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Jüdische Rundschau · 1936-05-12 · Heft 38 (12.5.1936) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 38 (12.5.1936)
Date
1936-05-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT NR. 38, T2. MAI 1936 Wo stehen wir? Von unserem palästinensischen Korrespondenten an die Regierung sdienste herangekommen, die weiter funktionieren. Es besteht freilich jetzt ein Vorschlag, auch die Arbeiter und Beamten bei der Regierung mit einzubeziehen, so wie sich auch Stimmen melden, die Steuer verwcig e - rung fordern, aber es bleibt abzuwarten, ob hier die Agitation Erfolge haben wird. Bisher ist es jedenfalls eine Tat- Sache, daß der Generalstreik eben nur Teile des paiästincn- Der nachstehende Artikel unseres palästinensischen Kor• respondenten, der durch Brief post eintraf, ist vor der Erklärung Sir Arthur Wauchopes an die Araber abge• faßt, in der seitens der Regierung scharfe Maßnahmen gegen Unruhestifter angekündigt wurden. Dennoch beleuchtet er die Situation in den wesentlichsten Pankten auch noch für den gegenwärtigen Zeitpunkt sutref• fend. (Red.) g I. T e 1 - A w i w, 3. Mai 1936 Im Wirbel der Ereignisse Wir haben, um in dem Stile der offiziellen Bekanntmachungen der Palästinaregierung zu reden, seit ungefähr einer Woche Ruhe im Lande. Ruhe, das bedeutet, daß nach der Explosion von Jaffa, die neunzehn Tote und viele Verwundete verursachte, keine Ausbrüche in größerem Umfange mehr vorgekommen sind, daß nur hier und da ein neues Todesopfer oder ein Schwerverletzter dazu kommt. Und wenn man diese Verhinderung weiterer Unruhen im herkömmlichen Sinne des Wortes als Kriterium nimmt, so kann man der Mitteilung der Regierung zustimmen, daß sie die Lage völlig beherrsche. Aber eben nur, wenn man dieses Kriterium annimmt. Will man dagegen als maßgeblich ansehen, daß das Leben im Lande wieder in normale Bahnen zurückgekehrt ist, so wird man erkennen müssen, daß der Zustand, der sich an die Jaffaer Ereignisse anschloß, noch wenig von Ruhe und wirklicher Beherrschung der Situation an sich hat und die Spannung und das Gefühl der Nervosität und Unsicherheit im Lande nach wie vor anhält. Allein die kurzen, nahezu lakonischen Communiquds der Regierung, die täglich, manchmal zweimal täglich, durch das Radio und die Presse verbreitet werden und die stereotyp mit dem Satze schließen, daß ״sonst keine außergewöhnlichen Ereignisse gemeldet werden“, sind ein Mosaik von ernsten Inzidenten. Primitive Bomben hier und da, die glücklicherweise bisher noch nirgends ernsten Schaden angerichtet haben; Demonstrationen in den Städten, die manchmal ruhig verlaufen, manchmal, wie die gestrige in Haifa, zu Zusammenstößen mit der Polizei führen und Opfer fordern; Brandstiftungen an den verschiedensten Stellen des Landes, die die Ernte der jüdischen Siedlungen gefährden und zu einer täglichen, oder besser nachtliehen Erscheinung in der Ebene Jesreel, in Wadi Hawarith und sonstwo zu werden drohen; Zusammenrottungen von Fellachen, die in die Stadt ziehen wolls* und von der Polizei gehindert werden; Generalstreik in den Städten, der mit seinem Kämpfe um die Schließung der Läden zu einer immer bedrohlieberen Quelle von Streitereien und Gewaltakten führt; Un- Sicherheit der Wege; Nägel auf den Chausseen und in den Straßen der Städte, die den Autoverkehr behindern und jetzt manche Wagen zwingen, Besen an die Vorderräder zu binden, um sich vor Pannen zu schützen. Alle diese ״kleinen“ Ereignisse zusammen mit immer wieder aufflackernden falschen Gerüchten, die die Geister von neuem erhitzen und immer neue Gefahrenquellen bilden, halten das Land, die Regierung und die Bevölkerung in Atem. An bestimmten Tagen, besonders am Freitag, wo sich die Moslems in größeren Massen in den Moscheen sammeln, steigt die Nervosität und mit ihr die Wachsamkeit der Polizei und des Militärs, und auch sie hat die Zusammenstoße, die in dieser Woche in Haifa vorkamen und dort das erste Blut fließen ließen, nicht verhindern können. Der aufgehäufte Zündstoff im Lande, die stark gesteigerte arabische Agitation, halten die Masse in einer dauernden Spannung, und es ist überaus schwer, über den Wirbel der täglichen Ereignisse hinaus sich zu orientieren, wo wir stehen und wohin dieser Strom des täglichen Kampfes uns treibt. Dennoch soll hier eine vorläufige Analyse der Situation versucht werden, die freilich mit allem Vorbehalt aufzufassen ist, weil es eben im gegenwärtigen Moment fast unmöglich ist, sich von dem Strom der täglichen Einzelheiten freizumachen. Keine Gefahr fOr den Jlschuw Ein wichtiger, vielleicht der zentrale Punkt, war vor Ausbruch der Jaffaer Unruhen ersichtlich und ist im Laufe der folgenden Tage vollkommen klar und unbestritten geworden: die arabischen Ucberfälle auf Juden mit allen ihren Nebenerscheinungen, Morde, Brände, Streiks, Terror in jeder Font! hat wohl großes Leid verursachen, aber die Grundlagen des Jüdischen Nationalheims, die Existenz der Juden in Palästina nicht im geringsten angreifen können. Auch in den Tagen der schwersten Erschütterung in Jaffa, als kein Mensch noch wußte, wie die Dinge lagen, als die Autos die Verwundeten zum Schrecken der nichtsahnenden Tel-Awiwer ins Krankenhaus brachten, gab es wohl ein Gefühl des Entsetzens, der Trauer, aber es gab keine Massenangst, keine Panik. Tel-Awiw härte sich auch nicht geängstigt, wenn ganz Jaffa gegen seine Grenzen gestürmt wäre. Und was für diese größte Stadt des Landes mit ihren Judenmassen gilt, ist auch richtig für die Städte mit gemischter, arabisch-jüdischer Bevölkerung, ist richtig für die Siedlungen, auch für die isoliert liegenden. Der Jischuw ist seit den Bluttagen von 1929 gewachsen, sein spezifisches Gewicht ist viel größer, sein Selbstbewußtsein hat sich gestärkt, seine Widerstandskraft sich gehoben. Daß mit diesem Wachstum zugleich auch die Herrschaft über die eigenen Massen unter den Juden schwerer geworden ist, darf nicht wundernehmen. Aber daß wir — nach der ersten Verwirrung — auch hier zu einer bestimmten Ordnung und Disziplin gekommen sind, bewiesen die Eröffnung der Levantemesse und die große Maifeier in Tel-Awiw. Bei beiden Gelegenheiten hatten wir in einer Zeit der schwierigsten Stimmungen eine Ansammlung von vielen Tausenden, und diese hielten mit großem Verständnis für die Situation eine eindrucksvolle Disziplin und absolute Ordnung. Beide Ereignisse stellten der jüdischen Haltung ein ausgezeichnetes Zeugnis aus. Die innere Sicherheit, die gesteigerte Widerstandskraft des Jischuw wird auch von den Arabern empfunden. Sie wissen, daß ihnen hier ein durchdachter und fester Wille gegenübersteht, daß man sich nicht einfach umbringen läßt, daß man gewillt und bereit ist, sich zu verteidigen. Im Jahre 1929 erhielten die arabischen fanatisierten Massen, die sich auf die jüdischen Siedlungen warfen, die erste Lektion dieser Art im großen Stile. Trotz Mangel an Regierungsschutz und Militär, trotz Menschen- und Waffenmangel hielt man sich damals, und es ist in jenen Auguststagen vielen der arabischen Angreifer klar geworden, daß hier keine leichte Beute zu holen war. Diese Tage sind an vieler! Stellen im Lande noch in lebhafter Erinnerung, und viele der arabischen Dörfer wissen auch sehr gut, daß seitdem die Juden an Kraft noch stafk gewachsen sind, und daß es nicht so einfach, ja daß es unmöglich sein wird, sie ״ins Meer zu werfen“, wie seinerzeit die Losung lautete. Zu einem guten Teil sind die neuen arabischen Kampfmethoden, die heute angewandt werden, eine Folge der Erkenntnis der Stärke der jüdischen Positionen. Zum Teil sind sie eine Anpassung an die besonderen palästinensischen Bedingungen, und es ist für uns von Wichtigkeit, uns über sie klarzuwerden. Die neuen arabischen Kampfmethoden Im Jahre 1929 hatten wir es mit einem arabischen Aufstand zu tun, der fast gleichzeitig in den verschiedensten Gegenden des Landes losbrach und im Laufe einiger Wochen fast das ganze Land zu einem Kriegsschauplatz machte. Die Aktion war von langer Hand durch Agitation, falsche Gerüchte, ausgestreute Schlagworte, trügerische Hoffnungen vorbereitet worden. Sie wurde damals um so gefährlicher, als die Engländer kein Militär im Land hatten, das Haupt der Regierung auf Urlaub war, der gesamte Apparat versagte. Dieses Ada! war eine Aktion im Landesmaßstab nicht geplant und wahrscheinlich ist der Jaffaer Ausbruch ebenfalls nur eine halb zufällige, freilich durch den massenhaft vorhandenen Zündstoff begünstigte Explosion gewesen. Das gilt aber alles nur für die ersten verworrenen Tage. Die arabische Bewegung hat dann sofort gesehen, daß hier eine Gelegenheit ausgenutzt werden konnte, und die Führer der verschiedenen Parteien haben unverzüglich die Organisierung des Streiks mit allen seinen Begleiterscheinungen, erhöhte Agitation, verschärfte Pressekampagne, Demagogen in den Dörfern und bei den Beduinenstämmen, Benutzung der neugegründefen Sturmtrupps, Organisierung von Demonstrationen usvv. in die Hand genommen. So stark war der Antrieb der Stunde, daß für den Moment sogar so etwas wie eine oberste arabische interparteiliche Körperschaft gegründet wurde, die einen beträchtlichen Teil der arabischen Oeffentliehkeit repräsentiert. Diese neue arabische Aktion arbeitet mit zwei gefähr- Lichen und in diesem Umfang in Palästina neuartigen Waffen, einem Streik auf unbestimmte Zeit — ״bis zum Siege“ — und individuellem Terror verschiedenster Form. Streiks politischer Färbung sind uns seit langem in Palästina bekannt. Aber sie wurden bisher immer für einen Tag oder eine bestimmte kurze Zeit angesetzt und dienten so als Mittel der starken Demonstration. Diesmal soll gestreikt werden, bis die Forderungen der Araber befriedigt sind, nach dem Muster Syriens, das in seinem Kampfe gegen das französische Mandat eine derartige Aktion durchführte und damit das Wirtschaftsleben lahmlegte und zugleich eine Periode der schwersten Unruhen schuf. Das Beispiel Syriens ist es auch fraglos, das die palästinensischen Araber zu dieser neuen Kampfesweise ermuntert hat. Freilich liegen die Verhältnisse in Palästina in entscheidenden Hinsichten anders als im Nachbarlande. Dort streikte das ganze Land, die gesamte Bevölkerung, in Palästina arbeiten die Juden, ein Drittel der Bevölkerung, weiter. Es ist also auch beim besten Gelingen des Streiks unmöglich, daß die Araber das gesamte Leben des Landes lahmlegen. Es bleibt der jüdische Sektor, der weiter aktiv ist und sich auch bisher durch den Streik nicht hat irremachen lassen. Zudem ist der Streik bisher nicht sischen Lebens hat lahmlegen können. Es gibt einen anderen Unterschied zu Syrien: die englische Regierung ist der gesamten Lage im Vorderen Orient nach an ihrer Stellung im Lande weit stärker interessiert, als es die Franzosen in Syrien waren. Gerade bei der Entwicklung der Dinge in Aegypten im letzten halben Jahr hat das englische Imperium in Palästina sehr wichtige konkrete Interessen zu verteidigen. Es fragt sieh nun weiter, nicht o b, sondern w i e es sie verteidigen wird. Und um dieses Wie geht jetzt letzten Endes die Weiterentwicklung der Ereignisse im Lande. Der Streik ist die eine Methode der arabischen Aktion, der Terror in verschiedenen Formen die andere. So wie uns der Streik keineswegs ganz neu im Lande ist und heute nur seine Form geändert hat, so ist auch der politische Terror eine sich immer von neuem meldende Bcgleiterschcinung der letzten Jahre gewesen. 111 kleineren und größeren Zeitabständen hat man Juden auf den Wegen aus dem Hinterhalt erschossen. Von den Jaffaer Unruhen an breitet sich der Terror aus. Er führt zur Anzündung von jüdischen Feidem an den verschiedensten Ecken des Landes; er besät die Wege mit Nägeln, um Pannen zu verursachen; er verfertigt primitive Bomben; er arbeitet mit Messerstichen und Steinwürfen. Irn Jahre 1929 gab es Ucberfälle von Rotten auf Stadtviertel und Siedlungen, dieses Mal wird der hinzelne angegriffen, der Passant überfallen, aus dem Hinterhalt getroffen, im nächtlichen Dunkel das Feld angezündet, die Fruchtbäume um gehackt. Diese Karnpfm ethode schützt zu einem guten Teil ihre Täter; sie sind nur selten zu fassen; sie entschlüpfen durch hundert Lücken, oft genug geschützt von der sympathisierenden Bevölkerung, vielleicht auch von den fast ausschließlich aus Arabern gebildeten niederen Polizeichargen. Diese Kampfmethoden verlangen vom Gegner nicht eine einmalige An- Spannung zur Abwehr, sondern dauernde Wachsamkeit, sie halten Polizei, Militär und Regierungsorgane datiernd unter Druck, Kinder und Halbwüchsige widmen sich mit größter Freude an der Sache dem Durchschneiden von Autoreifen und den! Allssäen von Nägeln. Bei diesen Methoden können die Araber sehr lange Krieg führen, und während an einer Stelle Ordnung geschaffen wird, beginnt das Treiben an einer anderen mit neuer Frische. Die arabischen Führer sind sich selbst nicht einig, wie lange das Spiel gehen soll. Einige sind dafür, jetzt oder in Kürze abzublasen und mit Verhandlungen in London und Jerusalem zu beginnen. Andere sind dafür, die Sache bis zum letzten Ende auszukämpfen, da sie sich von Verhandlungen nicht viel versprechen. Und es ist bisher nicht klar, welche Seite die Oberhand gewinnen wird. Viel wird bei den arabischen Ent- Schlüssen die Haltung der Regierung mitzusprechen haben, die bisher versucht hat, von zu scharfen Maßnahmen abzusehen und doch größere weitere Ausbrüche zu verhindern. Die Forderung der Araber und das Gesamtproblem Die Araber hatten bei Beginn des Streiks drei F o r - der ungen aufgestellt: Stoppen der E i 11 w a n d e rung und der Bodenkäufe und Einsetzung einer N .1 t i o 11 a 1 e 11 Regierung. Sie haben sie jetzt auf eine einzige Forderung reduziert, nämlich die Sistierung <1 e r Im m i g r a t i o n. Man versteht ganz gut, aus welchen Erwägungen dieser Schritt gemacht worden ist. Zur Inhibierung der Bodenkätife gehört ein Gesetz und längere Vorarbeiten; die Einsetzung einer nationalen Regierung würde so etwas wie die Aufgabe des Mandates bedeuten und daher von den Engländern nie akzeptiert werden. Die Sistierung der Einwanderung ist mit einem Federstrich zu erledigen, sie kann von den Engländern als eine temporäre Maßnahme dargestellt werden. Gerade diese Forderung der Araber ist von Juden nicht zu billigen, gerade an der Einwanderung müssen sic festhalten und halten sie fest, denn Unruhen oder nicht, Terror oder nicht, worauf es ankommt, ist die Fortsetzung der Siedluugsarheit, d. h. der Immigration. An diesem Punkte ist also keine Lösung zu finden, tmd so wie sich die Dinge in den letzten Wochen gestaltet haben, ist überhaupt für den Moment kein Ausweg zu entdecken, [der Streik wird abflauen, —■ früher oder später — und dann — vielleicht für viele erst dann — wird befreit von den schweren In den Tagen des Streiks Jüdische Autos mit vorn angebrachten Besen, um die auf die Araber sitzen vor den geschlossenen Läden in Jaffa St; aße gestreuten Nägel und Glasspliiter während der Fahrt ZU beseitiget% Foto«: H. Ornihkoa, J«rva«l•m, L»<»r Dünner, Tel-Awiw . / ' -

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