Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1936)
- Date
- 1936-06-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52. 30. VI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Wie gestalte feil den Schabbai? Für Schabbat, 4. Juli Wochenabschnitt: ״Balak" (IV. B. M., Kap. 22,2-25,9) I. Man lese zunächst den Wochenabschnitt von Bileam, der auszog, um zu fluchen, und doch segnen mußte, und arbeite das Charakteristische der Segnungen herahs. Fluch und Segen sind abhängig von gewissen objektiven Voraussetzungen, Als Bileam, der Israel nur vom Hörensagen kannte, das jüdische Volk in seiner Eigenart vor sich sieht (Kap. 23,9), erlebt er es, daß Fluch und Segen von Israel abhängig sind und immer nur als Antwort auf seine Lebensführung eintreten oder atisbldben. Eine aufschlußreiche Interpretation der gesamten Erzählung und insbesondere eine Deutung des Phänomens i’er sprechenden Eselin aus dem Text heraus findet sich in dem hier schon wiederholt angezeigten Buch: ״Die Schrift und ihre Verdeutschung“ von Buber und Rosenzweig.!Wan ziehe auch die Midraschsammlung ״Salkut Schimoni“ heran, die fast zu jedem Satz unseres Wochenabschnittes eine große Zahl interessanter Bemerkungen bringt. Zum Vorlesen verwende inan aus Edmond Fleg ״Moses“ den Schluß des Kapitels ״Die Söhne der Wüste“. II. Gerade im Anschluß an das Kapitel von Bileam wirkt der Rückfall des jüdischen Volkes in den Götzendienst, von dem der Wochenabschnitt (Kap. 25) erzählt, um so krasser. Man nehme Stellung zu der Tat des Pinchas, wobei man die ersten Verse des nächsten Wochenabschnittes mitberücksichtigt. III Da am 7. Juli ״Scbiwa Assar b’Tamus“ ist. unterhalten wir uns über die ״drei Wochen“. Neben der hier schon angezeigten Literatur ziehen wir das Buch von Moritz Zobel ״Das Jahr des Juden“ heran (S. 32 und 195). Weiter¬ Kundgebung des Keren Hajessod Aschaffenburg Donnerstag, 2. Juli,20.30 Uhr,in der Synagoge Rabbiner Dr. Jakob Horovitz, Frankfurt a.M., Mitglied des Council der •Jewish Agency for Paleatlne Dr. Hans Pomeranz, Frankfurt a- M. Palästina — Augenblick and Zukunft Prüfung und Bewährung Israelitische Gemeinde Aschaffenburg Kundgebung des Keren Hajessod «'Kl־*־ GOTHA Mittwoch, 1. Juli, 20.30 Uhr, in der Synagoge Landgerichtadirektor a.D. Martin Alterthum, Leipzig Das Vermächtnis Nahum Sokolows Rechtsanwalt Alfred Moser, Frankfurt a. M. Die Ereignisse in Palästina — Unsere jüdische Antwort Israelitische K u 11 u s g e m e i n d e Zionistlache Ortsgruppe Lewinek hatte viel zu tun. Seit einem Jahr war er abgebaut, eine neue Stellung hatte er nicht bekommen, aber es gab eine Menge zu tun. Er stand in Verhandlungen mit einem Anvvaltsbüro in lirüssel, mit einer Sodafabrik in Kapstadt und mit Ecuador — doch darüber durfte er noch nicht sprechen. Hornstein taute plötzlich auf. Man müßte eine Autoexpeditiou durch Mexiko arrangieren. Einen Wagen könnte er leicht beschaffen, die Frauen blieben hier — der Plan, eben entstanden, erschloß von Minute zu Minute größere Perspektiven. Sicherlich gelange es ihnen, Siedlungsland zu entdecken, es war klar, sie mußten hin, um Siedlungaland zu finden. ״Mensch, Hornstein, was dazu gehört: Bohrungen und Expertisen und Konzessionen der Regierung und Geld, Geld, Geld.. Hornstein sah Kai erstaunt an. ״Was? Ja. Natürlich. Es braucht aber gar nicht Mexiko zu sein...“ Er war auf einmal wieder verschlossen und zerstreut. Es gab keine Wirklichkeit mehr. Es gab nur noch Tröstet und Vertrostur, Leute, die einem still auf die Schulter klopften und taten, als hätten sie Großes vor, der eine erwartete seine Berufung zum Leibarzt des Sultan, der andere hatte eine Stellung in der Mandschurei so gut wie in der Tasche. Kinder leben so, wenn sie die Ferien vor sich haben. Aber auch alte Völker werden manchmal infantil. Ein paar Leute lachten über einen Witz des Ansagers. Dann sang ein Herr mit einer Gitarre Tangos ,und ein Zauberkünstler machte aus grünen Tüchern rote Mützen. Kai entsann sich, dies alles oder ähnliches vor Jahren in Göttingcn gesehen zu haben, wo er ein Semester studierte. Gespenstischer Anblick. Wie damals saßen die Männer, behäbjg eine Zigarre im Mund, die Uhrketle über der Weste, die Frauen, einen verhärmten und resignierten Zug um den Mund, und die Töchter mit suchenden Augen, ein zartes Rot aut den Lippen ... Hornstein stand auf, um schon zum zweiten Male zu telephonieren. Er schien auch diesmal keinen Anschluß bekommen zu haben und brummte Unverständliches vor sich hin. Lewinek blickte aut das Publikum und der Anblick schien ihm recht zu geben. ״Was willst du eigentlich von diesem Kabarett? Zugegeben, die Chansons sind nicht aktuell, die Witze sind ein bißchen fauler und die Gedicht« hat man schon mal ähnlich wo gehört — aber muß man daraus hin verweisen wir auf des Schockenbüchtein ״Midraschim des Trostes und des Zuspruchs“. Als Haftarah jvird Micha, Kap. 5,6—6,8, gelesen, wegen des Hinweises in 6,5. L E, Micha aus Moreschet Die Haftarah Micha 5, 6—6, 8 ist ein Anlaß, uns über die Persönlichkeit dieses hervorragenden Mannes zu unterhalten. Micha aus Moreschet bei Gat im Süden Palästinas ist ein jüngerer Zeitgenosse Jesajas, vielleicht, wie manche meinen, dessen Jünger, der kurz vor 722 v. Chr. auf den Plan tritt. Es war die Zeit der großen Eroberungsfeldzü^e der Assyrer, die auch das Nordreich in größte Bedrängnis gebracht haben. Die Luft lag voller Spannung und der politische Horizont verdunkelte sich zusehends. Der Großkönig Assyriens, Salmanassar, war gegen Sarnarien, die Hauptstadt des’ israelitischen Reiches, im Anmarsche und eroberte und unterwarf sich das übrige Land. Erst dein Nachfolger Salmanassars, Sargon, gelingt die Eroberung Samariens; damit ist das vorhergeseheiie Ende des Nordreiches eingetroffen. Die Sfadt wird zerstört, ein großer Teil des Volkes, besonders die Beamten und Besitzenden, das Heer lind die Priesterschaft, werden in die entferntesten Gegenden des Assyrerreiches, nach Mesopotamien und Medien deportiert, und an ihrer Stelle werden fremde Kolonisten in das Land verpflanzt. Micha aus Moreschet sieht zu Beginn seiner Tätigkeit den bevorstehenden Fall Samariens und hat bereits die Gewißheit, daß auch Juda und mit ihm Jerusalem we^en seiner Sünden nicht verschont werden kann, und daß seine Strafe einst nicht ausbleiben wird. Er sieht (Micha 3, 12), daß einst ״um euretw illen Zion als Feld gepflügt werden und Jerusalem ein Steinhaufen werden wird und der Berg des Tempels zur waldigen Höhe“. — Und kaum ein Jahrhundert später beruft sich auf diese prophetische Aussage Jeremia in Kap. 26, 18. Wie Arnos ist auch Micha ein Landbewohner, ein echter Mann des Volkes, Sein schlichtes Wesen und sein lebendiges Rechtsgefühl bäumen sich in ihm gegen die verübten Greuel, gegen die Bedrückung der Armen und gegen den Rechtsbruch auf. Sittliche Empörung übermannt ihn, wenn er sich'über das dem Volke zugefügte Unrecht klar wird. Auch er sieht die Verderbnis und den Niedergang in der übersättigten und verfeincrteil Stadtkultur, namentlich in ihren Repräsentanten, den Priestern und hohen Herren, die sich in Seibstsicherhcit wiegen und die wahre Not des Volkes, sein Elend und seinen Untergang nicht sehen und nicht wahr haben wollen. Und seine Strafreden, die er sowohl gegen Sainarien wie gegen Jeru- Salem richtet, sind voll erschütternder Wirklichkeit und Lebendigkeit, es sind Worte der bitteren Anklage und der Mahnung. Den Gipfel prophetischer Ethik bilden wohl die Worte Michas im Kap. 6, besonders in den Versen 6—8. Hier rechtet Gott mit seinem Volke über die Wohltaten und ünadenerweisuiigen, die er ihm bezeugt hat. Nicht hat Gott Gefallen, meint der Prophet, an Brandopfern, an einjährigen Kälbern, an unzähligen Bächen Oels, sondern: ״Es ist dir gesagt worden, o Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: Nichts als Recht üben, Güte lieben und demütig wandeln mit deinem Gott!“ Schöner und tiefer konnte die prophetische Forderung als hier bei Micha nicht ausgesprochen werden. Die eingangs geschilderte geschichtüche Situation mit dem Ausblick auf das Schicksal des Nordreiches soll gesondert besprochen werden. Für weitere Besprechungen: Buber, Die Stunde und die Erkenntnis. Schocken-Verlag. J• M. Zeitschrift ״Palästina“ (Herausgeber Adolf Böhm, Wien), in der Juni-Nummer der Zeitschrift gibt Dr. Alfred Marc u s, Haifa, eine ausführliche Analyse der ״P a 1 ä s t i n e n ־ sischen I n d u s t r i e ק o I i t i k“ und beleuchtet alle zukünftigen Möglichkeiten einer solchen. Dr. L. P e r i t z vertritt in seinem Aufsatz ״Zum Aerzteproblem in Palästina“ durchgreifende Reformpläne für diesen Stand. Dr.-Ing. H. J acobowitz gibt in ״Bauu. Wohnungs• Wirtschaft in Palästina 1935 36׳“ eine gedrängte Uebersichf über ihre Entwicklung und Bedingungen. Dr.-Ing. W. L e s s e r schreibt einen instruktiven Artikel über ״D i c Bewertung des Grundbesitzes in P a 1 ä s t i n a". In der Rundschau folgt eine sachliche Darstellung der gegenwärtigen politischen Lage, der sich wie allmonatlieh das Wirtschaftsbarometer und Palästina- Gründungen von Dr. J. Adler «!(schließen. Dr. A. T. berichtet über die jüngste Entwicklung der Arbeiterbewegung. Reichhaltige Nachrichten und Daten, sowie zahlreiche Besprechungen schließen das Heft. Ein hebräisches Lehrbuch ה1רדי וחיים Eine methodische Einführung in das Hebräische von M. Abraham (Berlin) und J. B. Levy (Frankfurt a.M.), unter Mitarbeit von Dr. H. B o r 0 d i a n s k i (Berlin). Erster Teil (vollständige Neubearbeitung von שערי צדק) Verlag M. Lehrberger & Co., Frankfurt a. M. Unter diesem Titel legen die beiden bekannten Lehrer ein schmales, äußerlich anspruchsloses _ Bändchen vor, das dem hebräischen Unterricht im 3. Schuljahr dienen soll. Für das 1. und 2. Schuljahr werden sprachliche Vorübungen — vorwiegend auditiv betrieben — und der Gebrauch einer Fibel, welcher wird nicht gesagt, empfohlen. Weitere zwei Teile für das 4., 5. und 6. Schuljahr sollen später folgen. Abraham und Levy gehen davon aus, ,,daß die hebräische Sprache nunmehr, im Hinblick auf Erez Israel und die Zeitumstände, eine doppelte Aufgabe und Bedeutung hat: eine religiöse und eine praktische“. Sie wollen in ihrem Unterrichtswerk versuchen, die Schüler zu befähigen, ״das Hebräische im Bereich des Religiösen, insbesondere des Kultus, zu erfassen, wie auch als Sprache des modernen Schrifttums, sowie de1׳ Alltags und des Umgangs zu verstehen und zu gebrauchen ־. Ist ihnen diese Aufgabe, die sie sicli stellen, soweit es sieh bereits nach dem Erscheinen des 1. Teils beurteilen läßt, geglückt? Es ist gewiß ein schwieriges Unterfangen, ein Lehrbuch zu schaffen, das die religiöse Seite nicht vernachlässigt und dabei doch dem gesprochenen Hebräisch des Alltags gibt, was ihm gehört, und cs ist sicher ein Unterschied, ob ich dem Lernenden nur die Kenntnis der Bibel, der Gebete, des mittelalterlichen Hebräisch vermitteln will, um ihn .sprachlich zu schulen und ihn in die Entwicklung und Geschichte der Sprache und Literatur dn/uführen, oder ob Ich ihn, wie die Verfasser es beabsichtigen und es ihrer weltanschaulichen Grundhaltung entspricht, gleichzeitig damit in den Bereich des Religiösen einzuführen versuche. Die Verfasser haben einige Gebete, Brachoth, religiöse Lieder und die Geschichte von Jusefs Traum in ihr Lehrbiichleiii aufgeiioninien, um damit aisu ״das Hebräische im Bereich des Religiösen“ zu erfassen. Diese Texte stehen zum größeren Teil beziehungslos zu den vorhergehenden Geschiehten und Gesprächen, üb die Erzählung von dein kleinen Dan, dessen Frühstücksbrot auf dem Weg zur Schule von einem Hund aufgefressen wird, bewußt ein Uebergang zur ברכת־ המזון darstellen soll, ist nicht klar, wäre aber zumindesten geschmacklos. Mai! mag allerdings aut dem Standpunkt stehen, daß es dem methodisch geschulten Lehrer überlassen sein soll, liier Uebergänge zu vermitteln. Auch kann es die Absicht der Verfasser gewesen sein, nur Texte zu geben, auf denen dann später vom Lehrer selbst aufgebaut werden soll. Geglückt scheint mir der Abschnitt über die Chanukkahlichter zu sein, der in anschaulicher und leicht faßlicher Weise darstellt, wieviel Lichter man an den einzelnen Abenden entzündet und dabei gleichzeitig dem Kinde die Ordnungszahlen gibt. Aehnlich bei dem Lied aus der ״מי י1דעז* :הגדה Zu empfehlen bliebe bei einer Neuauflage, dem Büchlein noch einen leichten Abschnitt aus dem Chumasch beizufügen. Nun aber zur anderen Seite: Zur Frage des Hebräisch des Alltags und Umgangs. Hier kann gesagt werden, daß den Verfassern im hohen Maße ihre Aufgabe gelungen ist, eine methodische Einführung zu geben. Die Gespräche und Erzählungen, fast ausnahmslos einfachen Vorgängen aus der Schule und dem täglichen Leben des Kindes entnommen, sind geschickt aufgebaut und wirkungsvoll ״dramatisiert“. Selbst die alltäglichsten Dinge sind von einer inneren Spannung getragen, die den Schüler nach dem Weiter fragen lassen. Hier zeigt sich die langjährige Erfahrung der beiden Lehrer. Die jedem Stück folgenden Fragen zwingen den Schüler zum Sprechen und veranlassen auch den ungeübteren Lehrer zum Fragen. . Das Hebräisch ist gepflegt und an klassischen Vorbildern sichtlich geschult. Die Mitarbeit B o r o d i a n s k i s hat sich hier anscheinend besonders gut ausgewirkt. Einige kleine Fehler werden sicii bei einem Neudruck leicht ausmerzen lassen. Es heißt z. B. nicht צו־כי־אכל sondern צרכי״אכל und nicht ר1צה אני sondern ריצה אני (da weiblich), beides auf Seite 25 unten. Auch dürfte sich עתה (nun, jetzt) wegen der dem Kinde naheliegenden Verwechslung mit אתה (du) nicht empfehlen. Ludwig Kuttner leich eine Weltanschauung machen? Schon, der Sohn wird ein Akademiker, er tritt ins Geschäft des Vaters ein. Man geht nicht in die Oper, man geht in den Kulturbund. Schön. Na und, ist das alles so schlimm?“ Lewinek hatte einer! spitzen Ton angenommen, er wußte nicht warum, er fühlte sich gekränkt. Hornstein sagte immer wieder ״Mir ist ja so mies“, aber niemand achtete auf ihn. Er trank schon das vierte Glas Wermut. ״Großartig“, persiflierte Kai, ״das Leben ist so viel einfaeher und problemloser geworden für den Juden in Deutschland. Je kleiner der geistige Raum, in dem er sich bewegen kann, desto geringer die Ansprüche, die an ihn gestellt werden. Bravo, einfach großartig. Früher mußte man lernen, streben, der Erste sein — der Vater war Kaufmann, der Sohn Sanitätsrat und der Enkel Professor an der Universität. ,Was, Ihr Sohn ist praktischer Arzt geblieben? Gottja, er kam schon auf der Schule so schwer mit‘.“ ״Ach was“, sagte Lewinek, ״man. war gern Kaufmann, aus vollem Herzen Kaufmann.“ ״Natürlich, aus vollem Herzen sogar, aber man genierte sich. Kauflcutc waren sie alle, sie und ihre Großväter. -Aber man genierte sich, nichts ,Besseres' zu sein. Siehst du, und das ist eben heute so wundervoll einfach geworden. Alle Gescheiterten, Beschränkten, Glücklosen, durch die Examina Gefallenen stehen gleichwertig neben den Aufstrebenden, Aufbegehrenden, Genialischen und sagen: Ich hätte schon gekönnt — aber läßt man mich denn? Genormtes Schicksal, enorm(cs Können, genormte Möglichkeiten — nämlich gar eine. Niemals kam ,höhere Gewalt1 sichtbarer dem Unbegabten zu Hilfe.“ Jetzt erst merkten sie, daß das Kabarett längst zu Ende war. Hornstein stierte auf sein leeres Glas. Lewinek gab plötzlich vor, unten verabredet zu sein, und verabschiedete sich eiligst. Blau, grün, rot flammten die Neonreklamen um die Gedächtniskirche. Rotierendes Lichtorharussell. Kai kannte die Schriften nicht. ״Komisch“, sagte er, ״ich kann mich noch der Wut erinnern, als am Kurfürst endamm die Bäume 0bgehauen wurden. Eröffnet« man ein elegantes Geschäft, dann war ich stolz, daß Berlin wieder schöner wurde. Jedes Cafö, das entstand, jeder Dahnhofsbau, jeder neue Häuserblock ging einen persönlich an. Man fühlte sieh sozusagen verantwortlich, ob hier etwas Schönes oder Häßliches geschah. Man fühlte, daß man dazugehörte. Und dieses Dazugehörigkeitsgefühl, das, glaube ich, ist Heimat.“ Hornstein ging apathisch nebenher, es war nicht klar, ob er zuhörte und was er überhaupt trieb. Kai redete weiter: ״Nun wird gebaut, und Namen verändern sich, und Firmen werden ausgewechselt, du suchst irgend w as und merkst, es ist gar nicht mehr da, Unbekanntes entsteht י und cs geht einen alles nichts mehr an. Man muß Zusehen, wie diese Namen, Straßen, Wolken, Bahnhöfe, Lichtreklamen — wie diese Stadt einem aus den Händen fällt wie ein fremdes Tuch,“ ״Quatsch“, sagte Hornstein, er hatte also doch zugehört, ״ich stand einmal auf einem Bahnhof und wußte, Mensch, diese Stadt siehst du niemals wieder, in dieser Stadt gab es eine Frau, weißt du, der Fluß, in dem wir Sonntags schwammen, und der Park, wo wir manchmal saßen, und die .Straßen voll Erinnerungen, das merkst du erst, wenn der Zugführer ,Einsteigen' ruft und du begreifst, hier ist ein Stück Land zu einem Stück - Leben geworden. So was ist Heimat.“ Er'sprach im Zusammenhang und ohne zu stocken, er schien nicht mehr betrunken. Auf einmal hörte Kai ein Schluchzen, er sah Hornstein an — dem liefen in dicken Klecksen Tränen die Backen entlang, er gab sich nicht die geringste Mühe, sie abzuwischen, der große, kräftige Mann weinte laut und hemmungslos vor sich hin. Kai war erschrocken. Wenn er nur nicht so schluchzte, ein erwachsener Mann, nachts, an der Gedächtniskirche. Oder war es nur der Alkohol, der ihm die Tränen ab* rang, Weltschmerz nach Wermut? Ein Mädchen rief, ob Mutter die Hausschlüssel versteckt hätte. Er nahm Hornstein brüsk unter den Arm und zerrte ihn in eine Neben- Straße. Er war auch bald wieder still, sie gingen ineinander* gehakt weiter, niemand sagte ein Wort. Aus einer Kneip« drang Bierdunst und Musik, steil zu beiden Seiten ragten die Häuserfronten auf, steil und hoch, sie konnten die Dächer nicht sehen, sie konnten die Sterne nicht erkennen, die ihnen zu Häupten standen, die Straßen waren tiefe Gräben, die Häuser Mauern, der Himmel hing schwarz darüber wie die Decke eines Tunnels, sie gingen in einem Schacht. Diese Stadt hatte keinen Himmel, diese Stadt hatte sic begraben, die Straßen schlossen sich über ihnen, Berlin war ihnen fremd geworden, fremd und unbekannt. Ein Koloß, der ihnen den Atem nahm, der auf ihnen lag wie ein furchtbarer Traum. Lützowstraße, Magdeburger Platz, immer weiter, immer weiter. Die Stadt, voll blutender Erinnerungen, erdrück e sie. Man sollte den Versuch einer räumlichen Befreiung wagen. (Fortsetzung folgt)