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Jüdische Rundschau · 1936-05-26 · Heft 42-43 (26.5.1936) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 42-43 (26.5.1936)
Date
1936-05-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 42/43, 26. V. 1936 Die Geschichtstheorie des jungen Graetz Von Dr. Ludwig Feuchtwanger Als eines der nächsten Schocken-Bändchen erscheint in diesen Tagen eine fast verschollene Skizze von Heinrich Graetz ans dem Jahre 1840, die eine Gesamtschau der lädt• sehen Geschichte durch mehr als 3000 Jahre enthält und die darüber hinaus ein Dokument unserer nationalen Gesinnung vor 90 Jahren bildet. Aus dem Nachwort von Ludwig Feuchtwanger sei im folgenden ein Abschnitt hier geboten, der die Geschichtskonstruhtion des jungen Graetz charakterisiert. (Red.) Die Skizze von Graetz ist mehr als eine interessante gp• schichtsphilosophische Konstruktion: mit ihr nimmt der Versuch, das deutsche Judentum nach der Emanzipation noch einmal religiös-konservativ zu einigen, ein Ende. In der Skizze ist aber gleichzeitig auch der Anfang einer bestimmten Art des historischen jüdischen Selbstverständnisses gelegen, die sich von dem auf viel selbstsicheren Füßen stehenden jüdischen Bewußtsein des objektiven ״judcntümliclien“ Geistes ift der ersten Jahrhunderthälfte sichtbar — wir stehen nicht an zu sagen verhängnisvoll -- abhebt. Die ״Konstruktion“ ist die Einleitung zu der elfbändigcn, 1853 bis 1870 erschienenen ״Geschichte der Juden“ von Graetz, die von der vorangegangenen Ideenbegründung entscheidend abweicht urtd in der früher eindeutigen Selbstverständlichkeit des jüdischert Selbst- Bewußtseins unsicher geworden ist. Aus den flackernden Angriffen, die in dem großen Gescliicbtswerk so oft _ gtgett ״Mittelalter“, gegen außer- und innerjüdischen ״Fanatismus*‘, fegen die großen mystischen Strömungen im Judentum aller pochen, gegen den' ״Talmudismus“, der 1846 noch so verstandnisvoll gedeutet wurde, ausbrechen, ist der Geist der Jost-tlegel-Rankcschen Schulung (vom Geist des Lehrers S. R. Hirsch nicht zu reden) gewichen, während die Prolegomena noch davon erfüllt sind. I aßt man heule die allen Gegner des großen Graetzschen Gesch:chtswcrks, die jüdischen und nicht-jüdischen, die cs religiös oder aus rein wissenschaftlichen Gründen abtehnten, an sich vorübrr/iehen, so ist!•in überrascht über die Verschiedennrtigkeit der Voraussetzungen, von denen aus die scharfen Ablehnungen kamen; sic kamen von S. R. Hirsch und von Abraham Geiger, von Steinschneider, Jost und Zunz, von Harrv Bresdau und von Heinrich v. '1 rcitschke. Diese jüdische Geschichte hat in der Tat wenig vom Geist Leopold v. Rankes und ist von Anfang an von jüdischer und nicht-jüdischer Seite aufs heftigste befehdet, vom ubvrlieferungstreuen Judentum (S. R. Hirsch im Jeschurim) als ״Produkt der verwerflichsten Leichtfertigkeit und der leichtsinnigsten Ungründlichkeit“ ab* gewiesen worden; sie stellt heute unserer Geschichtsauffassung und unseren Ansprüchen an eine jüdische Geschichte ferner als die jüdische Oesrhiehtstheorie des jungen Graetz von 1816, Diese seihst und das spätere Ocschicfitswerk waren nur möglich, nachdem vier geistige Großtaten eben geleistet waren oder in den -IOer Jahren bereits in voller Entfaltung standen. Es ist ein vierfaches Werk, von dem aus Graetzens ״Konstruktion“ wie auch der spatere ausgeführte Bau erst gerecht beurteilt werden können: 1. Graetz hatte von Hegel gelernt, daß geschichtliches Wissen ohne die Sinngebung des lebendigen systematischen I’roblembewußtseins nicht geschichtliches Verstehen ist. ln c!1!־׳ Jahren 1812 1815 ist ihm auf der Universität Breslau dieses Grundprinzip durch den Hegel-Schüler Christian Julius Braniss (1792-1873) deutlich geworden: Der noch wenige iahre früher durch S. R. Hirsch zum gesef/estreuen Judentum urüekgcführte vollzog zum zweitenmal eine Schwenkung. Die umfassende methodische jüdische Ausbildung, von der das große Graetzsche Oeschichtswerk, namentlich die reichen noch heute schlechthin unentbehrlichen Exkurse Zeug• rtis ablegen, hat Graetz von Samson Raphael Hirsch in einem beispiellos intensiven dreijährigen Lehrgang im eigenen Haus des Oldenburger Rabbiners erworben. Aber dann wandte sich der 25jährige im Banne der an der Universität Breslau herrsehenden Denkformni zum zweitenmal vom religiösen Judentum strenger Observanz ab. Der bekannte Sturz der Hegel- Philosophie bald nach dem Tode Hegels im Jahre 1831 betraf keineswegs die Grundlage seines Geschirhfsdenkens: im Gegenteil die Lehre vom ״objektiven Geist“, das ganz selbständige Interesse am geschichtlichen Gang als solchem und die Frage nach dem Sinn des Tatsächlichen blieben trotz der allgemeinen Abwendung vom Hegelschcn Panlogismus und seiner dialektischen Spekulation bestehen. ״Die (ionstrudion der jüdischen Geschichte“ von 1816 übernimmt die ureigene Entdeckung Hegels, daß gerade der ״antithetische“ Charakter der System folge in der Geschichte der Philosophie etwas e!u:nu1: I'! .-im e, sc!. 3100 g du’-cr i b'cel-chcü Dialektik nimmt < i!,1etz der t )! t!e ,d!e..!!■ ><■!־•,״, väterlichen Freundes Hirsch ihre Absolutheit und gibt sie für eine der vielen ״Autfassungen“ vom Judentum aus; er ist 9 Jahre nach jenem!!berschסס.׳ :.Gehen' I'.! i c f so hege lisch durchtränkt, daß er vcrhluffemlerweise die sich gegenseitig ausschließenden iüdisehen Sinngebungen von Samuel Hirsch, Steinheim, Ben Üsiel <S. R. I lirsch) uml Mises alle für wahr erklärt, ״wenn sie als einzelne Momente des absoluten Grundprinzips des Judenlums aufgefaßt werden“, wodurch doch offenbar der Sinn des Ausschiiclilidikeitsaiisoruchs des ״Tora min haschamajim“ einet 8, R. Hirsch ins Gegenteil verkehrt wird.‘ 2. Graetz hatte aber 1816 aut.,11 von Leopold v. Ranke die Lehre von den Ltge11tcndct1z.cn verschiedener Zeitalter und Volker übernommen. Durch diese fruchtbare historische Ideen Ich re Rankes wurde die These Hegels von der stetig fortschreitenden Entwicklung des absoluten Geistes bedeutsam umgestaltet und das Schwergewicht auf die Eigengesetzlichkeit der historischen Tatsachenabläufe verlegt. Die exakte Ge- Schichtsforschung erhielt damit ihre besondere abgegrenzte Aufgabe neben der Geschichtsphilosophie. Was den einzelnen europäischen Völkern recht war, sollte nun nach Graetz auch für die jüdische Nation billig sein. ״Wo sich mannigfaltige Eigenthiimlichkeiten, in sich selber rein ausgebildet, in einem hohem Gemeinsamen begegnen“ ,dort sei das wahre ״Europa“ des echten Historikers. Die nationalen Individualitäten gelte es in der Historie aufzusuchen, in ihrer ״Sonderung una reinen Ausbildung“; diese schon 1836 in der Allhandlung ״Die großen Mächte — Fragmente historischer Ansichten“ von Hanke klargestellten Grundsätze wendet der jüdische Ocschichtsschreiher auf die damals bereits von Jost gesichteten und einigermaßen geordneten Stoff!nassen an. 3. Außer Hegel und Ranke kam das große 1820—1829 erschienene Geschichtswerk von Marcus Jost der ״Construo• tion“ wie auch der späteren ״Geschichte“ von Graetz in viel höherem Maße ־zugute, als man bisher annahm. Jost hat viel später (in der Einleitung zu seiner dreibändigen .,Geschichte des Judenthums und seiner Secten“, 1857—1859) bescheiden einen wissenschaftsgeschichtlichen, mit durch Gesetz hervorgerufenen Irrtum richtiggesteilt: ״Noch in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts war selbst die Geschichte der Schicksale und Thätigkeiten der Juden während der zwei Jahrtausende ihrer Zerstreuung ein unbekanntes Land. Erst nach unserem schwachen Versuch, dies verlassen e Gebiet anzubauen, begann man dessen Fruchtbarkeit wahr zu nehmen.“ *4. Endlich muß als vierter großer Beitrag, der die geßchichtsphilosophische und gcschichtspragmatische Leistung von Aus dem Hagadah-Oratorium von Paul Dessau Untenstehend geben wir eineu Teil aus einem Hagadah- Oratorium wieder, das der Komponist Paul Dessau zusammen mit Max B r o d geschaffen hat (siehe den Bericht hierüber in ״Jüd. Rundschau“ Nr. 93 vom 20. November 1934 — Red.) Es wird im Jibneh-Verlag, Wien, erscheinen. Es handelt sich um ein Werk, das mit großen und kleinen Chören und Solisten arbeitet, konzertant aufgeführt werden, muß, aber auch szenische Andeutungen erlaubt. Es ist aus der Peßach-Hagadah, deren farbenfroher, vielfältiger Inhalt eine musikalische oder allgemein dramatische Formünz einmal zu fordern schien, entwickelt worden. Das Werk gliedert sich in sieben Teile. Der erste Teil enthält die Ouvertüre, der zweite einen Kinderchor und einen Er- Zähler; der dritte, dem die obige Manuskriptseite entnommen ist, schließt sich wieder ganz an die Hagadah au. Nun beginnt ein freierer Verlauf des Textes. Der vierte, fünfte, sechste Teil bringen ״einen großen heroischen Rückblick auf die Leiden in Aegypten und die Erlösung“. Es treten die fünf Weisen auf, die Aegypter, Pharao, Moses. ״Die Stimmung des siebenten Teils ist wieder eine kindliche und familiäre, so daß das große, teilweise düstere Geschichtsgemälde des mittleren Teils umschlossen ist vom gemütvoll sinnigen Rahmen der Festesfreude und des kindlichen Frage- und Antwortspiels.“ Es ist schwer, etwas Endgültiges über die Musik zu sagen, bevor sic nicht ganz vorliegt. Paul Dessau hat früher in Deutschland nicht nur sehr gute, völlig von der Schablone abweichende Filmmusik geschrieben, sondern auch zarte Kammermusik und aparte Musik für Kinder. In den letzten ähren hat er sich jüdischen Dingen genähert, Psalmen für olostimmen und Chor vertont, die Musik zum Palästinafilm ״Awodah“ geschaffen. Er hat ein Gefühl für Farben, das er musikalisch vertieft, mit einem sicheren Formwiflen und einem Hang zur Schlichtheit und Sparsamkeit kt affen Fällen vereint. Ich denke an die wundervolle (noch nagedruckte) Bearbeitung eines palästinensischen Hirtenfieaes ״Siehe da, ich spiele auf meiner Flöte in der Mitte der Nacht“, das eine palästinensische Nacht* mit ihrem träumhaften Himmel entstehen läßt, ferner att die reine und kräftige Sprache des dritten Psalms. Das vorliegende Blatt enthält einen Marsch, dessen Ueberschrift ״Maestoso“ nicht im Opernsinne zif verstehen ist. Nichts von aufdringlichem, dickflüssigem Pathos, 800dern die Bewegung des gerechten Zornes, die die Erinnerung an die ägyptische Knechtschaft mit sich bringt, eine erhabene Trauer des Vaters, der dem Kind antwortet. Die Akkorde sind einfach und leicht zu hören, die Beharrlichkeit der ganzen Fundierung, der Bässe leitet sich von Weilt her und hat aufrüttelnde Kraft. Die Melodie ist manchem alten Gesang in der Synagoge nicht unähnlich, aber dabei doch von eigener Führung. Es ist an/unehmen, daß Dessau 101 ganzen eine selbständige Komposition vorlegt ohne foHdoristische Anlehnungen oder Entlehnungen. Das würde seiner künstlerischen Entwicklung wohl entsprechen. Es kommt letzten Endes darauf an, ob sich der Geist des Textes Bahn bricht, und wenn es in einer neuen Erscheinungsform geschehen würde, so könnte es vielleicht um so stärker auf uns wirken. Dr. Hans Nathan v4~m 0 I Aß_____ I m Ti htufA Oraetz ermöglicht hat. die Oesamterscheinung, Geist und Gestalt der neuen ״Wissenschaft des Judentums“ genannt werden. Wenn die reine voraussetzungslose Wissenschaft über ein lebendiges Gebilde, noch dazu über ein so quicklebendiges, volksähnliches, eben aus dem Ghetto hoffnungsgeschwellt ans Licht drängendes Qewimme! wie die Judenschaft in den deutsehen Territorien hereinbricht, dann scheint allerdings für das lebendige Judentum eine große Gefahr in Sicht, denn ״die Eule der Minerva beginnt erst mit da־ rinbrechenden Dämmerung ihren Flug“. Und in der Tat: Gibt nicht das erste Jahrhundert, in dem diese״Wissenschaft des Judentums“ herrschte, der Erfahrung recht, daß von Philosophie und Wissenschaft keine Verjüngung eina Religion oda eines Volkskörpers kommen kann? Noch gar die Erneuerung eina eigenartigen ״Massenerscheinung“, die beides gleichzeitig ist! Kann die ״Wissenschaft“ einer Theokratie, da ihr Instrumentarium abhanden gekommen ist, wieda Priester und Führer geben? Sie kann nur erklären, wie sie Valoren gingen. Aba es blieb eine ״Lehre“ ohne instutionellen Träger und ein Volkskörper ohne Staat übrig. Um daraus wieder eine Einheit und ein lebensfähiges Gebilde zu machen, war in Wahrheit im westeuropäischen 19. Jahrhundert die ״Wissenschaft des Judentums“ das einzige Mittel, das noch helfen konnte. Ohne ihr Bewußtmachen und Verstehenlehren wären auch die noch aufrechtgebliebenen Säulen und Stümpfe zusammengefallen. ״Die Juden müssen sich wiederum als rüstige Mitarbeiter an dem gemeinsamen Werke da Menschheit bewähren; sie müssen sich und ihr Prinzip auf den Standpunkt da Wissenschaft erheben, denn dies ist der Standpunkt des europäischen Lebens“, so lautete die Forderung von Zunz, der den Grundsatz aufstellte, das Jahrhundert damit erfüllte und die reinsten und dauerndsten Werke aus diesem Geiste schuf. Als Oraetz seine Geschichtstheorie aufstellte und sieben Jahre später der erste Band des Geschichtswerkes, der viate aus da Reihe über das talmudisebe Zeitalter, erschien, war es in Deutschland schon so weit, daß ohne die Wissenschaft des Judentums — ein dem alten traditionellen Lernen und da uralten Buchgläubigkeit eher entgegengesetztes als entsprechendes Prin* zip — kein Judentum mehr denkbar war. So beschaffen war dieses Judentum damals, so gefährdet und so wissenschaftlich ebildet wie kaum in einer früheren Epoche seina Existenz, as Zeitalter Phiions vielleicht ausgenommen. In Westeuropa war jedenfalls ein jüdisches Selbstgefühl nur von dieser Seite her, der Wissenschaft, möglich; das hat Graetz nach langem innerem Sträuben eingesehen und seine Geschichte im Schutze dieser ״Wissenschaft des ludentums“ geschrieben.

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