Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1936)
- Date
- 1936-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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:2 119Ä Nr• 12 / Jahrgang 41 JÜDISCHE Preis 25 Rpf. RUNDSCHAU Ü<31rlftl«ita11f ,V#rl*g a. AnKsigeoverwalhiiigt BtrUhWU, M«tA4ftk«str.l0 Fernrufr Samm•! Nummer J1 (Bismarck) 9031• — Bezugspreis einsrihiie&tich Bestellgeld }« Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, hei Abholung: RM 1,88 biw. RM 539. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für das übrig« Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Ditmiag and Freitag. BERLIN י׳ תמוז תרצ״ו DIENSTAG, 30. JUNI 1936 Gültig t Amelgeaprclillste Nr. 5. Die 12 gespaltene mm - Zelle 20 Rpf., für Familien . Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Annahmescliluß für di« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mitt woch 13 Uhr. (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt tOr das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Das Urteil in Radom Erst Ruhe, dann Verhandlungen Von den Juden der ganzen Welt wird jede einzelne Phase des Kampfes, der sich in Palästina abspielt, mit größter Anteilnahme und innerer Erregung miterlebt. Im dritten Monat der Unruhen wird allmählich der ganze Umfang dessen, worum es geht, den Beteiligten und der weiteren Oeffentlichkeit klar. Die Beurteilung der Vorgänge in Palästina war naturgemäß in den turbulenten Tagen um den 19. April herum keine einheitliche, und man kann ohne weiteres verstehen, daß jeder Einzelne seine Meinung oder Auffassung mit größter Leidenschaft verfocht. Manche glaubten, daß es sich nur um einen lokalen Ausbruch handelt, der zwar tief bedauerlich ist, aber das wirkliche Leben im Lande nicht weiter berührt; andere meinten, daß in der ohnedies bis zum Aeußersten gespannten politischen Atmosphäre des Landes, zu deren Entlastung nichts getan wurde, ein kleiner Funke einen großen Brand entfesseln könne; und schließlich waren sich viele bewußt, daß die Juden es sind, die das größte Interesse an Aufrcchtcrhaltung der Ruhe und ungestörter Aufbauarbeit haben, und daher um dieses Zieles willen auch gewisse Opfer bringen müßten, insbesondere das Opfer einer oft menschlich schweren Selbstbeherrschung. In aufgeregten Zeiten nimmt jeder Einzelne weit mehr als sonst an öffentlichen Angelegenheiten inneren Anteil, wünscht seine Meinung zur Geltung zu bringen und ist verstimmt, wenn eine abweichende Beurteilung laut wird. Es ist aber notwendig, daß wir uns klar machen, daß wir alle in gleicher Weise um das Schicksal des Jüdischen Nationalheims bangen und daß bei allen Meinungsverschiedenheiten in bezug auf die Zusammenhänge und in bezug auf richtige oder unrichtige Politik von dem gleichen Streben und der gleichen Hoffnung erfüllt sind: über alle Hindernisse hinweg wieder zu einer großen, fruchtbaren und friedliehen Aufbauarbeit zu gelangen. War man sich zu Beginn über Art und Umfang des Geschehens im unklaren, so besteht heute fraglos bei allen Teilen das Gefühl, in einem entscheidenden Augenblick zu stehen. Der Kampf der Araber ist darum so entschlossen und verzweifelt, weil sie sich sagen, daß im Falle ihrer Niederlage auf lange Zeit keine ähnlich günstige Chance kommen dürfte. Und der auf 400 000 Köpfe angewachsene jüdische Jischuw weiß gleichfalls, daß es jetzt den unerschütterlichen Lebenswillen des jüdischen Volkes und sein unbedingtes Festhalten an Palästina zu erweisen gilt. Ja, manche glauben, daß die Weltlage heute eine positive und extensive Ausdeutung der Balfour-Deklaration begünstigt und daß jetzt die jüdische Position durch vervielfachte jüdische Anstrengungen und durch aktive Mitarbeit der Mandatarmacht so gefestigt und ausgebaut werden muß, daß sie praktisch unangreifbar wird. Die Engländer haben für ihre Politik die Formel geprägt: erst Ende des Aufstands, dann Vcr- Handlungen. Die Entsendung einer Königlichen Kommission, deren Ankündigung weder von den Juden noch von den Arabern begrüßt wurde, wird für den Zeitpunkt der arabischen Kapitulation in Aussicht gestellt. An dieser Formel wird festgehalten, und daher hat auch die arabische Delegation, die sich jetzt in London befindet und deren Mitglieder in verschiedenen Klubs und Versammlungen in London Vorträge halten, einen Mißerfolg erlitten. Das Verhalten der Araber bringt ihnen, wie die ״Times“ vom letzten Freitag betont, keine Sympathien in England, und daß ausgerechnet der Sprecher der britischen Kommunistischen Partei im Unterhaus für die arabische Sache eintritt, vermindert diese Sympathien noch mehr. Auf der anderen Seite erklären die Araber, sie könnten den Streik nur abbrcchcn, wenn sie eine politische Konzession erlangen; andern falls würde der Kampf weitergehen. Tatsächlich geht der Kampf weiter, und die Berichte der letzten Tage beweisen, daß die Engländer jetzt mit großer Schärfe vorgehen. Die Ansicht, daß der entscheidende Fehler der Palästina-Regierung am 19. und 20. April begangen wurde, da damals nicht mit entsprechender Schnelligkeit und Schärfe den beginnenden Ruhestörungen entgegengetreten wurde, dürfte richtig sein. Aber man muß bedenken, daß auch die Engländer damals ebenso wie die meisten Juden ebenso übrigens wie auch sehr viele Araber und wahrscheinlich sogar manche arabische politische Führer — sich über den Umfang und die Tiefe der Bewegung täuschten. Niemand hätte ein Andauern des Generalstreiks über zehn Wochen für möglich gehalten. Immer wieder taucht die Frage auf, woher die Araber Geld, — ein solcher Streik muß große Summen Hohe Zuchthausstrafen für Juden Radom, 26. Juni. (JTA.) ln dem Prozeß wegen des Pogroms in Przytyk!st am 26. Juni das Urteil verkündet worden. Der jüdische Hauptangeklagte Schalem Jechiel L e s k o wurde zu 8 Jahren Zuchthaus, Elieser K e rschenzweig zu 6 Jahren, Jizchak Friedman zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Von den übrigen jüdischen Angeklagten wurden zwei zu 10 Monaten, zwei zu 8 Monaten und vier zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt; die drei übrigen wurden freigesprochen. Von den nichtjüdischen Angeklagten wurden drei mit einem Jahr, einer mit 10 Monaten, sechs mit 8 Monaten und fünfzehn mit einem halben Jahr Gefängn i s bestraft; achtzehn nichtjüdische Angeklagte wurden frei gesprochen. Der Mord an dem jüdischen Ehepaar Minkowski bleibt ungesühnt. Die Begründung des Urteils geht davon aus, daß die Ereignisse in Przytyk durch die von Lesko abgegebenen Schüsse provoziert worden seien. Im übrigen sei die Aufeinanderfolge der Vorfälle durch das Beweisverfahren nicht klargesteilt worden. Die Verteidiger der jüdischen Angeklagten haben Berufung für ihre Klienten angemeldet. Der Eindruck des Urteils Von unserem Korrespondenten s. Warschau, 26. Juni Der Urteilsspruch in Radom, der soeben bekannt wird, hat auf die jüdische Bevölkerung einen niederschmetternden Eindruck gemacht und wirkt wie ein zweiter Pogrom. Erklärung Ormsby Im englischen Unterhaus fragte Abg. G a 11 a c h e r (Kommunist), ob dem Kolonienminister die Art der zionistischen Propaganda unter den Juden Englands bekannt sei, die auf Errichtung eines unabhängigen Judenstaates abzielt. Minister Ormsby- Gore antwortete, die Propaganda der Zionistischen und der Neuen Zionistischen Organisation, die wohl voneinander zu unterscheiden seien, sei ihm bekannt. Die von dem Abg. Gallacher gegebene Interpretation dieser Propaganda könne er nicht akzeptieren. Vielleicht sollte er, der Minister, klar machen, daß die Regierung Seiner Majestät nicht beabsichtige, irgendeine Aktion zu unternehmen oder zu unterstützen, die mit den Bestimmungen des Mandats und ihrer fortdauernden Verantwortung für den Schutz der Rechte aller Einwohner Paiästinas ohne Unterschied der Rasse und Religion unvereinbar wäre. Abg. Gallacher: Stellt das Mandat nicht fest, daß kosten — Waffen und Munition nehmen, und wie es möglich ist, daß die englische Verwaltung mit ihrem ausgebauten Erkundungsdienst die Quellen dieser Lieferungen nicht entdecken und nicht verstopfen kann. Solche Gedanken erwecken naturgemäß Zweifel und Mißtrauen, und es liegen hier in der Tat manche Rätsel vor. Aber im ganzen läßt sich die Haltung der Regierung wohl dadurch erklären, daß sie im Anfang glaubte, bei nicht allzu großer Strenge ein Einlenken der Araber erreichen zu können, später aber sich zu dem dann notwendig gewordenen Kampfe nicht stark genug fühlte. Erst mußten militärische Verstärkungen herangezogen werden, und heute tobt in manchen Teilen Palästinas — vorzugsweise in den rein arabischen Gebieten — ein Kleinkrieg zwischen arabischen Freischärlern und eng- Iischem Militär, bei dem es auf beiden Seiten dauernd Verluste gibt, natürlich weit mehr auf arabischer Seite. Wie hartnäckig solche Kämpfe sein können und welchen militärischen Aufwand sie erfordern, dafür gibt cs in der Geschichte der letzten 15 Jahre Beispiele genug, z. B. in Marokko oder im Dschebl Drüz. Palästina war bisher von solchen ernsteren Aufständen verschont geblieben, jetzt aber steht gerade Palästina im Vordergrund dieser arabischen Front. Der Ausgang des Kampfes kann nicht zweifelhaft sein, wenn eine europäische Macht ihre Machtmittel iu Anwendung bringt. Der Schaden und die Kosten dieser Kämpfe sind freilich beträchtlich, und da in Palästina — im Gegensatz etwa zu Marokko oder dem Drüz — der Sonderfall vorliegt, daß hier ein großes ־־־ Geringe Strafen für Exzedenten Die überaus strengen Kerkerstrafen für die Juden und die mil-den Strafen für die Pogroniteilnehnier und die Freisprecluing vieler von ihnen, u. a. der Mörder der Familie Minkowski, bedeutet, daß das Gericht sieh vollständig die These der nationaldemokratiselien Verteidiger zu eigen gemacht hat. Die F o I g e n des Urteils geben zu sc hweren Befiirelitungen Anlaß. Die Richter urteilten dem Appell des letzten Plädovers des antisemitischen Führers Stvpulkowski gemäß. Fr sagte 11. a. wörtlich: ״Wird euer Urteil nicht der Ausdruck des Volksgewissens sein, werdet ihr den richtigen Weg in der gegenwärtigen stürmischen Zeit verlieren. Habt keine Angst, t’in Urteil zu fällen, das das Volk nicht zum Frieden, sondern zum Kampf rufen soll.“ Man muß fürchten, das das Radomer Urteil vor! der Mehrheit der polnischen Volksmassen als Frmächtißuug /um weiteren unerbittlichen Kampf gegen die Juden aufgefaßt werden wird. Rechtsanwalt Stvpulkowski hatte recht, wenn er in der Einleitung zu seinem Plädoyer erklärte: ,.Dieser Prozeß ist von historischer Bedeutung für die Juden, Nicht um das Blut der ermordeten Minkowskis handelt es sieh, sondern um das P r o b I e m der; ii d i s c h e n I. x i s t e u z.“ Die polnische Judcnheit empfindet das Urteil des Radomer Gerichts als zutiefst ungerecht. Ein tiefer Nehmerz, ergreift die gesamte polnische Judcnheit. Man sah auf den Straßen Juden, die beim Lesen der Urteils weinten . , . Vielleicht wird das Appellationsgericht den Juden Gerechtigkeit zubilligen (siehe auch den Bericht auf S. 3). * Das Radomer Kreisgoriclit hat den Sohn des während des Pogroms von Przytyk erschossenen Bauern Wieszriiak, Jan Wieszniak, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er noch vor dem Pogrom den Juden Baumöl überfiel und schwer verletzte. Gores 1m Unterhaus das Territorium den Arabern gehört, daß letzten Endes eine gesetzgebende Versammlung geschaffen werden wird und daß innerhalb dieser die Juden den Anspruch auf Vertretung haben werden? Minister Ormsby- Gore: Nein. Das Mandat stellt dies bestimmt nicht fest. Seine Majestät bat das Mandat für Palästina angenommen und es gibt dort keine Erklärung, daß das Land den Arabern oder den Juden gehört; cs ist jetzt ein englisches Mandatsgebiet. Abg. Gallacher: Ist das Mandat nicht eine Instruktion an einen bestimmten Staat, fiir ein bestimmtes Volk inner halb eines bestimmten Territoriums Sorge zu tragen? Der K o 1 o 11 i e n m i 11 i s t e r: \X eun der Abgeordnete das Mandat für Palästina, das sorgfältig aufgesetzt ist, lesen wird, so wird er selten, daß es uns die V erantwortung für die Regierung dieses Landes und für Gerechtigkeit gegenüber allen Teilen der Bevölkerung ohne Unterschied von Rasse oder Religion überträgt. kolonisatorisches Werk der Juden durchjgeführt wird, müssen wir auch für dieses Werk mit Rückschlägen rechnen. Es kommt darauf an, sich klarzumachen, daß auch dies nur eine Phase ist. Nur kindliche Beobachter konnten die Welle der Prosperität bis 1935 als unabänderlichen Zustand anseheti; ebenso aber ist auch jede Verschlechterung der Lage mir ein Stadium des wechselnden Prozesses. In solchen Momenten kommt es darauf an, die konzentrierte Anstrengung des jitdisehen Volkes einz.usctz.cn. Der Jischuw selbst tut Großes, schon allein durch die Selbstdisziplin, die cs unmöglich macht, die Unruhen als ״Zusammenstöße zweier miteinander raufender Eingeborenenvölker“ hinzustellen, wie dies manche Engländer wünschen würden. Der Jischuw allein wird aber auf die Dauer die Kraft nicht aufbriagen können, denn er kann nur stark bleiben, wenn das jüdische Volk hinter ihm steht. In jedem Kampfe gibt es günstige und ungünstige Augenblicke, entscheidend ist das Schlußresultat. Und die Form des jüdischen Kampfes ist heute mehr denn je die materielle und geistige Festigung der jüdischen P o s i - t i 0 n im Lande. Aus den Erklärungen der englischen Regierung und aus der englischen Presse geht hervor, daß England entschlossen ist, nicht nachzugeben. Nicht um der Juden willen, sondern aus dem Gefühl heraus, daß eine so empfindliche neue Einbuße an Prestige für Englands Stellung als Kolonialmacht untragbar wäre. Trotzdem dürfen wir uns nicht darüber täuschen, daß in Das Palästina-Mandat