Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 55 (10.7.1936)
- Date
- 1936-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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13, 7 11536 ד -י/ Nr. 55 /׳ Jahrgang 41 Preis 25 Rpi, - B » — * •״ "י* ״־יp•* JÜDISCHE RUNDSCHAU nunwunsniM Sdurl!tl«liang[,VcrIa2 «1. AnzeiftnverwaKtangs BerllnW 15, MeI0eke1tr.lt Farnraf 1 Sammet •Kammer J1 (Bismarck) 9031« — Bezu^preu einschließlich Bestellgeld je Monat RM 2,—, jo Vierteljahr RM 5,75, Hei Abholung RM 1,88 biw, RM 539. —׳ Postiicheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 7157■* (für Groß-Berlin), Berlin 173 92 (für das übrige Reich), in Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstes und Frelteg. BERLIN כד תמוז תרצ״ו FREITAG, 10. JULI 1936 Giftig t AnzalgcnpreUHst• Nr. S. Df« 12 gespaltene mm - Zeile 20 Kpf., für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für dio Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit•- anzeigen nur gegen Vorauszahlung aaf Postscheck . Konto Berlin 71618 oder bar Montag bU Freitag 9—18 Uhr. Annahmrschluß für di« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Wir, für die Freitag - Ausgab» Mittwoch 13 Uhr. (Kür Familien ־ Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr. Der Zionismus erstrebt für das ]Qdlsche Volk die Schaffung einer öffentlich יrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Um den 20. Tammus Herzls und Bialiks Todestag — Die Judenfrage als Weltproblem und als Problem jüdischer Besinnung Richard Beer-Hoimann Wieder der 20. Tammus, der Todestag Theodor Herzls! Zum zweiunddreiliigsten Mal begehen wir ihn. Was ist uns dieser Tag, der im ganzen jüdischen Volk, all über die Welt, gefeiert wird? Er ist uns die Mahnung an ein ungeheures Erbe, das ein zu früh Verstorbener unserer üeneration hinterlassen hat. Er wollte nicht weniger vollbringen als die ״Lösung der Judenfrage“. Wir Nachkommen sind bescheidener, wir wissen, daß wir nur Beiträge leisten können, Beiträge zu einem geschichtlichen Prozeß, der wohl über unsere Lebensdauer liinausführt. Die Judenfrage ist noch weit, sehr weit von der Lösung. Sie wird immer drückender, schwerer und komplizierter; so wie ja überhaupt die Weltlage sieh in einer Weise verschlechtert, die man vor 40 Jahren gewiß nicht geahnt hat. Die heutige ausweglose Situation der Juden dürfen wir wohl als eines der Resultate der allgemeinen Entwicklung des IQ. Jahrhunderts betrachten, das in den Weltkrieg hineinführte und die Nachkriegswelt in völliger Ratlosigkeit zurück ließ, da die durch die Ueber־ völkerung, die Technisierung, durch den Hochkapitalismus und Nationalismus geschaffenen Zustände unentwirrbar scheinen. Zu den Bevölkerungsgruppen, die am schwersten zu tragen haben, gehören überall die Juden. Sie haben eine ״zusätzliche“ Not, die ״Judennot“, zu tragen. Wir sind Zeugen, täglich empfangen wir neue Schreckensberichte. Dieser Tage ist die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf die Lage der Juden in Polen gerichtet worden, die durch einen grandiosen Proteststreik den Gefühlen der Verzweiflung Ausdruck gaben. Die polnischen Juden leiden nicht nur unter der feindseligen Gesinnung ihrer Umwelt, sondern etwa die Hälfte von ihnen leidet in buchstäblichem Sinne Hunger, und ihre ökonomische Lage wird von Tag zu Tag schlechter. 1 Uuiderttausende Menschen, die arbeiten möchten, müssen um einen Bissen Brot betteln. Die Welt aber hat nicht nur ihre Tore, sondern auch ihre Ohren verschlossen. Die Judenfrage bedarf neuer Methoden. Die Verhältnisse haben sich geändert, verlangen erbarmungslos auch von uns neues Denken. Theodor Herzl war ein Führer zu neuem Denken. Er verstand die Abhängigkeit der Judenfrage von anderen Faktoren und die Notwendlgkeit einer objektiven Behandlung, die auch die Interessen der anderen Seite in ihre Berechnung einstellt. Herzl war ein Realpolitiker, der genau wußte, daß auch die idealste Konzeption nicht durch Illusionen verwirklicht werden kann, sondern ein schonungsloses Erkennen der Wirklichkeit erfordert. Unendliches ist da noch von ihm zu lernen. Wir begehen den Hcrzltag diesmal in schwerer Sorge um das mit seiner Tat verknüpfte Werk, das Nationalheim in Palästina, das für Herzl nur Idee war und heute für uns Realität ist. Das National he im hat im Wege seiner Verwirklichung mit Widerstand und Schwierigkeiten fertig zu werden, wie jede große Sache, denn niemals in der Geschichte ist ein großes nationales Ziel eines um seine Existenz ringenden Volkes auf sanft geglätteter Bahn erreicht worden. Der Hcrzltag, der die ganze an Enttäuschungen so reiche Geschichte des Zionismus vor dem inneren Blick abrollen läßt, erinnert uns auch, um wie vieles wir weitergekommen sind. (So ist es begreiflich, daß die Zionisten Herzls Andenken durch sichtbares Bekenntnis zu diesem Werk feiern wollen; das ist der tiefere Sinn der Spcndcn-Aktion, die die ZVfD. unter der Devise ״Bizzur Haare/.“ eingeleitet hat. Die Hingabe des Erträges eines Arbeitstages ist symbolisch; aber was ist sie gemessen an der Erscheinung eines Mannes, der sein Leben und Vermögen für sein Volk geopfert hat!) * Die heutige Lage in Palästina wirft große weitpolitische Fragen auf, wie sic den Perspektiven des Herzischen Denkens entsprachen. Die Stellung Palästinas im Rahmen des britischen Empire und die Rolle, die die Juden dabei spielen könnten, wird in breiter Diskussion aufgerollt. Und der Zufall will es, daß in diesem Moment von 'der englischen Welt der 100. Geburtstag eines Staatsmannes gefeiert wird, der wie kaum ein zweiter zur Erfassung großer Zusammenhänge fähig war und an den Herzl darum appelliert hat. Josef Chamberlai n, der große englische Kolonialrninister (im Kabinett Balfour), einer der Schöpfer des modernen britischen Reiches, war der erste Staatsmann internationalen Ranges, der sich aktiv und praktisch für die Judenpolitik Herzls interessierte. Natürlich war damals noch keine Rede davon, daß England die Realisierung des Zionismus in Palästina unterstützen könnte, denn Palästina war türkisches Gebiet, Bestandteil des osmanischen Sultanats. Aber Chamberlain war bereit, seine Hand zu einer Zwischenlösung zu bieten. Herzl verlangte von ihm die Sinai-Halbinsel (El Arish), und als wegen der Wasser-Schwierigkeiten daraus nichts wurde, hat Chamberlain Britisch-Ostafrika (Uganda), ein Nachbargebiet Aethiopiens, für eine jüdische Kolonisation angeboten. Die englische Regierung ahnte nicht, daß sich hieran ein erbitterter innerjüdischer Kampf anknüpfen wird, weil die Mehrzahl der Zionisten, für die Zion ein geheiligtes Symbol war, von einem anderen Gebiete als Palästina nichts wissen wollte.. Den stärksten Eindruck (auch auf Balfour!) machte es, daß gerade die russischen Juden, unmittelbar nach dem großen Pogrom in Kischinew, das Angebot ablehnten, während Nordau von einem ״Nachtasyl“ sprach; sie wollten nicht die historische Linie durch die Not des Tages bestimmen lassen. Aber ungeachtet dieses negativen Ausganges der damaligen Verhandlungen hat das jüdische Volk dem Staatsmann, der als erster die Hand zu einer großangelegter, kolonisatorischen Lösung der Judenfrage bieten wollte, ein dankbares Andenken bewahrt. An die Verhandlungen mit Chamberlain konnte 12 Jahre später angeknüpft werden, als eine neue weitpolitische Konstellation Palästina in den Bereich der englischen Hoheitssphäre brachte. Es war kein reiner Altruismus, der Chamberlain damals bewog, das wußte auch Herzl, der diesen Mann als nüchternen Realpolitiker, aber ״wolkenlos klaren Kopf“ einschätzte. Und wenn heute wieder die äußersten Anstrengungen nötig sind, um England von der Durchführbarkeit und Nützlichkeit der Politik des jüdischen Nationalheims zu überzeugen, so geht es im Grunde um dasselbe, was Herzl bei Chamberlain versucht hat. ln einem folgenschweren Augenblick der Geschichte begegneten einander der mächtige englische Imperialist, Vertreter eines Weltreiches, und der stolze, von all den Mühen schon todkranke Jude aus Wien, der zum Führer eines landlosen, unglücklichen Volkes geworden war. * Wird einmal die Geschichte der jüdischen Geistesbewegung im deutschen Sprachgebiete geschrieben, dann wird das Wien der Jahrhundertwende einen besonderen Platz einnehmen. In dieser Stadt einer alten Kultur, und der Hauptstadt eines Reiches von einzigartigem europäischem Völkergemenge, in der (ohne klares Bewußtsein) das resignierte Gefühl des nahenden Unterganges eines Zeitalters zur Lebensatmosphäre gehörte, hat auch die durch ein Jahrhundert der Emaiizipation verdichtete Symbiose der Juden mit ihrer Umgebung ihren Höhepunkt und zugleich ihren Wendepunkt erreicht. Wenn wir ven dein Anteil der Juden an der Kultur jener Zeit sprechen, so meinen wir etwas Atmosphärisches, wir denken auch an Gestalten wie Siegmund Freud, Josef Popper-Lvnkeus, zahlreiche Dichter, Schriftsteller, Musiker und Wissenschaftler, die nicht wegzudenken sind aus dem Wien Kaiser Franz Josefs noch aus dieser jüdischen Generation. Dieser Epoche eines weichen, verbleichenden Glanzes *gehörte auch Theodor Herzl an. In ihm bereitete sich die U m - kehr vor. Er war wie nur irgendeiner ein echter Sohn seiner Zeit, aber er erhob sich über sie, er durchschaute das Gespenstische und Bodenlose der jüdischen Position, die damals den meisten noch gesichert schien. Es ist oft dargestellt worden, welcher Verständnislosigkeit Herzl in den westindischen Kreisen begegnete. Auch in Wien, der ״Phäaken-Stadt“, wie sie damals genannt wurde, ging es den Juden viel zu gut, als daß sie die Sturmzeichen der kommenden Zeit bemerkt hätten. Aber nicht nur vom Gesichtspunkt des äußeren Wohlergehens und der Sorge um die Zukunft war Herzls Auftreten zu werten. Fdle Geister waren am stärksten beeindruckt nicht von den Details seiner politischen und technischen Projekte, sondern von dem Phänomen, daß hier ein Mann aufrecht und furchtlos sich zu seinem Volk bekannte und die Verantwortung dafür zu tragen bereit war. In den Wiener jüdischen Kreisen der Kunst, Uteratur und Presse fand Herzl mehr Spott als Resonanz. Mit e i n e r großen Ausnahme. In Herzls Biographie (von Alex Bein) wird berichtet, daß ein Wiener jüdischer Dichter ihm nach Veröffentlichung des ״Judenstaat“ (189b) schrieb: ״Mehr noch als alles was i n Ihrem Buch, war mir das sympathisch, was dahinter stand. Endlich wieder ein Mensch, der sein Judentum nicht wie eine Last oder ein Unglück resigniert trägt, sondern stolz ist, mit der legitime Erbe uralter Kultur zu sein.“ Der Mann, in dem der Stolz solch einen Widerhall fand, weil er selbst ein stolzer Jude war, ist Ric h a r d Beer-Hofmann, dessen siebzigsten Geburtstag wir heute feiern. * Beer-Hofmann ist als Mensch und Dichter für unsere jüdische Generation eine repräsentative Gestalt, deren Bedeutung wir an anderer Stelle der heutigen Nummer — teilweise durch Wiedergabe seiner eigenen Verse — zu würdigen versuchen. Ihm offenbart sieh das Menschheitsdrama (und das Men-ehen-Di'ama) in dem Ringen der jüdisch-biblischen Gestalten um ewige Ideen, und so ist er für unsere Zeit ein Erneuerer des j ti dis c 11 e n Mythos geworden. Die jüdische Verwurzehing bewahrte ihn vor dem Schicksal, das die um alle Seelennot wissenden, de aber ästhetisch-spielerisch (,,wir spielen alle ...") auflösenden Zeitgenossen bedrohte. Wie Herzl in der Politik, so gab Beer-Hofmann in der Sphäre des Fühl e n s, die letztlich auch für politische Entwicklungen entscheidender Multerbodeu ist, der Wendüng unserer westlichen Generation die Form, das Wort... Die heutige Jugend weiß nicht mehr, wie es den Menschen von damals ums Herz war. In der Epoche des bürgerlichen Wohllebens und des lndividualismtis, der Selbstbespicgelung und falsch popularisierten Psychoanalyse, des Aesthetentums und der neu erblühenden Romantik, konnte Beer-Hofmanns Zeitgenösse und Freund, Hugo v. Hofmannsthal, Christlieber Enkel eines jüdischen Kultusvorstehers, die Stirnmung eines dekadenten Zeitalters in die berühmten Verse fassen: ״Es ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: Dali alles gleitet und vorüberrinnt... Auf dieses Grauen der Vergänglichkeit, das den Menschen überkam, fand Beer-Hofmann die unvergängliehe Antwort: ״Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt Blut von Gewesenen, zu Kommenden rollt’s, Blut unserer Vater, voll Unruh und Stolz״ ln uns sind alle, — tver fühlt sich allein? Du bist ihr Leben, ihr Leben ist dein.». Die Erlösung von der V c r e i n s a m u n g — das war es, worauf es ankam. Becr-Hofmanns Verse sind in stärkerem Maße als irgendein anderes Wort der letzten 50 Jahre der vollkommene Ausdruck des Grunderlcbnisses einer ganzen westjüdischen Generation geworden. Durch dieses Erlebnis wurde das Westjudentum vor Nihilismus und Untergang bewahrt. Mit Recht ist dieses Gedicht Beer-Hofmanns das populärste der neueren jüdischen Epoche. Die innere Revolution eines Volkes drückt sich nicht nur in ״politischem“ Handeln aus; das Ringen um eine neue Gestalt ist nichtig und wesenlos, wenn es nicht 1 4