Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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Seite 2 KINDER-RUNDSCHAU Nr. 6 In allen Fenstern auf dem Markte leuchten Festtagslichter, nur sein Haus steht allein wie ein Trauernder unter Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden da. Er aber läßt den Mut nicht sinken. ״Wenn Gott will, werde ich doch noch ein Peßachfest haben!״ Er tritt in die Stube und ruft mit fröhlicher Stimme: ״Gut Jontew!״ Und er sagt es noch einmal: ״Gut Jontew, Riwke-Bejle!״ Und Riwke-Bejles tränen erstickte Stimme antwortet ihm aus einer finsteren Ecke: ״Gut Jontew, gut Jahr!“ Und ihre Augen leuchten wie zwei brennende Kohlen. Er geht auf sie zu und sagt: ״Riwke- Bejle“, sagt er, ״heute ist Feiertag zum Andenken an den Auszug aus Aegypten. Verstehst du es? Man darf nicht trauern. Und welchen Grund hast du auch dazu? Wenn der Schöpfer der Welt nicht will, daß wir einen eigenen Sseder haben, so müssen wir eben mit einem fremden fürlieb nehmen. Jedermann wird uns einlassen.... Tür und Tor stehen uns überall offen. Heute sagen die Juden: ,Kol dichfin jejsse wejejcheß, das heißt: ,Wer da hungrig ist, komme und essei* Komm, nimm deinen Schal und laß uns zu irgendeinem Nachbarn gehen... .״ Und Riwke-Bejle gehorcht wie immer ihrem Mann. Sie hält mit äußerster Kraft die Tränen, die sie würgen, zurück, :SsSSfcii i^Sggl זזדח/ו,/,/׳' V/vm! '1 m\|VM Er tritt in die Stube und ruft mit fröhlicher Stimme .,Gut Jontew” ■ •I I >־ ■ ■1 ־.';"־MM, •*.־' i ' •, אומי: 1: M;11;• .1״1■ '111,!1 ׳■׳ 1׳•, UM, *':״•;'! 1 F •«*•י-« ■ Ml Mim mm* Von der Decke fällt ein schneeweißes Tischtuch auf den Tisch herab dem Tisch erscheint eine Ssederschüssel mit allen vorgeschriebenen Dingen, dann erscheinen rote Weinbecher und eine Flasche Wein, auch Mazzes und alles, was man zu einem koscheren und fröhlichen Sseder braucht, sogar Hagodes mit Goldschnitt. ״Und Wasser zum Händewaschen habt ihr?“ fragt der Schwarzkünstler. ״Ich kann auch Wasser herbeischaffen!״ Jetzt erst kommen die beiden zu sich und sehen einander an. Und Riwke-Bejle flüstert ihrem Mann Chajim-Jejne zu: ״Darf man es annehmen?0 Und Chajim-Jejne weiß nicht, was zu antworten. Rät sie ihm: ״Mann, geh zum Row und frage ihn!״ Antwortet er, daß er sie nicht mit dem Schwarzkünstler allein lassen dürfe; sie möchte doch lieber selbst zum Row gehen. Erwidert sie, daß der Row ihr, einer einfaltigen Frau, nicht glauben würde, er werde meinen, daß sie verrückt geworden sei. Nun gehen sie beide zum Row und lassen den Schwarzkünstler mit dem Sseder allein. nimmt ihren zerrissenen Schal um und will schon gehen, als plötzlich die Tür geöffnet wird. Jemand tritt ein und ruft: ״Gut Jontew!״ Sie antworten: ״Gut Jahr!״ und sehen gar nicht, wer eingetreten ist. Sagt der Fremde: ״Ich will euer Gast beim Sseder sein!״ Antwortet Chajim-Jejne: ״Wir haben selbst keinen Sseder.״ Erwidert jener, daß er selbst einen Sseder mitgebracht habe. ״Einen Sseder im Finstern abhalten?״ sagt Riwke-Bejle, die ihre Tränen nicht mehr zurückhalten kann. ״Gott bewahre!״ sagt der Gast. ״Es wird schon Licht sein.“ Und er winkt mit der Hand, und mitten in der Stube, in der Luft erscheinen zwei Paar silberne Leuchter mit brennenden Stearinkerzen! Nun ist es hell. Chajim-Jejne und Riwke-Bejle erkennen im Fremden den Schwarzkünstler. Sie starren ihn an und können vor Erstaunen und Schreck kein Wort hervorbringen. Sie fassen einander an den Händen und stehen mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern da. Der Schwarzkünstler wendet sich an den Tisch, der ganz verschämt in einem Winkel steht, und sagt ihm: ״Na, Bursche, deck dich und komm her!״ Und wie er das sagt, fällt von der Decke ein schneeweißes Tischtuch auf den Tisch herab, und der Tisch rührt sich von seinem Ort, kommt mitten in die Stube und bleibt unter den Leuchtern stehen. Die silbernen Leuchter senken sich und stellen sich auf den Tisch. ״Und jetzt״, sagt der Schwarzkünstler, ״fehlen noch die Ssederbetten. Es sollen Sseder betten sein!״ Sofort setzen sich drei Stühle in drei Eckert der Stube in Bewegung und stellen sich an drei Seiten des Tisches auf. Sagt ihnen der Schwarzkünstler, daß sie breiter werden sollen, und sie werden sofort breiter und ver« wandeln sich in drei Großvaterstühle. Nun ruft er: ״Weicher!״ Sofort sind sie mit rotem Samt überzogen, und im selben Nu fallen von der Decke schneeweiße Kissen herab: auf Befehl des Schwarzkünstlers legen sie sich auf die Großvaterstühle, und die Ssederbetten stehen fertig da. Er befiehlt, und auf Der Row entschied: Wenn etwas durch unsaubere Künste geschaffen ist, so ist es unwirklich, denn jede Zauberei ist nur ein Blendwerk für die Augen. Sie sollen nach Hause gehen. Und wenn die Mazze sich brechen, der Wein sich einschenken uftd die Kissen auf den Ssederbetten sich antasten lassen, so ist alles gut: es kommt vom Himm,el und sie dürfen es genießen. Diesen Bescheid gab ihnen der Row, und sie gingen mit Herzklopfen nach Hause. Wie sie in die Stube kamen, war der Schwarzkünstler schon fort, aber der Sseder stand wie früher da. Die Kissen ließen sich betasten, der Wein ließ sich einschenken und die Mazze brechen.... Nun verstanden sie, daß der Fremde niemand anders als der Prophet Elias gewesen war, und sie hatten ein fröhliches Fest! Der Schwarzkünstler war schon fort, aber der Sseder stand wie früher da ,׳;־!׳ 1M vm Jf7;' א! bm. ,:K f. wem MUt •I■־', f:■