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Jüdische Rundschau · 1936-06-26 · Heft 51 (26.6.1936) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 51 (26.6.1936)
Date
1936-06-26
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Berlin, den 26. VI. 1936 Beilage der ״Jüdischen Rundschau" 4. Jahrgang / Nr. 11 TT$־ ׳ף־־ןר ־v ¥—« JU Jossele, der Schustersohn und Miku, der Rabe an sollte wohl meinen, daß der Knabe Jossele gar nicht zu beneiden sei, da sein Vater nur ein armer Flickschuster ist. Aber das stimmt vielleicht nicht ganz. Gewiß, sein Anzug sieht etwas hergenommen und von den vielen Flecken sogar recht bunt aus, aber das ärgert unseren Jossele wenig. Es wird auch seine Richtigkeit damit haben, daß er sich nicht immer satt essen kann, da der Vater, Schlojme ״der Schiker", das Geld, das er verdient, manchmal vertrinkt oder verspielt. Ferner muß auch zugegeben werden, daß sein Elternhaus weder eine Burg noch einen Palast darstellt, sich vielmehr in einem engen, dunklen und nicht sehr wohlriechenden Hof befindet und so niedrig ist, daß man sein mit alten, grauen Schindeln und verrosteten, braunen Blechplatten notdürftig zusammengeflicktes Dach mit den Händen berühren kann. Das ärgerte aber Jossele sehr wenig. Wenn es regnet und das Wasser von den Wänden und der Zimmerdecke rinnt, muß er doch nicht im Zimmer bleiben. Da geht er eben spazieren. Die Luft ist da um so reiner. Daß im Winter wenig geheizt wird und der Ofen raucht, ist vielleicht etwas weniger angenehm, aber Josseles Vater sagt, daß man doch nicht alles so haben könne, wie man sich's wünscht. Ein bißchen Kälte und ein wenig Rauch, das kann nicht schaden. Ein anderer Junge wurde sich vielleicht Unglücklieh gefühlt haben, wenn er wie Jossele hätte leben müssen. Aber Jossele ist eben Jossele. Seine nicht immer reinen Backen strotzen von Gesundheit, seine Augen blitzen vor Uebermut und Unternehmungslust, und immer hat er was vor. Jede Jahreszeit hat für ihn ihre Freuden und ihre besondere Art der Beschäftigung. Und da seine Eltern ihn nicht stören, so kann er sich ihnen widmen, so viel er will. Er hat weder genügend Brot noch passende Kleider und noch vieles andere nicht, aber er genießt die Freiheit, sich selbst alles das zu erobern, was er sich verschaffen kann. Der Fluß gehört ihm. Er ist der beste Schwimmer und kann den ganzen Tag hier bleiben; man wird ihn zu Hause dafür nicht schelten. Seine Eltern fürchten nicht, daß ihm da etwas zustößt. Sie haben andere Sorgen. So tummelt er sich stundenlang im Flusse herum, nimmt Sonnenbäder oder fährt gar Kahn, da er ein ausgezeichneter Ruderer ist und ihn des* wegen jeder gern mitnimmi Er weiß, wo man Haselnüsse, wo man Erd- und Himbeeren findet, wo man die besten Schwämme sammeln kann, und er ist der geschickteste Schmetterling- und Vogelfänger. Er hat einige Käfige selbst gebaut und darin verschiedene Singvögel hineingesteckt Er hat oft selbst nichts zum Beißen, aber seine Vögel werden immer mit allerlei Leckerbissen versorgt. Seine Sehnsucht ist schon längst, einen Papagei zu besitzen. Aber dazu gehört Geld, und־ das hatte er doch für dringendere Dinge nötig. Ein Papagei sollte es sein, so recht bunt, wie der, den er beim Bankdirektor besehen hat, wohin 8 k Jossele holte sich einen jungen Raben er einmal die geflickten Schuhe der dicken Köchin Brane getragen hatte. Da er sich keinen solchen Papagei verschaffen konnte, so beschloß er, sich einen selbst zu fabrizieren* Im Wäldchen neben der Stadt gab es unzählige Rabennester. Für Jossele war es nun eine Kleinigkeit, auf einen Baum, und mochte er noch so hoch sein, hinaufzuklettern und sich aus einem Nest einen jungen Raben zu holen. Das tat er auch. Er wollte ihn zuerst sprechen lehren, da Papageien auch sprechen. Das gelang Jossele aber nicht, obwohl er ihm oft mit vieler Geduld: ״Schalom Alejchem, Jossele!" vorsprach, der Rabe wollte zu seinem Kräh, Kräh nichts mehr hinzulernen. Er dachte wohl, was ein rechter Rabe ist, braucht nicht und soll nicht sprechen. Es genügt, wenn er krächzen kann, so wie es seine Väter und Urväter getan hatten. Das tat er auch ausgiebig. Das gefiel den Eitern des Jungen nicht, da ihnen die aufdringliche und eintönige Stimme des Vogels wie die Verkörperung ihres Elends klang. Aber Jossele verteidigte seinen Raben, den er Miku nannte. Niemand durfte den schwarzbefrackten -צ 7. Miku bekam einen grünen Fleck auf den Schopf Herrn Mikuvogel, den zukünftigen Papagei des allge« waltigen Herrn Jossele anrühren oder ihm gar Böses antun. Da konnte er den ganze!! Tag weinen, und das vertrugen seine Eltern nicht. Sie konnten ihm keine Freude verschaffen, so wollten sie ihm auch keine verderben. So wuchs Miku immer mehr heran und wurde im Zimmer recht zahm. Jossele dachte aber immer daran, wie er aus dem Raben einen Papagei machen könne. Mit dem Spreeben war es nichts. Diesen Gedanken hatte er aufgegeben« Aber er fand eine andere Ideef eine großartige, geniale Idee, wie man aus einem Raben einen Papagei machen kann. Er wollte ihn färben. Er sparte sich einiges Kleingeld zusammen, der Himmel weiß, unter welchen Bemühungen und Entbehrungen, und nach einiger Zeit konnte er in den Färbladen gehen. Er hatte geträumt, drei oder vier Farben kaufen zu können, aber er mußte sich mit Grün begnügen. Aber das war ein herrliches Grün, so wie er es liebte und er es an den Laubfröschen bewunderte. Hellgrünen Lack hatte er, nun wollte er den Vogel Miku am Fenster schien damit bestreichen. Miku sträubte sie nicht zu beachten sich. Aber lossele faßte ihn

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