Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 37 (8.5.1936)
- Date
- 1936-05-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Setfe ו« jüdisch 8 Rundschau Nr. 37, 8 V. 1936 UMSCHAU Bildung und Erziehung / J. Sandbank Erwachsenenbildung und Universität Als die Hebräische Universität vor einem Jahre ihr zehnjähriges Jubiläum feierte, haben verschiedene Kreise und insbesondere diejenigen, die in der aktiven Erziehungs- und Bildungsarbeit iw Lande stehen, ihr gewünscht, daß sie ihre Arbeit in der Erwachsenenbildungsarbeit im Lande einzubauen versuche, daß ihre Träger und Lehrer Be- Ziehungen zum lebendiger, Jischuw, seinen Schwierigkeiten und Nöten, seinen Bestrebungen und Bemühungen anbahnen mögen. Diese Wünsche wurden laut geäußert, und noch mehr von vielen leise gefühlt und gedacht, lieber die Frage, die die ernste Erwachsencnhildungsarbeit überall sehr beschäftigt hat: ״Wie soll die Wissenschaft dem fordernden Leben konfrontiert“ werden, und über die endgültige Form der Zusammenarbeit der Universität mit dem Erwachsenenbildungswesen im Lande wurde wenig diskutiert. Auch die praktischen, pädagogischen und organisatorischen Fragen, die sich aus einer solchen Zusammenarbeit ergeben, wurden kaum geklärt, aber der Wunsch nach diesem Zusammenwirken war überall deutlich. Und es handelte sich dabei — das sei aufs nachdrücklichste betont, — nicht darum, den breiten Kreisen des Jischuw popuiarisierte, ״verdünnte Wissenschaft“ zu biclen, sondern 11m Biklung>arbeit, die eine Becinflussung der geistigen und wertenden Ein- Stellung des Jis trachtet 111' s i t ä t nicht s c 11,1 f 11 i c h e, s t i g e. Wir :!1uw bei : Auf R als e 1 s o!1 d < brauchen Orientierung, aus der düng möglich sein soll rische Aufgabe 11 er l wissenschaftlichen Fors Wendigkeit Rechnung zu eilten soll. Man be-;1 b e d e r U n i v e r - ne rein wissenr 11 als eine g e iheute eine geistige icraus die Volkswer- und es ist die histohersitäf, neben ihrer ungsarlxit dieser Nottragen. Die Univer- Fehler anderer Universier dazu geführt hat, daß kaum ״Der Sündenfall der in ihrem Uebermensehensität darf nicht dein täten verfallen, d man heute sag!ף! Wissenschaft lag tum, in ihrer I'man/ipation von den Schöpfungsgeset/en. Das i;4 der tiefste tirund für ihre Einbuße an Wesenhaftigkeit, an Bildungskraft, für ihr Ausgeliefertsein an die imrnanente Logik der Froblementwicklung, für ihren Verlust der Fälligkeit zur Beantwortung (Werner Rieht irt sei- >al der VolkRuUlung uß sieh mit der kuibmv befassen, sie erziehen- Meinung Ms lebenswichtiger Fragen. 111111 Buch ,,Das Schi; in Deutschland״), sie 1 turelleii Problematik de muß zur Bildung einer öffentlichen den, verpflichtenden, selbstkritische beitragen. Das meinten viele im Lande, als sie ihre Wünsche der Universität zu ihrem zehnjährigen Bestellen aussprachen. Nun hat sich die Universität auf Ersuchen der zentralen Mittelstelle für Erwachsenenbildung der jüdischen Arbeiterschaft entschlossen, ihre Lehrer zu bitten, die Ferien — sowohl die kleinen Osterferien wie auch die großen Somnierferien — dazu zu benutzen, die landwirtseh aftliehen Siedlungen zu besuchen und d-ort Vorträge und Vortragsreihen zu gehen. Siebzehn Lehrer <1 er Universität haben ihre Zustimmung zu dieser Arbeit, die sicherlich Opfer an Zeit und Kraft verlangen wird, gegeben. Zunächst werden in den kleinen Ferien Vorträge oder Vortragsreihen in einzelnen Orten veranstaltet. Geplant ist, daß die Lebrer an einzelnen Orten mehrere Tage verbringen, um den Hörern die Möglichkeit einer intensiven Arbeit zu geben. Die Themata werden aus den verschiedenen Gebieten der lebendigen Problematik der konkreten üegebenheiten — im breitesten Sinne — festgesetzt. Hier ist ein verheißungsvoller Anfang, der hoffentlich zu einer ständigen Einrichtung >m Erwachsencnbikiungswesen des Landes werden wird und somit ein Versuch, das geistige Leher! der aufbauenden Kräfte zu beeinflussen und zu gestalten. Kontinuität und fugendaktivismus Auf tler I l.iuptchaiis-ce Haifa Nazareth, gegeuuber drm brüten, mit Zierbaumen bepflanzten Wege, der nach dem Dort Nalialal fuhrt, erhebt sieh ein flacher Hügel, und auf diesem 1 lüge! wurden in letzter Zeit einige Baracken erbaut. Dieser Hügel ist historischer Boden. Hier stand einmal die Stadt Schimron, die einem der 31 von Josua besiegten Könige gehörte. Hier war die Stadt Simonias, deren Bürger vor Rabbi Jchuda Hanassi mit dem Ersuchen erschienen, ihnen einen Gelehrten als Richter, Prediger und Schreiber zu empfehlen, wie im Jerusalemer Talmud erzählt vzird. ln unserer Zeit versuchten hier die Templer Fuß zu fassen, mußten aber des mörderischen Klimas wegen in der versumpften Gegend den Versuch aufgeben. In allerletzter Zeit wurde hier ein Baum aus den Windsor-Gärten gepflanzt als erster des König-Georg-V.-Waldes. Auf diesem historischen Boden also hat man einige Baracken errichtet, und diese bilden den Anfang eines neuen Dorfes, das die zweite Generation der Nalialaler Siedler auf/ubauen unternommen hat. Nahalal hat nämlich bereits eine zweite Generation, und diese Jugend verlangt nach eigeneu Taten. Sie begnügt sich nicht mit der einfachen, stillen Fortsetzung des Werkes ihrer Väter, obwohl dieses Werk ihrer Kräfte bedarf. Sie wollen ihr eigenes Werk, das, wenn es auch nicht andersartig als das ihrer Väter, doch ihr Werk sein wird. Diese Söhne fanden die Zustimmung ihrer Väter und begannen ihr neues Siedlungswerk mit ihrer aktiven Hilfe. Die Eltern sahen in diesem siedlerischcn Wollen ihrer Kinder ein gutes Zeichen und freuten sich der Tatsache, daß die Kinder ihren Weg fortsetzen. Nur eine skeptische Stimme erklangt aus dem Kreise der Väter und sprach klar und öffentlieh aus (in der Wochenzeitschrift ״Hapoel Hazair“), daß man Zweifel hegen muß, ob hier Anlaß zur Freude vorhanden sei. Einiges aus dem Artikel ״Zweifel“ von A. J a n a i, einem der ersten Nahalalpioniere, soll hier zitiert wirden. ״... Aber wozu soll ich es leugnen, ich kann mich nicht freuen, ich kann mich an dem allgemeinen Frohlocken nicht beteiligen. Ein Gedanke läßt mich nicht in Ruhe: ״Worüber freuen wir uns eigentlich? Sollen ■ wir darüber froh sein, daß ausgerechnet diese Jungen die Begründer dieser Siedlung sind? wir haben gehofft, daß unsere Söhne mit ihrem Geburtsdorf verbunden sein werden. Ein Verlassen Nahalals, und soll es zum Zwecke der Gründung einer neuen Siedlung erfolgen, ist m. E. ein Zeichen der Entwurzelung und Ungebundenheit.... Kann man sieh vorsteilen, daß ein an seine Scholle gebundener und sie liebender Bauer seinen Boden ohne absolut notwendigen Grund verläßt? Und hier handelt es sich — mit verschwindend kleinen Ausnahmen — um junge Menschen, die keinen Grund hatten, ihren Geburtsort zu verlassen. Im Gegenteil, die von den Eltern unter unsägliehen Schwierigkeiten und Nöten geschaffene Wirtschaft verlangt nach ihnen. Die alternden Eltern können es nicht mehr schaffen... Kann man eine solche Wirtschaft verlassen? ... Je mehr ich mich bemühe, das Geschehene zu begreifen, desto unverständlicher erscheint es mir. Gewöhnlich ist es so, daß man eine Sache, in die man viel Arbeit und Mühe hineingesteckt hat, liebt, und bei uns scheint das nicht so zu sein. Denn diese jungen Menschen, die die Wirtschaft ihrer Väter verlassen, haben doch bereits seit ihrer Kindheit viel Arbeit und Kräfte für diese Wirtschaft hergehen müssen. Viele Wirtschaften begannen erst mit der Arbeitskraft der Jugend zu prosperieren, und wie konnte nun die Jugend alles verlassen, leichten Sinnes und ohne Bedenken. Es wäre verständlich, wenn diese Jugend ihrer Geburtsort verlassen würde, weil sie sich eine bessere Zukunft schaffen wollte, aber auch das ist hier nicht der Fall. Die neu zu erbauende Siedlung kann ihre Siedler nur mit Hilfe von Außenarbcit ernähren (Aufforstung im König-Gcorg-V.-Wald), und iin besten Falie wird sie wirtschaftlich unvergleichlieh schwieriger sein als Nahalal. Warum verläßt also die Jugend die Wirtschaft ihrer Väter? ich kann dieses Geschehen nicht fassen. Noch unverständlicher sind mir die Spreciier der Bewegung, die Väter unserer Siedlungsarbeit. Worüber freuen sie sich? Sind hier Lobeshvmnen angebracht?...“ Merkwürdigerweise haben die Erzieher und Jugendfiihrer auf diese kritische Stimme nicht reagiert. Tatsächlich handelt es sieh hier um eine Erziehungsfrage ersten Ranges, und die Jugendbewegung im Lande hätte allen Anlaß, sich sehr gründlich und sehr ernst um dieses Problem zu bemühen. Es gab eine Tcrminoiogie in der Jugenderziehung, die in bestimmten Zeiten der Wende, aus ganz bestimmter, historischer Gegebenheit geboren, einen Bruch mit jeder Kontinuität bedeutete, jede Bejahung der Zukunft enthielt in sich eine Verneinung der Vergangenheit. Man glaubte sich manchmal zwar hier sehr zu Unrecht frei vom histosehen Denken, aber die momentane Situation machte das begreiflich. Nun steht man aber vor einer neuen Situation. Diese Situation verlangt eine Bejahung der Zukunft aus einer Vergangenheit und lebendige Gegenwart, ohne daß dem jugendlichen Aktivismus Abbruch getan würde. Es ist die vornehmste Aufgabe der Jugend Nahalal«, das Werk ihrer Väter fortzusetzen, dieses Werk nicht zu verlassen, sich mit diesem Werke aufs engste zu verbinden, ihr Schicksal mit ihm zu verknüpfen und ihren jugendlichen Tatendrang diesem Werke diem-nd und fördernd zu widmen. Kontinuität und stille Ausdauer sind in diesem Falle die besten Eigenschaften. Das der Jugend klarzumachen, ist eine wichtige Aufgabe der jüdisehen Erziehung im Lande. Geistiges Leben ✓ Escha Schoiem Ungelöste Probleme Neben so viel enthusiastischer Anerkennung, die das Palästina-Werk gefunden hat, werden immer wieder harte und allem Anschein nach ungerechte Urteile laut. Ihre Urheber sind nicht immer von vornherein uneinsichtig; ihre Einwände gehen weit auseinander, erstrecken sich auf die verschiedensten Lebensgebiete, und allen gemeinsam ist nur ein gewisses Unbehagen, das das geistige Gesicht Palästinas in ihnen auslöst. Hat man die rührende Liebe erfaßt, mit der Gertrude Bell in ihren Briefen die ergreifende Einheit des arabischen Lebens, eines arabischen Dorfes beschreibt, so weiß man, warum sie in Tcl-Awiw nur eine Ent- Stellung ihres Orients sehen konnte; kennt man den Umfang der Erwartungen, die der Jude an das Land seiner Befreiung stellt, so wird klar, daß die Frage der geistigen Heimstätte die schwierigste und vielleicht die ihrer Lösung fernste ist Dem jüdischen Patästina fehlt eine homogene, geistige Atmosphäre. Beginn planmäßiger Kulturarbeit Kulturelle Arbeit wurde schon immer in Palästina geleistet, und es gab auch Einzelne, die eine einheitliche zentralisierte Kulturarbeit für die Aufgabe des neuen Palästina hielten. Das Leben Bialiks war eigentlich nur dieser Sache hingegeben. Aber erst nach seinem Tode trat die Notwendigkeit und Dringlichkeit solcher *Arbeit deutlich in das öffentliche Bewußtsein. Die große und so verschiedenartige Eimvnnderung, das Hereinströmen so vieler Menschen, die die Kultur ihrer Erziehung offenbar nur zugunsten einer starken, anziehenden neuen Kultur aufgeben wollten, machten die Schwere der Frage allen fühlbar. Es entspricht dem ״kolonialen“ Zuge palästinensischen Denkens, daß hier in erster Linie ein organisatorisches Problem gesehen wird, das durch Schaffung zentraler Organisationen seiner Lösung nahegebracht werden kann. So begann mau in letzter Zeit mit der Schaffung zentraler Kulturinstitutionen: Das Bialik-Institut trat vor kurzem durch die große Preisvcrieilung für Originalarbeiten und Uebersctzungen aut dem Gebiete der hebräischen Wissenschaftliehen und schönen Literatur zum ersten Male an die Oeffentlichkeit; der Waad Leumi, die zentrale Vertretung der palästinensischen Judenheit, gründete ein Kulturdepartement, das hauptsächlich der Verbreitung der hebräischen Sprache dienen soll; und schließlieh beschloß kürzlich auch der St mit rat der Stadt T e 1 - A w i w ein K u 11 u r d c p a r - tement zu errichten, das hauptsächlich die Volksbildungsbestrebimgen stützen und zentralisieren soll. Freilich, wie vor kurzem in der Tagespresse bemerkt wurde, ist damit über den Inhalt der Kulturbestrebungen noch nichts besagt. Hier aber zeigen sich weit divergierende Tendenzen, die noch nicht einmal zur Klärung der jeweiligen Riehtung in voller Konsequenz gelangt sind, geschweige denn zu dem Siege einer Partei oder zur Verschmelzung der Ideen. Bialiks Richtung war klar: Sammlung der Schätze aller vergangenen Jahrhunderte, Anschluß an diese Verf" Reihen des arbeitenden Palästina, wo man eigentlich das Lager der Gegner vermuten sollte. Chaluzim sangen noch vor wenigen Jahren auf den Straßen Palästinas ein Lied, dessen Höhepunkt die Worte waren: ״Statt des Gestern haben wir ein Morgen“. Von ihnen wurde der soziale und wirtschaftliche Neubau als legitime und einzige Grundlage neuer jüdischer Kultur verkündet. Das Schulwerk der Arbeiterschaft In dem wohl mehr politischen als kulturollen Streit, der im Stadtrat von Tcl-Awiw׳ wegen der Budgetierung der Arbeiterscluilen ausbrach, zeigten sich ganz deutlich die divergierenden kulturellen Tendenzen im Schoße der Arbeiterschaft seihst. Von den Gegnern; der Budgetierung durch die Stadt war die : Traditionsfeindschaft der Schulen betont wor- ' den. In verschiedenen Presseäußerungen und Erklärungen von seiten der Arbeiterschaft wurde diese Gegnerschaft oft zugegeben, oft aber auch geleugnet. Ein solches Verhalten läßt sich nicht nur aus taktischen Motiven erklären. Es wäre völlig unmöglich, wenn sich in den Reihen der Arbeiterschaft eine Ansicht in der Frage der kulturellen Tradition in voller Klarheit und Reinheit durchgesetzt hätte. Das ist aber nicht der Fall. Das Kulturprogramm des Kibbuz Die deutlichste und schärfste Kundgebung zu dieser Frage ging von der letzten Versamrnlung des Kibbuz arzi des Haschamer H a z a i r aus. Hier fanden die Redner scharfe Worte gegen die laue und zweideutige Haitung der Arbeiterschaft in dieser Frage und emphatische für eine unbelastete Kultur des jüdischen Lebens in Palästina: Der hebräische Schriftsteller ist dem Pulsschlag des Aufbaus fern, dadurch ist die hebräische Literatur 11erabgekommen.... Die Kultur des neuen Palästina schöpft ihre Kraft aus dem Aufbauwerke, nicht aber aus der mit religiösen Sentiments beladenen Vergangenheit, ln der Resolution wird die Abkehr der Arbeiterschaft von der Welt des Gestern gefordert, um den Weg für die neue Kultur freizumachen. Die kulturelle Richtung des Chewer ha-kwuzoth Tastend und unbestimmt ist die Haltung des anderen Flügels der Kibbuz-Bewegung, des Chewer ha-kwuzoth. Auch er hielt eine Zusammenkunft in der Frage der Kulturarbeit ab, aber Erörterungen und Beschlüsse waren durchgehend praktisch-organisatorisch, das Ideologische kam entschieden zu kurz. Und doch wird der Gegensatz zum Kibbuz arzi schon dadurch deutlich, daß hier das Problem der Gestaltung des Schabbat und der Feste in besonderen feierlichen Zusammenkünften behandelt wurde. Noch klarer wird das Bild, wenn man die letzte Nummer des Organs des Chewer ha-kwuzoth, den ״Niw ha-kwuza“, liest. Es fehlt hier sicher nicht an dem Bewußtsein, daß״ die neue Lebensform, um deren Ver vollnung man sich hier niüht, auf ihre menschlichen Ideale und Grundtendenzen zurückweisend, eine kulturelle Tat ist. Die ältesten Kwuzoth des Landes gehören ja dem Chewer ha-kwuzoth an, sie sind die Bahnbrecher der Gedankenwelt der Kwuzah und wissen ihr Werk zu schätzen. Aber sie scheinen erfahren zu haben, daß diese neue Form nicht genügt, um eine unabhängige neue geistige Tradition zu schaffen, ja daß sie schon in der nächsten Generation bei den Kindern der Kwuzah versagt, daß hier eine Lücke gefüllt werden muß. Ein Aufsatz ״Die Musikalität der Seele‘‘ zeigt die Verluste auf, die die Kwuzah ihren Kindern — verglichen mit der Jugend der Eltern — gebracht hat: ״Die flelieiide Stimme des Vaters beim Morgengebet an kalten Wintertagen... Der Schauer beim Seliofarblasen... Wo sind sie? Die Pro- Zession mit Lulaw und Etrog, die Schabbat-;•!׳sänge, die Haggada am Peliach, trafen sie nicht Jahr für Jahr das Ohr des Kindes? Hinterließen sie nicht tiefe Eindrücke in seiner Seck•?... Jedes echte Wort, jede beispieihafte Tat, jedes nationale Ereignis rührt die von Schatten und Erlebnissen übervolle Seele auf. Der Mensch antwortet dem Rut aus den Tiefen des Herzens... er gibt sein Leben hin für den Nächsten, für das ganze Volk. Und was ist von all dem heute geblieben?“ Es folgt der Vorschlag, Erinnerungen aus jenen vergangenen Tagen den Kindern zu erzählen, ihnen diese feste, in sich ruhende Welt wieder lebendig zu machen una wieder Zercmonieti und geprägte Formen für unsere Feiertage zu schaffen. Kulturkonferenz der Mosdiawim Noch deutlicher als im Chewer ha-Kwuzoth scheint die Frage der Tradition im Moschaw in Erscheinung zu treten. Vielleicht spielt hier die Altersstufe eine Rolle, die Tatsache, daß die Mitglieder der Moschawe Owdim, in denen meist Vc־teranen der Arbeit und der Bewegung angesicdelt wurden, durchschnittlich älter sind als die Mitglieder der Kwuzoth und daß bei ihnen auch das Problem der kommenden Gencration noch stärker fühlbar ist. Kurz vor Peßach hielten die Moschawim in Becr-Towia eine Konferenz für Kultur- und Erziehungsfragen ab, auf der fast alle Redner die Notwendigkeit eines Wiederanknüpfens an die Tradition betonten. Aus den verschiedenen Reden sollen hier nur einige Aeuikrungen herhorgehoben werden: ״Unsere Jugend kennt das Volk nicht, sie hat keine Wurzeln gcschlagen in der Uebcrlieferong des Volkes, ihr historisches Gedächtnis ist schadhaft... Die Handwerker in den jüdischen Städtchen fanden Zeit zum Thorastudium, wir aber finden sie nicht mehr . . . Solange der Schabbat keine neue Gestaltung gefunden hat, muß man die alte bewahren, Lichter anzünden, das Haus schmücken, die Schabbatlieder singen. Diese alten Lieder sind noch nicht unbrauchbar geworden ... Die Thora ist nicht mit uns zu ihrer Heimstätte zurückgekehrt Die Kinder kennen die Thora nicht. Wir wußten, daß es so kommen würde, und wir wollten es auch. Aber als es so weit war, ergrift uns Furcht. Wir haben das Joch abgeworfen. Es gibt keine Weihe des Scliabbat und der Feste mehr. Jetzt gilt es wiederlier/ustellcn ... Wir haben viele Dinge abgeworfen. Wir warfen das Joch der Thora ab und bückten uns unter das Joch der Zivilisation. Und plötzlich sahen wir uns selbst entleert... Warum haben wir die Religion abgevvorfen? Die Religion ist unser kostbarster Besitz...“ Auch hier zeigt sich nur ein Ringen um Klärung, kein zielbewußtes Planen oder gar Aufrichten neuer Verbindlichkeiten. Um so überraschender ist die kaum unterbrochene Einmütigkeit in den Aeußerungen. tn Verteidigung der Tradition Ucber das Gebiet der praktischen Kulturarbeit und der Erziehung hinaus findet sich der Kampf um die Tradition auch in der literarischen Polemik: So hat der Dichter Sch io ns ki den bibel-gesättigten hebräischen Stil angegriffen, der sich vielfach noch heute behauptet. In einem längeren Aufsatz in der Tagespresse wird ihm unter anderem erwidert: ״Wer unter uns der Aufnahme des Widerhalls der Volkskultur vergangener Zeiten in unser gegenwärtiges Leben widerstrebt, der versündigt sich an unserer ganzen Kultur. Wenn wir auch hier eine neue, schönere, ge• läuterte Kultur erstehen lassen wollen, so ist es doch unmöglich, daß sie ohne alle Kontinuitat zu der ihr vorausgehenden Form der Kultur sei, denn es gibt in der Welt keine wahre .Volkskultur, die nicht ihre Ahnenkette bis in die ferne Vergangenheit aufweisen kann“. Man kann natürlich nicht sagen, daß der Zug zur Tradition ein allgemeiner ist. Dazu ist das Bild zu verwirrend, dazu sind die Konturen zu unbestimmt. Man kann mir sagen, daß diese Frage wieder und wieder in mannigfaclier Gestalt in den Blickkreis tritt. Ben G u r i o n betonte bei der Feier des Bialik- Instituts, als Tschernichowski ein Preis zuerkannt wurde, man hätte diesen Dichter, der im Gegensatz zu Bialik frei von Tradition war und ihr entgegenstand, wie einen Befreier begrüßt ״Das Volk sehnte sich nach Jugend“, jetzt ist manches anders geworden. Die Generation von Chaluzim, die dem Gestern absagte und das Morgen jubelnd begrüßte, ist nicht mehr so unbelastet einzig und allein bestimmend, wie sie es noch vor mehreren Jahren war. Sie ist nicht mehr die einzige Generation im Lande, sie hat ihr eigenes Gestern, ihre Eltern hierhergebracht, sie hat Kinder, für die sie seihst ein Gestern ist. Je mehr die Jahre vorschreiten, um so mehr geben sie dem Menschen die Blickrichtung nach rückwärts. Rosenzweig hat im Stern der Erlösung (111,3) für diesen Vorgang die schönen Worte gefunden: ״Der Jude wird zwar als Jude geboren, aber die Jüdischkeit ist etwas, was auch er sich erst er-lcben muß. Ganz sichtbar in Blick und Zügen w׳ird das Jüdische erst im alten Juden.“ Die erste Generation des neuen Palästina steht noch im besten Mannesaiter. aber diese Entwicklung mag sich jetzt in ihr schon anbahnen. Spezialhaus für moderne Damen- und Herren-Strümpfe, Handschuhe, Trikotagen, Wäsche und Strickwaren Strumpf haus Metzger Nach!. 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