Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1936)
- Date
- 1936-05-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdische Rundschau PALÄSTINA-BLATT NR. 36, 5. MAI 1936 1' , •11 Nach der Sturmwelle — Streik Von unserem palästinensischen Korrespondenten Der kritische Freitag g I. T e 1 - A w i w, 26. April 36 Während der Tage der Unruhen in Jaffa, also zu Beginn der vorigen Woche, war die Aufregung unter den Juden besonders groß. Der Tag des ängstlichsten Wartens und der gespanntesten Nervosität in der letzten Woche war jedoch der Freitag, wo es sich zu entscheiden hatte, ob wir es mit einer lokalasierten einmaligen Explosion in Jaffa zu tun hatten oder ob sich aus den Flammen von Jaffa der Brand über das ganze Land ausbreiten sollte. In der palästinensischen Geschichte der letzten zwei Jahrzehnte hat man mit dem Freitag in unruhigen Zeiten üble Erfahrungen gemacht. Da an diesem Tage die Fellachen zum Markt in die Städte kommen, da außerdem größere Gottesdienste in den Moscheen stattfinden, ist bei den großen Menscbenansammlungen und bei den propagandistischen Predigten sehr leicht ein Ausbruch zu befürchten. Und in Jerusalem, das mit seiner Völkermischung und den engen Gäßchen der Alt- Stadt besonders unübersichtlich ist, sind Freitagversammiungen auf dem Tempelplatz besonders brenzlich. Aber vielleicht gerade, weil man einen Ausbruch befürchtete, blieb er aus. Die Regierung hatte sich umfassend vorbereitet und vor allem dafür gesorgt, daß in den umliegenden Dörfern die Züge in die Stadt entmutigt wurden. So kamen überhaupt erst gar nicht große Massen von Fellachen in die Stadt, und in der Moschee auf dem Tempelplatz waren vielleicht fünf- oder sechshundert Menschen anwesend. Es war vorher eine Demonstration gestattet worden, weil sieh die arabischen Notabein, insbesondere der Mufti, verpflichtet hatten, daß alles in Ordnung verlaufen sollte, aber sie blieb auf die alte Stadt beschränkt. Unter den in der Moschee Versammelten war man aber überdies nicht aktionslustig, und so war um die Mittagszeit bereits klar, daß in Jerusalem der Sturm dieses Mal nicht losbrechen würde. In Haifa ging ebenfalls alles einigermaßen glatt ab; in Jaffa, wo sich in der Hauptmoschee eine große Menge angesammelt hatte, wurde im arabischen Zentrum der Stadt eine Demonstration veranstaltet, die jedoch auch kontrolliert wurde und ebenfalls keine üblen Nachwirkungen hatte. Und so begann man in den jüdischen Zentren bereits um die Mittagszeit merklich aufzuatmen. Als dann kurz vor Abend bekannt wurde, daß in bestimmten Teilen von Jaffa und Tel-Awiw, die nicht aneinanderstoßen, auch bereits die Straßen für die Nacht freigegeben seien, wurde die Erleichtcriing noch merklicher. Nur einzelne benutzten an diesem Abend die neue Freiheit, weil nur wenige von dem neuen Erlaß gehört batten; erst im Laufe des Samstag sprach sich die Neuigkeit hemm. Auch sie hob, zusammen mit dem glatten Verlauf des Tages, die Stimmung raerklich. Die FlDchtlingsfrage In Tel-Awiw selbst, das sich von Tag zu Tag normali"- siert, wird die Flüchtlingsfrage täglich drückender. Die Zahl derer, die jetzt auf öffentliche Hilfe angewiesen sind, wird zur Zeit auf 7000 und mehr geschätzt. Da ein Teil der Wohnungen, in denen die Leute gelebt haben, abgebrannt sind, ist nicht klar, wohin sie gebracht werden sollen, auch wenn in den nächsten Tagen die an Jaffa angrenzenden Viertel wieder sicher und bewohnbar sein sollten. Für die Stadt selbst bedeuten die Flüchtlingslager, in denen sich auf engstem Raume Massen Zusammendrängen, nicht nur eine große soziale Aufgabe, sondern auch eine hygienische i e f a h r. Der Sommer beginnt, die ersten Krankheiten werden sich bald zeigen, und es ist fast unmöglich, in der Enge der Flüchtlingslager die entsprechende Ordnung und Sauberkeit aufrechtzuerhalten. Zudem rächt sich jetzt jener Ring von Slums, die in den letzten Jahren immer stärker um Tel- Awiw, insbesondere an der Grenze von Jaffa, angewachsen ist. Das Elend, die Armut, die Krankheiten, die Verwahriosung, um die man sich während langer Zeit nur ungenügend gekümmert hat, sind plötzlich über die Stadt hereingebrochen, sie sind nicht mehr entfernt von den guten Vierteln und vom Zentrum, sie liegen mittendrin und sie verlangen Abhilfe. Auch der Mangel öffentlicher Erziehung manifestiert sich bei dieser Gelegenheit. Unter den vielen, die hilflos geflohen sind und nun nicht anders können, als die öffentliche Hilfe anzunehmen, finden sich auch solche, wenn auch nicht in großen Zahlen, die die allgemeine Verwirrung ausnutzen und für sich eine Zeit hindurch ein kostenloses Leben zu erlangen suchen. Neben der praktischen Hilfsarbeit ist jetzt die Munizipalität damit beschäftigt, eine genaue Uebersicht über die Massen der Flüchtlinge zu erhalten und Mittei zu ihrer Repatriierung zu finden. Für eine bestimmte Zahl wird freilich sowohl der Neubau von Häusern wie auch die Be- Schaffung eines Lebensunterhaltes notwendig sein, da die bisherigen Wohnungen in Flammen aufgegangen sind und vielleicht die Arbeit in Jaffa in nächster Zeit sich nicht wieder wird aufnehmen lassen. Eine besondere Kommission in der Stadtverwaltung befaßt sich mit diesen Aufgaben. Brandstiftungen Die drei letzten Tage, die man liier bereits als still bezeichnet, da keine Todesopfer und keine Verwundeten gemeldet werden, zeigen die starke Erregung des Landes in den fortdauernden Bränden, die in den verschiedensten Gegenden Vorkommen. In Jaffa und an den Grenzen von Tel-Awiw begann es. Hier wurdet! die vielen Brände eine echte Begleiterscheinung der Ausbrüche. Jetzt haben sich vereinzelte Fälle in Jerusalem und Haifa angescldossen, die jedoch bald unter Kontrolle gebracht werden konnten. Schlimmer liegen die Dinge in den land Wirtschaftliehen Siedlungen, insbesondere in der Ebene Jesreel, wo seit einigen Tagen der Brandteufe! umgeht. Hier werden die Felder angezündet, zuerst bei Beth Alpha, dann bei Ejn Charod und Tel-Joseph. Audi Bäume werden in den Nächten abgeholzt und so der Schaden in der Wirtschaft vermehrt. Da vielfach die Meinung besteht, daß die Brandstifter nicht nur darauf zielen, Schaden anzurichten, sondern die Leute aus den Wirtschaften hcrauszulocken, um sie dann zu überfallen, hat man sich begnügt, an den gefährdeten Stellen mit dem Traktor Gräben zu ziehen und damit die Brände zu lokalisieren. Es sind damit weitere Konfiikte vermieden worden, aber es geilt auf die Dauer nicht an, das Eigentum der Siedlungen dem Feuer und der Axt anheimzugeben. Die Regierung wird um schärfere Bewachung angegangen und schickt auch Leute, aber bisher besteht nicht das Gefühl, daß man vor weiteren Schädigungen sicher sei. In den Wirtschaften arbeiten alle verfügbaren Mähdrescher mit Hochdruck in drei Schichten, um die Ernte auf den Feldern so schnell wie möglich hereinzubringen und sie in den Wirtschaftshöfen vor der Zerstörung zu bewahren. Der arabische Streik Um die Aufrechterhaltung des Streiks unter den Arabern wird in ihrer Mitte selbst ein heftiger Kampf geführt. Sowohl nach dem Benehmen der Ladeubesitzer als auch nach den Aeußerungen der arabischen Presse zu urteilen, sind nicht alle Kreise mit der Streikpolitik einverstanden. Daß der Kaufmannsstand, der von vornherein dagegen war, weil er atn meisten dabei einbüßt, auch jetzt die Wirtschaftliehen Dinge im Rollen zu erhalten sucht, ist verständlich. Aber auch innerhalb der politischen Führung scheint man sich über den Wert der Unruhen und des Streiks für die arabische. Sache nfdrt ganz einig zu sein. Ein Fortschritt zu einer einheitlicheren Haltung ist freilich gestern gemacht worden. Eis trat in Jerusalem eine Versammlung der Führer der arabischen Parteien zusammen, die einen gemeinsamen Ausschuß wählte, und zwar unter dem Vorsitz des Mufti von Jerusalem. Eine derartige gemeinsame Körperschaft, in der Vertreter verschiedener Parteien sitzen, hat seit dem Einschlafen der arabischen Exekutive nach dem Tode Musa Kasim Paschas nicht mehr existiert, und somit ist dieser Ausschuß als der Beginn eines Einigungsversuches zu werten. Der Versuch ist jedoch nur zu einem geringen Teil geglückt. Es ist bereits ein scharfer Aufruf gegen den Streik erschienen. Diese Kommission in Jerusalem hat den Beschluß gefaßt, den Streik ״zu Wasser und zu Lande“ aufrechtzuerhalten und zu verstärken. Dieser Begriff ״zu Wasser und zu Lande“ hat seine besondere Bedeutung. Bisher ist der Streik nicht bis an die Regierungsfunktionen (also Eisenbahnen usw.) herangekommen. U!1d während im Hafen von Jaffa die Arbeit ruht oder zum größten Teil ruht, wird sie in Haifa fortgesetzt, obwohl verschiedene Anstrengungen gemacht wurden, um sie stillzulegen. Von der Weiterführung der Arbeit im Hafen hängt jedoch sehr viel ab. Denn hier liegt im Import eine der wichtigsten Lebensadern des Landes und auch wenn Juden die Arbeit dort übernehmen würden, würde das doch zu scharfen Zusammenstößen mit den streikenden Arabern führen. Im übrigen ist der Streik bisher ein rein städtischer. Die Dörfer sind nicht berührt. Nicht nur arbeiten die Fellachen in den Dörfern und auf den arabischen Besitzungen, sondern an vielen Stellen kommen sie auch bei den jüdisehen Besitzern zur Arbeit. Damit ist die Bedeutung des Streiks für das wirtschaftliche Leben des Landes stark 11erabgemindert. Denn während auf dem Lande die Araber ein großes zahlenmäßiges Gewicht haben, spielen sie in der städtischen Wirtschaft eine zweite Rolle, und es ist ihnen nicht möglich, das ökonomische Leber! wirklich stillzulegcn, besonders, da bisher die Regierungsdienstc nicht in Mitleidenschaft gezogen sind. Tel-Awiwer Forderungen Während die arabische Führerschaft in ihrer letzten Ver- Sammlung beschlossen hat, den Streik weiterzuführen, bis ihre Forderungen der Sistierung der Einwanderung und der Bodenkäufe und der Konstituierung einer nationalen Regierung erfüllt weiden, haben die jüdischen Institutione 11 ihrerseits Konsequenzen aus der Lage gezogen. Die Propaganda für die Einrichtung aller nötigen Regierungsstellen in Tel-Awiw wird immer stärker und hat sich in der Losung zusammengcballt, daß niemand nach Jaffa gehen solle, um dort eine Behörde in Anspruch zu nehmen oder ein Geschäft abzuschließen, sondern daß man, trotz aller dringenden Angelegenheiten, die ״politische Selbstversorgung“ von Tel-Awiw erzwingen müsse. Die Presse bringt die Losung täglich in immer erneuerter Form, Leitartikel und Beschlüsse verschiedener Organisationen greifen unterstützend in den Kampf ein. Nicht mir mit der in Frage gestellten Sicherheit in Jaffa wird argumentiert, sondern auch vor allen! mit der Tatsache, daß Tel-Awiw heute die größte Stadt des Landes ist und daher Anspruch darauf hat, von dem benachbarte!! viel kleineren lind unbedeutenderen Jaffa unabhängig zu werden. Außerdem verlangt man die Uebernalime der Verwaltung der jüdi s c h e 11 S t a d t v i e r t e 1 in 11!1 d 1! ei J a f f a durch die Munizipalität Tel-Awiw. Diese Viertel, die in der Hauptsache von der ärmeren Bevölkerung bewohnt sind, hatten seit jeher durch ihre Zugehörigkeit zu Jaffa mancherlei Nachteile. Das städtische Scliulnciz von Tel-Awiw erreichte sie nicht, in sanitären und sonstigen öffentlichen Angelegenheiten waren sie auf die Stadt Jaffa angewiesen, und schon früher wurde vielfach der Wunsch geäußert, diese Teile an Tel-Awiw anz.iisehließen. Jetzt, wo diese Viertel besonders mitgenommen sind und den größten Prozentsatz der Flüchtlinge geliefert haben, wird die Forderung der Juden, sie auf Tel-Awiw zu übernehmen, immer stärker. Es scheinen sich also im Anschluß an die Jaffaer U!1ruhen bestimmte administrative und ökonomische Aendertmgen anzubahnen, die für die Entwicklung von Tel-Awiw und des Jischuw überhaupt von Wichtigkeit sein können. Auch in dieser Beziehung wie in vielen anderen wiederholen sich damit Kapitel aus der letzten palästinensischen Geschichte. Immer zogen Unruhen nicht nur bestimmte politische Ent- Wicklungen nach sieh, sondern die wirtschaftlichen Dinge wurden ebenfalls von ihnen beeinflußt und in bestimmte Bahnen gelenkt. Dieses Mal scheint die Tendenz, den Jischuw ökonomisch-politisch schärfer als früher unabhängig zu machen, eine der ersten Folgen der jaffaer Ausbrüche zu sein. י Ml Um eine Rede Dizengoffs Tel-Awiw, 1. Mal. (JTA.) Auf einer Sitzung der Stadt- Verwaltung von Tel-Awiw dementierte Bürgermeister Meir Dizengoff die Behauptung, er habe die gesamte arabische Nation als ״Wilde“ bezeichnet. Fs sei wahr, daß er diejenigen, die unschuldige und friedliche Juden getötet hätten, als Wilde bezeichnet habe. Aber wo, so fragte er, seien die Araber Edle gewesen? Warum haben sie nicht die Massen beruhigt und warum haben sie nicht die Ehre der arabischen Nation gerettet? ״Ich lebe hier“ so erklärte Bürgermeister Dizengoff weiter, ״vierzig Jahre lang, und ich habe immer versucht und versuche es noch, friedlich zu leben. Ich träume noch immer davon, daß es möglich ist, mit dem arabischen Volke zn einer Verständigung zu kommen. Wenn dies bisher noch nicht erreicht worden ist, so ist dies nicht meine Schuld.“ Bürgermeister Dizengoff erinnerte daran, was die Stadt Tel-Awiw für Nablus während des Erdbebens getan habe und was die jüdische Bevölkerung für Hebron und Safed geleistet habe. Unser Ziel, so sagte er schließlich, ist es immer gewesen, m i t den Ara b e r 11 i 11 F r i e d e!1 zu I e b e!1. Die Vereinigung der a r a b i s c h e n Rechts a 11 - walte beschloß, Dizengoff zu verklagen, weil er die Araber als Wilde bezeichnet habe. In der arabischen Presse und in führenden arabischen Kreisen haben Di/engoffs Bemerkungen großen Unwillen erregt. Die arabischen Bürgermeister von Jerusalem, Jaffa und Nablus verurteilen scharf Biirgermeister Dizengoffs Ansprachen. Der Bürgermeister von Nablus insbesondere erinnert Bürgermeister Dizengoff daran, daß während der vergangenen Unruhen Araber in Jaffa und Nablus so manchen Juden vor dem sicheren Tode gerettet hätten. Bürgermeister Di/engoff erhielt einen Brief eines Arabers, der mitteilt, er habe füllt luden während der Unruhen gerettet. Der Araber fragt Bürgermeister Dizengoff, ob er ihn für einen Wilden halte.; I 1׳ Schutzmaßnahmen in Jerusalem Palästinensische Polizei in Erwartung arabischer Demonstrationen Hochländer wurden zur Unterstützung der Polizei eingesetzt Eine Hochländergruppe auf Wache Fotos; II. Oruthk••» Jerasal« I j . i|