Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 34 (28.4.1936)
- Date
- 1936-04-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 34, 28, IV. 1936 WU‘ i€*l! 1it‘n He 11 a I» I» a l? Für Scnabba , 2. Mai Wochenabschnitte: Achare Mot K'doschlm (III. B. M. Kap. 1<>,! '20, 27) I. Für den Sohabhat dieser Woche Rehen wir aus von dem \ ers Kap. 10, 18. I ).eser Satz, wird im 1 almud als ״große Regel“ he/eielinet. Wir weiden, um die Stellung dieses Satzes 1111 System des Judentums voll heraus/uarbeiteii, das Sehoekeii-Biicii ״I )er Naehste" heranziehen. Ausgebern werdet! wir von dem Vorwort Martin Bubers, der eine Analyse des wahre״ Vortsinns des Verses, den wir /!machst heraiisarbeiten, g;?t. Demi werileu wir den Aufsatz von Mermann (,oben ״Der Nächste" lesen, der wicJit^es ,Material 711 unserem Problem enthalt.;Man kann das Problem vielleicht ei weitem, indem man 11 eil n.iehstea Aufsatz in diesem Buch ״Die Nächstenliebe im i almud" hei der Betrachtung mitberiieksielitigt. II. Wir lesen jetzt die Verse Kap. 20, 22 - 27, in denen deutlich zum Ausdruck kommt, daß die Besiedlung Hre7. Israels durch Juden an gewisse Vorausset zunge n gekmipft ist, Ics wird hier als Aufgabe des jüdischen Volkes hingi stellt, heilig zu sein um.1 sieh zu unterscheiden von amleren Völkern. Von besonderer Aktualität ist hier die Anmerkung von Baschi zum H>. Vers des 20. Kapitels, in der die Folgen einer Assimilation in krassen formell ge- Schildert werden. Von liier ausgehend, betrachten wir dann die Ilaftarah, die diesen (!!׳danken aufgreift und zum Ausdruck bringt, daß die ID w .1 11 11 11 e i t Israels dem jüdise'nen Volk na ״t di.!.'echt zu bc-omieren fordernngen gibt, sondern mir!!,um u, e'׳.t, daß das jüdische Volk in einem gioßeren Ausmaß a!״. .nuiere Völker für all seine Vergehen zur VciantworOur: g ׳/ weil wird. Als!la-tiirnb. w ird gelesen ־ Arnos Kap. 0, 7 bis zum hnde. Die llattaiah ist v,m eigenartiger Schönheit und wir empfehlen, sie in der l :cl!crsct/t!ng von Ruber-Kosen zweig vor/uleswe J, [g. Amos aus Thekoa Du; I halt,11 ah zur I>!!ppelsklra in Amos Q, 7 ff. kann zum ( 1egen>t,1ml einer allgemeinen Aussprache über einen der ersten g 1 o ß e n S e 11 ritt p r u p 11 e t e 11 gemacht werden. Buigi,!phisches .Material über den Propheten haben wir wenig ubei liefe! I bekommen. Wir wissen nur, daß er aus r 11 e I; 1 ׳ a im Smlrexh, in der Nahe Bethlehems, stammte und als Rnnlerhirf und /uclUer von .Maulheerfeigen lebte. Er lehnte es aiisih ucklich ab, ein zünftiger Prophet zu sein (D M) und wollte nichts mit den sogen, ״amtlichen" Heils- Verkündern gi mein haben. Seine Wirkungsstätte als Prophet war das 1 s r a e 1! t 1 s e h e 7. e!1 t r a 1!1 e i 1 i g 111 m in Bethel. Iber trat er so lange auf und wirkte durch die W licht schic; M orte, bis er, wie es scheint, auf Betreiben des übcrpricsters Amazjah des I.amles verwiesen wurde. Er war mit seinen straf׳wden und mahnenden Worten den AI1 gewaltigen in Israel auf die Dauer unbequem geworden. Ueber sein weiteres Verbleiben und Lebensende wissen wir nun gar nichts mein־. Amos trat unter der Regierung Usijahs in Judäa und Jerobeam II. in Israel auf. Die Regierungszeit Jerobeams erstreckte sich von 78'5 bis 74! v. Chr. und war für das N'ordreieh eine der glücklichsten Zeiten gewesen. Unter Jerobeam erstieg das N'ordreieh den Gipfel seiner Macht, Die Zeit der fremden Bedrücker, der aramäischen Einfälle war vorbei und das Reich innerlich wie äußerlich gefestigt. Die alten Grenzen des Reiches wurden wiederhergestellt, ja sogar darüber hinaus beträchtlich erweitert. Die Stadtbewohner und die Vornehmen des Landes erfreuten sich eines besonderen Wohlstandes. Samaria blühte und stand hoch im Ansehen. Aber schon taucht auf dem politischen Hintergrtind die Weltmacht Assyriens auf, in der Person des Eroberer- Salamauas-ar IIP und des spateren Tiglat-I’ileser II. Schwere Gewitterwolken zogen sich am Horizont des Nordreiches zu-ainnicn. Aiiks ahn! bereits die kommenden Ereignisse und stellt sie bewußt in den Schopfung-plan Gottes hinein. Er war vielleicht der erste unter den politischen Propheten, die die-e /ii-ammcnhange in ihrem weltgeschichtlichen Ahlaut sahen und die den (lang der Weltgeschichte und ihren Sinn als niu von (jott vorgesehen und ausgeführt betrachtrn. Und so erklingen m dem ruhig dahinlebemlen Volke die aufsehi eekemlen IDife dieses Propheten, der die soz i a I e n M i ß s t ä n d c geißelt und das bevorstehende Gottesgericht verkündet. Schärfste Kritik übt er an der übertein erten S t a d t k 111111 r, in der er nur Laster und Verfallserscheinungen sieht. In der Rechtlosigkeit der Armen und ihrer sozialen Unterdrückung durch die Machtigen sieht er die Wurzel des sittlichen Verfalls. Amos predigt, daß der Gercchtigkeitswille Gottes starker ist als seine Vorliebe fi'ir sein Volk. Daher, wenn das Volk Ungerechtigkeit übt, das Recht beugt und die Armen unterdrückt, wird (Jott als der gere;11 te Verwalter der sitP.clien Weltordmmg dieses Volk strafen und wegen seiner Sünden züchtigen. Die Erhebung der sittlichen Idee über alles andere wird ihm der Ausgangspunkt, von dem aus das Walten Gottes in der Welt draußen erfaßt wird. Es ließe sich noch bei Amos der Gedanke des e 111 i - s c 11 e n M o!1 o t 11 e i s m 11 s, der gepaart mit den! religiösen I hiiversalismus geht, w eiter heraiisarbeiten und vertiefen. 111 dw'sem Zusammenhänge sollte auch die Ilaftarah mit ihrem Ausblick auf die Zukunft Israels i c'iandelt werden. Hier vernehmen wir Klänge einer herrlich 11 künftigen Zeit (9, 8 15), die an die Verneinungen einer Heils-Eschatologie der übrigen großen Propheten erinnern. Das Volk, das das Gottesgericht übcrstancieri haben wiid, kehrt wieder in sein Land zurück und soll es wieder besiedeln. Die eingefallene Hütte Davids soll wieder auf!gerichtet werden und dastehen wie in den Tagen der Vorzeit. Zur geschichtlichen Situation vergleiche man noch II. Kön. 14, 2'i 29 und lese bei Duhnow Bd. I die entsprechenden Stellen nach. Eine gute Einführung und Uebersiebt über Amos findet sich u. v. a. in der Ene. Jud. Bd. II unter ״Amos“. _ j• M. Tagesschule für Bcrufsvorlehre. Die von der Reichs- Vertretung errichtete Schule soll diejenigen Jungen erfassen, die nach acht- oder neunjährigem Schulbesuch ihre theoretische Bildung abrunden und gleichzeitig in die handwerkliche und Gartenarbeit cingcführt werden wollen. Dadurch, daß die Schüler den ganzen Tag über in der Schule sind, ist die Vorbedingung für eine stetige Arbeit gegeben. Die eine Hälfte des Tages gehört der Arbeit in Hebräisch und Englisch sowie dem Sport, dazu kommen, über die Woche verteilt, Kulturkunde, Judentumskunde, Naturwissenschaften, Rechnen, Zeichnen und Musik. Die andere Tageshälfte, ist von der Arbeit am Schraubstock, an der Hobelbank oder Der High Commissioncr besucht die ״ASSIS"־ Fabrik S. E. brachte zum Ausdrude, daß er ״ASSIS" für eine der wichtigsten Fabriken Palästinas halte, da sie auf den landwirtschaftlichen Pro״ dukten des Landes basiert und große Exportmöglichkeiten besitzt. im Garten ausgefüllt. Ein Sportplatz, ist vorhanden, ebenso ärztliche Ueberwachung. Die Kosten für die theoretische und manuelle Ausbildung einschließlich der Verpflegung (Frühstück, Mittag, Vesper) betragen 50 RM. monatlich, für das Wohnheim wird ein weiterer Zuschlag von 20 RM. erhoben. Bei Bedürftigkeit kann Antrag auf Ermäßigung gestellt werden. Der Anmeldung ist beizufügen: ein Lichtbild, ein ausführlichcr Lebenslauf (besondere Interessen, Berufswtinsch, etwaige Bundeszugehcirigkeit, jüdische Kenntnisse) und eine Abschrift des letzten Zeugnisses. Alle Anfragen sind zu richten an die Reichsvertretung der Juden in Deutschland (Schulabteilung), ßcrlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158. Patäs4ina-Am4 Berlin PCR 3 fcWlSM AfrSNCV FOR PALESTINI Berlin W 15, Meinekestraße 10. Telefon: Sammel-Nummer J 1 (Bismarck) 9031. Palästina-Interessenten, die sich auf industriellem oder landwirtschaftlichem Gebiet durch Neugründung von Betrieben oder Beteiligung betätigen wollen, wenden sich /.weckmäßig an die Wirtschaftsabteilung des Palästina-Amts Berlin. Das Palästina-Amt verfügt über ein umfassendes Informationsmaterial in Form eines Wirtschaftsarchivs, das laufend auf den neuesten Stand gebracht wird. Dieses Archiv wurde durch eine ständige Verbindung mit dem American Economic Committee for Pa lest in e, Tei-Awiw, der auf wirtschaftlichem Gebiet offiziell anerkannten und bestunterrichteten Informationsstelle des Landes, im Laufe der letzten drei Jahre aufgebaut und ermöglicht es dem Palästina-Amt, den gesamten wirtschaftlichen Informationsdienst Palästina—Deutschland an einer Stelle zu zentralisieren. Dies gewährleistet eine schnelle, sorgfältige und direkte Berichterstattung. Die Auskünfte werden in Form von Expertisen erteilt, die sich jedoch grundsätzlich nur auf objektives Tatsachenmaterial und wirtschaftlich wichtige Daten innerhalb des einschlägigen Gebietes erstrecken. Die Auskünfte des Palästina-Amtes stehen gegen eine angemessene Beteiligung an den Unkosten zur Verfügung. Touristen, die sich in Palästina über bestimmte wirtschaftliche Fragen unterrichten wollen, sollten ihre Reise zweckmäßig dadurch vorbereiten, daß sie sich schon hier über die Situation ihres Interessengebietes grundsätzlich unterrichten. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 28. April: Brünn (325), 17.20: U. a. Meyerbeer: ״Der Prophet‘‘. — Paris P.T.T, (432), 20.30: U. a. Saint Snens: ״Samson und Dalila". — Poste Partien (313). 21: U. a. Mendelssohn. — Hilversum I (1875), 21.05: Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-l)ur. Mittwoch, 29. April: Straßlmrg (340). 13.10: U. a. Moszkowski. — Luxemburg (1304), 12.45: 1’. a. Rubinstein. -־— Brüssel (484, franz.), 15: Vortrag von Flau Kubowitzki: Das neue Palästina. — Poste I’arisien (313). 18.20: Jiidiselie Sendung. — Radio Lille (247), 19.55: Meverlx'er: ,,Die Hugenotten‘־ .־— Stockholm (1339), 20; Mahler: Sinfonie Nr. 2 C-MoiL — Seitens (443), 20: Sonate von Milhaud. •־■־ Monte Cencri (257). 20: Otfenbach-Konzcrt. — London (342), 21.15: V. a. Mendelssohn. — Prag (470), 22.15: Festsendung anläßlich der Levante-Messe: ״Die Tschechoslowakei grüßt Palästina (tseheehiseh, hebriiLeh and cngli>eh). Donnerstag, 30. April: Luxemburg (1304), 8.15: Sehallpl., u. a. Weilla Olfenbarh. — StralSImrg (349), 11: U. a. Mendelssohn, Moszkowski. — Radio Paris (1648), 16: Offenbar!!-Konzert. — Hilversum I (1875), 18.40: Bibelvorlesung. — Hilversum H (302), 17.10: tJ. a. Bloch. — Budapest I (550), 20.35: U. a. Rubinstein. Freitag, t. Mai: Straßburg; (349). 13-10: Sehallpl-, u. a. Wladimir llorowitz. — Radio Paris (1648), 20: U. 3. Gedichte von Madeleine Milhaud; 20.45: Offenbar!! ״Die schöne Helena“, Leber- Iragung aus dem Trianon-Theater. — Brüssel (fliim. 322), 201 U. a. Meyerbeer. — Agon (360). 21.10: U. a. ״Samson und Dalitz״ von Saint-Saens. — Kaäwvlhorg (1263), 22.15: U. a. Offenbach. Moszkowskt. — Straßburg (349), 22.45: U. a. Milhaud. — Brüssel (franz. 484), 22.45: A. d. Oper v. Kurt Weill: ״L’Opera de Quatf Sous“. Sonnabend, 2. Mai: Luxemburg (1304). 15.50: IJ. a. Meyerbeer. «■* Beromünster (540), 17: H. a. Handel: ״Samson‘־, Castelnuovo- Tedesco. — Toulouse (328), 18.40: Offenbach-Konzert. — Oslo (1154), 20.10; U. a. Mendelssohn. — Wien (506), 20.25: Konzert, Mit wirk. Vera ■Schwarz. — London-National (1500), 22.50: U. a. Rubinstein. Todesfall. Dr. Fritz Löben stein, der bisherige Vorsitzende der ZOG. Leipzig, betrauert den Tod seines Vaters, der am 21. April in Osnabrück verstorben ist. Wir sprechen Dr. Löbenstein und seiner Familie unsere herzlichste Anteilnähme aus. Doppeltih־her «rvv ickelt gingen die Frauen vom Haus zum Ilühncrstcig. 111 der Nacht sichtete man Wölfe in der Gemarkung der Gemeinde. Plötzlich wurde die Ställe des Dorles dun h einen ungeheuren Lärm aufgew ühlt. Die Reichstngsvv ahlen sei/!eil ein. und da kamen die Einwohner der umliegenden Städte und Ortsi hüllen - Gott weiß, warum — in unser 1)011־ zur Mahl. Es trafen überfüllte Leiterwagen mH bebänderten, fahnensehwingenden, singenden Menschen ein. Das Dorf lullte sich mit unverständlichen neuen Liedem, die wir früher nie gehört hatten. Von der Rechten und der Linken sangen sie, indem sie mit schillernden Schnapsflasthen fuchtelten. Gendarmen Ijoset/.ien die Brücke und hießen die sich drängende Menschenmenge nach rechts und nach links auseinandergehen. Das wären als״ die Rechten und die Linken? W arum wollen diese 1 < nie bloß aufeinander losgellen? Warum rauften sie vorhin auf der Brücke, daß viele von ihnen, ineinandergefloehten, großen, schwingenden Knäueln gleich in das tiefe Bachbett liinunterkollerten? Sie fielen zum Glück auf weiche Schneekissen und taten sich nicht weh. Unter den Bauern schießt. Heb Mordche Seidner, der Liebling des Dorles, hin und her, gestikuliert und erklärt, es werde so und so sein, und die ihn umringende Menge nickt mit dem Kopie. Was mag er nur erklären? Gerade jetzt erörtert er etwas unserem Schabbesgoj, der rreitag- und Feiertagabend in Schul kommt und mit den bloßen Fingern den brennenden Kerzendocht ab/.upft oder, wenn es sein muß, die Lichter hinan,strägt und draußen ausbläst. Lud wenn die Gendarmen alle Leute, von der Rechten und der Linken, hiricintriehcn in den Glieder zur Mittleren Pforte und Beb Scholem befehlen, ihnen zu erklären, was Habbi Josse sagt und Rabbi Sera sagt, würden sie da auch nur ein einziges Wort verstehen? Plötzlich ist ein großer Lärm in der Nähe des Brunnens entstanden. Das \ olk versuchte, den Gendarmenkordon zu durchbrechen. I.iniee Burschen schleuderten Steine gegen die Hüter der Ordnung. Da flogen auch schon die Gewehre von den Schultern, Schüsse und Wehgeschrei erfüllten die Luft. ״Es gibt auch Tote“ rief man. Bei der Brücke löste sich jegliche Ordnung auf. Man lief wie besessen, nach rechts und links. Einige scheugewordene Pferde galoppierten mit den Schlitten dem Ufer zu. Erschrocken stoben die Kinder auseinander, die verängstigten Mütter ihnen nach. In dem großen Rummel geriet ich unter einen Schlitten und lag nun mit blutender Stirn auf dem Schnee. Zum Glück lag der Lör.sterhof nahe. Die Frau des Försters hob mich auf, trug mich ins Zimmer und fuhr mir zärtlich übers Gesicht. ״Ilonka, bring rasch kaltes Wasser.“ Ich bekam Umschläge auf die Stirn und Ilonka hielt sie so lange, bis das Bluten endlich aufhörte. Es tat gar nicht so weh. ״Ilonka, bring rasch ein Glas Wasser!“ Ich trank es aus, und mittlerweile fiel mir ein, oh es wirklich nicht erlaubt sei, in diesem Hause auch nur ein Glas Wasser zu genießen, wie es Heb Scholem gesagt hat? Indes kam meine Mutter gerannt. ,,Nur keine Angst“, sprach ihr die Frau Förster Mut zu, ״es ist nichts geschehen. Der liebe Gott gibt schon acht. Bloß einen kleinen Denkzettel wird er auf der Stirn tragen, damit er das nächste Mal besser aufpaßt.“ Am nächsten Tag saß ich mit verbundener Stirn vor der ״Mittleren Pforte“. Ob min die Rechte oder die Linke gesiegt hat, war einerlei. Wir lernten schaukelnd und singend in der Baba Mezin, wie man die Kuh, den Ochsen beim Pflügen, Eggen und Hausbau z,u halten habe. — ״Wenn hinsichtlich des Lohnarbeiters die Thora befohlen hat, daß du ihm nicht verbieten darfst, von der Frucht, mit der er hei dir beschäftigt ist, 7.11 essen, um so weniger darfst du dies beim Vieh verhindern, für dessen Verpflegung du zu sorgen hast.“ Auch hei dem vom Heiden geliehenen Vieh darfst du es nicht tun. Dies schreibt wohl nicht die Thora vor, sondern die Weisen, die in ihrer Güte über die Thora hinausgehen. ״Bet. Ilono ist drei Jahre vor Jerusehaiu.jim vernichtet worden, weil sich seine Krämer immer nur auf die Worte der Thora beriefen.“ Die Krämer in unserem Dorfe — fast ,jeder von ihnen — betrieben auch ein wenig Landwirtschaft. Der eine bestellte seinen Weingarten, der andare baute Getreide an. Linen Gemüsegarten halte .jeder von ihnen. Und die Bauern liehen ihnen öfters ihre Pferde, ihre Ochsen. Was wir in der ״Mittleren Pforte“ .ernten, war also aktuell für uns. Der Wind fegte uns noch dichten, kalten Schnee in die Augen, als wir in den Glieder gingen, um mit dem neuen Abschnitt zu begannen: ״Wer von seinem Nächsten Boden übernimmt“. ״Wo man zu schneiden pflegt, dort ist zu schneiden, wo nuszureißen, dort ist auszureißen, wo nachzupflügen, iat nachzupflügen.“ Soweit die Mischna. Nachher die Erklärung der Gemara: Wo es üblich ist, die Aehre samt Wurzel auszureißen, kann der Eigentümer nicht sagen, du hast sie mR der Sichel ahz.umälien, damit die Wurzeln in der Erde bleiben zum Dünger. Hingegen kann auch der Pächter nicht sagen: Was schert es dich, ob ich den Boden gut oder schlecht bebaue, du erhältst doch den vollen Pacht- Schilling. — Denn der Eigentümer kann ihm erw׳idern: ״Du verläßt morgen den Boden, und er wird mir nur Unkraut tragen.״ — Man hat sich daher nach dem Ortsbrauch zu richten. Und wenn wir schon beim Ortsbrauch halten, gehört auch unmittelbar hierher, daß ״wenn jemand eine Last trägt und Tefilin auf dem Kopfe hat: wenn die Tefilin eingedrückt werden können, so ist dies verboten, wenn nicht, so ist es erlaubt“. Aber cs kommt nocli viel schöner: ״Wenn jemand auf dem Kopfe Dünger aufs Feld hinausträgt und die Tefilin aufhat, so schiebe er sie nicht seitwärts, auch binde er sie nicht an seine Hüften, denn dies ist eine Beschämung der Tefilin, sondern binde sie an den Arm, neben die anderen Tefilin.“ — Diese Leute gingen den ganzen Tag mit den Tefilin auf dem Kopfe, den Talis um die Schulter ge* hängt umher. Was würde man wohl in unserem Dorfe sagen, wenn die Juden auch heutzutage so umhergingen? Würde es genug Steine auf der Straße geben? Wenn mein Vater am Schabbai aus der Schul im Talis nach Ilaöse ging, um z.u Hause das Gebet durch einige Psalmen zu ergänzen, so zog er sich über den Talis nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer seinen schwarzen Ueberrock an, wobei er die hängenden Fransen des Talis aufhob und anhand, damit sie dem Landvolke nicht auffallen. Freilich unsere Vorfahren, als sie einst unter sich waren und auf eigener Scholle lebten, hatten sich keiner Sache zu schämen, die ihr eigen war. Hohepricster, ״priestcrliche Knospen“ und die Priester am Altar, sie erteilten in voller Pracht, frei und stolz den Segen auf dem Tempelplnt/e in Jeruschalajim. Und hier? Der einzige arme Koben, der am Festtag in unserer kleinen .Schul den Duchan-Segcn singt, wickelt sich den Kopf und den Oberleib tief in den Talis ein, und auch so dürfe inan ihn nicht anbücken, sonst erblinde man — hieß es. Nur verstohlen, insgeheim wandten wir ihm einen halben Blick zu, und — Wunder über Wunder — es geschah nichGs. ״Und um unserer Sünden willen wurden wir aus unserem Lande vertrieben“, beteten wir mit Schmerz im Mussafgebct um Neumond und Festtag. Ach, damals konnte man auch noch aut der Straße und überall beten. ״Der Arbeiter darf auf dem Baumwipfel, auf der im Bau begriffenen Mauer beten.“ Sollen sie es jetzt versuchen, wo die Bauernbuben selbst in die Schul Steine werfen! Und wir lernten in der Mischna der Segensprüche: ״So jemand botet und ihn selbst der König grüßt, darf er nicht unterbrechen.“ Und Raschi erklärt: ״Hier ist vom jüdischen König die Rede, bei einem heidnischen König hat er zu unterbrechen, damit m■ ihn ■icht töte!“ — Aber wo ist der jüdische König? Rabbi Schimon sagt: ״Die Kinder Israels sind alle Königssöhne." Wann gab es einen jüdischen König? (Schluß folgt)