Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 55 (10.7.1936)
- Date
- 1936-07-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 55, 10. JULI 1936 Die Wirtschaftslage während der Unruhen jüdische Position im allgemeinen behauptet — Unsichere Zukunftsperspektive Von unserem pa1181 i nensischen Korrespondenten gl. Tel-Awiw, 2. Juli 1936 Es liegt in deT Natur der Sache, daß zur Zeit die politischen Fragen und alles, was mit den Unruhen unmittelbar zusanuncnliängt, im Vordergrund der Interessen in Palästina stehen, so daß auch dringende Probleme des Tages gegenüber dem aktuellen Kampf /.wischen der Regierung und den Arabern absolut znriiektreten. \X'ie dieses politisch-militärischstrategische Moment alles andere überdeckt, zeigt sich zum Beispiel in dem wichtigen Detail, daß die endgültige Lösung des F i ü clillingsproblcms, das in den ersten Wochen der Unruhen alle Geister in Tel-Awiw aufs lebhafteste beschäftigte, heute von der großen Bühne der öffentlichen Frörternng fast verschwunden ist (wenn auch die Aktionen zur Mittelaufbringung im Laufen sind). Fs bestehen für die Diskussion eben nur dieser blutig aktuellen Fragen die psychologischen Voraussetzungen. Alles andere tritt im Moment zurück. Wenn hier dennoch heute der Versuch gemacht wird, eine Ucbersicht über die während der Unruhen im Lande geschaffene wirtschaftliche Lage zu geben, so geschiebt es ans der Erkenntnis heraus, daß die Kenntnis der ökonomischen Situation für die ungehinderte Weiterführung der jüdischen Arbeit im Lande unerläßlich ist. Zugleich muß klar verstanden werden, daß mit der politischen Entwicklung und dem Verlauf des Streiks und vor allem seiner Dauer sielt auch die wirtschaftlichen Tatsachen in dauerndem Fluß befinden und es sich also hier nur um eine Art Momentaufnahme der Palästinawirtschaft handeln kann. Die Tatsachen, auf die der Bericht sich stützt, sind von dem im vorigen Winter unter der Leitung von Dr. Ruppin gegründeten Institut für Wirtschaftsforschung zusammengetragen worden. Die Frage, die heute im Mittelpunkt jeder ökonomischen Untersuchung steht, lautet: inwieweit ist die jüdische Wirt- Schaft im Lande durch die zweieinhalb Monate des arabischen Streiks und der Unruhen in Mitleidenschaft gezogen worden und in welchem Maße hat sie dem großen Druck, dem sie dadurch ausgesetzt wurde, standhalten können? Die Antwort auf diese Frage kann auch in allgemeinen Linien nur gegeben werden, wenn!:-.an sich vorher über die Situation der jüdischen Wirtschaft im Lande bei Ausbruch der Unruhen klar ist. Die Jüdische Wirf sc hart vor den Unruhen Diese war, wie die laufenden Untersuchungen des Instituts für Wirtscliaftsforschung zeigen, vor Ausbruch der Unruhen, als in der ersten Hälfte des April in einem Prozeß |er *ständigen W i e d et g e s uji d u n־g nach der; Erschiitte- |ung des vorigen Winters begriffen. Die jüdische Wirtschaft hatte sich sowohl von dem Bankenchok i!n vorigen Herbst wie auch von der anschließenden Arbeitslosigkeit und der relativen Stille in den Investitionen rasch zu erholen begönnen. Die Kapitalisteneinwanderung und der Kapitalimport waren in den Monaten Februar und März gestiegen und erreichten im April ihren Höhepunkt. Erst der Mai brachte auf diesem Gebiete eine Senkung, wobei man jedoch in Rechnung ziehen muß, daß hier nicht allein die Unruhen einwirkten, sondern die Devisensperrc in Polen, die die weitere Einfuhr von Kapitalien aus diesem Lande stark beschränkte, was tun so größeren Einfluß hatte, als Polen bisher den größeren Teil der Mittel für Palästina stellte. Es ist schwer abzuscliützen, welchen Einfluß diese beiden Faktoren, die polnische Devisensperre und die Unruhen, jeder für sich, auf die Verlangsamung des Wirtschaftsablaufs von April an ausübten. Beide wirkten und wirken zusammen. Ebenso wie in der Kapitaleinfuhr war auch in den Monaten Februar bis April eine beträchtliche Besserung auf dem Bau markte festzustellen. Das Land befand sich gegen den Frühling zu in einer wieder ansteigenden Wirtschaftskurve. In diese Entwicklung hinein kamen die Unruhen, die einen weitgehend verlangsamenden Einfluß auf die Wirtschaftsentwicklung ausübten. Anpassungsmaßnahmsn ln erster Linie muß festgestellt werden, daß die jüdische Wirtschaft sofort nach den ersten Ausbrüchen alle Anstalten traf, um sich den neuen Bedingungen anzupassen. Es gelang während der ganzen Zeit, die Versorgung des jüdischen Marktes mit Lebensmitteln in vollem Umfange siclierzustellen. Die jüdischen Wirtschaften bemühten sich, Waren in grüßeren Mengen, vor allem Gemüse, Obst, Eier, Milch auf den Markt zu bringen, weil sich die arabische Zufuhr zürn Teil beschränkte, zum Teil ganz schloß. Da der Bedarf nicht aus einheimischen Quellen gedeckt werden konnte, wurde die Einfuhr von Lebensmitteln aus Syrien und Aegypten vergrößert. Die Wirtschaften bemühten sich, trotz der unsicheren Wege die Zufahrten zu den städtischen Märkten intakt zu halten, und erreichten zu einem großen Teil durch Verbandhingen mit der Regierung die nötigen Eskorten für die Transporte. Daß dennoch die Kommunikation eine beschränkte blieb und bei freierer Bewegung eine noch größere Inlandsbelieferung möglich geworden wäre, versteht sieh von selbst. Auch fiir den Ausfall des Jaffaer Hafens für den Import bemühte sich die jüdische Wirtschaft um einen Ausgleich. Haifa wurde in erhöhtem Maße für den Verkehr in Ansprueli genommen; in kleinerem Maße lieferte auch die neue Earnluugsstelle in Tel-Awiw Import- und Exportmöglichkeiten. Auf diesen verschiedenen Wegen ist es gelungen, in allen Teilen des Landes Lebensmittelknappheit absolut zu verhindern, unter den bestehenden Bedingungen eine anerkennenswerte Leistung der jüdischen Wirtschaft. Der Baumarkt Die Lebensmittelgeschäfte sind verständlicherweise auch diejenigen, die bisher von der Verlangsamung des Wirtscliaftsablaufes nicht betroffen sind. In den anderen Zweigen des Handels dagegen, in der Industrie, der Baubewegung machte sich bald der Einfluß der anormalen Verhältnisse im Lande bemerkbar. In! Bau, dem zusammen mit den ihm zugehörigen Industrie- und Handelssektoren die entscheidende Bedeutung innerhalb der jüdischen Wirtschaft zukommt, ist in den letzten zwei Monaten ein starker Rückgang zu verzeichnen. Die Gründe dafür sind zum Teil technischer Art. Es gelang nach Beginn des arabischen Streiks nicht, verschieden« notwendige Rohstoffe (Kalk, Schotter, Bausand) in genügenden Mengen zu bekommen, da — besonders in Tel-Awiw und Jerusalem — diese Rohstoffe von Arabern geliefert wurden und somit auf dem Markte nicht mehr in der genügenden Quantität aufzutreiben waren. Haifa ist in dieser Beziehung in einer besseren Lage, weil hier diese Materialien in jüdischer bzw. gemischter jüdisch-arabischer Regie gewonnen werden. Zu diesen technischen Schwierigkeiten kam die herrschende Unsicherheit im Lande, die vor allem in etlichen Kolonien zur Unterbrechung von Bauarbeiten führte, und schließlich ein Absinken der Baulust, die durch die gesamte Situation bedingt wird. Es ist typisch, daß Haifa, das überhaupt relativ wenig durch die Unruhen gelitten hat, auch auf diesem zentral wichtigen Gebiet der Baubewegung nur sehr wenig betroffen ist, im Mai sogar eine Besserung zeigt. I in Teil der Arbeitslosen, die in den letzten Monaten freigesetzt wurden, ist auf Rechnung der langsameren Baubewegung zu setzen. Eine teilweise Behebutig der bestehenden Arbeitslosigkeit ist durch verschiedenc Arbeiten, die sowohl in Tel-Awiw als auch in den Kolonien vorbereitet werden, zu erwarten. Außerdem muß — hei Anhalten der Einwanderung — sich die Nachfrage nach Wohnungen von neuem verstärken und somit der Baubewegung ein weiterer Anreiz, geliefert werden. In derselben Richtung muß sich die Tendenz zur Uebersiedlung von Juden, die bisher in arabischen Gegenden wohnten, in jüdische Viertel auswirken, und schließlich muß der Bau von Häusern für die Tausende der Flüchtlinge, die täglich dringender wird, eine neue Arbeitsquelle ergeben. Die Lage in der Industrie Fine weitere Anzahl von Arbeitslosen, die fn den letzten Monaten freigesetzt wurden, ist auf Rechnung der Industrie zu schreiben. Auf diesem Gebiete war ebenso wie im Bauwesen gegen Ausgang des Winters eine Besserung der Lage festzustellen. Mit Ausbruch der Ibiruhen entstanden jedoch eine Reihe von Schwierigkeiten. Durch die Jaffaer Ausbrüche wurde eine Reihe von — meist kleinen Betrieben — zerstört, andere mußten schließen, weil sie in der Gefahrenzone lagen. Sie waren vor die Notwendigkeit gestellt, nach Tel-Awiw zu übersiedeln und sich dort ein neues Unterkommen zu suchen. Etliche Unternehmungen haben unterdes einen provisorischen Arbeitsplatz in den Pavillons der Levantc-Messc gefunden (bis zur nächsten Ausstellung in zwei Jahren), andere haben den Betrieb noch nicht wieder aufgenommen. Für manche Betriebe wieder bedeutete der Streik im Jaffaer Hafen eine Komplikation, da es unmöglich war, fürs erste Rohstoffe heranzuschaffen. Schließlich spielten bei fast allen Unternelunungen die entstehenden Transportschwierigkeiten im Lande eine störende Rolle. Diese machte sich auch bei dem Export, nach Syrien bemerkbar, der hauptsächlich in Lastautos bewerkstelligt wird und durch die Unsicherheit der Wege stark gehemmt wurde. Schließlich machte sich die Schließung des arabischen Marktes bemerkbar, der sonst ungefähr 10 »ö der jüdischen Industrieproduktion aufnimmt Nimmt man dazu die allgemeine Senkung des Umsatzes, die sich in den letzten zwei Monaten bemerkbar macht, so erkennt man die Gründe fiir die erschwerte Lage der Industrie, Es muß jedoch festgestellt werden, daß trotz dieser komplizierten Verhältnisse wir bisher weder Schließungen noch Bankrotte zu ver/eichnen haben. (Die Schließung der Glasfabrik in Haifa geschah aus Gründen, die nicht mit den Unruhen Zusammenhängen.) Mit Ausnahme der genannten kleineren Betriebe in Jaffa und der zeitweiligen Schließung einer oder zweier Betriebe in Akko, die unterdes wieder arbeiten, haben alle Unternehmungen durchgehaltcn. Das Problem, mit dem alle kämpfen und das auch von den zen,- tralen Wirtschaftsinstan/en des Landes möglichst gründlich und rasch behandelt werden muß, ist die Bereitstellung geringender U e b e r b r ü c k u n g s k r c d i t e. Die meisten neuen Industrien im Lande leiden an eitlem Mangel an Betriebskapital und waren darauf eingestellt, ihre Waren nach Fertigstellung ab/uset/en und mit dein Erlös den Betrieb weifer/ufuhren. Durch den eingeengten Umsatz sind viele heute gezwungen, die Produkte eiii/ulagern, und brauchen daher Kredite, die ihnen ein Abwarten auf erhöhten Ansatz ermöglichen. Die JcwiUi Agoncv und die Banken haben bereits verschiedentlich helfend eingegriffen, und es ist, wie gesagt, bisher gelungen, die Arbeit aufrecht zu erhalten. Transportgewerba Schwer betroffen ist durch die Unruhen das Transportgewerbe, obwohl es — wie welleicht kaum ein anderer Wirtschaftssektor — mit vorbildlicher Tapferkeit und mit Erfolg um die AufrechterFaltung der Kommunikationen im Lande gekämpft hat. Die Reisen sind bis aufs notwendigste im I.aride cingcsehiänkt, der Touristenverkehr fallt so gut wie völlig aus, die Schließung des Jaffaer Hafens ist mir zu einem Teil durch die verstärkte Tätigkeit in Haifa wcttgemacht worden. Lin gewisser Ersatz ist für die verschiedenen Aufokooperativen durch die Beschäftigung von Wagen für Truppentransporte geschaffen worden. Die Landwirtschaft ln der jüdischen gemischten Landwirtschaft haben die Unruhen teils neue Möglichkeiten geschaffen, teils Arbcitserschwerungen gebracht. (Jeher die Erweiterung des Marktes für Gemüse, Eier, Obst, Milch haben wir schon im Zusamrnenhang mit der Lebensmittelversorgung gesprochen. Line starke wirtschaftliche Belastung für die Wirtschaften bildet hingegen die verstärkte Wache, die überall gehalten werden muß, und die nicht nur. die Kräfte der Siedier, sondern auch ihren Geldbeutel in Anspruch nimmt, weil Arbeitstage ausfallen oder Wächter besonders eingestellt werden müssen. In den Plantagen, die früher Araber beschäftigten, sind zu einem beträchtlichen Teile — nicht überall — Juden eingestellt worden, so daß die Arbeitslage in den Kolonien sich stark gebessert hat. Ein besonderes Kapitel in der jüdischen Landwirtschaft bilden die Schäden, die im laufe der Unruhen angerichtet worden sind und noch angerichtet werden, also Abbrennen von Feldern, Ausreißen von Baumen usw. Insgesamt werden heute von offizieller jüdischer Seite diese Schäden auf ungefahr .C 2(10 000 geschätzt. Die Jewish Agency kärupft einen unausgesetzten Kampf mit der Regierung um einen sofortigen Ersatz der Schäden, zumindest um Vorschüsse auf die endgültigen Summen, wird aber immer wieeier damit zurückgewiesen, daß erst einmal die Ruhe hergestellt sein muß, dann würde man sich über diesen Punkt einigen. Hier ist für die Landwirte und mit ihnen für den gesamten Jischuw ein entscheidend wichtiger Punkt, wo der Kamp! mit der Regierung unausgesetzt fortgefuhrt werden muß. Zwischenbilanz Zieht man ein vorläufiges Fazit der wirtschaftlichen Situation, so ergibt sieh: die indische Wirtschaft hat sich unter dem Druck, der heute mehr als zwei Monate auhalt, mit allen Kräften zu halten versucht, und es ist ihr zu einem gewissen Grade gelungen, die Gefahren bisher zu überstellen. Beweise dafür bilden die ,Aufrecliterhaitiing der Arbeit in den Betrieben, die Beschaffung von Krediten, die dieses errtiögliehen, die Anpassung im allgemeinen an die stark voranderten und erschwerten Bedingungen. Fs ist andererseits׳offen1• sichtlich, daß die Unruhen wirtschaftliche Probleme heraufbeschworen haben, die die gesamte Kraft der Privatwirtschaft NEUES AUS TEL-AWIW r־ Der Sif-Sif (Battsand )-Transport, früher arabisches Monopol, wird fetzt von Juden ausgeführt Jüdischer Lastträger an der Anlegestelle Ein neues Regierungsamt ItMc La•» DIihi. a |«em