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Jüdische Rundschau · 1936-05-08 · Heft 37 (8.5.1936) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 37 (8.5.1936)
Date
1936-05-08
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Berlin, den 8. V.936 ו Beilage der ״Jüdischen Rundschau*4 ׳. Jahrgang / Nr. 8 -®Jö %-חי-»־־* *ז•-—JP LAG B’OMER Von Shmarya Lev in Der erste Feiertag, den ich als Chederjunge beging, war Lag b’omer. Gefeiert wird dieser Tag zur Erinnerung an das Erlöschen der Seuche unter den Jüngern Rabbi Akibas zur Zeit Bar Kochbas, des mächtigen Rebellen, der drei Jahre lang gegen Kaiser Hadrian Krieg führte. Einen ganzen freien Tag gönnte man uns nicht, und so mußten wir zum Vormittagsunterricht in den Cheder gehen. Es herrschte aber Feiertagsstimmung. Wir pflegten bunte gekochte Eier in den Cheder mitzubringen: die ärmeren Kinder brachten zwei Eier, eins für den Rebbe und eins für sich. Die wohlhabenderen brachten mehr mit. Die Eier wurden gefärbt, indem sie mit Zwiebelschalen, Nesseln und anderen Pflanzen zusammen gekocht wurden. Das Spiel mit ״Bunten Eiern״ hatten wir von den Christen gelernt, die sich um die Osterzeit daran ergötzten. Es war!echt einfach. Jeder Partner faßte sein Ei am breiten Ende an und stieß mit dem schmäleren Ende gegen das schmale Ende des gegnerischen Eies. Der Spieler, dessen Ei zuerst angeschlagen wurde, war der Besiegte. Am Ende beherrschte das letzte, unbesiegt und unzerbrochen aus dem Kampf hervorgegangene Ei das Schlachtfeld und sein Besitzer blieb Herrscher über alle übrigen Eier. In der Stadt erzählte man sich, daß ein junger Bauer seine Eier so zu verzaubern wußte, daß sie niemals in einem Kampfe zerbrachen. Es wurden öffentliche Kampfspiele für die Bauernjungen der Stadt veranstaltet. Wenn die Kirchenglocketi läuteten und den Schluß des Gottesdienstes verkündeten, versammelte sich die halbe Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, in der Mitte der breiten Straße. Und im Zentrum stand der junge Bauer, das unbesiegbare Ei hoch in der Luft schwingend und die Welt zum Kampf heraus« fordernd — wie Goliath, der Philister, als er in Helm und Rüstung vor dem Heer stand und die erschreckten Juden verhöhnte. Eine Stunde lang und manchmal auch zwei besiegte der junge Held sämtliche Kämpfer, und der Haufen angeschlagener gekochter Eier, die Siegesbeute, zu seinen Füßen wurde größer und größer. Die Zuschauer verfolgten das Spiel mit atemloser Spannung, und wenn ein Junge nach dem anderen besiegt und geplündert das Feld räumte, ertönten immer lautere Zurufe nicht der Entrüstung, son« dern der Bewunderung. Noch ein anderes Spiel war für Lag b’omer traditionell: das Spielen mit Bogen und Pfeilen zur Erinnerung an die Kämpfe zwischen den aufständischen Juden und den römi« sehen Legionen. Wir stellten die Bogen aus Zweigen her. Dieses Spiel hatte uns der Rebbe selbst gelehrt, weil es einen Bestandteil der heiligen Geschichte bildete. Er erzählte uns, wie die Schüler Akibas mit dem Feinde Krieg geführt hatten. ״Wer weiß״, sagte er, seine Aeuglein zusammen« kneifend, ״ob diese Kunst euch nicht eines Tages zu« statten kommen wird?״ Seine Vorstellungen von Kriegs« führung schöpfte er aus der biblischen Geschichte. Er bat uns, recht vorsichtig zu sein und nicht aufeinander zu schießen, da sonst jemand noch sein Auge verlieren könnte. Diese Warnung war überflüssig: unsere Bogen trugen die Pfeile höchstens ein paar Fuß weit. Aus Shmarya Levin: Kindheit im Exil, Verlag: Jüdische Buch-Vereinigung Lag b’omer in Jerusalem Von A. Reubeni Freudenfeuer flammen durch die Dunkelheit in der Lag b’omer-Nacht. Aut den Höhen und in den Tälern Jerusalems lodern sie steil aus Holzstößen hervor. Und Kinder tanzen rings um die Feuer. Am Tage darauf strömen die Menschen in Scharen nach Schechem. Sie wallfahren nach dem Grabe Rabbi Schimons, des Gerechten. Die Kinder tragen Bogen in den Händen. ״Was wollt ihr jagen, ihr kleinen Schützen?״ — ״Löwen!— ״ ״Wie wollt ihr sie treffen, ohne Pfeile?״ — Ihre Köcher haben sie zu Hause gelassen.... Vom frühesten Morgen an bewegen sich diese Menschenmassen aut allen Wegen in der Richtung nach Schechem, noch am Mittag und Nachmittag, selbst am Abend. Tausende und Abertausende wandern an diesem einen Tage hin und wieder fort aus der Stadt. Ganze Familien sind aut dem Marsche, schwerbeladen. Im Schatten alter Obstbäume lassen sie sich auf mitgebrachten Decken nieder. Hier wird gekocht und gebraten, gegessen, getrunken und geruht. Den ganzen Tag verbringen sie auf den Feldern: sephardische^ jemenitische, bucharische, kurdische und persische Juden. Und mitten unter diesen Orientalen Aschkenasim; auch sie wollen am Feste teilhaben. Festtagsstimmung überall: Droben strahlt ein tiefblauer Himmel, und lichtüberflutet liegt das Land da. Wie eine dunkle Mauer steigt aus dieser leuchtenden Pracht ein Berg aut. An seinem Fuße sitzen Jemeniten. Den Kopf gesenkt, singen sie voller Inbrunst: ״Bar-Jochai, Bar-Jochai״. Ihre Stimmen, anfangs laut, werden leiser und leiser. — Von der anderen Seite antworten kurdische Juden, Lastträger aus Niniveh. Kraftvoll klingt ihr Gesang. Mit ihren schwarzen Bärten und den breiten Schultern, Hand in Hand zu einem großen Kreis zusammengeschlossen, stehen sie da als eine Mauer. Doch die Mauer lebt: sie neigt sich, und sie richtet sich wieder hoch.... Herrlich ist es anzusehen! Und aus den kupfernen Gesichtern der Alten wie aus den zarten der Kinder strahlen lachende Augen. ׳׳# Der Tag geht zur Neige. Alle treten den Heimweg an, zurück in die Stadt, Männer, Frauen und Kinder. Nur die Männer aus Niniveh scheinen nicht an die Nacht zu denken. Hand in Hand zu einem großen Kreis geordnet, stehen sie da als eine Mauer. Doch die Mauer lebt: sie neigt sich, und sie richtet sich wieder empor.... Aus: ״Das jüdische Jahr“. Leseheft von Gertie und Julius Stern, Im Schocken-Verlag, Berlin.

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