Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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•־e r-, , r ~ * I v w .י/ / ־׳v /׳ KINDER-RUNDSmU ///^ \ a. ^7t\ 4. Jahrgang / Nr. 6 Jüdischen Rune Beilage der Berlin, den 3.1V. 1936 «1־^— TT{-» H Der Schwarzkünstler Von J. L. Perez* In ein wolhynisches Städtchen kam einmal ein Schwarzkünstle r. , Obwohl es in der Peßachzeit war, wo der Jude mehr Sorgen als Haare auf dem Kopfe hat, machte seine Ankunft doch großes Aufsehen. Ein rätselhafter Mensch! Seine Kleider sind zerrissen, aber auf dem Kopfe hat er einen wenn auch eingedrückten Zylinderhut; ein jüdisches Gesicht, aber sein Bart ist wegrasiert. Er hat keinen Paß, und niemand sah ihn essen, weder koschere noch trejfene Speisen. Wie soll man sich da auskennen? Man fragt ihn: Woher? Sagt er: Aus Paris. Wohin? Nach London. Wie kommt er her? Sagt er: Ich habe mich verirrt. Ist offenbar zu Fuß gegangen. Und er zeigt sich in keiner der Betstuben, selbst am Großen Schabbat (dem Schabbat vor Peßach) nicht. Und wenn die Leute sich um ihn drängten, verschwand er plötzlich, wie von der Erde verschlungen und tauchte am andern Ende des Marktes wieder auf. Er mietete sich einen Saal und begann, seine Kunststücke zu zeigen. Das waren Kunststücke! Vor aller Augen verschluckte er glühende Kohlen, als ob es Suppennudeln wären. Und aus dem Munde zog er Bänder heraus; rote, grüne und in jeder Farbe, die man nur haben wollte. Und lang waren die Bänder wie der Golus. Aus einem Stiefelschaft holte er sechzehn Paar Truthähne heraus, lebendige Truthähne, so groß wie Bären, Und sie flatterten über die Szene. Dann hob er einen Fuß in die Höhe und kratzte von den Schuhsohlen goldene Dukaten ab, eine ganze Schüssel voll goldener Dukaten! Die Leute klatschten Bravo. Er pfiff, und eine Menge gebackener Challes flog wie ein Schwarm Vögel durch die Luft und führte unter der Decke einen Hochzeitstanz auf. Ein zweiter Pfiff; alles ist im Nu verschwunden, als wäre es nie ge* wesen. Verschwunden sind die Challes, die Bänder, die Truthähne. Nichts ist zurückgeblieben! Mein Gott, man weiß ja, daß auch die Gegenpartei fd. h. die bösen Mächte) manches leisten kann. Die Schriftgelenrten *von Aegypten haben wohl noch größere Kunststücke gezeigt. Aber eine Frage drängte sich allen auf: Warum ist er so bettelarm? Der Mensch kratzt sich Dukaten von den Stiefelsohlen ab und kann sein Gasthofzimmer nicht bezahlen. Mit einem Pfiff backt er mehr Challes als der größte Bäcker, zieht Truthähne aus dem Stiefelschaft und hat dabei ein so mageres Gesicht, jede Leiche sieht besser aus! Und in seinen Augen brennt der Hunger wie Feuer. Die Leute witzeln: Das ist die fünfte Frage für den Sseder! Doch ehe der Ssederabend angebrochen ist, wollen wir den Schwarzkünstler verlassen und uns zu Chajim-Jejne und zu seinem Weib Riwke-Bejle begeben. Chajim-Jejne war einst ein reicher Holzhändler gewesen; einmal steckte er sein ganzes Vermögen in einen Wald; man verbot ihm aber, den Wald abzuholzen, und er büßte sein ganzes Geld ein. Dann wurde er Holzaufschrdber in einem fremden Walde, verlor aber bald die Stellung. Nun sitzt er seit längerer Zeit ganz ohne Geld da. Den Winter hat er mit Mühe und Not überstanden, — auf alle Kinder Zions sei es gesagt! Aber nach dem Winter kommt Peßach. Er hat schon seine ganze *) Aus J. L. Perez ״Die Zeit״. Uebersetzt von Alexander Eliasberg. Verlag Benjamin Harz, Berlin-Wien. Habe, vom Hängeleuchter bis zum letzten Kissen versetzt. Sagt Riwke-Bejle: ״Geh zum Gemeindevorstand und bitte um Unterstützung zur Anschaffung von Mazzes.“ Sagt Chajim- Jejne, daß er auf Gott vertraut und sich keine Sorgen machen will. Riwke sucht noch einmal in allen Winkeln nach und findet — es ist wirklich ein Wunder Gottes! — einen alten silbernen Löffel, den sie einst vor vielen Jahren verloren hat. Nimmt Chajim-Jeine den silbernen Löffel, verkauft ihn und spendet das Geld der Gemeinde zur Anschaffung von Mazzes für arme Leute. Die Armen gehen vor, sagt er. Die Zeit steht aber nicht still, nun sind nur einige Wochen bis Peßach. Aber Chajim-Jejne vertraut noch immer auf Gott: Gott, sagt er, läßt niemanden im Stich! Riwke-Bejle schweigt dazu. Ein Weib muß dem Manne gehorchen. Es vergeht aber ein Tag nach dem andern, Riwke-Bejle schläft seit mehreren Nächten nicht und weint leise, damit es Chajim- Jejne nicht hören soll. Nachts erleichterte sie sich das Herz durch Tränen; aber am Tage mußte sie sich in die Wangen i'A V V>v Er mietete sich einen Saal und begann, seine Kunststücke, zu zeigen kneifen, damit sie röter aussehen. Die Nachbarinnen schauen sie voller Mitleid an, und diese mitleidigen Blicke stechen sie wie mit Nadeln.... Manche fragen: ״Wann backt ihr Mazzes?״ ״Seid ihr schon mit der Roterübensuppe fertig?“ Andere sagen: ״Was ist los mit euch, Riwke-Bejle? Wenn euch etwas fehlt, wollen wir euch gerne borgen....״ Chajim-Jejne will aber keine Gabe von einem Geschöpf aus Fleisch und Blut annehmen, und Riwke-Bejle kann gegen seinen Willen nichts tun. Darum erfindet sie eine Ausrede nach der andern, und das Gesicht brennt ihr wie Feuer..., Die Nachbarn sehen, daß da etwas nicht in Ordnung ist. Sie laufen zum Row: Es ist doch unerhört! Der Row, nebbich, hört sie an, seufzt, denkt eine Weile nach und erklärt dann schließlich, daß Chajim-Jejne ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann sei; wenn er so starkes Gottvertrauen habe, könne man dagegen nichts machen.... Riwke-Bejle hat nicht einmal Benschlichte.... Und schon bricht der erste Peßachabend an! Chajim-Jejne geht aus dem Bejss-Hamidrosch heim. חמלתנו« עניאדיאבלו y י• / ■ן. $ fr