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Jüdische Rundschau · 1936-05-12 · Heft 38 (12.5.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 38 (12.5.1936)
Date
1936-05-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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H 5.1336 Nr. 38 / Jahrgang 4t III Muiftl«lt1mg,V«rl*g a. Anx41genv«rwaltnng1 Berlin W15, MaSaakaitr.lQ Fanurvft Sammal Nummer J1 (Bismarck) MSI. — Bezugspreis einschliefliich Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin 71573 (für Groß - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Preis 25 Rpi RUNDSCHAU BERLIN כ׳ אייר תרצ״ו DIENSTAG, 12. M AI 1936 GUti,1 Anz.Iff-nprel.Uata Nr. S. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf., füt Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit*- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe M ittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Wochenschau Der arabische Streik Verschärfung des Generalstreiks / Steuerstreik proklamiert / Ruhe im Lande England und die Araber Palästinas — Aegypten, Abessinien, Orientpolitik —• Der Negus in Jerusalem — Zu Scholem Alejchems Todestag — Bedeutung eines Buches Die Situation in Palästina wird durch eine V e r - schärfung des politischen Gegensatzes zwischen den Führern der arabischen Parteien und der Mandatsregierung gekennzeichnet. Seit der von Sir Arthur Wa uchope gemachten Ankündigung strenger Maßnahmen gegen jede Art der ungesetzliehen Demonstration hat sich die äußere Lage im Lande beruhigt, wenn auch noch einzelne Ueberfälle und Brandstiftungen im Laufe der Woche zu verzeichnen waren. Dennoch ist nicht zu verkennen, daß der politische Wille der arabischen Führer noch nicht gelähmt worden ist. Obwohl die Regierung jede Aufforderung zum Steuerstreik unter Strafe gestellt hat, ist dieser Streik für den 15. Mai proklamiert worden, und es wird auch der Versuch gemacht, den bisher durchgeführten Generalstreik noch weiter auszudehnen. Sollte es zum Steuerstreik kommen, so darf man seine Bedeutung allerdings nicht überschätzen. Die Regierungseinnahmen in Palästina beruhen in der Hauptsache auf indirekten Steuern und Zöllen, während direkte Steuern nur einen kleinen Teil des Budgets decken. Eine Verweigerung der Steuern auf Immobilien könnte zudem die Beschlagnahme des Objektes nach sich ziehen. Die Fronten haben sich in der vergangenen Woche also etwas verschoben. Der erste Ausbruch in Jaffa und auch die nachfolgenden Ereignisse richteten sich zunächst gegen Juden. Nachdem es der Regierung unter Aufgebot polizeilicher und militärischer Hilfskräfte gelungen ist, die äußere Ordnung einigermaßen wiederherzustellen, wird die Auseinandersetzung in erster Linie zwischen der Regierung und der arabisehen Seite geführt. Die Araber bedienen sich dabei der Mittel, die ihnen durch das syrische Beispiel als empfehlenswert erscheinen. Nach den deutlichen Erklärungen Sir Arthur Wauchopes und des Koionialministers Thomas dürfte sich ihre Hoffnung jedoch nicht erfüllen, Verhandlungen mit der Regierung etwa auf einer ähnlichen Basis aufzunehmen, wie es der syrischen Delegation in Paris möglich war. Obwohl also der Druck, der in Palästina von arabischer Seite ausgeübt wird, sich inzwischen etwas verlagert hat, wäre es verfehlt, wollte man die Kompliziertheit der Situation nicht erkennen. Es ist notwendig, die Palästina-Frage in ihrem ganzen Umfange zu überschauen, will man das Ziel erreichen, eine Wiederholung von Ereignissen, wie wir sie in den letzten Wochen erlebten, für die Zukunft zu vermeiden. Die jüdische Position ist dabei insofern gefestigt, als der Jischuvv selbst die Tage der Gefahr mit großer Kaltblütigkeit und Disziplin überstanden hat und der Welt, nicht zuletzt auch der englischen Regierung den Beweis erbrachte, daß er durch Gewaltmaßnahmen nicht zu erschüttern ist. Dazu kommt, daß Palästina in seiner Funktion als Einwanderungsland für die notleidenden jüdischen Massen vieler Länder Europas aner- Kannt worden ist, so daß Gründe der praktischen Politik die Offenhaltung seiner Tore für jüdische Einwanderer gebieten. Von unserer Seite aus wird naturgemäß alles zu geschehen haben, um diese Position weiter auszubauen. Die Aufgabe der Exekutive wird es sein, diesen klaren Standpunkt zu vertreten und zugleich den Nachweis zu führen, welch große Leistungen das jüdisehe Volk für die Gesamtentwicklung Palästi- ם a s und damit auch für die arabische Bevölkerung aufzuweisen hat. Diese Gesichtspunkte werden sowohl in Jerusalem wie in London nicht unbeachtet bleiben. Dr. Weizmann, der sich soeben nach London begeben hat, dürfte gerade dort in der nächsten Periode eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben. * Unsere hier bereits zum Ausdruck gebrachte Meinung über die Situation im Nachbarlande Palästinas, in Aegypten, hat sich bestätigt. Der Führer der Wafd- Partei, die aus den Kammerwahlen als Siegerin hervor* gegangen ist, Nahas Pascha hat ein Kabinett gebildet, das nur aus Wafd-Mitgliedern besteht und naturgemäß entschlossen sein dürfte, die ägyptisch-nationalen Forderungen gegenüber England mit großer Energie zu vertreten. Um so stärker muß England darauf bedacht sein, die ruhige Entwicklung des östlichen Anlieger-Gebietes des Suezkanals, Palästinas, aufrechtzuerhalten. Jerusalem, 7. Mai. Am Donnerstag fand in Jerusalem eine Sitzung des Obersten Arabischen Streikkomitees statt, an der 150 Delegierte aus ganz Palästina teilnahmen. Den Vorsitz der Konferenz führte der G r oJ5 - m u f t i von Jerusalem. Es wurde der Beschluß gefaßt, eine Propaganda-Aktion für eine Steuerverweigerung am 15. Mai zu beginnen und die Generalstreikproa g a n d a in verstärktem Maße fortzusetzen. Zu diesem wecke sollen ab Sonnabend, dem 9. Mai, Mitglieder des Streikkomitees Agitationsreisen durch ganz Palästina unternehmen, falls die Regierung den Forderungen der Araber nicht nachgibt. Diese Forderungen richten sich nach wie vor aut eine Sperrung der jüdischen Einwanderung, auf ein Verbot der Landverkäufe an Juden und auf die Einsetzung einer arabischen Nationalregierung. Zunächst soll von den Agitatoren Haifa besucht werden, um die Hafenarbeiter zum Anschluß an den Streik zu bewegen. Im übrigen werden ernstliche Zwischenfälle aus ganz Palästina nicht berichtet. Einige kleinere Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude in Jerusalem, wo die arabischen Streikführer Hassan Sidky Dajany und Salakh Abdou zu der Beschuldigung verhört wurden, zum Steuerstreik aufgefordert zu haben, wurden von der Polizei aufgelöst. Die arabischen Autobusgesellschaften sind von der Regierung aufgefordert worden, den Streik aufzugeben und den üblichen Verkehr innerhalb von 24 Stunden wieder aufzunehmen. Falls die Gesellschaften dieser Aufforderung nicht nachkommen, sollen ihnen die Verkehrsgenehmigungen entzogen werden. In Atlit, nicht weit von Haifa, ist eine jüdische Briefumschlagfabrik angezündet worden. Zwei Araber wurden verhaftet. Die Telephonverbindung zwischen Nablus, Tulkerem und Jenin ist durchschnitten worden. Die Polizeibehörden setzen die Bewaffnung der jüdischen Siedler in der Scharon-Ebene und dem Emek Jesreel fort. Es sind weitere Waffenmagazine geöffnet und die Waffen unter die jüdischen Kolonisten verteilt worden. Auch die in den an Jaffa grenzenden Vorstädten von Tel- Auch noch von einer anderen Seite her ist die Situation Englands im Orient vor eine neue Tatsache gestellt worden. Die Proklamierungdes italienischen Königs zum Kaiser von Abessinien und die dadurch bewirkte Schaffung eines Parallelfalles zum britisch-indischen Imperium hat wohl mehr als symbolische Bedeutung. Wenn es im Augenblick auch noch unklar ist, wie die endgültige Regelung dieser Frage sich gestalten wird, so ist es doch klar, daß innerhalb eines Gebietes, das bisher in erster Linie britische Einflußzone war, ein neuer wichtiger kolonialer Faktor in der Gestalt Italiens auftritt, der mit aller Energie seine Geltung auszudehnen entschlossen ist. Dadurch wird ein neues Element der Unsicherheit in das gesamte Gefüge der Orientpolitik hineingetragen, dessen Auswirkungen heute noch nicht zu übersehen sind. * Der Negus von Abessinien mit seinem Gefolge ist indessen in Jerusalem eingetroffen. Diese Ankunft ist nicht ohne eine gewisse historische Pikanterie, leitet doch das abessinische Kaiserhaus seinen Stamm von einer Verbindung der Königin von Saba mit König Salomo her und empfindet sich so als dem ״Hause Juda“ zugehörig. Wenn auch gewiß derartige sentimentale Gründe bei der Wahl Palästinas als vorläufigem Aufenthaltsort des Kaisers nicht bestimmend waren, so entbehrt diese Erinnerung doch nicht eines gewissen Reizes. Die Kaiserin hat übrigens vor einigen Jahren bereits Palästina besucht und ist damals im Lande mit großer Aufmerksamkeit empfangen worden. * Während unser Interesse sehi stark von den Dingen der politischen Entwicklung gefesselt wird, dürfen wir doch nicht all das vergessen, was unser Eigenstes ist und unser eigentliches Leben ausmacht. Wir gedenken in diesen Tagen des vor 20 Jahren in New׳ York verstorbenen großen jiddischen Dichters und Humoristen Scholem Alejchem, der am Himmel der jüdischen Literatur einen besonderen Platz einnimmt. Die unvergänglichen Gestalten, die er geschaffen hat, sein Tewje, sein Menachem Mendel und viele andere zeigen uns die ganze Eigenart, die Not und auch die stille Heiterkeit des jüdischen Lebens im Osten; sie sind ein Lehrbuch der Judenfrage in ihrer sozialen und in ihrer seelisehen Ausprägung und können uns, die wir einem Zweige des Volkes entstammen, der von dem croßen Strome Awiw wohnenden Juden sind mit Waffen zu ihrem Selbstschütz ausgerüstet worden. Verschiedene neue Poli/dsiationen wurden in der Scharon-Ebene eingerichtet. Ferner wurde von der Regierung beschlossen, im Emek Jesreel zusätzlich jüdische Polizisten einzustellen. Der hebräische Dichter Sau! T s c 11 e r n i c 11 o w s k y ist beinahe das Opfer eines Anschlages geworden. Araber beschossen einen Autobus zwischen Rechowoth und Tcl-Awiw. Die Schüsse drangen in das Innere des Wagens und eine Kugel ging nur wenige Zentimeter am linken Ohr des Dichters vorbei. Saul Tscherniehowsky wurde nicht verwundet, aber sein Gehör ist leicht beeinträchtigt worden. Im Zusammenhang mit diesem Anschlag sind drei Araber verhaftet worden. Die Vereinigung a r a b i s c h e r F r a ti e n hat an König Eduard von England ein Telegramm gerichtet und ihn aufgefordert, zugunsten der Araber in Palästina sich zu verwenden. Am Vormittag versammelten sieh in Jerusalem etwa 300 a r a b i s c!1 e F r a u e 11 u 11(1 S c 11 u 1 e r i n n e n. In ruhiger Prozession gingen sie vom Löwcntor in der Altstadt zum Regierungsgebäude, wo sie dem Sekretariat des Oberkommissars eine Denkschrift überreichten, in weleher gegen die Politik der Regierung protestiert wird und die arabischen Forderuntgcn unterstützt werden. An der Spitze der Prozession wehte die Fahne der Vereinigung arabischer Schüler. Die Frauen gingen sodann nach dem Hause von Auni Abdelhadi, wo gerade eine Sitzung des Arabischen Komitees stattfand. Der Mufti hielt eine Ansprache an die Prozession, in der er die Aufgabe der Frau innerhalb der arabischen nationalen Bewegung erklärte. Sodann kehrte die Prozession zurück und zerstreute sich am Nablus-Tor. Wie Paieor erfährt, hat die Mufti-Partei ihren Sekretär, Emile G h o r y, nach London gesandt, um festzustellcn, ob die Verhältnisse dort für einen Besuch der arabischen Delegation im Augenblick geeignet sind. Emile Ghory, ein christlicher Araber, ist bereits abgereist, Der Waad Leutni hat angeordnet, daß der traditionelle Fackelzug bei den am Sonntag stattfindenden Feierlichkeiten nationalen Lebens eine Zeitlang abgetrennt war, diesem nahebringen. Scholem Alejchem besitzt so für uns nicht nur literarischen Wert, sondern er - wie überhaupt so manche Vertreter und Erzeugnisse unserer Literatur — bildet für uns einen wichtigen Faktor der Erziehung, der Zurückfülmmg zum Volke und zu den lebendigen Quellen unseres eigenen Wesens. * In diesen! Zusammenhänge muß mit einiger! Worten auf ein Werk hingewiesen werden, das vor kurzem erschienen ist. Von ,Martin Buber und Franz Rosenzweig ist das Buch: ״Die Schrift und ihre Verdeutschung“ erschienen (im Schocken-Verlag). Es soll hier nicht einer Besprechung dieses Buches vorgegriffen werden. Worauf es vielmehr jetzt ankommt, ist die besondere Bedeutung zu ־zeigen, die eine solche Publikation für uns in dieser Zeit haben kann. Es geht um die f rage einer Verbeutscliung der Bibel, also tun ein Problem, das aufs engste mit dem Kulturaustausch zweier Bezirke verbunden ist. Die Verdeutschung der Bibel ist von Buber und Rosenzweig in einer Zeit unternommen worden, in der sich bereits die Krise im Verhältnis der beiden Bezirke andeutete, und sie wird von Buber in einer Zeit fortgeführt, in der diese Krise zu vollem Ausdruck gekommen ist. Wenn nunmehr eine Reihe von Arbeiten, die zum Teil schon früher an verschiedenen Stellen veröffentlicht wurden (so ein Teil der Arbeit Bubers ״Der Mensch von heute und die jüdische Bibel“ in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 5 vom 17. Januar 1936), zu einem Bande vereinigt erscheinen, so stellt uns dieses Buch mit großer Eindringlichkeit nochmals vor jenes Problem. Darüber hinaus aber wird uns die Frage nach dem Sinn der Bibel für uns selbst gestellt, und wir werden, indem wir einen Einblick nicht nur in die Methode der Uehersetzung, sondern zugleich in Weg und Form der biblischen Rede selbst erlangen, vor die Frage nach dem letzten Sinngehalt des biblischen Wortes und nach seinem Anspruch an uns gestellt. So führt uns diese Sammlung von Arbeiten, die sich mit der Verdeutschung der Schrift beschäftigen, in das Zentrum unserer eigenen geistigen und jüdischen Situation hinein, in Fragestellungen, die über den Tag hinaus für unser Geschlecht Geltung haben, in welchen Bezirken auch immer es seine jüdische Zukunft erblickt. K. L.

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