Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 46 (9.6.1936)
- Date
- 1936-06-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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, 'I.. t. YJii \ y JÜDISCHE RUNDSCHAU Sch1iftl«lt1tx1gfVerlag n. Aazelgenverwaliang: Berlin W1S, Melnckeitr.10 Pnnrsfi Samm®!-Nummer J1 (Blinardc) 9031• — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld ן• Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag and Freitag, BERLIN י״ט ס יו ו תרצ״ו DIENSTAG, 9. JUNI 1936 Gültigt Anzeigenpreisliste Nr• 5• Die 12 gespaltene mm ־Zeile 20 Rpf,, für Familien - Nachrichten 15 Rpf, Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmtes Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewahr geleistet. Gelegenheit»- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien *Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich -י rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Ost und West Weiter Araberterror Exzesse in Polen •— ״Oekonomischer Kampf“ gegen Juden — Leon Blums Ernennung Für eine Wendung nach innen Die letzten Tage haben Nachrichten aus Polen gebracht, die die jüdische Welt aufhorchen ließen. Während vor dem Kreisgericht in Radom ein Prozeß abläuft, der den schweren Pogrom sühnen soll, der im März 1936 in dem kleinen Städtchen Przytyk stattfand, geht über das polnische Judentum eine neue Welle von Ausschreitungen hinweg. Bcsonders schlimm waren die Exzesse in dem Städtchen Minsk-Mazo wieck in der Nähe von Warschau, aber auch an zahlreichen anderen Orten des Landes kam es zu umfangreichen Ausschreitungen. Dabei muß es besonders bedenklich stimmen, daß die Abwehr derartiger Angriffe außerordentlich erschwert ist, weil die örtlichen Polizeiorgane vielfach nicht ausreichen, um die aufgehetzten Massen zu zügeln; andererseits sitzen auf der Anklagebank in Radotn auch zahlreiche Juden, die seinerzeit jüdisches Leben und Eigentum verteidigt haben. Der polnische Ministerpräsident General S k 1 a d - kowski hat sich in seiner Antrittsrede im polnischen Sejm gegen Ausschreitungen gewandt. Er hat aber zugleich offen betont, daß In Polen ein ״ökonomischer Kampf“ gegen die Juden geführt wird, und man konnte aus seinen Worten herauslesen, daß er selbst als Regierungschef einen derartigen Kampf nicht ablehne. Gewiß haben auch frühere polnische Regierungen mehr oder weniger deutlich auf Wirtschaftlichem Gebiete die antijüdische Kampagne unterstützt, und es ist oft genug dargestellt worden, welch große Lasten die polnische Wirtschaftsgesetzgebung gerade den Juden aufgebürdet hat; dennoch wurde von seiten der Regierung vielfach betont, daß auch in wirtschaftlicher Hinsicht der Grundsatz der Gleichberechtigung der Juden innerhalb des polnischen Staatslebens nicht aufgegeben werden soile. Wenn die jetzige Erklärung des Ministerpräsidenten andeutet, daß dieser Grundsatz gelockert werden soll, so würde hierdurch eine weitere Erschwerung in der Lage des polnischen Judentums eintreten, deren Ausmaß noch nicht übersehen werden kann. Wie immer aber auch diese Frage sich entwickeln mag, so stellt im Augenblick die Gefährdung der Sicherheit des polnischen Judentums im Vordergrund des Interesses, und cs darf die Hoffnung ausgesprochen werden, daß der Prozeß in Radom, der die Vorfälle von Przytyk aufklären wird, und die neuen Ausschreitungen Anlaß genug sein werden, um gegen die von Agitatoren immer wieder entfachten antijüdisehen Exzesse energisch einzuschreiten. Während so das große jüdische Zentrum im Osten uns seine Sorgen drastisch offenbart, ist im Westen Europas ein Ereignis eingetreten, das zwar der allgemeinen Politik angehört, jedoch auch von jüdischem Interesse ist. Leon B 1 u m ist französischer Minister- Präsident geworden; das ist das erste Mal in der französischen Geschichte, daß ein Jude auf dieses hohe Amt berufen wurde. Die Reaktion der französischen Oeffentlichkeit auf diese Ernennung, die eine Konsequenz des Wahlsieges der ״Volksfront“ ist, hat eine antisemitische Note nicht fehlen lassen, ln der Kammer sagte der rechtsgerichtete Abgeordnete V a 11 a t, indem er Leon Blum mit Disraeli verglich und betonte, daß er seine Freundschaft für seine jüdischen Waffenbrüder nicht verleugnen wolle, u. a, folgendes: ״Ich will lediglieh sagen, daß es für eine ßauernnation wie Frankreich besser ist, von jemand regiert zu werden, dessen wenn auch noch so bescheidene Ursprünge in den französischen Boden hineinwachsen, als von einem zwar vornehmen und sehr intelligenten Geiste, der indessen von den Talmudgesetzen herkommt.“ Der Präsident der Kammer erteilte dem Redner hierfür einen Ordnungsruf und erklärte, daß er als Präsident der Ver- Sammlung weder Juden noch Protestanten noch Katholiken, sondern nur Franzosen kenne. Dieser Zwischenfall beleuchtet in der Tat ein wichtiges Problem. Frankreich als das klassische Land der Juden-Emanzipation ist in seiner offiziellen Linie den Ideen der Revolutionszeit treu geblieben. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung Frankreichs fühlt sich in der Tat mir konfessionell gebunden und nimmt am franzö- Neue Regierungsverordnungen Jerusalem, 3. Juni. In der ״Offidal Gazette“ wurden neue Verordnungen veröffentlicht, durch die die Distriktskoinmissare ermächtigt werden, Kaufleute, die sich weigern, ihre Läden zu öffnen, mit Gefängnis zu bestrafen, sowie Klubs, Cafes und andere öffentliche Lokale zu schließen, in denen illegale Versammlungen abgehalten werden, die zu Ruhestörungen führen können. Ferner werden die Distriktskoinmissare ermächtigt, die Erzeugung und Einfuhr von Material zur Herstellung von Bomben zu verbieten und diejenigen, die den Hausarrest brechen oder den Ort ihres Zwangsaufenthalts verlassen, auf administrativem Wege mit Gefängnis bis zu einem Jahr zu bestrafen. Die militärischen Kommandanten der Land- und Seestreitkrätte haben weitere Polizeibefugnisse erhalten; sie können Haussuchungen und Verhaftungen ohne Haftbefehl vornehmen. In Rischon 1c Zion sind zwei Juden, David Var di und Israel Arger, von Arabern verletzt worden. Zwei Araber waren in eine jüdische Pflanzung gekommen und hatten um Wasser gebeten. Sie teuerten auf die Juden, die ihnen das Wasser reichten, und ergriffen die Flucht. Das benachbarte arabische Dorf Bet Dagon erhielt eine Kollektivstrafe von £ 500. Fünf Araber wurden verhaftet. In einem amtlichen Communique wird bekanntgegeben, daß in der vergangenen Nacht an verschiedenen Stellen Bomben geworfen wurden. Es kam auch zu Schießereien zwischen Arabern und der Polizei, fn Jaffa und in L y d d a wurden je zwei, auf der Straße nach A k k o drei Bomben geworfen. Aus Gaza wird berichtet, daß in der Nähe dieser Stadt etwa 60 Telephon- und Telegraphcnmasten umgestürzt wurden. Der durch Störung des Telegraphennetzes in Nordpalästina allein angerichtete Schaden beträgt etwa 4000 Pfund. In Jaffa macht sich eine bedeutende Entspannung bemerkbar. Der Verkehr zwischen Jaffa und Tei-Awiw hat zugenommen. Unter den arabischen Kaufieuten besteht eine starke Bewegung zur Wiedereröffnung der Geschäfte; eine Anzahl von ihnen wären bereit, sofort den Streik abzubrechen, wenn die Sicherheit bestünde, daß die Behörden sie gegen Angriffe von Terroristen schützen werden. Der Mörder des am 19. April in Tel-Awiw getöteten Elieser Bizutzki, ein Araber namens Achmed 1 s s a w i, ist zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Ein Araber erhielt 3 Jahre Gefängnis wegen Brandstiftung in einer jüdischen Badeanstalt am Strand von Jaffa. Der Araberführer Mischel Mi tri und drei andere Araber wurden in das Konzentrationslager gebracht. Seit Beginn der Unruhen wurden 500 Juden als Hilfspolizisten oder Wächter von der Polizei rekrutiert. Die arabischen Arbeiter der jüdischen Zigarettenfabrik ״Maspero“ in Jaffa haben den Streik aufgegeben und sind zur Arbeit zurückgekehrt. Das amtliche Communique vom Abend erklärt, daß kein einziger englischer Soldat in Palästina seit Ausbruch der Unruhen gefallen ist. sischen Leben in allen seinen Verzweigungen Anteil. So kommt es, daß auf der politischen Bühne in fast allen Gruppen Juden zu finden sind, wobei ihre Zahl in den politischen Parteien der Mitte und einem Teil der Rechten größer sein dürfte als in manchen linken Gruppen. Der gegen Leon Blum opponierende Abgeordnete hat denn auch ausdrücklich betont, daß er seine Freundschaft zu seinen jüdischen Waffenbrüdern nicht verleugnen wolle. Dennoch hat es in Frankreich jene Bewegung gegeben, die in den Dreyfus-Tagcn ihren Höhepunkt erreichte und die auch in unserer Zeit den Versuch macht, sich gegen die Mitwirkung der Juden im öffentlichen Leben zu distanzieren. Die Formulierung, die in der Kammer gefunden wurde, als der Abgeordnete gegen einen Juden als Ministerpräsidenten opponierte, spricht ein Gefühl aus, das auch auf jüdischer Seite verstanden werden kann. Das jüdische Volk als solches weiß die Verdienste der Juden zu würdigen, die in der Welt einen Namen besitzen und im Dienste von menschbeitlichen Ideen ihr Leben einsetzen. Wir wissen, daß diese Persönlichkeiten nichts anderes wollen als dem Volke nützen, in dessen Mitte sie leben. Wir kennen auch aus der Geschichte die Taten solcher Männer und brauchen in diesem Zusammenhänge wieder nur an Disraeli zu erinnern, mit dem Ldon Blum in Parallele gesetzt wurde Dennoch Ist es unser tiefster Wunsch, daß die jüdischen Begabungen, die Kraft des Geistes, die sich in jenen Männern offenbart, in erster Linie unserem eigenen Volke, dem jüdischen zu Nutze gemacht werden Die über die hebräische Presse verhängte Zensur wird aufgehoben und durch Anweisungen über das, was veröffentlieht werden darf, ersetzt. Die arabischen Polizisten von J e ז u s a 1 e in, die mit dein Streik für den Eall gedroht haben, daß ihre Forderung nach vollständiger Gleichstellung mit den englisclien Polizisten in bezug auf Löhnung und Behandlung nicht erfüllt werden sollte, haben das Angebot der hrilohung ihrer Löhnung um einen Schilling abgelclmt. Das Angebot wurde auch von den jüdischen Polizisten mit der Begründung zurückgewiesen, daß es unter arabischem Druck gemacht worden sei. Der < ieneralinspektor der Palästinapolizei, R, G. 15. S p 1 c e r, wurde verständigt, daß der Polizeidienst in Jerusalem von .Militär übernommen werden würde, falls dies notwendig werden sollte. Arabische Delegation nach London? Aus Jerusalem geht in inoffizieller Mission eine arabische Delegation nach London, um dort die Sache der palästinensischen Araber zu vertreten, in der Abordnung, die aus vier Mitgliedern, dem Bürgermeister von Jerusalem, Dr. Hussein K h a 1 d i. dem Bürgermeister von Nablus, Suleiman Bey Abdul R e s a k Teiikan, und zwei christlichen Arabern besteht, sind alle g e m ä ß i g - Jen arabischen Gruppen mit Ausnahme der von dein früheren Bürgermeister von Jerusalem Raghcb Bey Nashashibi geführten Arabischen Verteidigungspartei vertreten. Die Nashashibi-Partei bleibt entschiedene Gegnerin der Ent- Sendung einer Abordnung auch inoffiziellen Charakters nach London. Die Reise der Abordnung geschieht mit Zustimmung des Großmufti von Jerusalem. Wauchope hei Emir Abdullah High Commissioner Sir Arthur Wauchope hat sich nach Besichtigung der neu aus Aegypten eingetroffenen Truppen in Zcrka im Flugzeug nach der Hauptstadt von Transjordanien, Amman, begeben, wo er Bcsprechungen m i t militärischen Komm a n d a n ten und dem Emir Abdullah abhielt. Es verlautet, daß der High Commissioner den Emir ersucht haben soll, auf die Führer der palästinensischen Araber dabin einzmvirken, daß die Terrorakte in Palästina aufhören, bevor die Regierung sich genötigt sehe, die schärfsten Maßnahmen zu ergreifen. Neue arabische Streikdrohungen Jerusalem, 4. Juni. Die arabische Streikleitung kün- «ffgt an, daß innerhalb der nächsten drei Tage auch die bisher noch nicht dem Streik angeschlossenen Gemeinde- Verwaltungen ihre Tätigkeit eingestellt haben werden. Auni Bey Abdul Hadi, einer der Führer der Istaklal- Partei, hat Vertretern der Presse erklärt, daß nach vollständijfer Durchführung des Gcmcinricstreiks auch die arabischen Regierungsbeamten und die in o harnmedanischen religiösen Institutionen sich dem Streik anschließcn würden, falls die Regierung bis dahin die nationalen Forderungen der Araber nicht erfülle. Außer den Munizipalitäten von Jaffa, Nablus und Rantleh haben sich auch die Magistrate von Tulkerem und Nablus dem Streik angeschlossen. Der Magistrat vor! möge, das den Besten in seinen Reihen eine Fülle von Aufgaben bietet, die es zu lösen gilt. Die Sorgen und die Not des jüdischen Volkes verlangen den Zusammenschluß nach innen, und wir können daher — im Gegensatz zu mancher früheren Generation — ein Gefühl des Bedauerns nicht unterdrücken, wenn wir von dem Aufstieg einzelner Juden in der Welt draußen hören. Es ist gewiß ein schwieriges Problem, das damit berührt wird, da in einer Gesellschaft, in der die burgerliehe Gleichstellung der Juden weitgehend durchgeführt ist, keine jüdische Instanz vorhanden ist, die das Verhalten der Juden reguliert, die zu Ansehen und Einfluß im nichtjüdischen Bezirke gelangen. Wir glauben aber, daß cs eine Aufgabe der jüdischen Erziehung ist, unabhängig von den äußeren Bedingungen des Lebens und von der Rechtsstellung der Juden die Interessen und den Willen der jungen Generation der Judcnheit auf ihre eigenen Angelegenheiten hin/ulenken, um so die Besten und Fähigsten dazu zu bringen, daß sie ihre Begabung in den Dienst der jüdischen Wiedergeburt stellen, damit sie vom jüdischen Volke, das sie als die ihren empfinden und anerkennen wird, für die Gestaltung seiner eigenen Zukunft eingesetzt werden können. Nur so wird die Entwicklung des jüdischen Volkes auch unter den schweren Bedingungen unserer Zeit gesichert sein; auf diesem Wege aber werden auch die Konflikts« möglichkciten vermindert werden, die dann entstehen, wenn einzelne Juden in exponierter Stellung im iiichtjiidLehen Bezirk wirken, und die für das jüdische Volk als solches eine Belastung darstellen. K. L.