Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 27-28 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 27/28 / Jahrgang 41 UH Preis 23 Rpi. RUNDSCHAD lA1UUalbm1>V«l•( a. Anxelgenverwaltnngi B.rHnWl5,Malnsk.ltr. 10 Yanrafi Samnl-Nuimw J1 (Blam.rck) 9031. — Bmigiprel» *in»chl. j« Monat KM 2.-. ia Viarteljaht RM 5.75, bai Abholung RM 1,88 biw. RJM 5J9. — Postscheck * Konten der Vertrieb» Abteilung: Berlin 715 73 (für CroS - Berlin), Berlin!73 92 (lür da» Übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch anl Nachlielerung oder Erstattung etwa schon gerahlter Beaugsgebühren. — Er.ch.lnt jeden Dienstag and Freitag. BERLIN י״א ניסו תרצ״ו FREITAG, 3. APRIL 1936 Gültigt AntelgenprsisltiU Nr• 4. Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf, fiif Familiennachrichten 15 Bpi. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten lagen oder Stellen und in bestimmte Aungaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit•• anxeigen nur bei Vorauszahlung aui Postscheck Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9—■16 Uhr. Annahmeschiu& für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Aus• gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familierianzeigen am lag vor Erscheinen 12 Uhr] Der Zionismus erstrebt I0r das JDdlsehe Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Auferstehung der Herzen Zum Peßachfest 5696 Auch in dem größten Elend und in der größten Not bedeutet für die Menschen das Erwachen des Frühlings alljährlich einen Schimmer neuer Hoffnung, das Sichregen eines neuen Lebensgefühls. Nach einem gcheirnnisvoll«■ kosmischen Gesetz sind Natur und Seele verbunden. Auch der Aermste, festgebannt im Winter in dunkeln, frostigen Gewölben, darf das göttliche Geschenk des Lichtes und der Wärme, der grünenden und blühenden Erde mit vollem Herzen begrüßen. Das ist die Zeit des Peßachfestes. Wir Juden waren jahrhundertclang von der Natur abgeschlossen, ganzen Generationell von Juden erschienen die Vorgänge der Natur nur als Symbol, ln unserer Zeit aber hat sich eine Wandlung vollzogen. Wir achten und ehren die Lebensweise und Tradition unserer Väter und die köstlichen geistigen Güter, deren Erhaltung wir ihnen zu danken haben, aber zugleich haben wir zur Wirklichkeit von Erde und Natur zurückgefunden. Hebräische Dichter unserer Generation haben ergreifend diesen Wandel des jüdischen Fühlens dargestellt: das jüdische Kind lebt nicht mehr bloß in Büchern, es sieht auch das Grünen der Bäume und hört den jubelnden Gesang der Vögel, junge jüdische Menschen bebauen in harter Arbeit den Boden und fügen sich dein Rhythmus der Jahreszeiten ein. Wir haben wieder einen Frühling; wer einmal die berauschende Schönheit der Peßach-Tage in Palästina miterlebt hat, weiß das. Alle Völker und Nationen feiern dankbar die Auferstehung der Natur und der Menschenseele in diesen Tagen. Aber nur das jüdische Volk hat gleichzeitig auch den Geburtstag seiner nationalen Existenz. Untrennbar ist hier im Volksbewußtsein das nationale und das kosmische Geschehen zu einer Einheit geworden — das Eine wechselseitig gesteigert durch das Andere. Keine natürliche Erneuerung ist für ein Volk möglich ohne die große geistige Erneuerung, die nach der Tradition der jüdischen Geschichte unmittelbar an den Auszug aus Aegypten anschließt und um deretwillen wir das Peßach-Fest begehen im Namen der größten Idee, die ein Volk besitzen kann, im Namen der Idee der Freiheit. ״Er hat uns herausgeführt aus Knechtschaft zu Freiheit“ — das ist das immer wiederkehrende Losungswort des Peßach-Festes. Diese Freiheit aber, so wissen wir, war nicht bloß die Befreiung von den Fesseln einer unerträglich gewordenen Knechtung, sondern zugleich die Formung eines geistigen und sittlichen Ideals, dem das Sein des Volkes zu dienen hat. Es ist eine der feinsten psychologischen Einsichten der an Psychologie so reichen Peßach-üeschichte, daß die Mehrheit der aus Aegypten Ziehenden für ein neues Leben nicht reif war. Das galt nicht nur damals, das gilt immer. Wir alle wissen aus unendlicher Erfahrung, wie schwer es ist, sich aus Gewohnheiten und aus alten Existenzformen zu lösen. Selbst wenn die äußeren Bedingungen ganz andere geworden sind, selbst wenn von uns unabhängige Geschehnisse uns hart mitgenommen und auf einen ganz anderen Platz gestellt haben, leben viele von uns seelisch noch in den alten Kategorien. Es ist ihnen schwer, das Neue und damit auch ihre eigene neue Aufgabe zu begreifen. Wir sagen: es ist ihnen schwer; der biblische Bericht sagt: es ist unmöglich. Es muß ein Intervall eingeschaltet werden: vierzig Jahre Wüsten- Wanderung. Unsere jüdische Geschichte beginnt mit einer Wanderung. Später wurden wir ein großes Reich, und dann kam wieder Wanderung. Wandern, aber nicht ״Nomadentum“ ist unser Schicksal. Wandern beruht auf äußerem Zwang, auf Getriebensein, — Nomadentum ist Ungebundenheit aus freier Wahl. Das jüdische Volk fühlte sich nie nomadenhaft, denn das Land, das ihm bei seiner ersten Wanderung, dem Auszug aus Aegypten, verheißen wurde — jenes Land, in das schon Abraham gesandt worden war — blieb mit der Seele des Volkes eng verblinden. Die Verknüpfung mit einem geistigen Urgrund, der zugleich geographisch und symbolisch an einem bestimmten Punkt der Welt beheimatet ist, das war das Geheimnis der Lebenskraft unseres Volkes. In den letzten hundert Jahren glaubten viele, die Zeit des Wanderns sei wenigstens für einen Teil unseres Volkes zu Ende. Es ist anders gekommen. Wir brauchen darüber heute nicht mehr viel Worte zu machen. Seit drei Jahren feiern wir Juden in Deutschland Peliach mit anderen Gefühlen als vorher, denn der 1. April 1933 zeigte uns mit einer ungeahnten und unsere Seele bis ins Innerste aufrührenden Deutlichkeit, daß auch für uns die Zeit des Wanderns nicht zu Ende ist und daß hundert Jahre einer scheinbar gesicherten Position plötzlieh sich als Illusion enthüllten. Seit diesem 1. April, der ein nichtwegzuwischender Wendepunkt in der äußeren und inneren Geschichte der Juden in Deutschland geworden ist, fühlen wir wieder jene U 11 s i c 11 e r h e i t, die durch Jahrhunderte das Merkmal jüdischen Schicksals war, als ganz aktuelles Erlebnis. Dies erhöht die Intensität unseres Fühlens für den Sinn der jüdischen Feste und macht das Peßach-Fest auch für uns wieder zu einem rechten Volksfest. Denn in weiten Kreisen der Juden Westeuropas war es das nicht mehr gewesen. Dort, wo Juden noch ganz im jüdischen Bewußtsein leben, also vor allem in den Zentren des Ostens, ist Peßach einer der tiefgehendsten Einschnitte des Jahres. Das manifestiert sich schon rein äußerlich. Wenn man in den Wochen vor Peßach durch die Städte mit jüdischer Massenbevölkerung, durch die kleinen Städtchen und Dörfer des Ostens fährt, so sieht man überall Juden (vor allem die Frauen) emsig mit Fest- Vorbereitungen beschäftigt. Alle Häuser werden von Grund auf gesäubert, überall hängen Betten, Decken, Geräte aller Art im Freien, ja bei den primitiven Hütten der armen Leute werden Bettgestelle und Möbel ins Freie gebracht; alles Gesäuerte wird frühzeitig schon weggeschafft und ganze Dörfer sind beschäftigt mit dem Backen der Mazzoth, kurz, die Vorbereitungen für Peßach ergreifen buchstäblich das ganze Volk, sie ziehen sich wochenlang hin als der erkennbare Abschluß des Winters und Beginn einer neuen Epoche des Jahres. Und wenn nach all diesen Vorarbeiten die Familie sich zum Sedertisch setzt, dann zieht eine große heitere Feierlichkeit in die Seelen ein — derengleichen der nicht kennen kann, der sich von all dein stolz ״emanzipiert“ hat. Die Juden Deutschlands werden, schon wegen ihrer andersgearteten äußeren Lebensbedingungen, wohl nicht mehr zu jenen rührenden und anheimelnden Bräuchen zurückfinden. Aber dafür ist für sie, die in den drei Jahren einen so gewaltigen Weg vollzogen haben, der moralische und historische Sinn dieses Festes um so greifbarer. ♦ Auszug aus Aegypten! In den letzten drei Jahren war der Begriff der Auswanderung niemals so lebendig wie jetzt. Stehen wir doch in einem Moment, wo versucht wird, einen Gesamtplan für eine systematische Auswanderung der Juden aus Deutschland aufzustelleu. Gewiß ist dieser Auszug nicht zu vergleichen mit dem Auszug aus Aegypten; es wird sich an iiin keine Legende und keine religiöse Feier anschließcn. Die Juden Deutschlands sind nur ein kleiner Teil des Volkes. Daß aber nach fast viertausend Jahren unter ganz anderen äußeren Verhältnissen der Hauptstrom der Wanderung sich wieder in jenes Land wendet, das damals dem jüdisehen Volke verheißen worden ist, ist ein Phänomen ohnegleichen in der Geschichte aller Völker. Vor vierzig Jahren (1896) ist Herzls ״Judenstaat“ erschienen. Die Jahre unserer Wüstenwanderung könnten also schon um sein. Dennoch haben wir unter uns noch das. Geschlecht der Wüste und sogar den ״Ercw Raw“, die ״gemischte Gesellschaft“ der Mitziehenden. Die Siebung wird wohl noch kommen. Wir haben noch kein klares Ziel, unsere Wanderung ist nicht einmal ein einheitlieber Strom, kann es nicht sein. Sie geht nicht nur nach Erez Israel, viele müssen auch in andere Länder ziehen. Viele gehen ins Ungewisse. Wenn wir am Peßach-Fest die Erinnerung an eine große Auswanderung feiern, so mag das vielen Ermutigung und Tröstung sein. Nicht FRÜHLING IN PALÄSTINA »*!"5*י* An der Bahnstrecke im Emek Uajarden. Foto; Pfti-Frt■•. Tei%Aw1w