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Jüdische Rundschau · 1936-04-28 · Heft 34 (28.4.1936) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 34 (28.4.1936)
Date
1936-04-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 34, 28. APRIL 1936 BLATT PALÄSTINA- Der Raubmord von Tulkerem Bericht eines Augenzeugen Die Tel-Awiwer Tageszeitung ״Haboker“ bringt eine ausführliche Darstellung der Vorgänge bei dem Raubmord auf der Straße von Tulkerem, der den Anstoß zu den Demonstrationen in Tel-Awiw und zu den anderen Vorkommnissen gegeben hat, die den Stein der Unruhen ins Rollen brachten. Der Berichterstatter des ״Haboker“ hatte eine Unterredung mit Felix Kn oll, einem Siedler aus dem deutschen Dorfe Sarona bei Tel-Awiw, der zusammen mit einem der verwundeten Juden, Jehoschuah Nafchi, im Auto gefahren war. Knoll gab folgende Darstellung: Am Mittwoch hatten wir beide, Nafchi und ich, in Haifa geschäftlich zu tun und begaben uns am Abend von dort im Auto nach Tel-Awiw zurück. Als wir in die Nähe von Tulkerem kamen, wurden wir aufgehalten durch ein Lastauto, welches den Weg versperrte. Als wir stehenblieben, sahen wir beim Lichte der Scheinwerfer einen M an n in beduinischcr Kleidung mit verhülltem Gesicht, der uns mit einem Militärgewehr bedrohte und rief: ״Bleibt stehen und gebt euer Geld her!“ Nafchi, der neben mir saß, griff in seine rückwärtige Hosentaschc, wo er seine Brieftasche hatte. Plötzlich begann ein alter Jude, der mit erhobenen Armen neben dem Lastauto stand, in der Richtung des Gefängnisses in Nur Schemesch zu fliehen. Es gelang ihm auch wirklich, sich 20 oder 30 Meter zu entfernen; die Räuber meinten, er liefe weg, um die Polizei zu verständigen. Einer von ihnen schoß auf ihn und tötete ihn. Als sie sahen, daß Nafchi seine Hand in die hintere Hosentasche steckte, glaubten sie, daß er einen Revolver hervorziehen wollte und schossen auch auf ihn. Er wurde im Bauch urtd am Fuß verwundet. Ich hatte mein Geld aus meiner Brieftasche herausgenommen und in meinem Schuh versteckt. Einer der Räuber kam auf uns zu und verlangte das Geld. Nafchi lag verwundet da und ant- «׳ortete überhaupt nicht. Sie suchten in seinen Kleidern und nahmen sein Geld heraus. Dann richteten sie das Gewehr auf mich und fragten mich: Bist du ein Jude oder Christ? (Es wird in dem Bericht hervorgehoben, daß Knoll sehr arisch aussieht. — A. d. R.) Ich antwortete: Ich bin ein Deutscher aus Sarona. Die Räuber sagten: Dann werden wir dich nicht ermorden, aber gib uns dein G e Id. Ich gab ihnen meine leere Brieftasche, er steckte sie zu sich und ging zu dem anderen Auto. Nachher flohen sie, und nach einiger Zeit kam die Polizei. Nachdem die Polizei gekommen war, verständigte man sofort telephonisch von dem Gefängnis in Nur-Schemesch die Hadassah in Tel-Awiw und den Roten Magen David wegen der zwei Verwundeten. Die beiden mußten inzwischen anderthalb Stundet! auf freiem Feld liegen. Die Polizei brachte einen arabischen Arzt aus Tulkerem mit, welcher ihnen die erste Hilfe zuteil werden ließ. Dann überführte man die Leiche des Ermordeten und die zwei Verwundeten, Nafchi und Tannenberg, ins Krankenhaus von Tulkerem. Inzwischen hafte man das Regierungs-Krankenhaus in?K«blus aufgefordert, ein Krankenauto zu schicken iwecks Transportes des Ermordeten und der Verwundeten. Als das Auto des Roten Magen David von Tel-Awiw nach Kfar Saba kam, wurde es dort von der Polizeiwache verständigt, daß nach Anordnung der Polizei von Tulkerem die Verwundeten und der Tote in das Regierungs-Krankenhaus iri Nablus geschafft werden sollen. Daraufhin kehrte das Auto des Roten Magen David um, und als es um 2.15 Uhr nachts wieder in Tel-Awiw eintraf, wurde ihm mitgeteilt, daß von Tulkerem nochmals an die Hadassah telephoniert worden ist, es müsse das Magen David-Auto schicken, weil das Krankenauto der Regierung aus Nablus unterwegs eine Panne gehabt hat. Das Auto brach also neuerlich auf, und beim Morgengrauen wurden die beiden Verwundeten ins Krankenhaus in Tel-Awiw eingeliefert. ln den ersten Zeitungsberichten, die am Donnerstag früh erschienen, wurde berichtet, daß es sich um einen ermordeten ״Türken“ handelt. Der Getötete, ein ‘/()jähriger Jude aus Saloniki, ein scfardischer Jude, war als Türke aufgewachsen und hatte das Aussehen eines Türken. Er war vor änderthalb Jahren nach Palästina eingewandert und bei einem Geflügelhändler angcstcllt, in dessen Auftrag er dreimal wöchentlieh mit Geflügel von Tel-Awiw nach Haifa reiste. Die genaue Beschreibung der Vorgänge anläßlich dieses Mordes ist darum wichtig, weil angesichts der Lage in Palästina und der so stark erregten Leidenschaften die Frage, ob es sich um ein Vergehen mit politischem Einschlag handelt, eine gewisse Wichtigkeit besitzt, auch dann, wenn die Entwicklung längst über diesen Ausgangspunkt hinausgegangen ist. Sicherlich ist die Unsicherheit auf den Hauptstraßen des Landes eine überaus bedauernswerte Tatsache. Das Reisen in einem Lande wie Palästina war freilieh noch vor 15 oder 16 Jahren immer mit einem Risiko verbunden, da Räuber- und Diebesbanden nicht zu den Seltenheiten gehörten. Der erste High Commissioner, Herbert Samuel, hat es sich zu einer seiner Hauptaufgaben gemacht, das Bandenunwesen auszurotten und ein Gefühl der Sicherheit im Lande zu begründen. Im Verlaufe kurzer Zeit wurde ein Zustand erreicht, daß man sich auf den Hauptstraßen Palästinas ebenso sicher fühlen konnte, wie in irgendeinem Teil Europas und Amerikas. Daß trotzdem Verbrechen und Räubereien Vorkommen, ist eine Tatsache, aber diese sind ja auch in den zivilisiertesten Landern nicht ganz auszurotten. In der letzten Zeit scheint sich aber die Sicherheit merklich vorschlechtert zu haben. Die Beschreibung der Vorfälle bei Tulkerem scheint zunächst einen typischen Raubüb crfall zu erweisen. Die Frage nach der Nationalität von Knoll zeigt aber, daß die Banditen das nationale Moment ausnutzen. Aus der fortgesetzten Agitation und aus der Stimmung im Lande scheint sogar das Verbrechervolk die Ansicht geschöpft zu haben, daß, wenn schon als Zugabe zu einem Raub gemordet werden soll, es besser ist, einen Juden zu morden als einen anderen. * Nach einem Bericht der ״Palestine Post“ soll einer der Räuber gesagt haben, sie würden ihre Beute zum Airkauf von Waffen verwenden, um das Werk des ״heiligen Mär• tyrers“ fortzusetzen. (Dies bezieht sich auf den Scheich IZZ ed Din, der aus religiös-nationalen Gründen den Widerstand gegen Juden und Engländer gepredigt hat.) Der Bericht der ״Palestine Post“, der sich gleichfalls auf einen ״deutschen Einwohner von Sarona“ stützt, aber in diesem Punkte von der Darstellung des ״Haboker“ abweieht, behauptet auch, daß alle Opfer des Ucberfalls nach ihrer A b s t a 111 in u n g befragt worden seien. Haifa in den Unruhetagen H a i f a, 22. April Der 19. April, der Tag der Unruhen in Jaffa, ist in Haifa ruhig verlaufen. Nur langsam kamen die ersten Nachrichten über die Ereignisse nach Haifa, wie immer vermischt mit starken Uebertreibungen und wilden Gerüchten. An diesem Tage war bereits der Autoverkehr der jüdischen Gesellschaft ״Egcd“ von Haifa nach Tel-Awiw und Jerusalem eingestellt, Der ganze Verkehr vollzog sich mit der Eisenbahn. Ab 20. April mittags sah man eine ständige Polizeiwache auf der Jaffastraße und in anderen Teilen der Stadt. Wie bei den Unruhen im!1.erlist löj'j wurde auch diesmal die Volksschule am Eingang zu Hadar Haearme! mit Militär belegt. Am 21. April rechnete man mit einer von der Polizei vorbotenen arabischen Demonstration. Am Morgen dieses Tages waren Anschläge des Distriktskommissars erschienen, nach denen alle Versammlungen und Aufzüge anineldungs- und genehmigungspflichtig waren. Da also möglicherweise Zusanimenstöße zwischen Demonstranten und Polizei zu befürchten waren, schlossen die jüdischen Ladeniuliabcr im alten und neuen Merkas die Läden und begaben sieh in ihre W0I1״ nuugeii nach Hadar. Die Demonstration fand nicht statt. Statt dessen wurde ein Streikbeschluß gefallt. Dieser Streik wurde am 22. April durchgcfuhrt. 1 leute, an diesem Tage, sind die arabischen leiden geschlossen, nur die arabischen Cafes mul Restaurants sind geöffnet. Die jüdischen Geschäfte und Büros in der Unterstadt und am Hafen sind geöffnet, alle jüdischen Autobuslinien sind in Betrieb. Die Abfertigung der Schiffe im Hafen vollzieht sich ohne Störung. Die Passagiere werd.en nebst Gepäck in Autobussen auf den Hof des Technikums im Hadar gebracht (ein System, das sich auch für ruhige läge empfiehlt und den Passagieren viel Aerger und auch Geld ersparen winde), und gehen von dort in die Hotels, oder fahren in das Beth Olim oder die Unterkunftsräume der HOG. In der!Mittelschule des Technions sind auch einige Familien aus den gefährdetsten Stellen der arabischen Unterstadt aufgenonimeii. Seit dem 19. April ist nach den Abendausgaben der Zeitungen große Nachfrage, sie treffen abends erst um 8 statt um 6 Uhr in Haifa ein, und Hunderte von Menschen stellen sich in langen Reihen an, um die Abendzeitungen zu kaufen. A. B. Bilder yon den Unruhen Englische Truppen sperren die Straßen von Jaffa nach Jüdischer Ordnerdienst in den Straßen Tel-Awiws Juden aus Jaffa werden in Lastwagen nach Tel-Awiw Tel-Awiw ab Foto•: Ermt Iakin (4) Chain Strobel (I) geschafft Zerstörte Häuser in einem an Jaffa angrenzenden Stadtteil Traueritundgebung vor dem Hause der Stadtverwaltung 'l'elslwiws #11^1 *,־*äfci.A.■ ww SfttiLbxä• ».y«' <

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