Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 33 (24.4.1936)
- Date
- 1936-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 24 IV. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seif# 7 Tagung des Großen Rates des Preußenverbandes Der Preußische Landesverband jüdischer 3«raeindcn teilt mit: Am 19. April trat der Ci roße Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zusammen. Der Präsident, Kammergerichtsrat i. R. Leo Wolff, konnte eine stattliche Anzahl von Teilnehmern begrüßen. Außer den ordentlichen Mitgliedern des Rates nahmen die Vertreter der dem Landesverband angeschlossenen außerpreußischen Landesverbände an der Tagung teil; ferner waren zum ersten Male die leitenden Persönlichkeiten der Provinzialverbände zur Tagung des Rates hinzugezogen worden. Kammergerichtsrat Wolff gab einen Gesamtüberblick über die wesentlichen Ereignisse des vergangenen Jahres und über die zu behandelnde Tagesarbeit. Die Dezernenten erstatteten die Einzelberichte über die verschiedenen Arbeiten des Verbandes. Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee sprach insbesondere über das sich immer schwieriger gestaltende Problem des Lastenausgleichs. Rabbiner Dr. Gail in er referierte über die von ihm verwalteten Dezernate. Er kennzeichnete den Ausbau, den die Einrichtung der Bezirksrabbinate erfahren hat. Auch die Zahl der Lehrerbezirke wird weiter vermehrt. Ferner berichtete Dr. Galliner über die Lehrerbildung und die Lehrerfortbildung. An die Berichte der Dezernenten schloß sich die Generaldebatte. Einen breiten Raum nahm die Erörterung über die Zahl der auszubiidenden Lehrer ein; gewissen Befürchtungen gegenüber setzte sich die Auffassung durch, daß eine übermäßige Begrenzung der zuzulassenden Hörer nicht erforderlich sei, weil jüdische Lehrer ans Deutschland auch in Palästina und anderen Ländern Verwendung finden können. Rabbiner Dr. B a e c k, der in seiner Eigenschaft als Ratsmitglied des Preußischen Landesverbandes an der Tagung tcilnahm, gab einen Bericht über die Arbeit der Reichs- Vertretung, insbesondere des jüdischen Schulwerks und der Berufsumschichtung. Einer der wichtigsten Punkte der Tagesordnung war die Beratung des Haushaltsplans und die Festsetzung der Umlage für die Zeit vom 1. April bis zum 31. Dezember 1936. Der vorgelegte Haushaltsplan, der nach kurzer Debatte einstimmig bewilligt wurde, weist in Einnahmen und Ausgaben 707 000 RM. aus. Die Höhe der Umlage für den Landesverband ist gegenüber dem Vorjahr unverändert geblieben; es werden erhoben 1,25״.« vom Reichseinkommensteuersoll bzw. 3 "0 des Reichsvennögcnssteuersolls. Für die Reichsvertretung wird erhoben 1 ״/o des Rcichseinkommensteuersolls, sowie ein Kopfgeld in Höhe von 0,30 RM. Die gesamten sich daraus ergebenden Beträge werden jc-doch mit Rücksicht darauf, daß der neue Haushaltsplan nur neun Monate umfaßt, auch nur in Höhe von drei Vierteln erhoben. Das Referat für den Etat erstattete der stellvertretende Schatzmeister R.-A. Dr. Sulzberger und in der Debatte wurde seitens verschiedener Redner unterstrichen, mit welch großer Sorgfalt und Sparsamkeit die Finanzabteilung des Landesverbandes arbeite. Als weitere Punkte der Tagesordnung wurden einige Formaßen behandelt: die Verlängerung der Legislaturperioden der Verbandskörperschaften um zwei Jahre und die Ermächtigung der Dezernenten, darüber zu entscheiden, ob der Verbanastag während der Geschäftsjahre 1936 und 1937 einberufer! werden soll. Schließlich beschäftigte sich der Rat mit einem Entwurf über die Regelung der Doppel- Besteuerung. Referent zu diesem Punkt war Landgerichtsrat i. R. Dr. L i I i e n t h a 1. ANTWORTEN DER REDAKTION R. F., Mainz. Ihre Mitteilungen haben uns sehr interessiert. Es ist uns bekannt, daß auf den Schiffen des Lloyd Triestino eine besondere Abteilung für koschere Verpflegung eingerichtet ist, und wir freuen uns, daß Sie damit die besten Erfahrungen gemacht haben. Wenn Sie daraut aufmerksam machen, daß die Einrichtung von jüdischen Passagieren zu wenig benutzt wird, so ist dies gewiß eine bedauerliche Tatsache. Niemand wird wünschen, daß durch zu schwache Beteiligung die Durchführung der koscheren Verpflegung in Gefahr gestellt wird. Sie betonen daher mit Recht, daß auch die Passagiere der ersten Klasse in stärkerer Weise an der koscheren Küche teilnehmen sollten, um dadurch zu zeigen, welchen Wert die jüdische Gemeinschaff auf diese Einrichtung legt. BRIEFE AN DIE REDAKTION Die Jerusalemer Altstadt Jerusalem, 14. April 1936 An die Redaktion der ..Jüdischen Rundschau‘5. Gechit« Redaktion! In Nr. 24 bringen Sic eine Nachricht der JTA., nach der ,.die Stadtverwaltung von Jemsa’crn beschlossen hat, die alten jüdischen Stadtviertel im Zen-!rum von Jerusalem und außerhalb der Stadtmauer zu beseitigeti und an ihrer Stelle neue mit modernen technischen Knungcnschaben au^gestattete \ iertel zu errichten“. Leider ist an dieser Mitteilung nicht das geringste zutreffend ־-־־־ außer dem im Zusammenhang hiermit erwähnten Hraji h des liigh CommtS'iancr. Dieser hatte freilich ein viel l>e.>rh( ideneres Ziel im Auge, nämlich einen Druck auf die Stadtverwaltung auszuühen, in höherem Maße als bisher den elementarsten PfIFhtcn gegenüber jenen jüdischen Siad’vicrteln zu genügen, d. h. für ausre:!!ende Reinigung der Straßen, öffrntli he Hcleu׳ iitung. Heseitiguag des Hausmülls 11. dgl. zu sorgen und dadurch venigötrm die allcrärgsten Mißstünde in jenen Klcndsvierteln zu beseitigen. Was darüber hinaiiy-goiiendr Leistungen anbetrifft, wie Befestigung der im Winter in einem unglaublichen Zustand befindli׳ hen Straßen und Gäßrhcn. die für die Sanierung der Viertel unerläßliche Kanalisation usw.. so lehnt, wie bisher, auch jetzt die Stadtverwaltung jede finanziellc Beteiligung ah und überläßt die für diese Zwecke zu bringenden schweren Opfer restlos den meist sehr ärmlichen Hausbesitzern jener Viertel. Geschweige denn, daß sie nur mit einem Gedanken an die Beseitigung jener Slums und ihren Ersatz durch Neubauten denkt. Zu so durchgreifenden Maßnahmen fehlt es der Stadtverwaltung überhaupt an der gesetzlichen Machtbefugnis und an der Hnanzieller! Lei-tungsfähigkeit, vor allem aber an der Einsicht und dem guten Willen, liier wäre rin wehes, fnt hibares I'eld für jüdisi he Selbsthilfe. Wie weit vir freilich von einer solchen entfernt sind, geht aus einer charakteristi-i hen Bemerkung hervor, die si h in eben derselben Nummer im Bericht über die diesjährige ..Soziale Konferenz“ findet. Das Referat von Frau Thon behandelte die Lage der sehr zahlreichen Einwanderer aus den Landern des Orients, Hie «las Uauptkont ingent der Bewohner jener Elendsviertel stellen, und berührte hierbei auch die überaus desolaten Wohmmgsvcrhähnis-e. aber, wie das Referat fortfahrt, ,.die Diskussion herührte diese Fragen kaum mehr“. Schließb h mochte ich zu der an die JTA.-Nachricht geknüpiten redaktionellen Bemerkung, die den ...\bbru h der historisch bedeutsanirn Stadtviertel“ befurchtet, erklären, daß leider solche Viertel in ganz Jerusalem über- Haupt ni«־Ut existieren. Die ältesten jüdischen Wohnviertel innerhalb der Altstadt sind kaum älter als ein Jahrhundert und die der Neustadt entsprechend jünger. Und sie sind rum groß, ten Teil 50 miserabel angelegt und gebaut, daß ihr Versrhwinden keinen Verlust, sondern nur einen Segen bedeuten würde. Hochachtungsvoll Dipl.-Ing. M. Hecker Die Zwfschengeneration Mannheim, d. 20. 4. 36 Sehr geehrte Redaktion? Dr. Gerhardt N e u m a n n (Nr. 30/31 vom 17. April) hat den Angehörigen der Zwischengenerstjon aus dem Herzen gesprachen. Fs ist richtig, daß dieser überaus wertvolle Personenkreia, in dem sich eine beträchtlp'he Summe von Wissen, geläutert durch das Schicksal der letzfen Jahre, vereinigt, da eingesetzt werden sollte, wo er Großes noch zu leisten vermag, und ni׳ hi da, wo er nicht mitkonkurrieren und ni ht bestehen kann. Es muß nicht immer Zwangsläufiges jüdisches Geschick sein, die Dinge theoretisch zu sehen, indessen praktisch $o gut wie ni bis zur Uebcrwindung der S Im ierigkeifrn zu errch hen. lYir müssen endlich aus der Epoche der Diskussionen heraus und handeln. Die Zwis! hengener-Vion will sich organisieren; eine Zentralstelle hätte einen Ueberblh'k über den vorhandenen Personenkrejs — jm einzelnen rndivh’u ihdcrt --- zu gewinnen. Dann mul.be möglich sein, daß Jaden in allen Ländern der Welf für jüdische Organisationen, in• dustrielle und kommerzielle Bfc• triebe, Zeitungen und Verlage, Lehranstalten usw. von dem Vorhandenscin dieser nach Betätigung .sich sehnenden ho־׳hqt1ahfizierm1 Kräfte erfahren. Das in vielen!.ändern bestehende Arbeitsverbot für Ausländer entfällt oftmals, wenn bestimmte Personen ״angefordert“ werden. In diesem Sinne muß von uns selbst zunächst gearbeitet werden. Alle jüdischen Instanzen in Deutschland haben dem ernsten Problem ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Erst wenn von uns aus alles geschah, was geschehen kann, ist zu erwarten, daß vom Ausland her un« auch in dieser Frage das erforderliche Verständnis entgegengebracht wird. } lochachtung.svoll Dr. Ernst Lin* Wo finde ich die Urkunden für meinen Stammbaum? Elbing, den 22. April 1936 Sehr geehrte Redaktion' Dann1rrw.it hto f.tmi’ienges hchflp'he Intcrr^r veranlaßt viele Juden, ,sich wieder um die Herkunft der eigenen Ibiirnlie zu kümmern, fuhrt aber oft na< h unüangrei.-her Korr-p n lenz 7u ne,.:a i'cn E1gebn1-<>en. Zur Vermeidung die-.es Eeerlnufs «eien im folgenden die Sieden mitgeteilt, un weh hen im •digemeinen 1 rkunden errr!• bhar .--ind : 1. Fizu! Fl’ifuhrmg de- Stan cie-am's 1S73 das zu-mndige Anit.-grri-dit. 2. Sei! 1873 d&s Standesamt. 3. llrm:ig das Einwohnermeldeamt. 4. Bisueilen das Stadtar! hiv. 5■ Die hebräischen und drutG-hrn Inschriften der Grabsteine (häufig erleichtert durch die < tmher; 1s׳en der ( hewrah). Man kann er^t dann mit For- 5 hungen beginnen, wenn man uenlgsirnweil'!, an welchem Ort Her beredende \onahr geboren 1-1, geheiratet ha! oder gestorher׳ c-1. Ist einer dieser Orte featge-.tclh. dann wende man m•■!■! an einen am -eiben Orte oder in unmittelbarer Nahe־ wobnenden. mit Akten und mit. hebrauchen <;?;•d.-temm und In- Schriften vertrauen II!•! rn, der dje gewünschten I rkunden wohl be*! hsbeii duruc. Sehr shw:eng M!rl du■- in dem einet von Juden .־■•f־ hr bevölkerten, polnisch gewordenen Gebiet Polens und We-tpreußens sein, weil in den meist kleinen < ütschaften nur noch wenige luder! leben. Rabbiner Dr. Neufeld —MAGISTER KIRSCH—. Bei* gute Llk&i* Magister-Likörlalsrlk, München VII Die Erforschung der Judenfrage. Die ״Westfälische Landeszeitung“ (Dortmund) schreibt bei Besprechung der vom Präsidenten des Reiehsinstituts für Geschichte angekündigten Gründung einer Forschungsabteilung ״Judenfrage“ des genannten Instituts u. a.: ״Die Geschichte der Juden in Deutschland und in Europa in ihrer vollen Tragweite erkannt zu haben, ist das besondere Verdienst der nationalsozialistisehen Bewegung. Wie ungemein wichtig aber die in ihrem vernichtenden Einfluß auf die Volkwerdung der Deutschen und aut die Unterminierung und Zerstörung europäischer Staatsgebilde fußende Tätigkeit des Judentums ist, wird aus dem Material erkennbar sein, das zu dem schon vorliegenden hinzugebracht werden wird, und dessen endgültige Bearbeitung und die daraus gewonnene Erkenntnis unser Volk und alle europäischen Völker für alle Zeiten vor den Juden warnen und schützen soll.“ Wir Juden werden uns angesichts dieser Darlegung erinnern müssen, wie sehr von unserer Seite eine objektive und gründliche Erforschung und Darstellung der Judenfrage vernachlässigt worden ist. Es wäre eine wichtige Aufgabe, ein jüdisches Institut zu schaffen, das ohne apologetische Absichten das Material für unser Geschichtsbild bearbeitet. Persönliches. Herr Rechtsanwalt Benno Cohn, der Vorsitzende der Berliner Zionistischen Vereinigung und Mitgeschäftsführer der Zionistischen Vereinigung fiir Deutschfand, hat eine rnehrwöchentliche Informationsreise nach Palästina angetreten. Dr. Kanowitz in Paris. In einer guthesuchten Versammlung in Paris sprach Dr. Kanowitz über Prosperity und Krisis in Palästina. Meinhart Maur ln London. Auf Einladung der Londoner Tarbuth Association sprach Meinhart M a u r irn Rahmen einer Tschernichowski-Feier in hebräischer Sprache einen Extrakt aus der Bibel und Dichtungen von Tschcrnichowski. Es gelang ihm, durch seine meisterhafte Vortragskunst, durch seinen dynamischen Schwung und ganz besonders durch seine klangvolle, klare Aussprache das Londoner Publikum zu erobern und zu begeisterten Beifallskundgebungen hinzureißen. In der Zionistischen Ortsgruppe Luxemburg gibt Oberkantor B o r i n (Straßburg) ein Konzert mit dem Synagogen- Chor von Metz am 26. April, 15 Uhr, in der Synagoge. Aus dem Ungarischen übertragen von Ludwig Bato ä. Fortsetaun« ttachdrucV verbot«. Aber das Gewissen ließ ihn nicht ruhen, und er nahm aus freiem Willen zur Buße entsetzliche Leiden auf sich. Abends legte man ihm sechzig Polsterdecken unter und morgens schöpfte man unter ihm sechzig Wannen Blut und Liter. Am Morgen bereitete ihm seine Frau sechzig verschiedene Speisen; diese aß er und genas. Abend« pflegte er zu den Schmerzen zu sagen: ״Brüder und Freunde, kommt heran!“ Morgens aber pflegte er zu ihnen zu sagen: ״Geht fort, wegen der Störung des Thorastudiums!“ Eines Tages hörte dies seine Frau, da sprach sie zu ihm: ״Du selber bringst sie über dich und hast bereits das Vermögen meines väterlichen Hauses durchgebracht.“ Und sie ging zu ihren Eltern. Da geschah es, daß sich Seefahrer, die in Seenot den Namen des Rabbi Eleasar in ihr Gehet eingeschlossen und sich aus dem furchtbaren Sturm des Ozeans errettet hatten, «us Dank dem kranken Meister sechzig Sklaven sandten, die sechzig Geldbeutel trugen. Eines Tages schickte seine Frau die Tochter zu ihm, um sich zu erkundigen, was er mache. ״Geh und sage deiner Mutter“ — ließ ihr Rabbi Eleasar mitteilen — ״mein Vater ist reicher als ihrer.“ Als er im Sterben lag, sprach er zu seiner Frau, die mittlerweile zurückgekehrt war: ״Ich weiß, daß die Meister mir zürnen und sich mit mir nicht nach Gebühr befassen werden. Lasse mich in meirem Söller liegen und fürchte dich nicht vor mir.“ Rabbi Samuel bar Nachmeni sagte: Mir erzählte die Mutter Rabbi Jonathans, die Frau des Rabbi Eleasar ben Simon habe ihr folgendes erzählt: ״Nicht weniger als achtzehn und nicht mehr als zweiundzwanzig Jahre ließ ich ihn in meinem Söller liegen. Wenn ich zu ihm hinaufging, untersuchte ich sein Haar, denn wenn ich eines herauszog, kam Blut hervor. Eines Tages sah ich einen Wurm aus seinem Ohr hervorkommen, und ich wurde beunruhigt. Darauf erschien er mir im Traume und sprach zu mir: ,Es ist nichts. Ich hatte eines Tages die Beschimpfung eines Gelehrten mit angehört und sie nicht gebührend zurückgewiesen.‘ Wenn zwei zu Gericht kamen, gingen sic zu Rabbi Eleasar hinauf und standen an der Tür. Der eine trug sein Anliegen vor und der andere trug sein Anliegen vor. Darauf ging eine Stimme aus dem Söller aus und sprach: ,Dieser hat recht und jener unrecht!‘ Eines Tages zankte die Frau des Rabbi Eleasar mit einer Nachbarin, und diese sprach zu ihr: ,Möge es dir so ergehen, wie deinem Manne, der nicht zu Grabe gekommen ist.‘ Da legten sich die Meister dazwischen, damit Rabbi Eleasar seinen irdischen Weg beenden könne. Manche erzählen, Rabbi Simon ben Jochaj, der Vater des Rabbi Eleasar, erschien ihnen im Traume und sprach zu ihnen: ,Eine Taube habe ich unter euch, und ihp wollt sie mir nicht bringen!‘ Darauf gingen die Meister hin, um sich mit dem Leichnam zu befassen. Die Bewohner von Achbarja ließen es aber nicht zu, denn während der ganzen Zeit, während welcher Rabbi Eleasar bar Simon auf seinem Söller schlummerte, kam kein wildes Tier in ihre Stadt. Eines Tages, am Vorabend des Jom Kippur, waren sie sehr beschäftigt, da teilten die Meister es den Einwohnern von Biri mit und diese legten ihn auf eine Bahre und brachten ihn zur Gruft seines Vaters, die aber von einer Schlange umschlungen war. Da sprachen sie zu ihr: ,Schlange, öffne deinen Mund, damit der Sohn zu seinem Vater hineinkomme.‘ Da öffnet« eie ihn und Rabbi Eleasar wurde zu Grabe getragen.“ Diese Legende lasen wir mit heiligem Erbeben. Zwischendurch gab es Einzelheiten, die wir nicht vers'anden. So wie wir nicht verstanden, wie es sein könne, daß, nachdem Rabbi Eleasar unter so vielen erschütternden Wundertaten begraben worden war, plötzlich unmittelbar hierauf zu lesen war: ״Hierauf sandte Rabbi Jehuda, damit man mit der Witwe spreche.“ Und Raschi erklärt auch gleich, daß das ״Sprechen“ soviel bedeute, ״daß man um sie für ihn werbe“. Allerdings ließ ihm die Witwe erwidern: ״Wie sollte ein Gefäß, aas zu Heiligem benutzt worden ist, für Profanes benutzt werden? ‘ Ja, sie fügte d-r Botschaft noch ein Sprichwort bei: ״An der Stelle, wo der Hausherr «eine Waffen aufhängt, hängt der gemeine Wirt seinen Wasserkrug aut“ Und doch berührte uns diese Pietätsverletzung so sonderbar, wobei wir ganz vergaßen, daß die Frau ihren toten Mann zwanzig Jahre im Söller verborgen hielt. Rabbi .Jehuda setzte aber die Belagerung fort und ließ ihr sagen: ״Zugegeben, daß er in der Thora bedeutender war als ich, aber war er etwa auch an guten Werken bedeutender als ich־“ Da ließ sie ihm erwidern: ״In der Thora war er also bedetttender als du, was ich allerdings nicht, weiß, von den guten Werken aber'weiß ich cs, denn er nahm Züchtigungen auf sich!“ Die Witwe des Rabbi F.lcnsar war also stolz auf etwas, dessentwegen sie ihren Mann verlassen hatte. Von all dem verstanden wir aber herzlich wenig. In unserer kindlichen Phantasie dämmerte bloß die Ahnung auf, welch riesige, geheimnisvolle und unverständliche Rolle die Frau im Iasben des Mannes spielt. Denn wovon auch im Talmud die Rede sei, wir kehren immer auf sie zurück. Wir haiton beim Abschnitt ״Das Gold“, die Rede ist von bedingungsweisen Vereinbarungen, und schon sind wir dabei angelangt: ״wenn jemand sich mit einem Weibe unter der Bedingung verlobt“ ... Oder: ״Stets sei man vorsichtig mit der Kränkung seiner Frau, denn da Tränen bei ihr häufig sind, ist auch die .Ahndung ihrer Kränkung nahe.“ Von Pfandnahme ist die Rede, und da lesen wir plötzlich die Ansicht des Rabbi Simon, daß ״wenn es die einzige Frau sei, dürfe der Mann sie nicht heiraten, so er sein Herz dem richtigen Wege abtrünnig macht“. Der Frauenhasser Rav versteigt sich zu der bösen Behauptung: ״Wer dem Rat« seiner Frau folgt, stürzt in» Fegefeuer, denn es heißt: es hat nicht wieder einen gleich Achab gegeben (den seine Frau zum Götzendienst verleitete).“ Da wirft ein anderer, milderer Meister ein: ״Die Leute sagen ja aber: ist deine Frau klein, so bücke dich und frage sie um Rat.“ Ehret eure Frauen, auf daß ihr reich werdet, denn der Segen waltet im Hause eines Menschen nur wegen seiner Frau. Von dem Mahl ist die Rode, das Abraham den Engeln aufgctischt hatte, und hernach lesen wir: ״König Salomo hatte tausend lraucn, und jede bereitete ihm ein solches Mahl in ihrer Wohnung, denn jede von ihnen glaubte, er werde heule bei ihr speisen. Im Abschnitt ״Der Bodenpacht“ hören wir plötzlich ohne jeden Uebergang: ״Die Leute von Alexandrien trauten sich Frauen an und als sie unter den Trauhimmel treten sollten, kamen andere Leute und nahmen sie ihnen weg.“ Später wollten die Weisen ihre Kinder a's unehelich erklären, da fand der duldsame alte Hillel eine Entschuldigung für sic: Dies »ei de*■ ״Brauch“ in Alexandrien! (Fortsetzung folgt)