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Jüdische Rundschau · 1936-05-01 · Heft 35 (1.5.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 35 (1.5.1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kr. 35 / Jahrgang 4t JÜDISCHE Frais 25 Hpl. RUNDSCHA MirlfUeltang,Varlag n. Anzelgenverwaltangt BwilnWU, Msinekeitr.lO Farnruf! Simmtl. Nunair J 1 (Bismarck) 9031. - Bcnigspreis riDschlieBlich Bauteil jr«M je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung■ RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postscheck . Konten der Vertriebs . Abteilung: Berlin 71573 (für Grofi - Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Berugsgebühren. — Erscheint jeden Dienstag sind Freitag* BERLIN ט׳ אי־יר תרצ״ו FREITAG, 1. MAI 1936 GtiUIgi AnzelgenprelslUte Nr, 5• Dia 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf., für Familien - Nndririchten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anreigen in bestimmte• Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet. Gelegenheit»- anreigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck . Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F reitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien •Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Dar Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Qffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Weiter gespannte Lag Wochenschau Unruhen und Politik — Vor 15 Jahren — Um den Golem-Film — Anormale Lage Das jetzige Stadium der Ereignisse in Palästina kann etwa folgendermaßen gekennzeichnet werden: das Land befindet sich im Zustand eines heftigen politischen Kampfes, der auch mit den Mitteln des Terrors und der Gewalttat geführt wird. Verfolgt man den Gang der Entwicklung der letzten zwei Wochen, so ergibt sich ein Paradox. Arabische Banden sind auf Grund falscher Gerüchte über Juden hergefallen und haben viele Juden ermordet und verwundet; die angeblichen Ursachen dieser Mordbrennereien werden richtiggestellt, und dann machen die Araber (und nicht die Juden) als Protest einen Generalstreik, als ob sie überfallen worden wären. Schon diese Sachlage kennzeichnet den p o 1 i - tischen Hintergrund der Vorgänge. Die jetzt vorliegenden ausführlichen Schilderungen scheinen zu beweisen, daß der Ausbruch des arabischen Mobs nicht politisch organisiert war, sondern von den niedersten Schichten des Pöbels (zum Teil Hauranier) ausging, denen sich freilich die nationalistische Jugend anschloß. Wir sehen hier ein ähnliches Bild vor uns wie in vielen Ländern der Welt. Die Entwicklung der Nachkriegsweit und insbesondere der Wirtschaft hat fast überall die Jugend in eine ausweglose Position gebracht, und so kämpft sie für sich selbst, ist überreizt, fanatisiert, oft bereit zu Gewalttaten. Diese nationalistische Jugend gibt der politischen Physiognomie mancher Völker, und gerade der weniger entwickelten, ihre Eigenart. Die Jugend ging also mit der politischen Ausschrotung der Lügengerüchte voran, aber nachdem die furchtbaren Bluttaten in Jaffa geschehen waren, haben die arabischen Politiker sich dieser Waffe bemächtigt und versuchen jetzt, die Dinge politisch weiter zu treiben. Ueberall wird bestätigt, daß die Juden Palästinas ihre Ruhe nicht verloren haben. Zwar gelang es den Arabern, einige wehrlose Menschen, die ahnungslos nach Jaffa gekommen waren, zu erschlagen, aber die geschlossen wohnenden Juden fühlen sich nicht wehrlos und haben ein klares Bewußtsein, daß ihre Situation in Palästina anders ist als in den meisten Ländern der Galuth. Besonders hervorzuheben sind die Rettungstaten vieler Araber für Juden. Das ist ein Beweis, daß cs doch auch N ac h b a r gcfühle gibt. Aber freilich — dieselben Araber sind jetzt wohl bei den Streikenden. Die Wahrung der Sicherheit ist Sache der Regierung. Das Augenmerk der Judenheit der ganzen Welt ist auf die englische Regierung gerichtet, die als Mandatarmacht die Verantwortung trägt. Noch ist nicht abzusehen, welches politische Nachspiel die Unruhen haben werden. Der ruhige Verlauf des vorigen Freitag beweist, daß den arabischen Demonstrationen Halt zu gebieten möglich ist, wenn man die Führer persönlich verantwortlich macht, wie es in diesem Falle mit dem Mufti geschehen ist. Es liegt im Wesen der Sache, daß nach einem solchen Unglück Anklagen gegen die Regierung und gegen die Polizei erhoben werden. Wie weit diese Klagen berechtigt sind, kann nur eine objektive Untersuchung beweisen. Jedenfalls müßten die Juden bestrebt sein, der Polizei ihre Aufgabe zu erleichtern. % Am 1. Mai jährt sich zum 15. Male der Tag der ersten Unruhen in Jaffa, bei denen u. a. der Dichter Brenner umgekommen ist. Wie anders waren damals die Verhältnisse im Lande! Die damaligen Vorgänge werden teilweise von Arlosoroff beschrieben in den Aufzeichnungen, die in den Auswahlband in deutscher Sprache aufgenommen worden sind. Tcl-Awiw war noch eine kleine Siedlung. Die Unruhen von 1921 führten (genau so wie jetzt) zur Flucht der jüdischen Einwohner nach Tel- Awiw, und dies hat den Anstoß zum Wachstum der Stadt gegeben. Schien es damals auch, daß die Ereignissc schwerwiegende Folgen haben werden, so haben sich diese Befürchtungen später doch als weit übertrieben erwiesen. Der High Commissioner (Herbert Samuel) hatte die Einwanderung gesperrt; er hat dann Erklärungen abgegeben, die vielen Juden eine politische Enttäuschung waren. Und doch ist zwei oder drei Jahre später die große Einwanderung polnischer Juden gekornmen, ebenso wie nach den Unruhen von 1929 die große Alijah von 1932 bis 1936 kam. All dies sind Etappen, und wir wissen heute schon, daß es nicht immer richtig 'sh nach der Situation des Augenblicks zu urteilen. Die Palästina-Bewegung ist so stark und so notwendig, daß Einsetzung von Militär Jerusalem, 27. April. (JTA.) Zum ersten Male im Verlaufe der Ereignisse in Palästina wurde Militär gegen Aktionen der Araber eingesetzt. In verschiedenen Teilen des Landes, insbesondere in der Umgebung von Jenin, hat die Unsicherheit auf den Straßen wieder zugenommen. Britisches Militär unter dem Kommanda von Major Bram- I e y wurde nach Jenin beordert. Die Militärabteilung, die Panzerwagen mit sich führte, besetzte die Stadt. Major Bramley ber'ef die arabischen Führer von Jenin zu sich und verlangte von ihnen, daß sie ihm helfen sollten, die jüdischen Äutobusverbindungen innerhalb des Bezirks wiederherzustcllen. Die arabischen Führer weigerten sich unter Ausflüchten, der Aufforderung nachzukommen. Sie meinten, die Regierung würde besser daran tun, die Juden zu veranlassen, die Eisenbahn zu benutzen. Major Bramley erklärte daraufhin eindeutig, daß der jüdische Autobusverkehr unter militärischer Bewachung wieder eröffnet werden würde. Die Verkclirsabtcilung der Palästina-Regierung beschloß, besondere Abteilungen in den Eisenbahnwagen fi'tr Juden und Araber eiiizuriehten. Ais Grund hierfür wird angegeben, daß es sich um eine vorbeugende Sicherheitsmaßnahme handle. Das Mitglied der Exekutive der Jcwish Agency, Mosche Shertok, und der Rechtsberater der Jcwish Agency, Bernard Josef, wurden von High Commissioner Sir Arthur Wauchope empfangen. Sie machten den High Commissioner auf die Erregung unter den Arabern, insbesondere im Emek, aufmerksam, die einen gefährlichen Charakter annehnie. Sie verlangten von ihm, daß entsprechende Sicherhcitsvorkchrungcn von der Regierung getroffen «׳erden. Eine Abordnung des Stadtrates von Tel-Awiw, bestehend aus den Stadträten Dov Hos und Idelson, sprach _ bei High Commissioner Sir Arthur Wauchope vor. Sie forderte weitere Sicherheitsmaßnahmen für Transporte aus dem Hafen von Jaffa nach Tel-Awiw anläßlich der bevorstehenden Levante-Messe. Zusammenstöße zwischen Arabern und der Polizei — Die Durchführung des arabischen Streiks Jerusalem, 28. April, 15 Uhr. (JTA.) Die anhaltende Spannung in Palästina hat am Dienstag mittag zu mehreren Zusammenstößen zwischen Arasie sich über alle Hindernisse hinweg durchsetzt, und eine neue Generation junger Juden ist entschlossen, ihr Nafionalheim aufzubauen. Brenner war einer der Entschlosseneu, und zugleich einer von den Männern, die das Judenproblem mit allein Realismus sahen, einer der reinsten Geister des neuen jüdischen Palästina. Daß er, der sich bemühte, ein Gefühl der Brüderlichkeit gegenüber den Arabern bei seinen, jüdischen Genossen zu wecken, ein Opfer jener Taten wurde, ist eine besondere Tragik. Sein Werk und Wort wirkt aber weiter in den Kreisen der palästinensischen Arbeiter und Chaluziin. * fn der gespannten Atmosphäre der heutigen europäischen Welt und bei der schon erwähnten Lage der Jugend vieler Völker bekommen immer wieder Juden die Unduldsamkeit zu spüren. Kleine Anlässe genügen oft, um Bewegungen gegen die Juden zu erzeugen. So sind die Nachrichten aus Preß bürg über die siowakischen Stuclenten-Demonstrationen gegen den G o 1 e m- Film wieder eine charakteristische Episode der jiklisehen Gegenwart. Die Golem-Sagc ist an Prag geknüpft, an die Hauptstadt der Tschechoslowakei, und in diesem lokalen Sinne ist es also auch ein ״tschechischer“ Sagenstoff. Die Produktion des betreffenden Filius ist nicht jüdisch, ja vom jüdischen Standpunkt aus ist an diesem Film sehr viel nuszusetzen, wie auch unser Pariser Korrespondent bei seiner Besprechung der ersten Pariser Aufführung hervorgehoben hat. Gewiß ist es kein Tendenzfilm und am allerwenigsten ein jüdischer, sondern es handelt sich um einen packenden, mystisch gefärbten Stoff, der einen Filmregisseur gelockt hat. Daß sich aus einer solchen Sache antijüdische Demonstrationen ergeben, beweist den tiefen Grad der Vereingenommenheit, die uns bei der Studentenschaft der national jüngeren Völker häufig begegnet. Man sagt oft, die Juden sollten mehr Takt wahren und keinen Anlaß zu Eröffnung der Messe in Tel-Awiw Sieh• Seite 3 bern und Polizei geführt. Die Araber haben an verschiedenen Orten versucht, Demonstrationen zu veranstalten. Die Polizei mußte cinschreiten und die Demonstranten auseinandertreiben. In Nazareth kam es bei einer solchen Auflösung eines ßemonstrationszuges zu einem erheblichen Zusammenstoß. Vier englische Polizisten und ein Offizier wurden verletzt. Auf seiten der Demonstranten gab es nur einen Verwundeten. In Safed wurde bei einer Demonstration die Situation so bedrohlich, daß die Militärabteilung, die zur Wieder- Herstellung der Ruhe und Ordnung eingesetzt worden war, s'ch genötigt sah, eine blinde Salve abzufeuern. Nur dadurch konnte verhindert werden, daß die Araber in das jüdische Viertel eindrangen. Auf der Straße H a i f a — J e r u s a I e m wurde von Arabern ein Vagen an,gehalten, in dem der ()!»Trichter MacDonell saß. Da die Menge ihn anscheinend für einen Juden hielt, wurde er angegriffen und ei lieblich verletzt. In der Nähe von C 11 c d e r a wurde ein Fisenbahti/ug von Arabern mit Steinen beworfen. Ein arabischer Fahrgast wurde verletzt. 111 M o z a, in der Nähe von Jerusalem, wurde eit! jüdischer Autobus angegriffen, Insassen des Omnibusses wurden nicht verletzt. In der Nähe von Tel-Awiw wurde ein jüdischer Pardess in Brand gesteckt, ebenso in jenin ein jüdischer Lastzug. Die T elcphonverbindungen der Hebräischen l hiiversität in Jerusalem wurden gestört. Alle Telephonleitungen zwischen Jerusalem und Jericho sind beschädigt worden. In Migdal, in der Nähe von Liberias, wurde ein Jude von Arabern durch Messerstiche verletzt. Mehrere englische Polizisten wurden verwundet, als sie dem bedrängten Juden zu Hilfe eilen und die Araber, die sich angcsammelt hatten, vertreiben wollten. In Jerusalem wurde ein Jude durch Messerstiche verletzt. Er mußte ins Hadassa-Krankenhaus eingeliefert werden, wo ihm die erste Hilfe zuteil wurde. Die Täter konnten nicht fest!gestellt werden. Der Belagerungszustand über Jaffa und Tel- Awiw ist im gesamten Bezirk mit Ausnahme von Keren Hatemanim und dem Manschija-Viertel aufgehoben worden. Vor den Polizeibehörden in N a t a n i a erschien eine jüdische Abordnung, die im Aufträge der in dem Bezirk solchen Entladungen geben. Aber hier waren die Juden aktiv unbeteiligt; sie können ja nicht verhindern, naß ein Filmregisseur einen mittelalterlichen jüdischen Stoff verfilmt. Nicht nur hei einigem Wohlwollen, sondern auch nur bei Objektivität hätte der Film von dem Puhlikum der Tschechoslowakei als Darstellung eines intercssanten lokal-historischen, an die Tschechoslowakei gebundenen Stoffes gewertet werden müssen. Ob der Film gut v,rtcr schlecht ist, ist eine zweite Frage. Gerade von jüdischer Seite ist er kritisiert worden. Aber daß Unzufriedenheit mit diesem Film dazu führt, den Juden die Fenster einzusehlagen, ist eine Illustration zur jüdischen Lage der Gegenwart. '* Der Lebensraum des jüdischen Volkes verengert sich immer mehr. Die Juden sind kein selbständiges Element, sondern abhängig von allen Tendenzen der allgemeinen Entwicklung. Sie wurden im 19. Jahrhundert in einigen Ländern durch die Welle des individualistisehen Kapitalismus hochgetragen, sie haben heute unter den Strukturänderungen des Spat-Kapitalismus in besonderem Maße zu leiden. Daß sie dabei auch an den verschiedenen Verfallserscheinungen Anteil haben, ist gerade von jüdischer Seite hervorgehoben worden, weil insbesondere dieser Umstand die Anormalität der Lage des jüdischen Volkes beleuchtet. Wir empfinden diese Verstrickung vielleicht als den tragischsten Faktor in unserer Lage. Die Diskussion, die heute um die leidige Phönix-Affaire geführt wird, erinnert uns schmerzlich daran. Wir wissen, daß das Judenproblem nicht nur ein nationales Problem ist, sondern auch ein gesellschaftliches und ökonomisches, und daher kommt es darauf an, bei der Umformung des jüdischen Volkskörpers, die jetzt vor sich geht, die schmerzlichen Folgeerscheinungen einer früheren Epoche und einer jahrhundertelangen Entwicklung richtig zu erkennen und durch eine aktive und konstruktive V o 1 k s p o 1 i t i k die Möglichkeiten für ein besseres und gesünderes Volksleben zu schaffen. Es ist ein schwerer W'eg, der noch viele Opfer kosten wird. Aber er kann zu einer wahren Befreiung führen.

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