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Jüdische Rundschau · 1936-06-12 · Heft 47 (12.6.1936) · page 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 47 (12.6.1936)
Date
1936-06-12
Page
– (sequence 27)
Language
German
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KINDER-RUNDSCHAU 4 Jahrgang / Nr. IC *!m—jn-92-ו־־ד-n « י-n% Ein Blinder erzählt... ״Laßt mich euch erzählen״, sagte der Blinde und setzte sich auf die Steinstufea seiner Wohnung. Die Kinder der Straße kamen fast täglich zu ihm, dem alten Blinden, der im armseligsten Viertel Jerusalems in einem dunklen, kleinen Keller hauste. Er war einer der merkwürdigsten Gestalten dieser Straße, seine blinden Augen lagen tief in dem durchscheinend blassen Gesicht, und ein langer, weißer Bart, der zu leuchten schien, verschönte ihn und machte ihn so besonders ehrwürdig. Wenn er aus seinein Keller heraustrat, die Hände suchend und tastend nach vorn streckte und seine blinden Augen mit dem besonderen Ausdruck aller Blinden auf die Straße richtete, kamen die Kinder, kaum, daß sie ihn sahen und führten ihn aut seinen Platz. Dort saß er auch heute an einem ganz heißen Tag und seine kleinen Freunde um ihn herum. Sie wußten, daß er ihnen heute die Geschichte erzählen würde, urn die sie ihn schon so lange gebeten hatten. Ganz still saßen sie alle und so gespannt! Als er nun zu sprechen anfing, mit lebhafter Stimme und großer Beweglichkeit, versank für die Kinder die ganze Umwelt, die durchglühte, staubige Straße, alles, und vor ihnen entstanden die Bilder seines Lebens. Wenn er aus seinem Keller heraastrai, kamen die Kinder ״Was für ein heißer Tag war es, als mein Vater mit mir 18jährigem Jungen in Jaffa ankam! Wir kamen aus Wolhynien, einer großen Provinz Rußlands, und ich konnte es vor Ungeduld kaum erwarten, als wir die Küste Palästinas sahen. Das Aus booten, das auch heute noch fast genau so vor sich geht wie vor 40 Jahren, ging mir längst nicht schnell genug, und als wir dann mit unseren Sachen endlich auf dem Boden Erez Israels standen, war ich so etfüih von Freude, daß ich laut singen mußte. In dem Augenblick warf ich die ganze Schwere meiner Kindheit hinter mich und wurde ein freier Jude. Wir gingen zuerst nach Jerusalem, wo mein Vater einen Handel in der Altstadt anfing. Und was aus mir wurde, werdet ihr fragen? Ja, das wiU ich euch nun «,®Ihlen, habt noch Geduld! Ich tat in den ersten Wochen in Jerusalem gar nichts. Nur sehen, alles sehen wollte ich. Der Eindruck dieser heiligen Stadt war so stark, daß ich nicht genug vom Sehen bekommen konnte. Aber immer nur herum laufen und nichts arbeiten ging doch nicht, und so mußte ich mich für eine Arbeit entschließen. Ich wollte aufs Land zu den Kolonisten, wollte Bauer werden, unsere Erde bebauen, ganz fest in dem Boden verwurzeln, auf dem ich stand. Und so ging ich aufs Land nach Petach Tikwah. Ich war Jung und stark, keine Arbeit war mir zu schwer, mir fiel alles spielend leicht. Wir waren drei junge Burschen, die zusammen bei einem Kolonisten arbeiteten. Alle aus Rußland, atmeten wir begeistert jeden Tag aufs neue die Freiheit und Schönheit unseres Landes und hielten fest zusammen. Wir arbeiteten in einem großen Pardeß, und. wenn es auch noch so heiße Tage gab und die Arbeit dadurch noch beschwerlicher wurde, sangen wir oft dabei. Ich weiß es noch wie heute, als ein« Tages unser Kolonist einen neuen Arbeiter einstellte. Wir waren gerade damit beschäftigt, die jungen Bäume unseres Pardeß zu gießen, da kam ein Araber, auch in unserem Alter, auf uns zu ' und begrüßte uns. Von nun an ar« beiteten wir zu vieren. Hassan — wir lernten es auch bald, uns mit ihm zu verständigen — arbeitete schnell und gut. Er war ein großer, starker Mensch, und wenn er in Zorn geriet, konnte er ganz furchtbar Da kam ein Araber auf uns zu a , , wild werden, daß man sich vor ihm fürchten konnte. Hassan kam taglieh zur Arbeit und ging abends in sein Dorf zurück, das nicht weit von unserer Kolonie lag. Mit diesem Dorf hatte es eine besondere Bewandtnis, und die sollt ihr gleich erfahren. Ihr wißt doch sicherlich alle, daß eine Kolonie nachts von einem Schomer bewacht wird. Bevor wir jungen Arbeiter da waren, hatte sich unser Kolonist Wächter aus dem Dorf zum Wachen genommen. Es waren alles Araber aus dem Dorfe Hassans, die diese Arbeit machten. Nun, als wir einige Wochen da waren und uns in unserer Arbeit gut eingerichtet hatten, bat ich den Kolonisten, uns abwechselnd die Arbeit des Wachens zu übertragen. Besonders mich lockte es sehr, Schomer zu werden, und wie glücklich war ich, als ich das Wir waren drei junge Burschen, die zusammen arbeiteten

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