Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 39 (15.5.1936)
- Date
- 1936-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1h 5.1S36 י/ Kr. 39 / Jahrgang 4t "Preis 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU ■abrlftleltang,Varlas o. Anaelgenverwaltnngi BarllnW 1$, Mataakaatr.10 Farnrnf ו Sanunal-Hammer J 1 (Bismarck) 9031. - Beiugsprei. •insdilicBlich BwtaU^cId > Monat RM Z-, jo Viert.linhr RM 5,75, b«i Abholung RM 138 brw. RM 539. — Postsdicdc - Konten d־r Vertrieb» - Abteilung: Berlin 71573 (für GraO - Berlin), Berlin 17392 (für du» übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch euf Nachlicferimjf oder Erstattung etwa «hon gniahlter Beaugagebübren. — Erachetat jeden Dia natag •ad Freitag, BERLIN כ״ג אייר תרצ״ו FREITAG, 15. MAI 1936 Gültig: AnzelgenprefolUte Nr. 5. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf,, fihr Familien ־ Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmte• Ausgaben oder an bestimmten Platze!» wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit»- anreigen nur gegen Vorauszahlung «rf Poatacheek . Konto Berlin 71618 oder bar Montag bi* Freitag 9—18 Uhr. AanabmeschluS für dio Dienstag * Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr, (Für Familien ־ Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schäftung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Existenzsorgen Neue Zertifikate bewilligt Jerusalem, 12. Mai. (JTA.) Ungeachtet des arabischen Ultimatums, in dem die Ankündigung der vOIHgen Einstellung jüdischer Einwanderung nach Palästina bis zum 15. Mai gefordert wird, hat High Commissioner Sir Arthur W a u c 11 o p e der Jewish Agency heute mitgeteilt, daß er die neue Arbeiter-Einwanderungs- Scheel ule bewilligt habe; die Zahl der auszugebenden Zertifikate werde zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben werden. Rundfuxikansprache Wauchopes Bisher 600 Verhaftete Jerusalem, 12. Mai. High Commissioner Sir Arthur W a u c 11 u p c hielt am Montagabend eine Rundtunkansprachc, in der er sich über die Sicherungsmaßnalimen der Palästinaregicrung äußerte. Er sagte foigendes: ״Während der letzten vier Jahre war ich der Ansicht, daß zwei Bataillone britischer Truppen außer der Polizei eine genügende Garnison für Palästina bildeten. In den letzten Wochen jedoch haben Rechtlosigkeit, Ueherfällc, Brandstiftungen und Vernichtung von Getreidefeldern in höchst bedauerlichem Maße zugenommen. Aus diesem Grunde habe ich dem Kolonialminister mitgeteilt, daß icli eine Ver- Stärkung unserer normalen Garnison für ratsam halte, und ersuchte um die Zurverfügungstellung eines Rataillons englischer Infanterie, einer Kompanie des Tank- Korps sowie einer Anzahl von Panzerwagen. Diese sind nunmehr in Palästina eingetroffen. Ich habe erklärt, daß es nicht notwendig sei, die Truppen auf dem Luftwege zu schicken; diese Art des Transports kann im Notfälle in Anwendung gebracht werden. Die zwei Hauptgründe, die mich zur Anforderung zusätzlicher Truppen bewogen haben, waren erstens der Wunsch, unseren bereits vorhandenen Truppen größere Bewegungsfreiheit zu geben, damit Unruhen schnell unterdrückt werden können, und zweitens,'tim es der Polizei zu ermöglichen, besseren Schutz gegen Brandstiftung und die Verbrennung von Getreide zu gewähren und die Verhaftung derjenigen, die sich solch verbrecherischer Hand- Jungen schuldig machen, sicherzustclien. Seit Anfang der Die Meldungen, die über die Lage in Palästina aus den letzten Tagen vorliegen, bewegen sich in der g!eichen Richtung, die sich bereits seit der vergangenen Woche angebahnt hatte. Die Agitation der Araber zur Fortsetzung des Streiks und zu seiner weiteren Verschärfung, insbesondere auch zur Aufnahme des Steuerstreiks, geht unvermindert weiter. Die Regierung hat demgegenüber durch Heranziehung von Truppen Verstärkungen und durch eine erneute Kundgebung Sir Arthur Wauchopes, die dieser durch Radio im Lande verbreitet hat, mit aller Energie ihre Entschlossenhcit betont, der Unruhen Herr zu werden. Leider haben sich in den letzten Tagen trotzdem einige Zwischenfäl le ereignet, die auch zum Tode von zwei Juden in Jerusalem geführt haben. Der Beginn des Steuerstreiks selbst ist für den 15. Mai proklamiert worden; wir nehmen an, daß die Regierung alles getan hat, um eiwaige Ausbrüche an diesem Termin im Keime zu ersticken. Die Beratungen, die im englischen Kabinett selbst über die Lage in Palästina gepflogen worden sind, zeigen, wie ernst inan in London die Dinge ansieht, und daß man auch dort entschlossen ist, die Mandatsregierung bei der Herstellung von Ruhe und Ordnung im Lande tatkräftig zu unterstützen. Daß der Wille der Regierung, sich von der Linie ihrer Politik durch Drohungen und (iewaltmaßnahmen nicht abbringen zu lassen, unerschütterlich ist, zeigt auch die Mitteilung Sir Arthur Wauchopes, daß er sich entschlossen habe, die Forderung der Jewish Agency auf Zuteilung einer Zertifikats-Schedule für das Sommerhalbjahr zu bewilligen. Die Jewish Agency hat bekanntlich vor einigen Wochen den Antrag gestellt, für dieses Halbjahr 11000 Zertifikate auszugeben. Wir nehmen an, daß sich die Mandatsregierung, die die Zahl der Arbeiter-Zertifikate, die für diesen Zeitraum bewilligt werden, noch nicht bekanntgegeben hat, von der Notwendigkeit einer Erweiterung der jüdisehen Wirtschaftspositionen im Lande und von dem drin- Senden Bedarf der wichtigsten jüdischen Emigrations-!■ander nach Zuteilung von Zertifikaten bei der Festlegung der Zahl leiten lassen wird. Es wird sodann eine der wichtigsten Aufgaben der Regierung in der nächsten Zeit sein, über die militäri* Unruhen sind 600 Personen verhaftet mul größtenteils bereits vom Gericht verurteilt worden.‘‘ Der Oberkommissar sagte ferner, er glaube nicht an die Notwendigkeit des Geheimnisses; er wolle im Gegenteil, daß alle, die sich gegen das Gesetz vergehen, genau wissen, daß die Regierung jeden Ausbruch unterdrücken und die Schuldigen bestrafen würde. Alle, ob in Stadt oder Dorf, sollen wissen, daß sie sieb darauf verlassen können, daß die Regierung alle Maßnalimen ergreifen wird, um Menschenleben und Eigentum zu schuf 1 c n. Zum Schluß warnte der Obcrkoinmissar vor falschen Gerüchten, die Unruhe und Furcht stiften. (Pulcor.) Kabinettsrat in London London, 12. Mai. (JTA.) Das englische Kabinett hielt am 11. Mai, abends, im Zimmer de* :Ministerpräsidenten im Unterhaus eine außerordentliche Sitzung ab, der alle Mitglieder des Kabinetts mit Ausnahme von Außenminister Eden und Krie«st11inister Duff Coup er, beiwohnten. Der Ministerrat währte etwas mehr als eine Stunde. Wie der Parlamenlskorrespondent der ״T i in e s״ mitteilt, bildete die gegenwärtige Lage in Palästina den Gegenstand der Beratungen, obwohl vorher gemeldet worden war, daß der Ministerrat einberufen wurde, um zu der Annexion Abessiniens durch Italien Stellung zu nehmen. Dem Ministerrat wurde zur Kenntnis gebracht, daß ein Bataillon der Kgl. schottischen Füsiliere und eine Kompagnie leichter Tanks auf Verlangen Sir Arthur Wauchopes aus Aegypten zur Verstärkung der palästinensischen Garnison heran gezogen wurden. Die Mitglieder des Kabinetts stimmten darin überein, daß die Lage infolge des arabischen Generalstreiks sowie dadurch eine 'Komplikation erfahren habe, daß die mohammedanischen Feiertage bevorstehen, die Gelegenheit zur Entfachung nationaler Streitigkeiten bieten konnten. Von jüdischen Siedlern sei die Befürchtung ausgesprochen worden, daß ihre Wirtschäften arabischen Angriffen ausgesetzt sein könnten; andererseits hätten die Araber mit der Fortsetzung des Streiks bis zur Einstellung der jüdischen Ein- Wanderung gedroht. Es heißt, daß der High Commissioner von der Regierung die Zusicherung erhalten habe, daß er mit jeglicher Unterstützung, die er zur Aufrechterhaitung der Ordnung für notwendig erachten würde, rechneu könne. sehen und polizeilichen Maßnalimen zur Befriedung des Landes hinaus den Kontakt mit den einer maßvolleren Erörterung der Fragen zugänglichen Kreisen im arabischen Lager zu suchen, um ihnen insbesondere die schwere wirtschaftliche Gefahr, die dem arabischen Sektor der Wirtschaft bei einer Fortführung des Streiks droht, klarzumachen. I) a s Land als G a n z e s braucht Ruhe, da von Aktionen der Art, wie sie das Streikkomitee propagiert, niemand einen wahren Nutzen haben kann. Die Erkenntnis dieser Sachläge ist gewiß in weiten arabischen Kreisen, besonders in den mit den Dingen der Wirtschaft verbundenen, vorhanden; sie zu Taten zu verdichten und dadurch eine allmähliche Beruhigung der gespannten Atmosphäre anzubahnen, wird hoffentlich bald gelingen. Die Lage am Donnerstag Jerusalem, 14. Mai, 5 Uhr nachm. (JTA.) Die Lage in Jerusalem wird dadurch gekennzeichnet, daß seit Mittwoch nacht 140 jüdische Familien die Altstadt verlassen haben, weil sie fürchten, bei etwaigen Unruhen in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Im allgemeinen scheint aber am Donnerstag-Nachmittag die Situation sich etwas entspannt zu haben. Eine Abordnung der Agudas Jisrocl hat vom Distriktskommissar von Jerusalem, Campbell, verlangt, daß die Regierung alle Juden, insgesamt 5000 Personen, aus der Altstadt herausziehe und in den jüdischen Vierteln unterbringe. In den Straßen der Altstadt patrouillieren Lastwagen mit Polizei und Militär. In der Marmilastraße in Jerusalem wurde ein Jude namens David Horowitz von Arabern angegriffen und verwundet. Er mußte in das Hadassah-Krankenhaus überführt werden. Der Generalinspektor der palästinensischen Polizei, S p icer, ist persönlich in einem Automobil dauernd in der Stadt unterwegs, um die Sicherhcitsvorkchrungen zu überwachen und die Polizeipatrouillen zu inspizieren. Araber versuchten, nach Ata rot bei Jerusalem einzudringen. Es gelang der Polizei, ihr Vorhaben zu vereiteln und die Menge in die Flucht zu schlagen. Großer Brandschaden entstand im Wald bei Mischmar Haemek. Der Waid wurde fast vollkommen durch das Feuer vernichtet (Weitere Nachrichten Seite 2) Das Beispiel Litauen Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts war es möglieh, daß Betrachter der jüdischen Situation in der Welt sich über die Tendenzen der Entwicklung im unklaren waren. Wir erinnern z. B. an die Diskussionen, die in den verschiedenen wissenschaftlichen Kreisen der Judenheit darüber geführt wurden, ob die sogenannte ״Vcrelcndungsthcoriv“, die von manchen Vertretern der jüdischen Wirtscliaftsforschung im Hinblick auf die Lage der wichtigsten Gruppen des jüdischen Volkes autgcstellt wurde, richtig sei, oder ob cs sich dabei nur um zeitlich und lokal begrenzte Erscheinungen handle, während wesentlkhe Teile des jüdischen Volkes in wirtschaftlicher Beziehung im Aufstieg begriffen seien. Diese Diskussionen sind im Grunde genommen seit dem Ausbruch des Weltkrieges überflüssig geworden. Die große Erschütterung des Krieges und die sich ihm anschließenden Veränderungen i!1 der Grenzziehung und in der Wirtschaftspolitik der osteuropäischen Staaten halten eine eindeutige Antwort auf diese Frage gegeben. (iewiß trat in verschiedenen Ländern eine Erleichterung der politisch-rechtlichen Situation der Juden ein, ja es schien eine Zeitlang, als ob sich ihnen durch den Gedanken der nationalen Autonomie neue Lebensaussichten eröffneten — aber diese Hoffnungen waren trügerisch und wichen sehr bald einer tiefen Enttäuschung. Zusammen mit den wärtschädlichen Schwierigkeiten, die in den meisten dieser Länder nicht ausblieben und die Völker erschütterten, brach auch über die Juden Not herein. Es ist vielleicht verständlich, wenn die Regierungen — Regierungen junger Staaten, die selbst die nationale Befreiung soeben erst erlebt hatten — sich bemühten, der Krise dadurch Herr zu werden, daß sie einen möglichst großen Teil der Lasten auf die frcmdnationalen Minderheiten abwälzten, um so dem Kernvoik des Staates möglichst große Chancen für seine Entwicklung zu geben; aber man darf nicht verkennen, daß hierdurch besonders die Lage der [ u ־ den als Trägern wichtiger wirtschaftlicher Funktionen aufs stärkste beeinträchtigt worden ist. Ein Beispiel dieser Entwicklung ist in den letzten Tagen durch eine Erklärung beleuchtet worden, die der litauische Innenminister abgegeben hat Aus dieser Kundgebung, über die wir in der vorigen Ausgabe berichtet haben, spricht ohne Zweifel guter Wille. Der Minister rückt unzweideutig von den Kreisen ab, die Exzesse gegen Juden zu veranstalten pflegen, und er betont die volle Rechtsgleichheit der jüdischen Bcvölkerung Litauens, die die Regierung zu wahren entschlossen ist. Dennoch scheint uns, daß mit diesen Feststellungen noch wenig getan ist. Auch unter Bedingungen, wie sie bisher bestanden haben, verengern sich die Lebensmöglichkeiten der jüdischen Bevölkerung von Jahr zu Jahr. Auf dem Gebiete des Handels, von dem von rund 150000 Juden Litauens 32 0״ leben, besteht die Tatsache, die nicht allein für Litauen, sondern auch für Polen und andere Länder des Ostens charakteristisch ist, daß eine grundlegende Umorganisation dieses Wirtschaftsgebietes vor sich geht. Er ist seit dem Kriege mehr und mehr aus der Hand der Privatuntcrnchmer, d. h. also vielfach der Juden, in die Hand von Kooperativen überführt worden, die mit Hilfe der Regierung ins Leben gerufen und von ihr durch Steucrermäßigungen, Auftragszuteilung usw. gefördert wurden. Dies gilt ganz besonders für die Zweige des Handels, die mit der Landwirtschaft verbunden sind und die in einem Agrarlande wie Litauen eine besonders große Rolle spielen. So sind z. B. der Fleisch- und Milchhandel den Juden entzogen worden, obwohl die Bauern selbst nicht immer damit zufrieden waren, weil die Genossenschaften infolge ihrer hohen Unkostcnhclastung z. T. weniger als der private Handel für die Produkte bezahlen. Die Bedeutung dieser Genossenschaften für die Verwertung der Erzeugnisse und die damit verbundenen Schwierigkeiten wurden erst vor kurzem durch einen Strafprozeß gegen den litauischen Direktor der Fleischvcrwcrtungs-Kooperative in der weiteren Oeffentiichkeit bekannt. In der Erklärung des litauischen Ministers wurde u.a. Zu den Ereignissen in Palästina sprechen am Montag:, dem 18. Mai 1936 in Köln: Dr. Michael Tranb in Hamburg: Dr. David Schlossberg in Benthen: Dr. Franz Meyer Verschärfte Spannung