Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-06-12 · Heft 47 (12.6.1936) · page 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 47 (12.6.1936)
Date
1936-06-12
Page
– (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653966--28970-2690475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seit• 4 KINDSÄ -RUNDSCHAU Nf.lO Die Entdeckung von Kaßrilewke Von der Entdeckung Amerikas habt ihr gewiß schon gehört, aber von Kaßriiewke? Was ist Kaßrilewke? Nun, wer etwas von Scholem Alejchem gelesen hat, der weiß natürlich, daß Kaßrilewke ein Ort ist, eine kleine Stadt, aber wo? Wenn es eine Generalstabskarte der Welt gäbe, auf der jedes Dorf, jedes noch so winzige Nest der Erde zu finden wäre, und wenn man diese großartige Landkarte auf dem größten Schulhof ausbreitete und eine ganze Klasse von Schülern, die alle in Geographie schon Prämien bekommen haben, diese Karte absuchten, so würden sie Kaßrilewke doch nicht finden. Denn, im Vertrauen gesagt, Kaßrilewke ist gar keine Stadt und kein Dorf, sondern nur der Spitzname, den Scholem Alejchem einer Stadt gegeben hat. Aber diese Stadt existierte und existiert heute noch und heißt auf der Landkarte Berditschew. So, nun habt ihr das Geheimnis, nicht wahr? Ach, Unsinn, gar nichts wißt ihr. Gewiß, ihr könnt Berditschew auf der Karte suchen, es gehört auch heute noch zu Rußland, es liegt eine ganze schöne Strecke südöstlich von uns, und ein gar so kleines Nest ist es gar ,nicht, es gibt ein paar hübsche tausend und hundert Juden da, aber was hat das mit Scholem Alejchem zu tun? Er ist da nicht geboren, wie ihr wißt, und nicht da gestorben, was hatte er ausgerechnet mit Berditschew zu schaffen? Nun, im Vertrauen gesagt, er hätte ebenso gut sich irgendeine andere russische oder polnische oder litauische oder wolhynische oder ukrainische Stadt vorknöpfen können, um deren Juden in seiner komischen Weise zu schildern, aber in Berditschew wohnte sein Bruder, Herr Wolf Rabbinowicz, und der wohnt immer noch da, früher war er Handschuhfabrikant, nicht gerade so ein Fabrikant mit zehn Fabriken und fünfzehn Schloten, aber ein guter Mann, dessen Handschuhe mit drei oder vier Weltausstellungsmedaillen ausgezeichnet wurden. Er ist siebzig und einige Jahre alt und immer noch so rüstig wie mancher, der sein Enkel sein könnte, und kreuzfidel wie sein Bruder Scholem Alejchem, der unser größter Humorist war. Und da Herr Wolf Rabbinowicz Jetzt in seinen alten Tagen ein bißchen Zeit und Lust hat, Erinnerungen auszukramen, und von seinem Bruder auch das Erzählertalent oder doch die gute Laune hat, so hat er nun ein Buch über Scholem Alejchem geschrieben, und eine Kostprobe aus diesem Buch ist die Geschichte der Entdeckung von Kaßrilewke. Diese Entdeckung fand genau achthundert und einige Jahre nach der Entdeckung Amerikas statt und begann, wie Wolf Rabbinowicz erzählt, folgendermaßen: Im Jahre 1897 kam Scholem Alejchem ganz überraschend zu mir nach Berditschew. Mit keinem Brief, keiner Karte und keinem Telegramm hatte er mir verraten, daß er kommt, wie er es sonst tat. Irgend etwas mußte ihn besonders nach Berditschew gezogen haben, da überlegte er nicht lange, setzte sich auf die Bahn und kam. Er riß unverhofft die Tür auf, lachte übers ganze Gesicht und rief: ״Ich bin da — da habt ihr ־— Scholem Alejchem!״ Bald darauf fing er an, sich in der Stadt umzugucken. Wir gehen von einer Gasse in die andere, und was begegnet uns natürlich gleich? Die ״berühmte״ Berditschewer Pferdebahn. (Das ist die Pferdebahn, die Scholem Alejchem später so komisch dargestellt hat.) Kaum sieht er diesen Pferde- Omnibus, so schreit er über die Gasse weg: ״Omnibus, halt!״ Und kein Augenblick vergeht, so steht der Omnibus. Aber deswegen fällt es Scholem noch nicht etwa ein, hineinzuklettern. Er steht auf der Gasse, mit dem Rücken zum Schaffner, wirft von Zeit zu Zeit einen Seitenblick auf diesen Mann und beginnt absichtlich eine lange Unterhaltung mit mir. Und wie er so eine Weile auf mich eingeredet hat, deutet er mit dem Finger auf das dürre, ausgemergelte Pferdchen, das den Omnibus zieht: ״Siehst du das Pferdchen? Jetzt ruht es sich, nebbich ein bißchen aus vom Trampehvay-Ziehen. Guck es dir nur genau an, dann wirst du sehen, wie das Pferdchen uns mit seinen treuen pferdemenschlichen Augen aus tiefem Herzen dankbar ist, weil wir es ein bißchen zu Atem kommen lassen...״ Aber Scholem hat das Spiel wohl schon etwas zu lange getrieben, denn der kaltherzige Schaffner verliert die Geduld und schreit plötzlich mit wütend brüllender Stimme: ״Passagiere, einsteigen 1״ ״Es ist höchste Zeit!״ antwortete ihm Scholem und fängt ganz langsam und gemächlich an, in den Omnibus einzusteigen. Die ״Trampelway״, wie Scholem Alejchem die Berditschewer Tramway nannte, gab sich einen bedeutsamen Ruck und holperte über das Pflaster der Gasse. Als wir wieder nach Hause kamen, begann Scholem auf seine Weise Witze über die Trampelway zu machen, beschrieb erst das Pferdchen, dann den Schaffner, dann nahm er sich die Passagiere vor, die Frauen mit ihren Kleidersorgen und was sie sonst noch redeten, die Männer und die Kinder und wie sie an gezogen waren, kurzum, es war die reinste Komödie. Mit besonderer Neugier besah er sich Berditschew. Er verschlang es förmlich, alles wollte er sehen, alles wissen. Es gab bald kein Oäßchen und kein Hintergäßchen, kein Loch und keinen verstecktesten Winkel, den er nicht kannte. Ich könnte schwören, ganz Berditschew lag ihm schon fix und fertig auf der Palette. Ich ging mit ihm durch die ״Piskes״, das war der ärmste Teil der Stadt, die Straße heißt heute nach ihm. Er ging langsam, Schritt für Schritt, verdrehte den Kopf nach allen Seiten, guckte in jedes Kellerfenster, ging aut jeden Hof. Vorbeikommende Juden hielt er an, öfter auch mal Frauen und Kinder, begann ein Gespräch mit ihnen, fragte sie nach diesem und jenem aus und erzählte dazwischen irgendeine Nettigkeit oder einen Witz oder eine lustige Geschichte. Mehr als einmal kam er so mit Leuten ins Reden, daß man kein Ende finden konnte, und wenn sie nicht weitab wohnten und ihn aufforderten, mit ins Haus zu kommen, weil man da besser sprechen könnte, so folgte er, ließ sich nicht lange bitten, setzte sich wie zu Hause an den Tisch, machte sich mit den anderen Familienmitgliedern bekannt und redete und hörte zu. Er war den Menschen sehr zugetan. Sein mildes Lächeln, seine Art zu reden und auf jeden einzugehen verbreitete sofort die Atmosphäre gutmutiger Späße im Hause, und mit ihm föMt? j‘4־lT gfch rasch heimisch. Bald war er auch mit allerlei KleinvoIK umgeben, nahm die schreienden Säuglinge auf den Arm, wiegte sie, spielte mit ihnen, brachte die Größeren bald zum Sprechen, überschüttete sie mit den komischsten Fragen, machte noch besondere Späßchen dazwischen, und wer auch im Zimmer war, wurde vergnügt und lachte. Er sah sich aber nicht bloß die Menschen an. Stand da im Zimmer eine altmodische Kleidertruhe oder sonst so ein Möbel, so interessierte er sich gleich dafür und fragte nach ihrem ״Stammbaum״ und woher man sie geerbt hatte, und bald ergab sieh daraus eine lange, verwickelte Geschichte nicht bloß von Möbeln, sondern von Vätern und Großvätern und Großmüttern und Familienstreitigkeiten und so weiter. Er konnte nicht bloß viel reden, sondern noch viel besser zuhören. Wie ein guter Mechaniker eine Uhr in Gang bringt, so brachte er die Leute dazu, daß sie ihm das erzählten, was er hören wollte, und dann saß Scholem da wie erstarrt, muckste nicht, sagte kein Wörtchen dazwischen, unterbrach nicht und horchte. Ich erinnere mich, wie er auf einem Hof einmal sich mit einer Katze abgab, die kürzlich Junge bekommen hatte, wo anders mit einer Ziege, die so seltsam meckerte. Nichts entging seinem Auge, jedes Gäßchen und jedes Steinchen bemerkte er, alles sog er in sich ein, und hörte er einmal hier ein neues Wort, dort einen bezeichnenden Ausdruck, so zog er gleich sein Notizbuch hervor und schrieb es auf. Am häufigsten war er auf dem Markt der Altstadt, wo es von Menschen wimmelte, und sie alle waren ja ״Scholem-Aiejchem-Typen״. Von jeder Reise auf den Markt kehrte er mit Geschienten vollbeladen zurück, und alle möglichen solcher Geschichten hat er dann aufgeschrieben, ihr müßt sie nur lesen. Leo LAN» »ER JE«EN» Das Buch der Kinder-Rundschau Preis IUI ».85

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.