Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-03-27 · Heft 25 (27.3.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 25 (27.3.1936)
Date
1936-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653948--28508-2689994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 25 / Jahrgang 41 JÜDISCHE Preis 25 RpL RUNDSCHAU SdhrUtlettang,Verlag n, AnzelgenverwaHim»* BfcrUnW15,Me!nekeatr.lO Farnraf t Samroel - Nummer J 1 (Bismarck) 9031• — Bezugspreis einschU Bestellgeld je Monn! RM 2»־־. je Vierteljahr RM 5,75, Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebe •־Abteilung: Berlin 71573 (für Groß * Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), ln Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch •uf NachlieteruriR oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. - Erscheint jeden Dienntag and Freitag. BERLIN ד, ניסן תרצ״ו FREITAG, 27.MAERZ 1936 QttlRgt AnzetgenpreUllste Nr. 4• Oie 12 gespaltene mm-Tletle 20Rpf, füt Familiennachrichten 15 Rpf. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten lagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit^־ enzeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71818 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 —16 Uhr. AnnahmeschluR für die Dienstag . Ausgabe Montag Iö Uhr, iür die Freitag - Ausgäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am lag vor Erscheinen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Legislative Council vor dem Unterhaus Einmütige Ablehnung durch die Parteien ־־־ Die Stellungnahme der Regierung Bekenntnis zur Balfour-Deklaration — Die Judennot in der Welt und Palästina Wir berichten heute über eine große Debatte im englischen Unterhaus, die sich mit dem Problctn der Schaffung eines Legislative Council in Palästina beschäftigte. Diese Aussprache hatte keinerlei beschließende Funktion, verliert dadurch aber nicht an Bedeutung. Nachdem bereits vor einigen Wochen das Oberhaus in einer bemerkenswerten Diskussion zu diesem Problem Stellung genommen hatte, kann die Fest- Stellung getroffen werden, daß diese Aussprache sich im Gegensatz zu manchen früheren Gelegenheiten durch eines auszeichnete: Die Redner aller Parteien und der Regierung gingen davon aus, daß die Palästinafrage nicht von der Judenfrage als ganzer getrennt werden kann, und daß die Entwicklung der jüdischen Arbeit in Palästina eine Funktion der Situation der Juden in der Welt ist. So kam es bei dieser Debatte zu einer umfassenden Aufrollung der Juden frage, und zwar sowohl in den Reden von Colonel Wedgwood und Winston Churchill wie auch besonders in der Antwortrede des Kolonialministers Thomas. Wenn bei früheren Gelegenheiten im englischen Parlament oft genug Stimmen laut wurden, die die Palästinapolitik der Regierung wegen Maßnahmen, die für die jüdische Arbeit günstig waren, kritisierten, so waren sich diesmal alle Parteien und Redner in der Ablehnung des Council -Planes der Regierung einig, weil sie befürchteten, daß dadurch die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims entscheidend geschädigt werden könnte. Dieser Umschwung in deröffentlichenMeinungEnglands, der auch in einem Kommentar der ״Times“ zur Unterhausdebatte zum Ausdruck kommt, scheint uns weniger in einer theoretischcn Wandlung in der Bewertung Palästinas begründet, als darin, daß man in England die Judenfrage in ihrer ganzen Schwere zu erkennen beginnt. Schon in der Oberhausdebatte war davon die Rede, daß ein zweitausendjähriges Unrecht am jüdischen Volke wieder gut gemacht werden solle; jetzt sprach man iin Unterhaus nicht mehr von diesem historischen Unrecht, sondern von der gegenwärtigen unsagbaren Not des jüdischen Volkes in vielen Ländern seiner Massensiedlung und von der einzigen Hoffnung, die Palästina für dieses Volk darstellt. Besonders eindrucksvoll drückte dies Minister Thomas aus, der hinzufügte, er wolle sich i!1 die Lage der Juden ver* setzen, die in ihrer schweren Situation zu dem Legislative. Council-Projekt Stellung nehmen. Daß das jüdische Volk in der Epoche seiner Not nervös und ungeduldig ist ־— wer wollte mit ihm darüber rechten! Dennoch gilt es, in jedem Augenblick die Nerven zu bewahren und die Faktoren, die auf das Geschick des Volkes einwirken, sachlich zu heurteilen. Fest steht — und wir brauchen an der Aufrichtigkeit dieser Versicherung nicht zu zweifeln —, daß es der englischen Regierung fern liegt, an der Balfour-Deklaration als der Grundlage des Palästina-Mandats zu rütfein. Minister Thomas antwortete auf einen Zwischenruf, den Colonel W e d g w o o d in der Debatte machte, daß das Mandat ״nicht einmal der Gegenstand der Diskussion sein kann“. Weiterhin ist bedeutsam, daß der Minister unter Bezugnahme auf den Regicrungsübcrschuß von sechs Millionen Pfund mitteilte, daß Entwicklungspläne aller Art in diesem Augenblick erwogen werden. Wir nehmen an, daß dieser Erklärung sehr bald nähere Erläuterungen folgen werden, deren Inhalt geeignet ist, die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas um ein entscheidendes Stück vorwärts zu treiben. Die maßgebenden Männer der englischen Regierung und der gegenwärtige High Commissioner Sir Arthur Wauchope wissen, worum es in Palästina geht. Sie haben verstanden, daß bei der Entwicklung des Jüdischen Nationalhcims nicht irgendeine Liebhaberei verwirklicht wird, sondern daß es gilt, für ein Volk die Heimat zu schaffen, das durch die Welt irrt und dem der Boden unter den Füßen weicht. Diese Aufgabe erfordert Geduld und Umsicht. Sie erfordert aber auch Tatkraft und Wohlwollen, und wir glauben, daß es der Sinn des Mandates ist, diese beiden Eigenschaften zu entwickeln und dem jüdischen Volke bei seiner Rückkehr in das Land der Väter zur Seite zu stehen. Es ist wohl zu verstellen, wenn die englische Regierung sich bemüht, zu einmal gegebenen Versprechungen zu stellen und der Bevölkerung Palästinas das an Selbstverwaltungsrechten zu geben, was ihr zusteht. Dennoch muß eines gesagt sein: Ist es nicht ein tragischer Irrtum, wenn man in dieser Zeit auf eine Entspannung der Situation in Palästina mit Hilfe derartiger Einrichtungen hofft? Gewiß hat die Regierung in ihrem Council-Projekt ein Paragraphenwerk geschaffen, das geeignet sein mag, die Grund- Prinzipien des Mandates und der Balfour-Deklaration zu schützen, aber wer wüßte nicht aus der Geschichte, daß die realen Kräfte im Völkerlebcn auc 11 übcr Paragraphen 11 i n wc g ge 11 e 11, und daß die Dyn antik, die in einer Institution liegt, wenn sie erst einmal geschaffen ist, das kunstvollste Gewebe von Paragraphen zerreißen kann? Die Haltung der englischen Politik in dieser Frage ist nicht zuletzt durch den Einfluß bestimmt, der von der G e s a in t e 111 w i c k 1 u 11 g im Vorderen Orient ausgeht. Der Zug zur .Selbstregierung der dort lebenden Völker ist unverkennbar, und sie bedienen sich jener Ideen, die nicht zuletzt aus England in die Länder des Ostens gebracht worden sind, um ihren eigenen nationalen Interessen zu dienen. Der Wille dieser Völker und besonders ihrer jungen Generation, die extremen fdeaten huldigt, geht aber ganz gewiß nicht dahin, mit ihren europäischen Schutzmächten auf die Dauer zusammenzulcben, sondern sie erstreben viel weitergehende Ziele. Wenn arabische Kreise in Palästina — was noch nicht sicher ist — dem Projekt des Legislative Council zustimmen werden, so betrachten sie diese Haltung sicher nicht als eine Anerkennung des Mandates, sondern als einen Schritt, der zur Bc k ä m p f u n g des Mandates im gegenwärtigen Augenblick nützlich ist. Selbst wenn es unter den Arabern Gruppen geben sollte, die eine loyale Auffassung von der Zusammenarbeit mit der Regierung haben, so darf man nicht übersehen, daß sic in ihrem eigenen Lager unter dein Druck des radikalen Flügels stehen und es nicht wagen können, eine derartige Kooperation ehrlich durdizuführen. All diese Argumente sind — daran zweifeln wir nicht — der Regierung in L.ondon und Jerusalem wohlbekannt. Wenn sie dennoch auf der Durchführung ihres Projektes beharrt, obwohl der einmütige Widerstand der Juden ihm entgegensteht, und obwohl die Meinung der politisch maßgebenden Kreise in England selbst in entschiedener Weise dagegen ausgesprochen worden ist, so glauben wir, daß sie sich dabei von Gedankengängen leiten läßt, die gewiß ehrenvoll sind und auch in der Rede von Minister Thomas zum Ausdruck kamen, die aber in der politischen Sphäre zu keiner Erleichterung der Situation führen können. Die Instanzen des Jischuw und der Jewish Agency haben in aller Klarheit ihre Meinung zum Ausdruck gebracht. Wir werden abzuwarten haben, ob und wie im einzelnen das Projekt des Council tatsächlich durchgeführt wird. Dennoch wäre es verfehlt, wenn von unse- Der Verlauf London, 24. Mär?. (JTA.) Eine eingehende Aussprache über die Pläne der Regierung, in Palästina in nächster Zeit einen Legislative Council zu errichten, fand am 24. März, im Unterhaus statt. Ihr besonderes Gepräge erhielt diese Debatte, an der führende Männer aller Parteien, wie der frühere Kolonienmin ster Amery, der Führer der Liberalen Sir Archibald Sinclair, Winston Churchill und Colonel Wedgwood teilnahmen, durch die Aufroliung der Lage des jüdischen Volkes in der Diaspora. Die Aussprache, die bereits am Tage zuvor vom Minister- Präsidenten Stanley Bald w i n in Beantwortung einer Anfrage des Oppositionsführers Major C. R. Attlee angekündigt worden war, fand im Anschluß an den Antrag auf zweite Lesung der Consolidated Fund Bill statt und wurde von dem Arbeitcrpartciier Colonel Josiah Wedgwood eingeleitet. Der Vorschlag der Regierung, erklärte Wedgwood, in dem Mandatsgebiet Palästina auf Grund einer königlichen Verordnung (Order in Council) eine Verfassung zu verrer Seite aus diese Frage zu dem einzigen Gesichtspmikt unserer Beziehungen zur Regierung und zum arabischen Volke gemacht wurde. Was die Regierung anbelangt, so ergibt sich aus zahlreichen natürlichen (minden die Notwendigkeit einer weiteren Kooperation trotz der Differenz in diesem Punkte. Aber es scheint uns, daß gerade jetzt auch die Frage unserer B e z i e!1 u 11 g e 11 z 11 m a r a b i s c 11 e n V o 1 k e erneut zur Diskussion gestellt werden muß. Die Situation in Palästina ist gespannt.!11 ihr politischen Spliaie hat das Projekt des Legislative Council nein 11 Zündstoff angehäuft. Zwischen den Massen der Völker selbst herrscht eine gereizte Freim'lieit, und breite Schichten der arabischen Bevölkerung sind geneigt, den radikalen I)rahtziehern Hilfe zu leisten, die das Land mit den Mitteln des Terrors in Unruhe halten. Wir glauben, daß die Dinge so nicht ungehemmt weiterlaufen dürfen! Gerade in einem Moment, in dem die Fragen nicht ganz leicht entwirrbar scheinen, sollte unsere Initiative wach werden und den Versuch unternehmen, Beziehungen zum arabischen Volke in Palästina und zur arabischen Welt überhaupt zu schaffen. Dies ist nicht nur im politischen Bezirk wichtig, sondern ebenso bedeutsam für die Volkserziehung 1m Lande, für das Schulwesen und für viele andere Gebiete des täglichen Lebens. Nichts wäre so verfehlt und so tief zu bedauern, als wenn die Einigkeit in der Ablehnung, die auf jüdischer Seite dem Legislative Council-Projekt gegenüber besteht, in eine Einigkeit der Fremdheit dem arabischen Volke gegenüber Umschlagen würde! Im Gegenteil: Benutzen wir diese Einigkeit in unseren eigenen Reihen, um einen neuen Versuch der A n h a h n 1! n g m 0 n s c h 1 i c 11 e r Beziehungen zu machen, die für uns notig־ sind, weil wir mit dem arabischen Volke zusammen im I amle leben müssen. Hier ergibt sich eine große Aufgabe für die Füllrung nicht nur unserer Palästina-Politik, sondern auch für die Leitung der menschlichen Angelegenheiten in unserem Lager. Wir meinen, daß diese Zeit der Erregung auch der Boden dafür sein müßte, um dir׳ M a 11 c r zu durchbrechen, die zwischen den Völkern Palästinas bisher zu bestehen scheint. * Die Debatte im Unterhaus wird, obwohl sie ihrem Sinne nach nicht zu Beschlüssen führen konnte, doch — wie wir hoffen — die weiteren Maßnahmen der Regierung beeinflussen. Sie wird aber auch und das könnte ihre stärkste Wirkung sein -- ii her die Grenzen Engl a n d s 11 i n a u s g e 11 ö r t werden; denn wir braueben für unser Werk die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen der Nationen der Weit. Wenn in jenem Hause durch den Mund englischer Minister und Abgeordneter die Judenfrage, die Judeimot mit ihrem ganzen Schmerze eine Stimme gefunden hat, so werden die Völker auf sie hören. Sie sollten dem über Länder und Meere wandernden Volke der Juden, soweit sie etwas dazu tun können, die Möglichkeit geben, wieder Ruhe, Frieden und Arbeit zu finden. K. L. der Debatte künden, werde von Mitgliedern aller Parteien des Hauses als eine Angelegenheit von großer Bedeutung für die Zukunft des Reiches empfunden. Colonel Wedgwood wies auf die bedrohte Lage der Juden in Polen, Oesterreich, den baltischen Staaten, Rumänien und Griechenland hin. Man treibe die Juden aus Polen aus. Früher oder später habe für den Juden die Möglichkeit, ehrlich seinen Unterhalt zu verdienen, ein Ende. Er muß gehen. Gewiß, auch früher sei dies Juden und anderen Menschen widerfahren. In gleicher Weise seien die Puritaner aus England verjagt worden. Aller bis heute habe man immer sich irgendwohin wenden können. Jetzt gibt es nirgends in der Welt Platz für diese Unglücklichen. Kein Land ist frei für sie, und wo sie bisher lebten, dart nicht länger ihre Heimat sein. Viele in diesem Hause hätten alles getan, um die Armenier und die Assyrer aus ähnlicher Lage zu retten. Er glaube, daß dies mißlungen sei; aber es wenigstens versucht zu haben, gereiche zur Ehre. Einwanderer, fuhr Colonel Wedgwood fort, seien auch von einem wirtschaftlichen Standpunkt nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.