwand zuvor, den jeder Zeitungsleser uns machen kann. Wir glauben nicht, daß der Zweck der Veröffentlichung eines derartigen künstlerischen Programms darin besteht, die schweren Sorgen, die wir bezüglich Palästina haben, vergessen zu machen; aber zugleich ist dieser künstlerische Plan (sowie vieles andere) ein Beweis, daß die Entschlossenheit des Volkes zum jüdischen Aufbau und zur Schaffung neuer Werte nicht einen Augenblick erlahmt. Leopold Gold, Wien. Wir stimmen mit Ihnen völlig überein, daß das Ziel der jüdischen Palästina-Arbeit Verwurzelung mit dem Boden ist und daß als der repräsentative Typ des neuen Palästina-Juden der Bauer auf eigenem Boden anzusehen ist. Es ist auch richtig, daß in •dieser Richtung noch lange nicht genügend geschehen ist. Wir glauben aber, daß Ihre Einwendungen zu weit gehen, wenn _ Sie aus diesem Orunde sich gegen die Propaganda fiir eine jüdische Schiffahrt wehren. Diese Berufsmöglichkeit ist ja auf alle Fälle quantitativ begrenzt, und der Ruf danach entspringt nur dem Wunsche, alle mit Palästina zusammenhängenden wirtschaftlichen Funktionen durch jüdische Arbeit erfüllen zu lassen. Edith B., Gotha. — Ihre Anregung, daß anläßlich der herannahenden jüdischen Feiertage von Familien auf die jüdischen Hausangestellten Rücksicht genommen werden soll, insbesondere was den Svnagogenbesueh und die sonstige Freizeit betrifft, verdient gewiß weitergegeben zu werden. * Dünner, Köln. Sie haben recht: die Aussprache der hebräischen Worte muß richtig lauten ״Esra liwizaron“. Es ist hier bei der Transkription in Palästina anscheinend ein technischer Fehler unterlaufen. Üvtfrmi 3nedatHud ktrt Rifrtuut eine* }uÄea 7. fortattiang Es war noch zu früh am Vormittag, um aus der Stadt an den Lido zu fahren. Sie stiegen als einzige Passagiere aus, Ringen den Viele S. M. Elisabetta entlang, der von der Lagune zur Adria führt. In Strandkostümen und losen Mänteln traten die ersten Badegäste aus dem Haus. Obwohl die Sonne schon am Morgen schonungslos brannte, galt der Juni noch als Vorsaison. Vom Grande Stabilimento Bagni wehten Fahnen und vom Wind zerstreute Töne des Frühkonzertes. Weit über den Strand hinweg bis zum Exoelsiar standen die bunten Reihen der Badehütten Spalier. ״Unsinn, zu behaupten“, meinte Kai, als sie über den Sand schritten, der unter ihren Füßen glühte, ״daß eine bestimmte Schicht von Menschen ihrer Zeit fernsteht. Alle Menschen unserer Generationen können der Zeit nicht mehr folgen. Wir fahren Straßenbahn und wissen nichts über den Elektromotor, wir fliegen mit der Lufthansa und haben nie begriffen, warum sich der schwere Apparat in die Luft hebt, wir hören Lautsprecher und verstehen nichts von Wellentheorien. So geht es uns in hundert Dingen des täglichen Lebens: wenn wir den Lichtschalter anknipsen, wenn wir telephonieren, wenn wir auf der Post ein Telegramm aufgeben. Unser logisches Begriffsvermögen ist absolut nicht mehr unseren Handlangungen gefolgt. Früher war das anders. Der Bauer zimmerte sich selbst seinen Wagen und spannte ein Pferd davor, er schlug aus Steinen Feuer und zündete einen Kienspan an. Heute weiß von diesen Dingen des Fahrens, des Lichts, der Wärme nur eine kleine Schicht von Spezialisten. Gewiß, wir leben in einem Zeitalter der Technik — aber wir verstehen es nicht. Wir nehmen teil an seinen Ergebnissen, ohne an seinem Werden beteiligt zu sein. Keiner übersieht mehr das Ganze. Wenn Herr Sowieso, Handlungsgehilfe in Berlin N., einmal in ein Land verschlagen würde, wo man von all diesen Dingen nur erstaunt gehört hat und man läge ihm die Frage vor: ,Sagen Sie mal, bei Ihnen soll es ja so wunderbar« Ding« geben; jeden Morgen fahren Sie in einem Wogen ins Büro, der sich ohne tierische Kraft, nur mittels Elektrizität bewegt, wie machen Sie denn das?‘, dann würde er antworten: ,Indem ich mir beim Schaffner einen Fahrschein löse.' Mehr wüßte er darüber nicht auszusagen.“ Es war nicht klar, ob Yvonne zugehört hatte. Sie mieteten eine Capannc, salbten sich wie zu einer feicrliehen Handlung mit Oel und ließen sich im Halbschatten nieder. Ein Mann ging umlier und bot duftende Erdbeeren feil. Auf den Schaukeln im Meer schwangen schlank« Mädchenleiber. Ueber der tiefblauen Fluche flatterten wie Möwen die weißen Segel der Boole. Yvonne meinte nach einer W’eile: ״Man bewegt den Arm und ist sich gar nicht darüber klar, welchen Muskel man dabei auslöst. Das Kind bildet Sätze und weiß nichts von ihrer grammatischen Konstruktion. W’ir essen und sorgen uns im allgemeinen nicht um den Verdauungsprozeß. Und schließlich wächst in einer Frau ein Kind, ohne daß sie des Gesetz des Lebens jemals verstehen wird.“ Sie hatte also doch zugehört. Die Menschen bedienten sich der Straßenbahn, wie sie sich der Beine bedienten. Es gehörte zu ihnen wie jeder Teil ihres Lebens, wie die Sprache, das Lachen, die Arbeit der Gliedmaßen — natürlieh, die Menschen standen so sehr in ihrer Zeit, daß die Bändigung der Elektrizität, der Wärme, des Dampfes sozusagen nur ihren eigenen Organismus erweiterte. Kai war plötzlich sehr traurig. Selbst dieses Mädchen war imstande, seine dörren gedanklichen Konstruktionen zu Fall zu bringen. Yvonne nahm seine Hand. So liefen sie ins Wasser. Die See wälzte sich ihnen murmelnd entgegen. Wenn sie verschnaufen wollten, deckte eine nächste Well« sie schäumendzu. Ein befreiender Wind hatte sicherhoben... Yvonne schien sich beim Baden erkältet zu haben. Als sie ins Hotel zurückkehrten, fühlte sie sich matt und fiebrig. Kai stand noch lange am Fenster. Draußen war ein Kommen und Gehen von Booten, Gondeln, Menschen. Die Schatten der Dampfer zogen vorbei, sie kamen aus Fiume und Abbazia. An der Punta delle Salute glitzerten die Lampions der Gondeln über das Wasser: dort wurde eine Serenade zelebriert. Man hörte di« abgerissenen Töne eines Mandolinenkonzerts. Wie er Yvonne heute hatte einreden wollen, daß alle Menschen außerhalb der Zeit stehen. Er hätte nicht gedacht, daß diese rotblonde Römerin es für notwendig halten würde, ihn zu widerlegen. Man soll sein Judenschicksal aufnehmen und tragen wie eine Fahne. Großartig hat Mirjam das gesagt. Du kannst der Judenfrage nicht entfliehen. Sie ist stärker als du. Du trügst sie mit dir. Keine Generation konnte ihr entkommen? Mit welcher Selbstverständlichkeit Mirjam das behauptete. Als ob nicht seit hundert Jahren eine unaufhörliche Flucht aus dem Judentum sich vollzogen hätte! Was Scheiterhaufen, Marter und Austreibungen nicht vermocht hatten ein Jahrtausend lang, bewirkte die Aussicht aut den Kommerzienrat: die Flucht in die Taufe. Ein Beweis, daß der Ehrgeiz des Juden stärker ist als seine Furcht vor dem Tode. Yvonne atmete regelmäßig. Sie schlief. Aristoteles hat in die Dramaturgie den Begriff der ״Peripetie“ eingcfUhrt, jenen Punkt des Dramas, an dem die Handlung ins Tragische umschlägt. Merkwürdig, wenn man cs bedenkt; im Loben vieler, die aus dem Judentum geflohen waren, gibt cs diese Peripetie ins Judentum. Nicht selten ist sie zugleich eine Peripetie ins Tragische. Gerade im Augenblick der größten Nähe der Umwelt werden sie vom Judcnschicksal eingeholt. Moses Mendelssohn? Auch er, als ihm von Lavater eine Streitschrift vorgelegt wird, die die ״Judcnmission“ fordert. Ehen noch in derselben Welt wie Lessing und Nicolai ist er plötzlich dazu berufen, das Judentum vor Auslieferung an diese Welt zu bewahren, —• eine Erschütterung, die ihn bald darauf in ein schweres Nervenleiden warf. Oder Snlomon Maimon, der erste Ostjude, der sich an Kant versucht, dessen Beiträge deutsche Zeitschriften bringen, den Goethe zu sprechen wünscht *— was schrieb schließlich Kant? Daß man den Maimon mit seiner Nachbesserung der kritischen Philosophie zurechtvveisen müsse und daß die Juden gern versuchten, sieh auf fremde Kosten ein Ansehen von Wichtigkeit zu geben. Unbekannt, in Resignation und Vereinsamung, starb Maimon. Das ist schon nicht mehr die Peripetie der Tragödie — das ist 11 io Tragödie der Peripetie, die nach ihm ganze Generationen erschütterte. Yvonne schläft. Wenn dieses Mädchen jetzt krank wird? Er ist ganz dieser Stadt ausgeliefert. Herrgott, das Gedacht* ms, das bohrt und bohrt... Wurde nicht David Friedlfinder, als er Bedingungen für die Aufnahme der Juden in die protestantische Kirche stellte, von denen ins Judentum zurückgewiesen, an die er es verraten wollte? Revue der Flüchtlinge: Rahel Varnhagen, die in der Todesstunde ihrer jüdischen Herkunft gedachte; Heinrich Heine, der die Taufe mit einer schmerzlichen Liebe zum Judentum bezahlte; Berthold Auerbach, clcr kurz vor seinem Tode angesichts einer Judendebatt* im Abgeordnetenhaus, ausrief: ״Vergebens gelebt und gearbeitet“; Gabriel Riesser, der das Axiom prägte ״Einen Vater in den Ilöh’n, eine Mutter haben wir. Gott, ihn, aller Wesen Vater — Deutschland, unsere Mutter hier“,., und der sich unter dem Eindruck eines Hamburger JudenkruwaUs mit der Absicht trug, diese seine Mutter für immer zu verlassen... Er wird nie das Wort vergessen, das der getaufte Ludwig Börne aus Paris schrieb: ״Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei, die anderen verzeihen es mir, der dritte lobt mich sogar dafür, aber alle denken daran. Sie sind wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann kein«: hinaus.“ Es kann keiner hinaus. (Fortsetzung folgt)

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