Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1936)
- Date
- 1936-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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-9 /!535 fU. 54 / Jabrgang 41 *־*״eis 25 Kpl, JÜDISCHE RUNDSCHAU I *:<11:11 Schrtftleltang,Verlag n. Anxeigenverwaltnng: Berlin WI5, MelnekeaSr.10 Fernruf 1 Semmel - Hammer J1 (Bismarck) 9031. - Berugrprei« eiimtäilicBlich Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM1138 brw. RM 539. — Poitndied! - Konten der Vertrieb« - Abteilung! Berlin 715/3 (für GroB - Berlin), Berlin 17392 (für da» übrige Reith), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Eritettung etwa echon gezahlter Bezugsgebühren. - Erscheint Jeden Dienstag *nd Freitag. BERLIN י־״ז תמוז תרצ״ו DIENSTAG, 7. JULI 1936 Gttltigi Anzelffenprelallsto Nr. 5. Die 12 gespaltene mm Zeile 20 Rpf., für Familien . Nachrichten 15 Rpf, Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr g• «*leistet Gelegenheit«- anieigen nur gegen Voraviszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 U h r. Armahmeschiuß für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt för das indische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Neuer Ton der englischen Presse Trotz verschiedenen Meldungen, die da und dort ein A b - flauen des arabischen Streiks in Palästina erkennen lassen und trotz Friedensbemühungen (angeblich ausgehend von gewissen neutralen europäischen Kreisen), über die die englische und auch die deutsche Presse, zu berichten wußte, kann, während diese Zeilen in Druck gehen, noch keineswegs von einem Ende des arabischen Aufstandes gcsprachen werden. Es ist ersichtlich, daß in der englischen Oeffentlichkeit eine gewisse Ungeduld Platz gegriffen hat. Man sucht augenscheinlich nach einer neuen For m e I, die die Wiederherstellung der Ruhe im Lande erleichtern soll. Während bisher sowohl in der Presse als auch in Erklärungen verantwortlicher Staatsmänner immer betont wurde, daß England sich vor Gewalttaten nicht beugen werde und daß zunächst einmal die Ruhe im Lande völlig wiederhergestcllt sein müßte, mehren sich in den letzten Tagen Acußcrungcn, die den arabischen Forderungen viel mehr entgegenkommen. Wir waren stets der Ansicht, daß auf Stirnmutigen in der öffentlichen Meinung Englands hei einer solchen Frage, die weiten Teilen des Volkes unverständlich oder gleichgültig ist, nicht gebaut werden kann. Was in der letzten Zeit die psychologische Ursache zu der neuen Haltung gewesen ist, läßt sich nur vermuten. Die lange Dauer und die Furcht vor Unruhen in den anderen moslemischen Gebieten mag dabei mitwirken. Es darf aber auch nicht übersehen werden, daß die Unruhen (das Wort ״Unruhen“ ist längst zu schwach geworden) in den letzten Wochen etwas ganz anderes geworden sind, als sic anfangs waren. Anfangs handelte es sich um scheußliche Mordtaten gegen- Ober einzelnen Juden, die un gesühnt blieben, und es hätte dem allgemeinen Rechts- und moralischen Empfinden -widersprechen, solche Taten durch Konzessionen zu belohnen. Aber jetzt haben sich die Ereignisse als ein richtiger Aufstand entpuppt, bei dem — neben den fortgesetzten Attentaten —• die arabische Jugend in dem Glauben, für die Freiheit ihrer Nation zu kämpfen, in zähem Guerillakrieg dem englischen Militär gegenübertritt. Handelte cs sich anfangs um ermordete Juden, so muß man jetzt von zahlreichen gefallenen Arabern sprechen, die zwar nicht heimtückisch ermordet wurden, aber im Kampfe gegen Polizei und Militär den Tod fanden und von den Arabern als Märtyrer betrachtet werden. Schließlich dürfte es auch der arabischen Delegation in London gelungen sein, Freunde zu gewinnen, nicht nur den kommunistischen Abgeordneten, von dem die arabische Sache ungeschickterweise im Parlament vertreten wird. Aus der Lautlosigkeit dieser Tätigkeit, die viel weniger Publizität findet als die der Juden, darf man keine falschen Schlüsse ziehen. Die englischen Acußcrungcn, von denen hier die Rede ist, enthalten als wichtigstes Element die Forderung, daß die jüdische Einwanderung nach Pa- 1 äs Lina eingeschränkt werde. Diese Stellungnahme ist so auffallend, daß man beinahe versucht wäre, an eine gemeinsame Quelle zu glauben, und wenn kurz zuvor von einem Britischen Kabinettsrat über Palästina die Rede war, so zeigt dies den Ernst der Situation. Am schärfsten ist neben ״Times“ und ״Great Britain arid Near East“ die Stellungnähme des Londoner ״Observer“, der seit 15 Jahren auch in kritischen Zeiten die zionistischen Forderungen unterstützt hat. Der ״Observer“ spricht unverhohlen davon, daß mit Patästinafragen im Unterhaus London, 2. Juli. (JTA.) In Beantwortung einer Anfrage stellte Kolonienminister Ormsby-Oorc am 2. Juli im Unterhaus fest, daß es keinerlei Bestimmungen gibt, aut Grund welcher der Völkerbund das einem Staat übertragene Mandat für ein bestimmtes Gebiet wieder entziehen könnte. Der Abgeordnete Gal lach er hatte gefragt, ob es der organisierten arabischen Gemeinschaft Palästinas erlaubt werden würde, der Mandatskommission des Völkerbundes eine Beschwerde über die Art der Verwaltung des Landes vorzule.gcn, und ob der Völkerbund die Frage der Entziehung des Mandats erwägen werde, wenn die Verwaltung der mit ihm betrauten Macht Unzufriedenheit bei der Mehrheit der ihrer Kontrolle unterstehenden Bevölkerung erregt. Kolonienrninister Ormsby-Gore führte in schriftlicher Beantwortung dieser Anfrage aus: Es steht jedem Einwohner Palästinas frei, individuell oder kollektiv Beschwerden an die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes zu richten', cs entspricht der Uebung der Regierung Sr. Majestät, alle derartigen zur Uebcrsendtmg erhaltenen Beschwerden und Petitionen weiterzuleiten. Was den zweiten Teil der Frage betrifft, so möchte ich den Abgeordneten daran erinnern, daß ■es weder im Völkerbundspakt, noch in den Friedensverträgen, noch in den Mandaten Bestimmungen über die Entziehung des einer Macht anvertrauten Mandats gibt. ln derselben Sitzung des Unterhauses fragte der Abgeordnete MacCorq nodale den Minister für die Koionien, wieviele Juden sich 1035 in Palästina niedergelassen haben und wieviele von ihnen aus Deutschland bzw. Polen und Rußland gekommen seien. Rücksicht auf die anderen moslemischen Länder der Aufstand in Palästina beendet werden müsse, indem eine Ein- Schränkung der jüdischen Einwanderung verfügt wird. Immer wieder hört man, die jüdische Einwanderung der letzten Jahre sei zu schnell vor sich gegangen; und wenn wir auch vom zionistischen Standpunkt anerkennen, daß wemger palästinensische Verhältnisse als der Druck der Ga- 1 u t h diese Einwanderung zustandegebracht hat (was auch die ״Times“ hervorhebt), so ist doch darauf hinzuweisen, daß die Einwanderung in keiner Weise die Fassungskraft Palästinas überstieg. Dies wird auch gar nicht deutlich hehauptet; vielmehr wird ganz, offen gesagt, die Einwanderung müsse aus politischen Gründen verkleinert werden, um die Angst der Araber vor einer künftigen M a ־ jorisicrung zu beseitigen. Bemerkenswert ist, daß die ״Times“ die Berufung des Mufti auf religiöse Momente nachdrücklich zuriiekweist; sie ist sich darüber klar, daß dies ein Manöver ist, um die anderen moslemischen Länder aufzustacheln. Diig Unterstützung aus den anderen moslcmisehen Ländern war bisher sehr gering. Auch die angebliche Kampfbereitschaft der Beduinen Trans j.ordanicns — deutsche Zeitungen sprachen im Anschluß an eine englische Sensationsmeldung von 60 000 Beduinen, die den Jordan überschatten wollen — wird sehr übertrieben, und der Emir Abdullah von Transjordanicn vermochte bisher jedes Ucbergreifen der Kämpfe auf sein Land za verhindern. Der Jordan ist von palästinensischem Militär bewacht. Man ist sich darüber klar, daß nur religiöser Fanatismus die Brandfackel sein könnte, die die W'üstenbevölkcrung der Nachbarländer in Bewegung setzt. Darum weisen die Engländer das religiöse Argument zurück, aber die palästinen1 sische Regierung tut u. E. viel zu w e n i g, um diese Korrektur einer falschen Behauptung wirklich unter der arabischen Bevölkerung zu popularisieren. Die letzten Aeußerungen der englischen Presse lassen erkennen, daß England, obwohl es in der europäischen Politik langsam eine Umstellung auf eine etwas stärkere Note vollzieht, int Orient doch noch immer eine elastische Politik für die beste hält. Dies zeigt sich auch in ihrem Verhalten gegenüber Aegypten, wo jetzt nach der Rückkehr des ägyptischen High Commissioner Sir Miles Lampson die Verhandlungen wieder beginnen, was die ״Times“ mit einem Artikel begleitet, der geradezu als klassisches Dokument dieser englischen politischen Methode des ״Realismus“ bczeichnet werden kann. England sucht einen Ausgleich mit den nationalen Bewegungen des Orients. Dem Beobachter scheint es, daß dadurch die Forderungen der Orientvölker nur immer radikaler werden und Englands lebenswichtige Position, die in Palästina durch die Juden viel sicherer behütet wäre, immer mehr gefährdet wird. Aber die englische Haltung ist heute noch die der Nachgiebigkeit und des Ausgleichs. Es ist von der höchsten Bcdeutung, daß in diese politische Entwicklung, die noch keine feste Form gefunden Hat, die jüdische Position ein geschaltet wird. Es scheint uns dazu nötig zu sein, daß die jüdische Oeffentlichkeit ihr Hauptaugenmerk nicht mehr auf gelegentliche Deklarationen richtet, mögen sie auch im Unterhaus erfolgen, sondern sich der wirklichen Zusammenhängc, der Realitäten, die immer wieder trotz, allen Verschleierungen zutage treten müssen, bewußt wird, und durch eine konstruktive und nicht bloß rigide Politik einen Beitrag zur Lösung versucht. Kolonienrninister Ormsby-Oorc antwortete, daß die Zahl der 1935 registrierten jüdischen Einwanderer 61 851 hetrug.^ Von diesen kamen aus Deutschland 8630, aus Polen 27 843 und aus Rußland 641. Die übrigen jüdischen Einwanderer stammten aus einer großen Zahl anderer Länder. Friedensbemühungen Die ״Times“ vom 3. Juli veröffentlicht einen Bericht aus Jerusalem, wonach zwei Gruppen an High Commissioner Sir Arthur W a 11 c 11 o pe mit Vorschlägen zur Lösungder gegenwärtigen Krise herangetreten seien. Die eine Gruppe habe aus den amtlichen Kreisen fernstehenden Engländern, die /.weite aus Vertretern der englischen, deutschen und amerikanischen Kolonie bestanden. Von beiden Gruppen sei der dringende Wunsch geäußert worden, daß die kgl. Kommission möglichst bald eingesetzt und daß eine Formel ״gefunden werde, um dies zu ermöglichen, ohne daß die englische Regierung wesentlich von ihrer gegenwärtigen Politik in dieser Frage abzugehen braucht. Eine dritte aus gemäßigten Juden und gemäßigten Arabern bcstehende Gruppe konzentriere sich, so heißt cs in dem ״Times“-Bericnt weiter, auf das Problem der künftigen Gestaltung der Dinge nach dem Aufhören der Gewalttätigkeiten. Diese Gruppe ist •der Ansicht, daß die Forderung der •Araber nach Einstellung der jüdischen Einwanderung eine Maximalforderung ist, und glaubt, daß beide Bevölkerungsteile in der Frage der Einwanderung auf ein Kompromiß eingehen würden, falls ein solches von der englischen Regierung vorgeschlagen wird. Fahrt nach Jerusalem Die Hauptstadt während der Unruhen Von unserem Korrespondenten gl. J e r u sa lem, 28. Juni Die glatte Chaussee Jerusalem Jaffa hat in den letzten Jahren zu den belebtesten in Palästina gehört. Sowohl am Tage wie auch bis spat in die Nacht folgten sich hier die Autobusse, die Kleinwagen und die Lastautos in ununterbrochenem Verkehr. Die Eigenartigkeit der Zusammenhänge zwischen den jüdischen Skullen, vor allem die sehr engen Bande zwischen Jerusalem und Tel-Awiw, machten ein dauerndes Hin• und 1!erfahren zwischen den beiden Städten für einen weiten Kreis von Menschen zu einer Angelegenheit der täglichen Routine. Man fuhr zu Besuchen, Sitzungen, Verhandlungen, Oeschäftsab- Schlüssen. Und die Autokooperaliven, die im palästinensischen Verkehr eine entscheidende Rolle spielen und die Eisenbahn längst aus ihrer zentralen Rolle verdrängt haben, lernten es im Laufe der Jahre, sich diesem Verkehr und seinen besonderen Erfordernissen anzupassen. Die Zeiten, in denen man nicht fest darauf rechnen konnte, wann man von Tel-Awiw aus Jerusalem erreichte, weil man zuerst einmal warten mußte, bis sich die entsprechende Zahl der [*assagiere für ein Auto fand und dann, wenn man Glück hatte, noch mit etlichen Pannen auf der Landstraße sitzen blieb, erscheinen heute bereits legendär, obwohl sie, wenn man nach Adam Riese rechnet, noch nicht ein Jahrzehnt zuriicklicgen. In! Jahre 1936 war die Fahrt nach Jerusalem ein wahrer Katzensprung geworden. Alle Viertelstunde lief ein Autobus von einer Stadt in die andere ab. Und wem dieses Vehikel noch aus irgendeinem Grunde nicht paßte, der hatte eine nicht abreißende Kette von Kleinautos zu etwas erhöhten Preisen zu seiner Verfügung. Es ist einer der besten Beweise für die Liner• schrockenheit der palästinensischen J u den, daß sie sich durch alle Gewalttaten der letzten zwei Monate nicht dazu zwingen ließen, diese Vorhin• düng zwischen den beiden bedeutendsten Zentren des Landes abzubrechen. Gerade die jüdischen Autobusse wurden von den verschiedenen Terroristengruppen, die sich im Laufe der Streikzeit gebildet haben, besonders scharf aufs Korn genommen, und immer wieder von neuem wurden die Wagen aus sorgfältig vorbereiteten Hinterhalten beschossen oder sogar die Straßen abgesperrt, um die Feuerüberfälle wirksamer zu machen. Verschiedentlich fielen auch diesen Angriffen jüdische Chauffeure und (,assagiere zum Opfer. Dennoch blieben die Autokooperafivetn fest in ihrem Beschluß, die Verbindung zwischen Jerusalem und Tel- Awiw ebenso aufreeht/uerhaltcn, wie die auf allen anderen ebenso gefährdeten Straßen des Landes. Wenn sich der Jisdiuw gegen den Streik halten, seinen Ökonomischen Sektor so weit wie möglich vor Störungen schützen wollte, so mußten in erster Linie die Kommuni- Rationen aufrechterhalteii werden, um sowohl den■ Passagierals auch den Warenverkehr in möglichst großem Umfange weifer/ufiihrcii. Man paßte sieh, entsprechcnd der Taktik der Angreifer, den veränderten Bedingungen an, verhandelte mit der Regierung über die Bestellung von Eskorten, schränkte die Fahrten von Einzelwagen ein, faßte die Autobusse, Taxis und Lastautos in großen Oonvoys zusammen, die mehrmals täglich die Fahrt von Jerusalem nach Tel-Awiw und umgekehrt machen. (Dasselbe oder ähnliches gilt für andere gefährdete Routen im Lande.) Und so wie sich die Chauffeure, ohne viel weiter davon hcrztiinachen, ihrer friedlichen Arbeit, die plötzlich überaus gefährlich gcworden war, weiter widmeten, ohne zu zögern, so ging auch das Publikum mit auffallend guter Haltung auf die neuen Bedingungen ein. Natürlich wurden Reisen, die nicht unbedingt notwendig waren, möglichst cingcschränkt — und es wäre tollkühn gewesen, die Ucberfälle einfach zu ignorieren. Aber was notwendig war, Wirde auch unter den neuen prekären Umständen erledigt, und zwar mit einer sicheren Ruhe, die es ablehnte, sich aus der Fassung bringen zu lassen, wo es nicht absolut nötig war. Diese Haltung der Fahrer und des Publikums wird vom ersten Moment deutlich, wo sich die erste Morgenkarawane der Autobusse von Tel-Awiw noch Jerusalem zusammenfindet. Die Passagiere sind pünktlich zur Stelle. Wir sind drei der üblichen Autobusse, die die Haupt- Straße von Tel-Awiw verlassen und sich der Chaussee zuwenden. Eine Militäreskorte in einem offenen Auto schließt sich an und außerhalb der Stadt eine Reihe von Lastautos, die Waren transportieren, und auch einige Kleinwagen. Sobald das Weichbild der Stadt überschrit-