Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1936)
- Date
- 1936-07-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1t 1 13.16 0 y < Nr. 3ך / Jahrgang 41 Pr•!• 25 Rpf, JÜDISCHE RUNDSCHAD SdtrifUeltniig.Verlas 11• Anxelg®nverwal langt BerllnW 15, Mclnckcigtr.10 Fernruf! Sammet •Nmnmer J 1 (Bismarck) 9031, — Bezugspreis einschließlich Bentellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 138 btw. RM 539. — Postscheck Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), in Fällen höherer GevzaK besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon geiahiter Bezugsgebühren. — Erichaint jeden Dlenitcf *ad Fruiiug« BERLIN כ״ז תמוז תרצ״ו FREITAG, 17. JULI 1936 GHlttgt Anzelgeuprotaliite Nr• 5• Die 12 gespaltene mm. Zeile 20 Rpf., für Familien Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben «der an bestimmten Plätzen wird keine Gewahr geleistet. Gelegenheit»- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. AnnahmeschluS für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F reitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Neue Wege? CÜ^P Die Einigung Wien—Berlin GISP CSF und die österreichischen Juden Von unserem Wiener Berichterstatter J. R. Wien, 15. Juli. Das zwischen dem österreichischen Regierungschef und dem Führer und Reichskanzler des Deutschen Reiches gesclilosscne Freundschaftsabkommen setzt (wie in diesen Tagen oft hervorgehoben wurde) einem von beiden Partnern als drückend empfundenen Kampf/ustand ein linde, wobei noch zu bemerkeii ist, dal! diese Kampfstellung dem Österreich«• sehen Menschen nie rechte Freude bereitet hat. Der Friedensschluß eröffnet — dies kann man wohl schon heute sagen — ein neues Kapitel in der deutsch-österreichischen Geschichte. Trotz vorhandener ähnlicher Parallelen in frühe• reu Epochen, auf die erst jüngst Bundeskanzler Sc hu sc 11• «1 i g g hingewiesen hat, bildet das jetzige Abkommen zwisehen den zwei deutschen Staaten einen Markstein nicht nur in der Politik beider Länder, sondern, wie das Weltecho zeigt, in der gesamteuropäischen Politik überhaupt. Allgemein wird dieser jüngsten bedeutungsvollsten politischen Aktion im europäischen Lebeusraume eine, zumindest für die nächste Zeit, eminente Fnedenssicherung /!!gesprochen. Die J u d e n O e s t e r r e i c h s, die als Juden jeder friedlichen I: n t w i c k I u n g von vornherein ergeben sind, nehmen selbstverständlich als loyale Bürger dieses ihres Staates die letzte Fntwicklung, die dem Staate Ruhe und Frieden sichern soll, gleich der übrigen Bevölkerung mit Genugtuung zur Kenntnis. Allein trotz dieser aufrichtigen loyalen Haltung, die der jüdischen Bevölkerung eine Selbstverständlichkeit ist, läßt sich eine gewisse Sorge in weitesten jüdischen Kreisen um die künftige Gestaltung des jüdischen Schicksals in diesem Lande nicht wegleugnen. Gewiß, es ist wesentlich, heute darauf hinzuweisen, daß die österreichische Bundesverfassung vom Mai 1034 keinerlei unterschiedliche Behandlung der Staatsbürger kennt. Die Juden sind nach der österreichischen Verfassung allen anderen Bürgern dieses Staates gleichgestellt. Sie haben die gleichen Pflichten gegenüber dem Staate und gc- Hießen die gleichen Rechte, die der Staat seinen Biirgern verfassungsgemäß zuerkennt. Diese verfassungsmäßig verbriefte bürgerliche Gleichberechtigung der österreichischen Juden erhält noch eine gewisse Erhärtung durch die im Frie- Untersuchungs-Kommission ernannt Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, sind die fünf Persönlichkeiten, aus denen die Kgl. Untersuchungskommisston für Palästina bestehen soll, bereits ausgewählt worden. Die Namen der Kommissioismitglieder sollen später bekanntgegeben werden. Wie die JTA. weiter mitteilt, werden der Konim i s s i o 11 Mitglieder des Unterhauses nicht a ti g c 11 ö r e 11. I >ie Z u s a m m e n s t e 1111 n g der Konimission wurde überhaupt nicht nach politischen Gesichtspunkten vorgenommen. Vielmehr handelt es sich bei den Mitgliedern der Kommission tun Persönlichkeiten, die politisch nach keiner Richtung bin fcstgelcgt und in der Politik nicht irgendwie bedeutsam hervorgetreten sind. Die Namen der Kommissionsmitglieder werden voraussichtlich beim Schluß der gegenwärtigen Session des Parlaments bekanntgegeben werden. Es verlautet, daß die Kommission für ihre Untersuchungen und Krhcbungen sehr w e i t g e 11 e n d e V o 11 m a c 111 e n erhalten wird. Wenn auch die letzte Entscheidung der Regieritng Vorbehalten bleibt, so erwartet man doch allgemein, dal! diese den Vorschlägen der Kommission stärker Rechming tragen wird, als denjenigen früherer Kommissionen. Man ist jetzt der Ansicht, daß die Gefahr einer unmitlclbar bevorstehenden Einstellung der jüdischen Einw a 11 d c r 11 n g nach Palästina vorüber ist. Unruhe verursacht in jüdischen Kreisen dagegen noch die Möglichkeit einer etwaigen Entsendung der Kommission vor endgültiger Befriedung des Landes. Man weiß, daß die Regierung auch weiterhin von Kreisen, die diese Lösung anstreben, unter starken Druck gesetzt wird. 2000 Zertifikate ausgefolgt Jerusalem, 13. Juli. (Palcor.) Die zweite und letzte Rate der Einwanderung!- S c h e d u I e für das laufende Halbjahr, bestehend aus 2000 Zertifikaten, ist heute der Jewish Agency von der Regierung übergeben worden. Die Zertifikate gelangen zur Verteilung laut dem von der Agency im Mai d. J. aufgestellten Plan. Diese Nachricht wird in jüdischen Kreisen mit großer Genugtuung aufgenommen werden. Sie läßt erhoffen, daß die ״Sperre‘• der Einwanderung, von der im Zusammenhang mit der Kommission die Rede ist, sich nicht auf die bereits bewilligten Zertifikate beziehen wird. Ebenso ist zu hoffen, daß die Einwanderung der anderen Kategorien ungestört weitergehen wird. densvertrag verankerten Minderheiten-Rechte, aus denen ebenfalls der jüdischen Minorität in Oesterreich die Garantie ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung erwächst. Uebcrdies haben die Repräsentanten der österreichischen Butidesregierung bei zahlreichen früheren Gelegenheiten aut die Feststellung Wert gelegt, daß, bei aller Betonung des Christliehen Charakters des neuen Oesterreich, die Juden in Oesterreich volle Gleichberechtigung genießen. Auch in den letzten Tagen hat in seiner Rundfunkrede über das österreichisch-deutsche Abkommen Bundeskommissär Adam unterstrichen, daß ״das Abkommen keinen Strich an der Maiverfassung des Jahres 1031 verändert“, jener Verfassung also, in der die Gleichberechtigung aller Bürger, also auch der jüdischen, verankert ist. Daß der Eliminieniiigsprozeß der Juden aus den verschiedenen Berufszwei gen so gut wie vollzogen, daß der Staatsdienst und das Richteramt für Juden, von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen, gesperrt ist, daß der Verdrängungspro/eß des jüdischen Einflusses auch auf wirtschaftlichen Gebieten beharrlich seit Jahr und Tag vor sich gellt, daß die soziale Kraft der jüdischen Bevölkerung in ihren Grundfesten erschüttert ist, daß f>5 000 jüdische Menschen (also mehr als ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Wiens) in dem Fürsorgekataster der Jüdisehen Gemeinde stehen, daß das ganz proletarisierte und pauperisierte jüdische Bürgertum einen verzweifelten Existenzkampf führt, soll als auch den nichtjüdischen Stellen bekannte Tatsachen nicht weiter erörtert werden. Trotzdem fühlen sich die österreichischen Juden als gleichberechtigte Bürger dieses Staates und haben keinen sehnlieberen Wunsch, als daß das Friedensabkomtnen, das dem durch jahrelangen Kampf hart mitgenommenen Vatcrlande endlich eine ruhige Entwicklung sichert, Oesterreich und seine Bevölkerung einer lichteren Zukunft entgegenführe, in deren Mitte auch der jüdischen Bevölkerung jene Lebens- und Existeu/möglichkeiten gewährt werden, die ihr auf Grund der Verfassung zustchen, auf Grund des Prinzips der Gleichheit aller Bürger dieses Staates, die loyal und treu zu diesein Staate stehen, eines Prinzips, das ja nach den Erklärungen von autoritativer Stelle aus, nach wie vor, der Grundsatz der österreichischen Innenpolitik sein soll. Eine Erklärung der polnischen Regierung Warschau, 13. Juli Ueber den Empfang einer jüdischen Delegation beim polnischen Ministerpräsidenten wird folgendes Communique ausgegeben: Der polnische Ministerpräsident General Slawoj Skladkowski hat eine von der letzten Tagung des Hauptrats von der jüdischen Kauf in a nnschaft P ölen s gewählte Abordnung, bestehend aus den Herren M. Meisel, A. Geppner, A. Lewstein, Ing. Kimki und Direktor Ing. Seidenmann empfangen. Die Abordnung schilderte dem Ministerpräsidenten die Lage der jüdischen Kaufmannschaft, die Angriffen ultranationalistischer polnischer Elemente und einer heftigen Boykottpropaganda in verschiedenen Teilen des Landes ausgesetzt ist. Unter Hinweis auf die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller wirtschaftlichen Kräfte des Landes zur Belebung der Wirtschaft und Stärkung der Verteidigungskraft Polens 110h die Abordnung die besondere Schädlichkeit der antisemitischen Agitation hervor, die die Grundlagen von Handei und Industrie bedrohe. In seiner Antwort erklärte der Ministerpräsident mit voller Entschlossenheit, die Regierung werde unter Bedachtnähme auf Ruhe und Ordnung im Lande und gemäß dem Grundsatz gerechter und gleicher Behandlung aller Bürger es nicht /.!!lassen, daß irgend jemandem in Polen unverdientes Unrecht zugefügt wird. Jeder Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität könne der Arbeit auf seinem Sektor ruhig nachgehen. Die Regierung garantiere Sicherheit und ausnahmslos gleiche Behändlung aller Arbeitsstätten. Die Abordnung übergab dem Ministerpräsidenten die Beschlüsse der organisierten jüdischen Kaufmannschaft, die sich aut den Fonds für Landesverteidigung beziehen. Sie empfing aus der Unterredung mit dem Premierminister den Eindruck, daß dieser des festen Willens ist, Ruhe und Ordnung sowie Arbeitsfreiheit für alle Bürger des Landes unbedingt aufrcchtzuerhalten. Ein Feldgericht unter dem Vorsitz eines Obersten hat einen englischen Soldaten, der Waffen und Munition an Araber verkauft hatte, zum Tod durch Erschießen verurteilt. Man glaubt, daß der High Commissioner die Bestätigung dieses Urteils verweigern wird. In der bemerkenswerten Aussprache, die vorige Woche im englischen Unterhaus über die Judenhetze im Londoner Eastend stattfand, sagte einer der Redner, der Orientalist Sir Arnold Wilson, man dürfe nicht annehmen, daß die gerügten Milistände nur mit der faselbstischen Agitation zu tun haben, es gäbe vielmehr auch andere Ursachen, und die antijüdische Stimmung sei nicht auf die faschistischen Kreise beschränkt. Diese Worte, wie immer sie gemeint gewesen sein mögen, haben auch nach unserer Meinung einen bcachtenswerten Kern. Denn zweifellos wäre es falsch, die Feindschaff gegen die Juden, die sich in vielen Ländern jetzt in so deutlicher Form äußert, nur auf Agitation zurückzuführen; ihre letzte Ursache liegt vielmehr in der anormalen Situation des jüdischen Volkes. Wir nennen das mit einem alten Wort: (ioltis. Der Golus — meinte das Sir Arnold? ist schuld. Und wir fordern, daß man d i c s verstehe mul nicht nur uns bemitleidet. Gewiß ■haben die Dinge auch ihre m c n s c h 1 i c h e Seite: man muß sich immer wieder vergegenwärtigen, wieviel Leid und Elend, wieviel Verzweiflung und Verkümmcrung in dem Schicksal vieler tausender Personen und Familien liegt, die, wie fast tägliche Berichte zeigen, in manchen Ländern mit Hunger und Unsicherheit an Leib und Lehen bedroht sind. Aber es war ein Irrtum einer früheren jüdischen Generation, zu meiner!, daß die Judenfrage nur ein ״menschliches“ Problem darstellt. Sie ist viel komplizierter, weil es einen objektiven Sachverhalt gibt, der, unabhängig von dem Willen der Menschen, die jüdische Lage gestaltet. Die Judenfrage ist auch eine nationale und politische Frage, und aus dieser Erkenntnis entstand der Gedanke, daß sic von seiten der Juden mit politischen Mitteln gelöst w׳erdcn muß. Immer düsterer wird es um uns, wohin wir auch blicken. Es ist begreiflich, daß die besten jüdischen Mensehen unruhig werden und neue Wege suchen. Aber hüten wir uns vor der Gefahr, unter dem Anschein neuer Wege nur alte ausgefahrene Gleise zu benützen. Dies müssen wir uns klarmachcn, wenn wir von dem bevorstehenden ״jüdischen Weltkongreß“ hören. Der jüdische Weltkongreß, von dem seit mehr als zehn Jahren gesprochen wird, ist nun für den 8. August in Genf angesagt. Er wird nicht alle jüdischen Schichten umfassen, und vielen scheint es fraglich, ob für diese Veranstaltung das pompöse Wort ״Weltkongreß“ über- Haupt am Platze ist. Es kann nicht geleugnet werden, daß es sehr viel zu beraten gäbe. Wie soll den Juden, deren Lebensbedingungen in ihren jetzigen Wohnländcrn sich dauernd verschlechtern, geholfen werden? Die Hilfmaßnahmcn, die zur Verfügung stehen, sind schon von großen Organisationen betreut. Die soziale Arbeit, die Regelung der Auswanderung, Palästina als Siedlungsgebiet, alle diese Arbeitsgebiete werden icchtmäßig verwaltet. Weichen!1 c 11 e!1 Weg wird der Kongreß weisen? Es ist zu befürchten, daß er aus Mangel an wirklich wirksamen Methoden sich in P r o k 1 a tn a t i onen ergehen wird, die keinen realen Wert haben. Der Antisemitismus ist in der Welt stark geworden, aber durch ״Protest“ oder durch Appell an die Menschlichkeit ist er nicht zum Verschwinden zu bringen. Und die eigentümliche Situation des jüdischen Volkes bringt es mit sich, daß in jedem Lande Juden leben, die, wie immer die Einstellung des betreffenden Landes zur Judenfrage sein möge, sich naturgemäß als Angehörige des betreffenden Landes fühlen und in Protesten anderer keine befriedigende Lösung sehen. Das oberste Prinzip einer gesamtjüdischen Politik ist die Neutralität gegenüber den politischen Mächten der Welt. Will man die Lage der Juden verbessern, so muß man den tieferen Ursachen der großen nationalen und ökonomischen Bevegungen nachgehen, die auch auf das Lehen der Juden einwirken, und versuchen, die geschichtlichen Kräfte, die sich in der Gegenwart zeigen, für eine konstruktive Lösung zu gewinnen. Wir zweifeln, ob beute schon ein Weltkongreß, zu* mal ohne genügende Vorbereitung, zu einer solchen Aufgäbe reif ist. Große Teile der jüdischen Welt stehen denn auch der Sache mit größter Skepsis gegenüber. In Amerika ist der Weltkongreß der Hauptpunkt des innerjüdischcn Streites geworden, und wie immer sein Ergebnis sein mag, die Frage, ob er das Zerbrechen der für die vielen wichtigen Aufgaben der Gegenwart erforderlichen jüdischen Einheitsfront lohnt, ist schwer zu beantworten. Die Ablehnung beschränkt sich nicht etwa auf einen parteimäßig abgegrenzten Kreis, sondern sie geht mitten durch Zionisten und Nichtzionisten. So