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Jüdische Rundschau · 1936-05-08 · Heft 37 (8.5.1936) · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 37 (8.5.1936)
Date
1936-05-08
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 2 KINDER-RUNDSCHAU Nr. 8 Die Geschichte von dem indischen Schnurrbart und der holländischen Glocke Von C. Z. Klötzel, Jerusalem Diese Geschichte ist sehr schön, aber um sie richtig zu verstehen, muß man erst ein bißchen Geographie und ein bißchen Geschichte lernen. Es ist aber gar nicht schlimm, wie ihr gleich sehen werdet. Bitte, nehmt euren Atlas vor und schlagt die Landkarte von Indien auf. Nun fahrt mal mit dem Zeigefinger von der Südspitze Indiens an der Westseite entlang, bis ihr an die Stadt Cochin kommt. Habt ihr schon? Gut, da spielt unsere Geschichte. Geographiestunde aus! Nun die Geschichtsstunde. Cochin war früher die Hauptstadt eines selbständigen indischen Fürstentums, dessen Herrscher ״Rajah“ genannt wurde. In diesem Lande lebten seit undenklichen Zeiten Juden. Ja, einer der Rajahs hatte ihnen innerhalb seines Landes eine Provinz zur Verfügung gestellt, wo sie unter ihren eigenen Fürsten lebten — in einem richtigen kleinen Judenstaat. Der b^tand bis fast zum Jahre 1600, dann kamen die Portugiesen, eroberten die ganze Gegend und zerstörten den Judenstaat. Die Juden flohen nach der Hauptstadt Cochin, wo der Rajah ihnen eine eigene ״Juden ־ Stadt“ baute, die bis aut den heutigen Tag existiert. Dann kamen die Holländer und erobcrten das Land von den Portugiesen. Und jetzt sind wir soweit, daß wir unsere Geschichte erzählen können. * Eines Tages wollte der holländische Gouverneur dem damals regierenden Rajah einen Besuch abstatten. Als er in den Palast kam, fand er den Rajah in seinem Garten fest eingeschlafen. Der Rajah hatte einen gewaltigen Schnurrhart, auf den er sehr stolz war. Der Gouverneur war ein Spaßvogel: als er den Rajah schlafend fand, konnte er es nicht unterlassen, ihm den Schnurrbart abzuschneiden. Der Rajah erwachte, und als er merkte, was mit ihm geschehen war. rief er voller Zorn dem Gouverneur zu: ״Du hast mir den Schnurrbart abgeschnitten, dafür werde ich dir die Zunge herausreißen!“ Der Gouverneur bekam einen großen Schreck, denn er fürchtete, der Rajah werde nun Krieg gegen ihn führen. Ei fuhr schnell m seine 1 cstuiig aiii Aicci zurück, alarmierte seine holländischen Soldaten und befahl, daß zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang kein Mensch aus der Festung heraus oder in sie hinein dürfe. Dei Rajah wiederum hatte im ersten Zorn etwas gesagt, was er gar nicht. ausführen wollte. Aber wenn ein Fürst einmal etwas gesagt hat, so muß er sein Wort halten. Also war der Rajah in großer Sorge, was er tun sollte. Da riet er seine besten Ratgeber zu Hilfe, ein paar kluge Männer aus der ״Judenstadt“, die ganz dicht neben seinem Palast lag. Die hörten sich die Geschichte an und sagten dann zu dem Rajah: ״Euer Herrlichkeit brauchen sich nicht zu beunruhigen! Wir werden alles so einrichten, daß Euer Herrlichkeit Ihr Wort halten und dennoch Seiner Exzellenz, dem Herrn Gouverneur, nichts Böses geschieht!“ — ״Na“, sagte der Rajah, ״da bin ich mal neugierig, wie ihr das anstellen werdet!“ Einige Tage später kamen in die Festung ein paar jüdische junge Burschen, um an die Soldaten Geflügel zu verkaufen. Daran war nichts Auffälliges, denn es geschah fast alle Tage. Als aber an diesem Tage das Tor bei Sonnenuntergang gerade geschlossen worden war, kamen diese Leute angelaufen und sagten, sie hätten sich verspätet und man möge sie doch noch hinauslassen. Aber der Unteroffizier der Torwache wollte natürlich nicht gegen den ausdrücklichen Befehl des Gouverneurs handeln und jagte den Juden, sie müßten die Nacht über in der Festung bleiben. ״Aber wir kennen niemanden, bei dem wir schlafen könnten!“ lamentierten sie. Na, dafür wußte der Unter- Offizier Rat. Er sperrte die jungen Burschen in den hohen und festen Wachtturm über dem Tor — und das war genau das, was sie gewünscht und erwartet hatten. In diesem Turm hing eine große Glocke, die Tag und Nacht die Stunden schlug. Der Gouverneur hatte sie von seinem Schloß in Holland mitgebracht, und er war auf sie nicht weniger stolz, als der Rajah auf seinen Schnurrbart. Bei den Einwohnern von Cochin hieß die Glocke einfach ״der Gouverneur“, und wenn sie schlug, sagte einer zum andern: ״Horch! Der Gouverneur spricht!“ Mitten in der Nacht nun kletterten die jüdischen Bursehen hinauf in den Glockenstuhl und lösten den schweren Göpel aus der holländischen Glocke. Der Turm stand dicht am Meer; sie warfen den Göpel ins Wasser, dann sprangen sie selbst nach und schwammen davon. Als man in Cochin am anderen Morgen erwachte, wartete man vergeblich auf den Schlag der Glocke. Und als man hörte, was geschehen war, sagten die Leute zueinander: ״Der Gouverneur hat seine Zunge verloren!“ So hatte der Rajah mit Hilfe der Juden sein Wort gehalten, ohne daß dem Gouverneur ein Leid geschehen war. Der Fürst war darüber so erfreut, daß er den Juden in der benachbarten Stadt Ernaculam ein großes Stück Land schenkte, damit sie dort eine Synagoge bauen konnten. Aber auch der Gouverneur war sehr froh, daß sein Streich, den er längst bereut hatte, so gut abgelaufen war. Er ließ für seine Glocke einen neuen Göpel anfertigen und dann schenkte er sie den Juden von Cochin für ihren Turm am Ende der ״Judenstadt“ neben einer ihrer Synagogen. Dort hängt sie noch heute, und wenn sie die Stunden schlägt, sagen die Juden, von Cochin noch heute manchmal einer zum andern: ״Horch! Der Gouverneur spricht!“ Jerusalem, den 31. März 1936 Liebe Kinder-Rundschau! Ich bin schon 21/2 Jahre im Lande; ich bin 9 Jahre alt und möchte euch den Unterschied zwischen Deutschland und Palästina erzählen. Jeden Morgen stehe ich um 6.30 Uhr auf, mache mich fertig und hole noch Brot in der Tnuwah oder bringe Salat aus unserem Garten dorthin zum Verkauf. Nach dem Frühstück nehme ich meine Schultasche und gehe zur Schule. Wir lernen sehr viel Tnach, was sehr schön ist, und nach jeder Stunde haben wir 10 Minuten Pause, nach der dritten Stunde 20 Minuten. Fünf Stunden haben wir jeden Vormittag. Dann gehe ich zum Essen nach Hause und dann mache ich meine Aufgaben, ungefähr eine halbe Stunde. Zweimal gehe ich nachmittags zum Schreinern, was ich besonders gerne tue. Ich machte schon ein Gestell für unseren Hühnerstall, und die Hühner haben schon sehr viele Eier hineingelegt. Am Schabbat־Nachmittag gehe ich zu den Gurim (so wie bei euch die Habonim). Um 7.30 Uhr gehe ich schlafen. Ich habe noch zwei Brüder. Der ältere (17 Jahre) hat in Ben Schemen gelernt und ist schon ein halbes Jahr als Poe! in Benjaminah. Micha, der mittlere von uns, geht in die 8. Klasse und hat jetzt für eine ganze Woche mit der Schule einen Ausflug gemacht. Er ist mit einer ganz zerrissenen Hose heimgekommen. Auch ich habe einen Ausflug gemacht, aber nur einen Tag nach TeI־A־wiw, erst den Tiergarten sehen und dann an den Strand. Auch meine Mutter, die an der Schule Unterricht gibt, war mit. Als wir wieder in Jerusalem waren, mußten die Talpiother Kinder zu Fuß, da kein Platz im Bus war, eine halbe Stunde nach Hause gehen. Sehr wichtig ist, euch zu erzählen, daß ich in Deutschland ein Kinderfräulein hatte und selbstverständlich hier nicht. Hier helfe ich noch meiner Mutter und putze die Schuhe, pumpe Wasser für den Garten und trockne das Geschirr; manchmal mache ich die Eier und den Tee. Wir haben einen großen Garten mit allen Arten Fruchtbäumen, sehr viel Wein, Gemüse und Blumen und auch Hühner. Sie legen sehr viel Eier. Das, was ihr da lest, habe ich in hebräisch geschrieben und meine Mutter hat es deutsch abgeschriehen, das heißt, wie ich ihr es angegeben habe, denn ich kann nicht deutsch schreiben. Ich heiße Ben Reich und wohne in Talpioth bei Jerusalem. Euer . Dt1 «/׳\c׳lt־ /£ DU nächste Kihäe^-HundstheM erscheint am Dienstag, dem 26. Mai. Redaktions- Schluß hierfür am Montag, dem 18. Mai. <־RSMv ־-^t יי in diesem Turm der ״Jude,!stadt“ von Cochin hängt noch heute die ״Glocke des Gouverneurs“ Folo : C. Z. Klötcel

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