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Jüdische Rundschau · 1936-04-24 · Heft 33 (24.4.1936) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 33 (24.4.1936)
Date
1936-04-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PAlÄSTINA-BLATT Was weiter? Noch stecken wir mittendrin in der beängstigenden Gegenwart, und schon erfüllt uns vor allem die Sorge um die Zukunft. Noch jagen einander die Nachrichten, und ein abgerundetes Bild der Vorkommnisse mit riehtiger Erkenntnis von Ursache und Wirkung ist noch nicht zu gewinnen und wird vielleicht überhaupt nicht zu gewinnen sein; aber was wird weiter werden? Das ist die Frage, die sich jeder stellen muß, der sich mit dem Jüdischen Nationalheim in Palästina, dem Land der Hoffnung des jüdischen Volkes, verbunden fühlt. Es ist keine neue Frage. Auch ohne eine solche traurige Zuspitzung der Dinge wußten wir, daß der Gegensatz zwischen Juden und Arabern den schwersten aller Gefahrenherde für Palästina bildet, und die Ent- Wicklung der arabischen Welt in den letzten Jahren ließ dieses Problem immer ernster erscheinen. Die Engländer verbürgten zwar die Ruhe, aber in weltpolitisch bewegten Zeiten rechnen sie mit Imponderabilien und Machtfaktoren. In der letzten Phase war der abessinische Krieg, der den Vorderen Osten in Erregung und ficberhafte Tätigkeit versetzte, das auslösende Moment. Unruhen in Aegypten und Syrien, Generalstreik, Verhandlungen, Annäherung der islamischen Staaten, Durchbildung einer nationalistischen arabischen Bewegung, teilweise in modernsten Formen von Sturmtrupps, all dies waren Symptome einer großen Spannung, und es war bemerkenswert, daß bisher gerade in Palästina vollständige Ruhe herrschte. Sir Arthur Wauchope hat anscheinend gemeint, es werde ihm gelingen, durch das Angebot eines Legislative Council die Araber Palästinas zu befriedigen oder abzulenken. Es ist unsicher, ob der Ausbruch der Unruhen von den arabischen Führern beabsichtigt war. Möglieherw׳eise sind auch sie davon überrascht worden. Nach einem Bericht der Londoner ״Times“ ist unter den Arabern die Meinung verbreitet, die Gerüchte, in Tel-Awiw seien Juden von Arabern ermordet worden, W'ären von Provokateuren ausgestreut worden, und zwar auf Veranlassung der Regierung. Schon aus diesem Berichte eines englischen Blattes geht hervor, daß man sich über die Quellen der mysteriösen Gerüchte, die im Regierungs-Kommunique als Anstoß zu den Ueberfällen erwähnt werden, nicht im klaren ist. Jedenfalls handelt es sich — ähnlich wie fm Jahre 1929 — um maßlos übertriebene und entstellte Darstellungen dessen, was wirklich geschehen ist. Vom jüdischen Standpunkt ist es bedauerlieh genug, daß überhaupt Anhaltspunkte für solche Gcrüchte vorliegen. Dies ist ein sehr ernstes Problem, das eigentlich zentrale Problem der jüdischen Politik in Palästina: es handelt sich darum, wer eigentlich Politik zu machen und zu verantworten hat, und ob es Gassenjungen erlaubt sein soll, nach ihrem Belieben zu schalten und zu walten. Unerfahrene Jungen wissen häufig nicht, was sie anrichten, aber um so mehr müssen sie einer Disziplin unterworfen sein. Die Atmosphäre in Palästina ist erfüllt von Mißtrauen. Die Araber mißtrauen den Juden, die Juden den Arabern, und beide der Regierung. Diesem unhaltbaren Zustand kann nur durch eine entschlossene und mutige Politik, die sich nicht dem momentanen Druck der Straße beugt, sondern aus einem Engpaß ein Fenster ins Freie aufzustoßen versucht, ein Ende gemacht werden. Zeiten des Blutvergießens stellen eine harte Probe an die Nerven aller Beteiligten. Es ist überaus schwer, in solchen Zeiten Besonnenheit zu wahren. Aber sie muß gewahrt werden aus der Erkenntnis, daß durch hysterische Reaktionen nur noch schlimmere Folgen erzeugt werden. Erste Forderung an die Regierungsorgane ist die vollständige Wiederherstellung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit. Sir Arthur Wauchope ist ein konzilianter Mann, aber im Ernstfälle hat er bewiesen, daß er nicht mit sich spaßen läßt. Wir sind überzeugt, daß er imstände sein wird, die Unruhen vollständig zu unterdrücken. Die Exzedenten haben der arabischen Sache einen schlechten Dienst erwiesen. Denn Wauchope ist gewiß nicht der Mann, der den Anschein erwecken würde, daß er sich dem Terror der Gewalt beugt. Bei den Oktober-Unruhen 1933 hat er dies mit aller Deutlichkeit gezeigt. Wir beklagen voll Trauer die Opfer an Menschenleben; mit tiefer Erschütterung, Teilnahme und Sympathie fühlen wir uns mit den Hinterbliebenen verbunden, wir empfinden mit brüderlichem Empfinden die Erregang des Jischuw mit. Der Jischuw ist entschlossen, sich zu verteidigen, das jüdische Leben und die jüdische Position zu schützen, und er wird keinem Druck weichen. Aber wenn die Ruhe wiederhergestellt ist, dann fragen wir nach dem Morgen und erkennen, daß es nicht angeht, passiv die. Entwicklung an sich herankommen zu lassen. Es gilt, den Weg einer konstruktiven Politik zu gehen, die uns aus den Schwierigkeiten herausführt. Für viele Juden in Deutschland brachten die Geschehnisse der letzten Tage die erste Berührung mit dem wirklichen Ernst Palästinas; denn erst in den letzten zwei oder drei Jahren ist ihrem Bewußtsein Palästina nähergerückt, und frühere ähnliche Ereignisse, zuletzt die viel schwereren Unruhen von 1929, schienen viele von ihnen noch n׳cht direkt anzugehen. Nun hat wohl die große Mehrheit der Juden Deutschlands eine Beziehung zu dem Lande, aber bisher wurde dies Land vielfach als ein leichter Ausweg hingestellt, und man glaubte, An- Sprüche erheben zu können. Tatsache ist aber, daß das Jüdische Nationalheim weder politisch noch wirtschaftlich fertig ist, daß in beiden Hinsichten die Auseinandersetzung mit der Realität noch vor uns steht und jeder dazu beitragen muß. Palästina ist eine Aufgabe. Es gibt uns schon so Manches; aber es fordert auch, und es fordert sogar sehr Schweres. Das haben wir in der letzten Woche mit tiefem Schmerz, erfahren müssen. Das Jüdische Nationalheim hat mit Widerständen zu rechnen, und der Jischuw weiß das. Er hat sich immer noch in Zeiten der Krise, der Erschütterung und der Kämpfe bewährt und ist mit verdoppelter Energie an die Arbeit herangegangen. Auch nach diesem Ausbruch der Leidenschaften muß wieder eine Zeit friedlichen und produktiven Aufbaues kommen. Die jüdische Einwanderung darf und wird keine Unterbrechung erfahren. Die Juden sind bereit, dem Lande ihr Bestes zu geben. England hat eine ehrenvolle Verpflichtung übernommen, und erst kürzlich haben die Parlamentsdebatten gezeigt, daß die Vertreter der englischen Nation sich dessen bewußt sind. Das jüdische Volk ist in schwerer Not und braucht Palästina. Die arabische Nation bewohnt riesige Gebiete rings um Palästina, und der Anspruch der Araber, in Palästina ungestört als vollberechtigte Bürger des Landes zu leben, muß unbestritten sein. Es fehlt bisher jedoch an jedem Versuch, das tatsächliche Zusammenleben zweier Völker zu einem staatsrechtlichen Gedanken zu verarbeiten. Worum es geht, ist die Ein Landbriefträger Beer-Tuvia, im April Sehr geehrte Redaktion! Als alter Leser Ihrer Zeitung — ich glaube seil 1896 — und Ihr gelegentlicher Mitarbeiter hoffe ich, Ihren Lesern eine Freude 211 machen, wenn ich Ihnen das Bild unseres Tojährigen Briefträgers, Herrn Raff m a nn, überreiche. ' Foto: M. Simon Hier in Beer-Tuvia, der südlichsten Kolonie Pulästinas, freuen wir uns stets, wenn er auf seinem Reitesel erscheint, uns Botschaften aus der alten Heimat und auch regelmäßig die ״Jüdische Rundschau“ bringt. Er bekommt für feilen Brief oder Karle einen Botenlohn von 2 Mils (2ßi Ff.) und für jedes Paket 1 Piaster (12 Pf■), und da er unser Postamt ist, verkauft er uns auch Briefmarken und berechnet für seine Mühen für deren Beschaffung 2 Mils pro Stück. Ganz Beer-Tuvia hat davon gesprochen, als er sich diesen schönen Rvitesel für £ 2.— anschaffen konnte. Seine Tätigkeit besteht darin, daß er täglich den Postsack vorn Autobus abholt und die Briefschaften sortiert und austrägt, wenn er mit seiner Arbeit im Gemüsegarten fertig ist und wohl auch seine Kühe gemolken hat. Er trägt die Briefe natürlich nur bei gutem Wetter aus. Bei Hegen oder wenn es gar zu heiß ist, beansprucht dies kein Mensch. Jedenfalls sind wir mit ihm sehr zufrieden und wünschen ihm und seinem Esel noch ein recht langes Leben. Mit bestem Gruß Moritz Simon Die neue Yeshnrun-Synagmje in Jerusalern-Rechmcia Foto׳ Herbert Sonnenfftldl ׳*«Ä■-1 ־öSiS Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens. Dies wird die Aufgabe der nächsten Wochen sein. Vielleicht sind die Möglichkeiten um so größer, als man jetzt gesehen hat, daß es so nicht weiter geht. Die Toten Die Anzahl der jüdischen Toten wird bis Mittwoch aut etwa 2 0 geschätzt. Die Zahl der Verwundeten betrug bis Montag über 80. Die Zahl der arabischen Toten wird mit 8 und die der Verwundeten auf 58 angegeben. Außer den bereits in der letzten Ausgabe angegebenen sind folgende Namen von gelöteten Juden bekanntgeworden: Chaim C h a t z k i w i w i t z, Isaak Frankel, Schlomo G a r b i, Nahum Hadad, Chaim K i s c h 1 e r, Schlomo K r e m e r, Selig Lewinsohn, Schlomo Marson, Schlomo Merisand, Uriel und Jacob P r 11 s a k, Isaac Rabln o w i t z, Chaim S c z e g o d a, Jehuda S i m a n t o w, Szelikow, Israel Zeitlin. (S. auch S. 2.) Ferner ist einer der bei dem Ucberfall auf den Autobus bei Tulkerem Verwundeten gestorben. Sein Name lautet Zwl Tanenberg. Unter den Schwerverletzten befindet sich u. a. der schwcdische Vizekonsul Larson. Aufruf der Jewish Agency ln einer Mitteilung der Jewish Agency wird festgesfellf, daß die Zwischenfälle auf Jaffa beschränkt blieben und daß im übrigen Land keine Angriffe auf die jüdische Bevölkerung erfolgt seien. Die Jewish Agency stellt weiter fest, daß von jüdischer Seite nichts getan worden sei, was den Arabern Anlaß zu einer blutigen Auseinandersetzung hätte geben können. Es handele sicli bei den zwei blutigen Angriffen auf die jüdischen Einwohner in Jaffa und Tel-Awiw um Taten, die von arabisehen Agitatoren provoziert worden seien. Die antijüdische Propaganda gewisser arabischer Kreise sei für das viele ver*. gossene Blut verantwortlich. Demonstrationen in Jerusalem Ein kritischer Tag bevorstehend? Jerusalem, 23. April (JTA.) Am Donnerstagvormittag kam es in Jerusalem zti verschiedenen arabischen Demonstrationen. Die Polizci war gezwungen, einzuschreiten. Arabische Schüler versuchten, sich zu einem geschlossenen Demonstratirmszuge zu formieren, wurden aber daran von der Polizei gehindert und zerstreut. Ebenso wurde ein Umzug, der sich von der Moschee in Jerusalem zum jüdischen Viertel bewegen wollte, in der Altstadt von Polizei aufgelöst. Die Araber versuchen, wie bereits gestern 711 erkennen war, die von ihnen ausgegebene Gencralstreikparole mit Gewalt durchzusetzen. In Jerusalem griffen arabische Studenten eine italienische Schule an, weil die Schüler der Streikparolc nicht Folge geleistet hatten. Der Distriktskommissar von Jerusalem, J. E. CampbeW, warnte die Araber vor dem Versuch einer Terrorisierung jüdischer Geschäftsleute und Käufer. Die arabische Presse ist voll von außergewöhn« lieh scharfen Angriffen gegen die Juden. Sie bringt außerordentlich erregte Berichte und Artikel über die gegenwärtigen Vorfälle. Es erhält sich hartnäckig das Gerücht, daß am Frei• tag in Jerusalem große arabische Demonstrationen statt* finden sollen. Die arabische Tageszeitung ״El Liwaa“ berich« tet aus Nablus, daß der arabische Nationalrat, der für die Durchführung der arabischen Politik zuständig ist, beschlossen habe, daß am Freitag große Demonstrationen stattfinden sollen. Wenn sich diese Berichte bewahrheiten sollten, so dürfte der Freitag ein kritischer Tag in Palästina werden. Die arabische Agitation und Propaganda dauert unver« mindert fort. Die hebräische Tageszeitung ״Dawar“ meldet, daß die Araber im Begriff stehen, besondere Delegierte und Kuriere in die umliegenden Länder zu senden. Sie sollen die Aufgabe haben, Berichte darüber zu verbreiten, daß angeblich Juden arabische Dörfer niederbrennen und die Araber töten. ARTHUR ELOESSER vom Ghetto nach Europa EMIL BERNH. COHN ISMAR ELBOGEN Beschichte der Juden in Deutschland Da• groBa IQdlacha Standardwerk Ganzleinen RM 5,90 Da• naua groBa jOdiacha Werk Ganzleinen RM 5.SO Ein Lern- und Latabuch Das Buch fttr }cd•• jQditcha Hau« Naua Aufi. Ganzl. RM 4«60 uchhandlungen dl rakt Varl•■ ERWIN IOIWI lahan durch dla BERLINWSO

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