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Jüdische Rundschau · 1936-06-23 · Heft 50 (23.6.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 50 (23.6.1936)
Date
1936-06-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kr. SO Jahrgang 41 I Preis 25 RpL RUNDSCHAU ScfcrlftUlting.VarUg a. Annlf varwaltsuigi Berlin W15, ■eteekeefe.M Femraf• Sanunal - Nummer J1 (BIsmerck) 9031. — Bexngspreis eiiudilieSlich BsstsllseM i« Monet RM 5,—, jo Vierteljolir RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 biw. RM 5,89. — Poetschedc ■ Konten der Vertrieb« - Abteilung: Berlin 71573 {für GroB - Berlin), Berlin 17392 (für da» übrige Reich). In Fellen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa ■chon gesahlter Bezugsgebähren. — Irscheint Jeden Dienstag and Freitag. BERLIN ג׳ תמוז חרצ״ו DIENSTAG, 23. JUNI 1936 GWHgi Anxelgenprelsllate Nr. S. Die 12 gespaltene mm ־ Zeile 20 RpfM fj* Familien. Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platten wird keine Gewahr geleistet. Gelegenheit»• anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 —18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag •Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Palästina-Debatte im Unterhaus Ormsby-Gores Rede: Mandat als Basis der Untersuchungskommission — Anerkennung für die Juden Kein Zuriickweichen vor der Gewalt — Behandlung auf lange Sicht — Eindrucksvolle Debatte: Oppositionsredner gegen arabische Forderungen — Palästina und das jüdische Wanderproblem ״Eine Verpflichtung der Ehre“ Die Palästina-Debatte im Unterhaus, die am vergangenen Freitag auf Wunsch der Opposition stattfand, ist in der Reihe der zahlreichen Debatten über dieses Thema, die im englischen Parlament im Laufe der Jahre stattgefunden haben, eine der bemerkenswertesten. Vor kaum drei Monaten, am 24. März, hatte sich das Unterhaus ebenfalls in einer großen Aussprache mit den Palästina-Problemen zu beschäftigen; damals ging es um das Projekt des Legislative Council, ln unserer Stellungnahme zu jener Unterhausdebatte hatten wir u. a. geschrieben: ״Die Situation in Palästina ist gespannt. In der pölitischen Sphäre hat das Projekt des Legislative Council neuen Zündstoff angehäuft. Zwischen den Massen der Völker selbst herrscht eine gereizte Fremdheit, und breite Schichten der arabischen Bevölkerung sind geneigt, den radikalen Drahtziehern Hilfe zu leisten, die das Land mit den Mitteln des Terrors in Unruhe halten. Wir glauben, daß die Dinge so nicht ungehindert weiterlaufen dürfen!“ Diese Worte wurden einige Woeben vor Ausbruch der Unruhen geschrieben; sie beleuchten aber auch die Situation, die seit Ausbruch der Unruhen besteht und zur erneuten Behandlung des Problems im Unterhaus geführt hat. Die jetzige Unterhausdebatte hat mit aller Deutlichkeit gezeigt, daß die Britische Regierung und sämtliche im Unterhaus vertretene Parteien fest entschlossen sind, den durch das Palästina-Mandat übernommenen Verpflichtungen in vollem Umfange nachzukommcn. Das Bekenntnis hierzu wurde nicht weniger deutlich vom Kolonienminister Ormsby-Gore selbst wie von den Rednern in der Debatte ausgesprochen, und kam auch in den Reden der Opposition klar zum Ausdruck. Darüber hinaus fand der Minister warme Worte für die Haltung der Juden in der Unruhezeit und ihre unerschütterliche Disziplin. Im Mittelpunkt der Rede des Ministers stand wiederum die Ankündigung der Entsendung einer Untersuchungskommission nach Palästina. Voraussetzung der Arbeit der Kommission soll aber — wie eindringlich gesagt wurde — die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung im Lande sein. Was die Aufgaben der Kommission betrifft, so soll diese die Rechts- und Verwaltungspraxis der Palästina-Regierung zu prüfen haben und sich in diesem Zusammenhänge auch solchen Fragen wie Bodentransaktionen und Einwanderungsbestimmungen zuwenden. Ormsby-Gore hob hervor, daß es notwendig sei, die ganze Frage auf lange Sicht zu behandeln, um Arabern und Juden klarzumachen, daß sie beide in Palästina eine gesicherte Zukunft haben. Von den Reden, die in der Debatte gehalten wurden, sind besonders die Ausführungen von Lloyd George hervorzuheben, der auf den Charakter der von England übernommenen Ehrenpflichten hinwies, denen es sich nicht entziehen könne. Lloyd George stellte das Palästina-Problem in den großen Zusammenhang der j ü - dischen Wanderungsfrage hinein und hob seine Bedeutung für die Einwanderung der Juden aus Deutschland hervor. Auch der frühere Kolonialminister Amery betonte diesen Gesichtspunkt. ln der Aussprache war es in der Hauptsache der kommunistische Vertreter Gal lach er, der sich gegen die Haltung der Regierung wandte und sich für die ara- Bischen Forderungen einsetzte. Ihm entgegnete Ormsby- Qore in seinem Schlußwort in wirkungsvoller Weise, indem er darauf hinwies, daß die Dritte Internationale sich stets der zionistischen Bewegung entgegengestellthabe. Der Verlauf der Debatte hat gezeigt, daß im englischen Parlament das Verständnis für die Notwendigkeit der jüdischen Arbeit in Palästina unerschüttert ist Man empfindet dort das zwingende Erfordernis, Palästinas Tore dem jüdischen Volke offen zu halten, da seine Existenz in weiten Teilen der Welt ausweglos erscheint. Auf der anderen Seite sieht man ein, welch großen Nutzen die jüdische Arbeit in Palästina dein Lande als Ganzem und auch der arabischen Bevölkerung gebracht hat. Allerdings ist man zugleich entschlossen, das Land zu pazifizieren, um es nicht zu einem ständigen Unruheherd im Britischen Empire werden zu lassen. So erklärt sich die Bereitschaft, unter Festhalten an den Grundprinzipien der Mandatspolitik doch die arabischen Beschwerden durch eine Kommission untersuchen zu lassen und die Verwaltungspraxis auch auf so wichtigen Gebieten wie Bodengesetzgebung und Einwanderungs-Regulierung erneut nachzuprüfen. Wir Juden können einer derartigen Untersuchung mit Ruhe entgegensehen. Wenn sie wirklich ohne Vorurteile durchgeführt wird, muß sie zu dem Ergebnis kommen, daß unter den Gesichtspunkten der Entwicklung des Landes als solchem die jüdische Einwanderung und Arbeit gefördert werden muß. Wir werden zudem jeden loyalen Vorschlag begrüßen, der etwa gemacht werden kann, um das arabische Mißtrauen und die Furcht vieler Araber zu beseitigen, daß sie aus dem Lande verdrängt werden könnten. Es scheint uns sogar, daß der Moment gekommen ist, in dem wir von uns aus alles tun sollten, um derartige Vorschläge zu konkretisieren, um so der britischen Regierung und Oeffentlichkeit wie auch dem arabischen Volke in seinen besonneneren Schichten erneut und aus eigener Initiative zu beweisen, daß wir an einem friedliehen Zusammenleben von Arabern und Juden im gemeinsamen Lande interessiert sind. Naturgemäß ist es klar, daß durch derartige Vorschläge die Basis unserer Arbeit, nämlich die Möglichkeit der Einwanderung und der A n s i e d 1 u 11 g, nicht untergraben werden darf. Unter Anerkennung dieses Rahmens wird es aber gewiß Möglichkeiten geben, die die psychologische Atmosphäre in Palästina in gewissem Umfange bereinigen können, die heute zwischen Arabern und Juden mit Mißtrauen und Furcht geladen ist. * Bereits vor der Debatte im Unterhaus* sind in der englischen öffentlichen Meinung einige Stimmen laut geworden, die für uns von erheblichem Interesse sind. Die ״Times“ schrieb in einem Leitartikel, der sich im übrigen gegen die arabischen Befürchtungen wandte, u. a., daß ״die zionistischen Führer, zweifellos unter dem Druck ihrer notleidenden Volksgenossen in verschiedenen Ländern, das Tempo des Aufbaues der nationalen Heimstätte allzusehr beschleuiigt haben“. Es scheint uns, daß dieser Satz in dem von der ״Times“ gemeinten Sinne nicht aufrecht erhalten werden kann. Das Tempo der jüdischen Arbeit in Palästina ist, wie das Blatt selbst richtig bemerkt, weitgehend eine Funktion der jüdischen Galuthsituation und daher von dem freien Willen der zionistischen Leitung unabhängig. Wir selbst sind mit den Methoden der Arbeit, die in der Periode der Prosperity z. T. angewandt wurden, selbst am wenigsten zufrieden und wissen, daß insbesondere die Proportion von städtischer und ländlicher Entwicklung viel zu ungünstig für das flache Land ist. Gewiß kann niemand Voraussagen, ob das Tempo der Entwicklung in den nächsten Jahren unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten gleich bleiben wird oder sich verlangsamen muß. Wogegen wir uns jedoch wenden, das ist der in diesem Satze angedeutete Versuch, durch eine künstliche Herabdrückung des Tempos, d. h. in erster Linie der Einwanderung, eine Beruhigung der arabischen Seite zu erkaufen. Dieses Mittel hat sich bereits in früheren Fällen als unwirksam erwiesen, und es hat einzig und allein die Wirkung, die Not des jüdischen Volkes in vielen Ländern der Welt noch weiter zu steigern. Der erwähnte Artikel der ״Times“ greift sodann ein Projekt auf, das bereits früher mehrfach gemacht wurde, nämlich den Gedanken der Kan ton isierung Palästinas, der vorschlägt, daß gewisse Gebiete als Bodenreserve für die verschiedenen Volksteile gelten sollten. Dieser Vorschlag, der auch von dein früheren Kolonialminister Amery in der Unterhausdebattc erwähnt wurde, lehnt sich in gewissem Maße an das Beispiel der Schweiz an. Er übersieht allerdings, daß es in der Schweiz um natürlich gewachsene Verhältnisse handelt, während es sich in Palästina um das Ergebnis gesetzgeberischer Maßnahmen handeln würde, deren Anerkennung seitens der beiden Parteien zweifelhaft erscheint (abgesehen davon, daß durch die bisher durchgeführte Sperrung Transjordaniens gegen jüdische Einwanderung und Arbeit die Voraussetzung für die praktische Durchführung eines solchen Projektes aufgehoben ist). Insoweit der Vorschlag jedoch die psychologische Seite betont, nämlich das Zusammenwirken zweier national geschiedener Volksteile im Interesse eines gemeinsamen Heimatlandes, ist er gewiß beherzigenswert. Wir wissen ja selbst am besten, wie notwendig es ist, daß in Palä’ stina Ruhe und Frieden herrschen. Wir brauchen diese Voraussetzungen, um unsere Arbeit ungestört durchzuführen, und stimmen daher auch der Zeitschrift ״Great Britain and the East“ zu, wenn sie meint, daß die Wiederherstellung der Ordnung mit Hilfe der Macht noch kein Ende, sondern nur ein Anfang ist. Allerdings kann dieser Anfang nicht, wie es die Zeitschrift — nach früheren Aeußerungen zu schließen — zu meinen scheint, darin liegen, daß die britische Palästinapolitik sich in einem Sinne orientiert, der die jüdischen Lebens* notwendigkeiten ignoriert, sondern nur darin, daß sie versucht, einen Weg der echten Verständigung und der gegenseitigen Anerkennung im Lande zu bahnen. * Die Bedeutung Palästinas für das bri• tische Empire, die auch in der Unterhausdebattc betont wurde, hat gerade in diesen Tagen eine neue Beleuchtung erfahren. Zugleich mit dem Beschluß, die Sanktionen gegen Italien aufzuheben, hat die britische Regierung mitgeteilt, daß sie die Flotte im Mittel• meer auch in Zukunft verstärkt erhalten wolle. In den Pressekommentaren hierzu heißt es, daß im östlichen Mittelmeer ein neuer Flottenstützpunkt ausgebaut werden würde, und man mutmaßt, daß dies Cypern sein wird. Wie immer im einzelnen diese Angelegenheit geregelt werden wird, gewiß ist, daß Palästina für das Gefüge des britischen Reiches dadurch eine erhöhte Bedeutung bekommen muß. Um so mehr geht das Interesse der Mandatsregierung darauf hin, das Land zu pazifizieren und eine Bevölkerung in ihm zu haben, mit der sie loyal Zusammenarbeiten kann. Die Interessen der jüdischen Arbeit in Palästina laufen ohne Zweifel in der gleichen Richtung. Auch wir erstreben nichts anderes, als mit allen Faktoren der Umwelt freundschaftlich zusammenzuarbeiten und alle Kräfte darauf zu konzentrieren, Stadt und Land in Palästina zu entwickeln. Diesen Gedanken müssen wir mit aller Energie gegenüber de! öffentlichen Meinung der Welt und besonders Englands vertreten. Man muß erkennen, daß die jüdische Nationale Heimstätte in Palästina nicht allein eine Ange״ legenheit ist, die den Millionen jüdischer Notleidender in der Welt dient und beinahe die einzige Hoffnung der jüdischen Jugend ist, sondern daß auch das Werk selbst in seiner Entwicklung einen Faktor der Sicherung des Friedens im Vorderen Orient darstellt. * ln Palästina haben die letzten Tage wieder das nun schon gewohnte Bild gebracht. Tag für Tag und

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