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Jüdische Rundschau · 1936-03-31 · Heft 26 (31.3.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 26 (31.3.1936)
Date
1936-03-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seit« 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 26. 31. III. 1936 Eine neue Peßach-Haggada David Lubin Eine Ehrung in Rom Von unserem Berichterslatter Kr. Rom, 21. März Am Sitz des Internationalen Landwirtschafts- Instituts in Rom fand dieser Tage eine eindrucksvolle Zeremonie zu Ehren des Gründers des Instituts, des ameri- Iranischen Juden David Lubin, statt. Oie Stadt Rom hat in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die weitwirtschaftliche Kooperation in der Landwirtschaft und die Gründung dieses internationalen Instituts, das im Jahre 1905 geschaffen wurde und dem heute 73 Staaten angehören, einer Allee in den Parkanlagen der Villa Borghese seinen Namen gegeben. Die Einweihung dieser ״V i a I e David Lubin“, über die die römischen Zeitungen ausführlich berichteten, ging rnit großem Zeremoniell vor sich. Zu ihr waren u, a. der amerikanische Botschafter und der Unterstaatssekretär im Außenministerium S u v i c h, der Vize- Gouverneur von Rom, sämtliche Vertreter des permanenten Komitees beim Landwirtschaftsinstitut und andere hervorragende Persönlichkeiten crschienen. Man hatte offensichtlich alles getan, um dieser Zeremonie einen besonders feierlichen Charakter zu verleihen. Der Feier wohnte auch die TochterLubins und die Frau des ersten Gouverneur von Rom, Bottai, bei, der gegenwärtig auf dem abessinisehen Kriegsschauplatz weilt. In seiner Vertretung hielt der Vize-Gouverneur von Rom M a r c h i s Dentice d’Accadia die Gedenkrede. Er teierte Lubin als einen wallren ״Apostel der nienschliehen Solidarität“. Aus kleinsten Verhältnissen emporsteigend, habe er Großes und Bleibendes auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet geleistet. Seine Figur sei noch viel zu wenig bekannt. Nach dem Vize-Gouverneur sprach der jetzige Präsident des Instituts und frühere Landwirtschaftsministcr Baron Acerbo. Auch er gab ein fesselndes Bild der Persönlichkeit Lubins und unterstrich vor allem die seit jeher bestehende aktive Zusammenarbeit zwischen dem Internationalen Landwirtschafts-Institut und den Vereinigten Staaten von Amerika. Anschließend wurde eine Marmortafel enthüllt, mit der gleichzeitig der Einweihungsakt der neuen Viale David Lubin vollzogen wurde. Ein Empfang in den Räumen des Internationalen Landwirtschafts-Instituts beschloß die ebenso würdige wie eindrucksvolle Feier. * David L n b? n war ein self-made-man. Geboren wurde er kl einem kleinen Dorf des westlichen Rußland am 10. Juni Die Ehrengäste hei der Gedenkfeier; inx Vordergrund die Tochter Lubins neben dem amerikanischen Botschafter Foto*; P. ünoratc, Rom 1849 als Sohn armer jüdischer Eltern. Sein Vater starb, als er noch ein ganz, kleines Kind war. Die Mutter heiratete ein zweites Mal und nahm ihn, den damals Sechsjährigen, nach Amerika mit. Hier wuchs er in dem Judenvierte! von New York auf, kam bei einem Goldschmied in die Lehre und ging, von Nahrungssorgen getrieben, schon mit 18 Jahren Seder Haggada sehe! Peßach. Die Peßach-Haggada, herausgegeben und erklärt von E. D. G o 1 d s c h m i d t. Schocken-Verlag, Berlin. Unter den vielen jüdischen Gebetsordnungen, die den Liebhaber zum Erstaunen all derer, welchen der Sinn für diese Literaturgattung abgeht, immer wieder anzichen können, ohne daß eigentlich gesagt werden kann, welches geistige Interesse für die Sichtung und Ordnung des seinem Inhalt nach schnell ausschöpfbaren Gebiets bestellt, nehmen die paar Seiten, die die Liturgie für die häusliche Feier der Peßach-Ab ende cnthal'.en, eine besondere Stellung ein. ln der Zeit der jüdischen Freiheit war das Peßach-Opfer im Gegensatz zu den meisten anderen Pflichtopfern nicht Gegenstand einer Handlung der Gemeinde, vielmehr lag der Nachdruck auf seiner Verzehrung im Familienkreise, und als nach dem Verlust des Tempels die Opfer systematisch durch Gebetsordnungen ersetzt wurden, trat in genauer Entsprechung an die Stelle des Peßach-Opfers nicht ein Gemeindegottesdienst, sondern eine Familienfeier, wie sie sonst wohl aus Anlaß von Familienereignissen, niemals aber an festen Kalendertagen vorgesclirieben wurde. Nachdem wir heute wissen, welche besondere Rolle das Familienleben bei einem Galuthvolk spielen muß, nimmt es nicht wunder, daß dies einzige in der Familie gefeierte Fest vom Volk besonders geachtet und geliebt wurde, und di« Möglichkeit, von der Erinnerung an den Auszug aus dem ״Haus der Sklaven“, mit dem das Peßach-Fest begründet wird, auf die ersehnte endgültige Befreiung Ausblick zu halten, tat ein übriges, um den Sederabend im Volksempfindep zu einem Höhepunkt des Jahres auszugestalfen, mit dem sich an Eindruck nur der Versöhnungstag messen kann. Den schriftlichen Niederschlag, den das rabbinisch erzogene Volk bei keinem seiner zentralen Geistesgüter entbehren wollte, fand der Sederabend in dem kurz ״Hagg a d a“ genannten Schriftchen, einem Volksbuch im wahren Sinne des Wortes. Dieses Buch kannte jeder Jude, auch der, welchen Anlage oder Schicksal nicht zum Schriftgelehrten hatte werden lassen. Es wurde oft abgeschrieben (viele hundert zum Teil mit ebensoviel Liebe wie Kostbarkeit illustrierte Handschriften sind uns aus dem 13. bis lö. Jahrhundert erhalten) und bis 1900 wurde es etwa 1200ma! gedruckt; dazu ist es wieder und wieder neu erläutert worden, w׳obei je nach Denkart und Zeit des Erklärers die eine oder andere Richtung für Auffassung des Textes und Ziel der Erklärung maßgeblich war. Ehe jüdische Literaturgeschichte, deren Gebiet eine große Anzahl von Erläuterungsschriften in sich schließt, hat schon in talmudischer Zeit zwei große Gruppen der Erklärnngsweise zu unterscheiden gewußt, die sie mit den klassisch gewordenen Ausdrücken P'schat und D’rasch belegt. Während man unter P’schat eine Auffassung versteht, die sich bewußt darauf beschränkt, zu finden und zu sagen, was der Verfasser mit dem Text ausdrücken wollte, also im letzten Sinn die wissenschaftliche Auffassung, nennt man D ’ r a s c h jene Art der Textbehandlung, die sich bewußt oder unbewußt gestattet, eigene Gedanken und Empfindungen des Erklärers in den Text hineinzulegen. Der D’rasch, der den Text nicht als Dokument vergangener Zeiten anfaßt, sondern als Ausdruck des lebendig gebliebenen Geistes, der ihn geschaffen hatte, hat oft als echter Erbe des behandelten Textes der Volksseele neue Reichtümer entlockt und geschenkt. Oft genug ist er andererseits zur Willkür, Spielerei und unwahrliaftigen Eitelkeit entartet. Aber auch in seinen besten Erscheinungsformen ist er von allen klaren Denkern der jüdischen Nation niemals mit jener anderen Auslegungsweisc, dein P’schat, identifiziert worden, und niemals haben die führenden Köpfe auf die Goldstiche nach Arizona. Sein weiteres Leben, sein Aufstieg zum Großkaufmann und Organisator des kalifornisehen Obsthandels, zum Kolonisator und Gründer des internationalen Landwirtschafts-Instituts ist ein einziger buntbewegter Roman. Triebfeder seines Handelns war die Hilfe für die Armen und Bedrängten, deren Leben er aus nächster Nähe kennengclernt hatte. Judentum und Altes Testament, religiöses und soziales Bewußtsein verbanden sich in ihm zu einem unlöslichen Ganzen. Der Mutter hatte er schon in jungen Jahren versprochen, sie eines Tages nach Palästina zu führen. Und es war für ihn, den arm Geborenen, eine große Freude und Genugtuung, daß er dieses Versprechen halten und als reicher Kaufmann im Jahre 1886 mit der Mutter eine Reise nach Palästina unternehmen konnte. Auf dieser Reise, die ihn durch viele Länder führte, sah er die Not und das tiefe Elend der Juden und versuchte, dem Ursprung dieses Leidens nachzuspüren. Er prägte damals schon, als es noch keine zionistische Bew׳egung und keine jüdische Heimstätte in Palästina gab, das Wort: ״Die Juden' müssen aufs Land zurück.“ Nach Amerika heimgekehrt, kaufte er sich in Kalifornien Landbesitz, kultivierte Obst und Getreide und wurde dank seines Ideenreichtums und seiner glänzenden kaufmännischen Begabung sehr bald der Organisator des Obsthandels in Kalifornien. 1896 finden wir ihn bereits auf dem internationalen Landwirtschaftskongreß in Budapest. Und hier hatte er zum erstenmal die Idee der Schaffung eines permanenten internationalen Landwirtschafts-Instituts, das Produzenten und verkannt, daß der P’schat unvergleichlich höhere Anforderangen an Denkkraft, Fleiß und Unbestechlichkeit des Erläutcrers stellt, als der vielleicht eben deshalb beliebter« D’rasch. Die nunmehr im Schocken-Verlag erschienene neue Ausgäbe der Haggada gehört insoweit, als sie das Werk des als Herausgeber genannten E. I). Qoldschmidt ist, unzweifelhaft in das Gebiet des P’schat. Sie schildert, indem sic sich mit Recht nicht auf das geschriebene Wort des Haggada-Texfes beschränkt, den Hergang der Feier in all ihren Finzrili״ml.m1gen und gibt alsdann einen geläuterten Text der Haggada, welcher von kritischem Apparat, gemeinverständlicher Herausarbeitung des Wortsinns und zahlreichen für den geschulten Leser bestimmten Anmerkungen begleitet wird, wobei geschichtliche Begründung der Zeremonien und Entstehungsgeschichte des Textes stets zu ihrem Recht kommen. Wir sehen, wie manche der tms bekannten Einzelheiten aus dem Seder auf eine Geschichte von fast 2000 Jahren zurückblicken, zum Beispiel der Midrasch von den vier verschiedenen Kindern-Charaktertypen, der freilich in seiner. Urgestalt wieder hergcstellt und dabei so klar und verständlich wird, daß viele der gezwungenen Erläuterungen, die wär bisher gewohnheitsmäßig hinnehmen mußten, in die verdiente Vergessenheit geraten dürfen; wie andere erst vor ein paar hundert Jahren aufgetaucht sind, und wie etwa der Becher des Elijalm in mißverstandenen Diskussionen der Rabhinen ihre wirkliche Begründung erfährt. Dazu erhalten wir gründliche Erklärungen zu den beiden Pijutim Jannais und Kaliris und, was besondere Anerkennung verdient, im Anhang mehrere liturgische Dichtungen aus den Riten fremder Länder, die teils wegen ihres poetischen Gehalts, teils wegen der Stimmung, die aus ihnen spricht, weitere Verbreitung verdienen. Freilich ist das Buch keine leichte Lektüre. Es eignet sich nicht dazu, während des Seders hastig angesehen zu werden. Vielmehr kann es mit Nutzen nur demjenigen dienen, der bereit ist, sich mit dem oft durchaus fremdartigen und schwer zugänglichen Inhalt ernst und fleißig zu befassen. Der Laie aber, der an den Text und Kommentar herantritt, kann mit ihrer Hilfe auch ohne Vorkenntnisse und trotz der durch den Gegenstand bedingten schwierigen, weil präzisen und konzisen Sprache zutn wirklichen Verständnis gelangen. Darüber hinaus wird der Kenner, der si : in die Anmerkungen vertieft und die angeführten Beleg- und Parallelste!!«! nachschlägt, Uebcrraschungen erleben, die ihn mit Entdeckerfreude erfüllen können, und der Wissenschaftler. der hier zum erstenmal einen liturgischen Text mit den Varianten der gedruckten Riten in übersichtlicher Form erhält, wird vielleicht angeregt werden, anderen unserer Gebetsordnungen zu ähnlichen Ausgaben zu verhellen. Ein Wort noch an den Verlag: Die Buberschc Uebersetzungsweise, die es sich zur Hauptaufgabe macht, Klang und Rhythmus des gesprochenen hebräischen Textes in der Uebcrsetzung widerhallen zu lassen, sei es auch aut Kosten des allgemeinen deutschen Sprachgebrauchs (״SEIN Fluchtigen“ statt ״Gottcsfürchtigen“ S, 80; ״Gemacht von Menschenhänden“ statt ״Machwerk von Merischenhänden“ S. 79) und damit die Herstellung eines genauen Einklangs zwischen den Gedanken des Textverfassers una den Gedanken des Ucbersetzungslesers nicht zum Hauptziel der Ucbcrsetzungsarbeit macht, gehört unter keinen Umständen in die Kategorie des P’schat. Der Versuch,! die Buhersehe Uebersetzungsw׳eise erstmalig auf liturgische1 Texte anzmvenden, verbot sieb daher an diesem Ort durch Lev. XIX, 19; Deut. XXII, 0—II. Arthur Rau. Konsumenten in direkten Kontakt bringen, sowie durch Statistiken der Produktion, des Handels und des Konsums die nötigen Unterlagen für die Agrarpolitik der Regierungen schaffen sollte. Er dachte dabei auch an periodische Untersuchungen über die Lebensbedingungen clcr landwirtschaftliehen Arbeiter in der Welt und vergleichende Studien über Preise, Löhne und Frachten. Eine für die damalige Zeit bahnbrechende Idee, der ein praktisches und soziales Motiv zugrunde lag. David Lubin opferte der Verwirklichung dieser Idee, die sein Lebensvverk krönen sollte, Zeit, Geld und Gesundheit Er versuchte, die Regierungen in London und Paris dafür zu gewinnen. Am 4. Oktober 1904 kam er nach Rom, besuchte den damaligen Finanzminister Luigi Luzzatti und bat ihn, ihm eine Audienz beim König zu verschaffen. Diese Audienz fand am 20. Oktober in San Rossore statt. Der König Viktor Emanuel war von den weitschauenden Plänen und dem Feuer seiner Beredsamkeit entzückt. Er sagte ihm seine Unterstützung zu und schon im Juni des kommenden Jahres 1905 konnte die erste Konferenz, zur Gründung des Internationalen Landwirtschafts-Instituts nach Rom einberufen werden. Es gelang Lubin sofort, 42 Staaten zur Mitarbeit zu gewinnen. Heute ist das Internationale Landwirtschafts-Institut, das über Büros für Statistik, für soziale und agrarwissenschaftliche Studien und über eine Bibliothek von ca. 220 000 Bänden verfügt, eines der ersten una angesehendsten Institute der Erde. Seine Publikationen haben nicht nur hohen wissenschaftlichen Rang, sondern auch eine außerordentliche praktische Bedeutung. Der Visegoaverneur von Rom bei seiner Gedenkrede 'tiSgegMri N1aaai(h — von RM 0.30 ■n Mazzotaichon;. au« v, RM 2.7s m Sedargeetella v. .. 8. «״ Taleeslm, Fest ge bäte Weine KSppchen, Kittel JOdltche Buchhandlung M. G o n 2 * r Berlin, Oranienburger Str. 98 L■ u. Gr.n. (ticr.tr. 13. D 2 Weidend. 3094 w כשר על פסח WeiloCjIn« u. Au»lKmU«chf! Splrfiuoftcn zu billigsten Preisen. Uni• Aufs. d. Kaschr.-Kom. d. Jud. Gemeinde. MDaifill Berlin N 54, Örenadientr. 36 liGlbll* Telefon: Weidendamm 8911 Selterwasser n. 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